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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XXIII 1937 Heft 1"

XXIII. Band 



1937 



Heft 1 



Internationale Aeitschrirt 
für Psychoanalyse 



Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Her&ussegeben von 



Stern* Freud 



Unter Mitwirkung von 



Felix Boehm 

Berlin 


G. Böse 

Kalkutta 


M. Eitingon 

Jerusalem 


J. E. G. van Emden 

Haag 


Thomas M. French 

Chicago 


Lewis B. Hill 

Baltimore 


S. Hollös 

Budapest 


Ernest Jones 

London 


J. W. Kannabich 

Moskau 


Bertram D. Lewin 

New York 


Kiyoyasu Marui 
Sendai 


F. P. Muller 

Leiden 


M. W. Peck 

Boston 


Edouard Pichon 

Paris 


Philipp Sarasin 

Basel 


Harald Schjelderup 
Oslo 


Alfhild lamm 

Stockholm 


Edoardo Weiss 

Rom 


Y. K. Yabe 

Tokio 



redigiert von 
Edward Bibring Heinz Hartmann 



Wien 



Wien 



Sigm. Freud I Lou AndreassSalome I 

* 

SYMPOSION ÜBER DIE THEORIE DER THERAPEUTISCHEN RESULTATE 

Edmund Bergler Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 

Edward Bibring Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 

Otto Fenichel Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 

Edward Glover • • • • Die Grundlagen der therapeutischen Resultate 

Rene Laforgue Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung 

Hermann Nunberg Beiträge zur Theorie der Therapie 

James Strachey • ■ Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 

* 

Franz Alexander Das Problem der psychoanalytischen Technik 

Th. M. French Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlauf einer psycho* 

analytischen Behandlung 
M. N. Searl Zur Problematik der technischen Prinzipien 

Referate 



1) Die in der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" veröffentlichten Bei* 
träge werden mit Mark 25. — per sechzehnseitigen Druckbogen honoriert. 

2) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfange über zwei 
Druckseiten erhalten nach Wahl zwei Freiexemplare des betreffenden Heftes. 

3) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen; die Autoren solcher Beiträge 
erhalten kein Honorar. 

4) Die Manuskripte sollen gut leserlich sein, möglichst in Schreibmaschinenschrift 
(einseitig und nicht eng geschrieben). Es ist erwünscht, daß die Autoren eine Kopie ihres 
Manuskriptes behalten. Zeichnungen und Tabellen sollen auf das unbedingt notwendige 
Maß beschränkt sein. Die Zeichnungen sollen tadellos ausgeführt sein, damit die Vorlage 
selbst reproduziert werden kann. 

5) Mehrkosten, die durch Autorkorrekturen, das heißt durch Textänderungen, Ein* 
Schaltungen, Streichungen, Umstellungen während der Druckkorrektur verursacht werden, 
werden vom Autorenhonorar in Abzug gebracht. 

6) Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten des Autors ange* 
fertigt. Die Kosten (einschließlich Porto der Zusendung der Separata) betragen für Beiträge 

bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15.— , für 50 Exemplare Mark 20.— 

von 9 „ 16 „ „ 25 „ „ 20.—, „ 50 „ „ 25.— 

„ 17 „ 24 „ „ 25 „ „ 30.-, „ 50 „ „ 40.- 

„ 25 „ 32 „ „ 25 „ „ 35.-, „ 50 „ „ 45.— 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag an* 
gefertigt. 



Wir machen hiemit unsere Autoren auf folgendes aufmerksam: 
Nach den gesetzlichen Bestimmungen kann bis zum Ablauf von zwei dem Erschei* 
nungsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren über Verlagsrechte (Wiederabdruck und 
Übersetzungen) nur mit Genehmigung des Verlages verfügt werden. Auf Grund eines ge* 
nerellen Übereinkommens, das wir mit dem „International Journal of Psycho »Analysis"ge 
troffen haben, steht es jedoch jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung des 
Verlages der letztgenannten Zeitschrift das Recht der Übersetzung und des Wiederab* 
drucks einzuräumen. 

Die Genehmigung einer Wiederveröffentlichung oder Übersetzung in einem anderen 
Organ muß, um Berücksichtigung finden zu können, zugleich mit Übersendung des Manu* 
skriptes verlangt werden. 

Die Redaktion. 



Redaktionelle Mitteilungen und Sendungen bitten wir zu richten an Dr. Edward 
Bibring und Dr. Heinz Hartmann, p. A. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, 
IX., Berggasse 7. 

Bestellungen und geschäftliche Zuschriften aller Art an 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien IX, Berggasse 7. 




INTERNATIONAUE 
ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYSE 

XXIII. BAND 
1937 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Internationale Aeitscnritt 
für Psychoanalyse 

Offizielles Organ der 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



Herausgegeben v,on 

Jigm. Freud 

Unter Mitwirkung von 
G. Böse M. Eitingon J. E. G. van Emden Thomas M. French 

Kalkutta Jerusalem Haag Chicago 

Lewis B. Hill S. Hollös Ernest Jones J.W. Kannabich Bertram D. Lewin 

Baltimore Budapest London Moskau New York 



Felix Boehm 

Berlin 



Kiyoyasu Marui 

Sendai 

Harald Schjelderup 

Oslo 



F. P. Muller 

Leiden 



M. W. Peck Edouard Pichon Philipp Sarasin 

Boston Paris Basel 



Alfhild Tamm 

Stockholm 



Edoardo Weiss 

Rom 



Y. K. Yabe 

Tokio 



redigiert von 



Edward Bibring 

Wien 



Heinz Hartmann 

Wien 



XXIII. Band 
1937 



Internationaler Psycnoanafytiscner Verl 
Wien 



a S 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



DRUCK: JAKOB WEISS, WIEN II. GROSSE SPERLGASSE 40 



L 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgesehen von bigm. Freud 



XXIII. BanJ / 1937 Heft 1 

I Lou Andreas *Salom6[ 

Am 5. Februar dieses Jahres starb eines sanften Todes in ihrem Häuschen 
in Göttingen Frau Lou Andre as*Salome, nahezu 76 Jahre alt. Die 
letzten 25 Lebensjahre dieser außerordentlichen Frau gehörten der Psycho* 
analyse an, zu der sie wertvolle wissenschaftliche Arbeiten beitrug und die 
sie auch praktisch ausübte. Ich sage nicht zu viel, wenn ich bekenne, daß 
wir es alle als eine Ehre empfanden, als sie in die Reihen unserer Mitarbeiter 
und Mitkämpfer eintrat, und gleichzeitig als eine neue Gewähr für den Wahr* 
heitsgehalt der analytischen Lehren. 

Man wußte von ihr, daß sie als junges Mädchen eine intensive Freund* 
schaft mit Friedrich Nietzsche unterhalten hatte, gegründet auf ihr tiefes 
Verständnis für die kühnen Ideen des Philosophen. Dies Verhältnis fand 
ein plötzliches Ende, als sie den Heiratsantrag ablehnte, den er ihr gemacht 
hatte. Aus späteren Jahrzehnten wurde bekannt, daß sie dem großen, im 
Leben ziemlich hilflosen Dichter Rainer Maria Rilke zugleich Muse und 
sorgsame Mutter gewesen war. Aber sonst blieb ihre Persönlichkeit im Dun* 
kel. Sie war von ungewöhnlicher Bescheidenheit und Diskretion. Von ihren 
eigenen poetischen und literarischen Produktionen sprach sie nie. Sie wußte 
offenbar, wo die wirklichen Lebenswerte zu suchen sind. Wer ihr näher kam, 
bekam den stärksten Eindruck von der Echtheit und der Harmonie ihres 
Wesens und konnte zu seinem Erstaunen feststellen, daß ihr alle weiblichen, 
vielleicht die meisten menschlichen Schwächen fremd oder im Lauf des 
Lebens von ihr überwunden worden waren. 

In Wien hatte sich dereinst das ergreifendste Stück ihrer weiblichen Schick* 
sale abgespielt. 1912 kam sie nach Wien zurück, um sich in die Psychoanalyse 
einführen zu lassen. Meine Tochter, die mit ihr vertraut war, hat sie bedauern 
gehört, daß sie die Psychoanalyse nicht in ihrer Jugend kennen gelernt hatte. 
Freilich gab es damals noch keine. 

Sigm. Freud 



SYMPOSION ÜBER DIE THEORIE 
DER THERAPEUTISCHEN RESULTATE 

(abgehalten auf dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß in Marienbad, 2. bis 8. August 1936) 

« 

Zur Theorie der 
therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 

Von 

Edmund Bergler 

Wien 

M. D. u. H.1 Die Empirie des analytischen Alltags lehrt, daß unser theore* 
iisches Verständnis unseren therapeutischen Erfolgen vielfach nachhinkt. 
Gegen diese Behauptung spricht keineswegs die Tatsache, daß auch der um* 
gekehrte Vorgang häufig vorkommt und unser gegenwärtiges therapeutisches 
Können mit unserem theoretischen Verständnis keineswegs Schritt halt. Diese 
Diskrepanz zwischen theoretischem Verständnis des therapeutischen Erfolges 
und dem Erfolg selbst wirkt sich nicht bloß bei vorübergehenden Besserungen 
im Befinden der Patienten während der Kur aus; vor allem in den Endstadien 
erfolgreich verlaufender Analysen ergibt sich oft eine sonderbare Situation: 
es gibt Fälle, bei denen wir nicht angeben können, wodurch sie gebessert, 
resp. geheilt wurden, obwohl wir die Änderungen in der Richtung der 
Gesundheit nicht bestreiten können. Diese ein wenig lächerliche Rolle, m 
die der Analytiker gedrängt wird, hat wahrscheinlich auch infolge der damit 
verbundenen narzißtischen Kränkung dazu geführt, daß gerade diese Frage 
von verschiedenen Autoren — es liegen zurzeit nicht weniger als elf Public 
kationen vor — eingehend diskutiert wurde, da es nicht jedermanns Sache 
ist, nach einem ihm unverständlichen, selbst herbeigeführten Erfolg bloß in 
Seibstbewunderung zu verharren und diese an Stelle von Verstehen zu setzen. 

Ausnahmslos alle wesentlichen Elemente der analytischen Theorie der 
Therapie stammen von Freud. Sie gruppieren sich um die Begriffe : Bewußt* 
machung unbewußter Vorgänge des Es und ÜberJchs durch Deutung, bei 
gleichzeitigem ununterbrochenem Bearbeiten der unbewußten Ich* 
Widerstände, seiner Abwehrvorgänge und Abwehrmechanismen. Dazu 
kommt bekanntlich im Freudschen Schema der Theorie der Therapie das 
affektive Wiedererleben der infantilen Situation in der Übertragung und das 
Durcharbeiten. Freud mißt den Ich*Widerständen besondere Bedeutung 
bei, was schon daraus hervorgeht, daß unter den fünf in „Hemmung, 
Symptom und Angst" genannten Widerstandsformen, drei dem Ich ange* 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 7 

hören (Verdrängungswiderstand, Übertragungswiderstand, Widerstand gegen 
Aufgeben des Krankheitsgewinns). Auf die chronische „Doppelrichtung des 
Interesses" des Analyrikers für Vorgänge in Es u n d Ich hat A n n a F r e u d 
in ihrem kürzlich erschienenen Buche nachdrücklichst aufmerksam gemacht 
und die Formel geprägt, daß erst diese „Doppelrichtung des Interesses" das 
Phänomen Psychoanalyse konstituiert. 

Innerhalb des von Freud gegebenen Rahmens ist weitere Detailbeob* 
achtung möglich. Ich stimme Nunberg zu, wenn er in seinem Aufsatz 
„Probleme der Therapie" als Ziel der Therapie angibt: „Die Energien des 
Es werden mobiler, das Übersieh toleranter, das Ich angstfreier und seine 
synthetische Funktion hergestellt". Die Frage ist, wie diese Veränderungen 
vor sich gehen, vor allem, auf welche Weise das Ich gestärkt wird. Denn als 
letztes Ziel schwebt uns ja vor: „Wo Es war, soll Ich werden". Mein Beitrag 
zum Symposium will fünf Detailbeobachtungen hervorheben, die 
sich alle um das Problem gruppieren: wie wird das Ich angstfreier. Denn die 
Veränderung des Ichs scheint mir nach wie vor das kardi* 
nale Problem der Therapie zu sein. Meine Beiträge beabsichtigen 
keineswegs, die bisher vorliegenden Erklärungsversuche zu negieren, sie 
wollen sie lediglich ergänzen. 

I. Zerstörung des magischen Denkens durch Nichteintreffen der Be= 
fürchtung des Patienten, die jeweiligen durch die Analyse aufgedeckten 
unbewußten Wünsche könnten ihn polymorph=pervers machen. Wir wissen, 
daß die Neurotiker völlig im magischen Denken befangen sind. Einzelheiten 
vorzubringen, erachte ich beim derzeitigen Stand des analytischen Wissens 
für überflüssig. Vor allem kennen wir die Bedeutung des Phänomens der 
Allmacht der Gedanken in der Analyse. Ich glaube, daß eine der 
vielen Ursachen, die dazu führen, daß manche Analysen nicht erfolgreich 
zu Ende geführt werden können, darin liegt, daß wir diese Patienten nicht 
dazu bewegen können, den in der Allmacht der Gedanken verborgenen Lust* 
mechanismus der Befriedigung des infantilen Größenwahns aufzugeben. 1 

Es ist ein r e g e 1 m ä ß i g e s Vorkommnis in der Analyse, daß ein — etwa 
durch eine Deutung des Arztes — ins Bewußtsein gebrachter unbewußter 
Wunsch des Patienten beim Patienten die Befürchtung hochkommen läßt, 
er werde nun diese Wünsche ausübend in der Realität betätigen. Es ist z. B. 
geradezu unmöglich, einem Patienten von passiv*f emininem Typus seine unbe* 
wußten homosexuellen Wünsche zu deuten, ohne daß er es mit der Angst 
zu tun bekäme, er könnte homosexuell werden. Nun geschieht in Wirklich* 
keit nichts dergleichen und dies ist das stärkste Argument gegen die im 
unbewußten Ich* Anteil festgehaltene Gleichsetzung: Gedanke = Tat. Daß 

') S ^ ehe me ine Aufsätze: „The Psycho*Analysis of the Uncanny", Int. Journal of PsA., 
rj vv 1934; ..Bemerkungen über eine Zwangsneurose in ultimis", Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XXII, 1936; „Zur Psychologie des Hasardspielers", Imago, Bd. XXII, 1936. 



also der unbewußt Homosexuelle nicht ausübend homosexuell, der unbe* 
wüßt mit Mordgedanken kämpfende kein Mörder, die Dame mit unbe* 
wußten Prostitutionsphantasien keine Dirne wird, daß letzten Endes Un* 
brauchbares verworfen, Mögliches in die normale Sexualität eingebaut werden 
kann, kurz daß dort, „wo Es war, Ich wird" - all dies ist die bündigste 
Widerlegung des magischen fehlerhaften Kreislaufs, Wunsch und Tat seien 
eins. Anders formuliert: trotz heftigstem Unglauben der Patienten zeigt di e< 
Realität des analytischen Alltags die relative Gefahrlosigkeit unbewußter 
Wünsche, wenn sie bloß der Herrschaft des vielbesprochenen „Geheim* 
bündnisses von Es und Übersieh" (Alexander) entzogen werden. Dieser 
Unglaube des ängstlichen Patienten, der in gewissen Widerstandssituationen 
tatsächlich meint, die Analyse werde ihn polymorph*pervers machen, ist 
nicht durch Beruhigungen, bloß durch die Erfahrung korrigierbar. Diese 
Erfahrung vermittelt ihm die analytische Kur. Diese Erfahrung bewirkt zu* 
gleich eine mächtige Stärkung des Ichs, ist unwiderlegbar und - wie 
ich meine — ein therapeutisches Agens von hoher Valenz. 

IL Der „Beweis" für die Realität des gewährenden Über*Idis durdi Mit* 
beteiligung. Anläßlich eines Vortrages von D. B urlin gham über „Mit. 
teilungsdrang und Geständniszwang" (Imago, Bd. XX, 1934) - wonach 
ersterer neben der exhibitionistischen Tendenz eine Aufforderung zur 
Partnerschaft zwecks gemeinsamer Gewinnung von sexueller Lust bedeutet 

— machte Anna Freud die Bemerkung: 

„daß im Lichte dieser Auffassung es verständlich erscheint warum die refor* 
mierte, gewährende Erziehung sich in ihren Erfolgen, d. h. Mißerfolgen, von der 
orthodoxen, verbietenden gar nicht unterscheidet. Denn der Nachdruck liegt 
eben nicht auf dem Gewährenlassen und der Toleranz, vielmehr auf der vom 
Kinde geforderten und erwarteten Mitbeteiligung am Gewinn der sexu* 
eilen Lust. So kommt es z. B., daß noch so weit gehende Toleranz gegenüber der 
Onanie ,ins Leere greift*. Denn das Kind deduziert aus der ausbleibenden Mit* 
beteiligung der Erwachsenen an seiner sexuellen Betätigung eigentlich eine Ab* 
lehnung." (Zitiert aus J e k e 1 s und B e r g 1 e r „Übertragung und Liebe , Imago 
Bd. XX, 1934. H. 1. S. 29.) 

Somit wäre der einzige vom Kinde akzeptierte unwiderlegbare Be* 
weis einer sexuellen Erlaubnis die Mitbeteiligung der Erwachsenen an 
der sexuellen Lust und nicht die verbal erteilte Erlaubnis — eine unmögliche 
Bedingung also. . . 

Diese von A n n a F r e u d formulierte Behauptung kann — wie ich glaube 

— unser Verständnis der Wirkungsweise der analytischen Kur erweitern. 
Wir wollen die Frage diskutieren, wodurch der Analytiker dem 
Patienten die Überzeugung beibringt, . daß er keine ar* 
chaisch strafende Instanz darstellt, was letzten Endes die Ande* 
rung des Ich*Ideals des Patienten bewirkt. . 

Die unbewußte Grundeinstellung aller Patienten zum Analytiker ist 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 



zu Beginn der Kur ausnahmslos Angst und Geliebtwerden* 
wollen, mag nun diese Angst hinter Kritik, Skepsis, Gleichgültigkeit, 
Überheblichkeit, Ironie, Verachtung etc. verborgen sein. Die Analyse wird 
ja überhaupt erst in Gang gebracht, wenn wenigstens ein Teil des Ichs des 
Patienten zur Kenntnis genommen hat, daß der Analytiker nicht strafen will, 
und eine Art wohlwollender Neutralitärgegenüber dem Patienten einnimmt. 
Nunberg spricht mit Recht vom Analytiker als „Schutz gegen die Angst" 
und sagt ausdrücklich: 

„Da ferner der Arzt dem verdrängten Triebanteile wohl* 
wollend gegenübersteht, gibt das Ich des Patienten sukzessive seine 
Verdrängungswiderstände auf. Fühlt sich doch der Kranke im Bündnis mit 
dem Analytiker, einig mit ihm, von ihm geschützt, und braucht deshalb keine 
Angst vor Gefahrensituationen zu haben, die übrigens längst nicht mehr aktuell 
sind." (Allg. Neurosenlehre, S. 301.) 

N u n b e r g hebt besonders hervor, daß diese „Rückendeckung", die die 
aktive Mitarbeit des Patienten ermöglicht, zwei Ursachen hat: 

„Haben wir doch hervorgehoben, daß der Patient sein aktives Interesse nicht 
nur aus Liebe zum Analytiker den inneren Vorgängen — aus Erinnerungen zu* 
sammengesetzten Erlebnissen — zuwendet, sondern auch deshalb, weil er 
sich durch ihn geschützt fühlt." 

Das gleiche Problem spielt, wie ich dem Aufsatz von James Strachey 
„Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse" (Int. 
Ztschr. f. Psychoanalyse, Bd. XXI, 1935) entnehme, in den Diskussionen 
unserer englischen Kollegen eine Rolle. Bedauerlicherweise sind diese Diskus* 
sionen mir nur bruchstückweise zugänglich: die Notwendigkeit eines aus* 
führlich und unpolemisch referierenden Zentralblattes wird immer zwin* 
gender. 

Nun sind die Beweise von Wohlwollen, resp. Gewähren, die der Analy* 
tiker dem Patienten gibt, lediglich verbaler Art, andererseits hörten wir von 
Anna Freud, daß schon das Kind handgreiflichere Beweise ver* 
langt. Trotzdem gelingt es dem Analytiker, den Patienten mit der Zeit zu 
überzeugen. Die Frage lautet: Auf welchem Wege gelingt die Lösung dieses 
Problems? 

Vorerst könnte man den Geltungsbereich der von Anna Freud fest* 
gestellten Attitüde und deren allgemeine Geltung für die neurotische Psyche 
anzweifeln. Dieser Lösungsversuch führt aber nicht weit, weil schon die 
alltägliche Erfahrung den Grundsatz prägt, man müsse sich bei Beurteilung 
eines Menschen an seine Handlungen und nicht an seine Worte halten. 
Innerlich sind ausnahmslos alle Menschen mißtrauisch — ein Residuum der 
üblen Erfahrungen in der Kindheit, resp. der Projektion der aggressiven 
Elemente auf die Objekte, wie dies eine Reihe von analytischen Autoren auf* 
zeigte. Andererseits könnte man einwenden, daß die Aufnahmsfähigkeit der 
Menschen für lügenhafte Zusicherungen unbegrenzt ist. Ein näheres Hin* 



10 Edmund Bergler 



sehen zeigt aber, daß diese scheinbare Leichtgläubigkeit nur ein Suchen eines 
Deckmäntelchens für das Ausleben der Aggression darstellt, daß also die so 
häufig zitierte Leichtgläubigkeit der Menschen bloß die schuldgefühlsfreie, 
weil von einer Über*Ich*Repräsentanz gebilligte Aggressionsbefriedigung 
deckt und derart dieses Positivum unerfüllbare Versprechungen auf anderen 
Gebieten passieren läßt. 

In der analytischen Kur ist die Leichtgläubigkeit des Patienten schon des* 
halb im Vorhinein minimal, weil die meisten Patienten infolge der ungün* 
stigen Meinung der Außenwelt über die Analyse zu uns voller Mißtrauen 
kommen und unabhängig davon auf den Arzt sofort aus intrapsychi* 
sehen Gründen auch ihr verbietendes Übersieh projizieren. 2 Der Patient ist 
also aus r e a 1 e m Mißtrauen und i r r e a 1 e r, in der Übertragung begründeter 
Projektion seines strengen Über*Ichs automatisch bereit, im Arzt eine v e r* 
bietendelnstanzzu sehen. Ein Patient nannte mich z. B. einen „H e r r n 
Dagegen", obwohl er bewußt wußte, daß ich in der konkreten Situation 
eher ein „Herr Dafür" sei: es handelte sich um seine Heirat mit einer 
sozial unter ihm stehenden Frau, von der er wußte, daß sein toter aristokra* 
tischer Vater sie mißbilligt hätte. Obwohl er rational annahm, daß ich die 
Heirat mit der gütigen Frau billigte, hatte der Patient aus seiner nichtgelösten 
Vater*Übertragung zeitweise trotz logischem Besserwissen das Gefühl, ich 
wolle ihn „hereinfallen" lassen. 

Trotz diesen Schwierigkeiten gibt es eine Erklärung, die verstehen läßt, 
weshalb es dem Arzt mit der Zeit gelingt, den Patienten zu überzeugen, daß 
er ein „Herr Dafür" sei. Diese Erklärung führt über die Annahme, daß wir 
stets den unbewußten Anteil des Patienten von seiner bewußten Persönlich* 
keit d i s t a n z i e r e n, was schon dadurch geschieht, daß wir die Abwehr des 
Patienten, er hätte den jeweiligen, ihm gedeuteten Wunsch keineswegs be* 
wüßt, ohne weiteres akzeptieren und auf den unbewußten Anteil der Person* 
lichkeit als Sitz dieser Wünsche verweisen. Wir schaffen also durch diese 
Distanzierung sozusagen ein Phantom, an dem wir arbeiten, wobei wir 
uns aber jederzeit gegen die Tendenz des Patienten zu wehren haben, dieses 
Phantom weit weg zu verlegen, indem wir ihm stets: „Tua res agitur" vor* 
halten. Nach längerer oder kürzerer Zeit kommen die Patienten mehr oder 
weniger rebellisch oder resigniert zum Ergebnis, irgend etwas in ihnen — 
eben jenes Phantom — hätte die ihnen vom Arzt supponierten Wünsche. 
Die gemeinsame Arbeit mit dem Arzt an diesem Phantom ist 
— so peinlich sie dem Patienten auch anfangs sein mag — , in gewissen fort* 
geschritteneren Phasen der Analyse für den Patienten direkt lust* 
voll. Oberflächlich handelt es sich um narzißtische Befriedigung, ein so 
„interessanter" Fall zu sein, in tieferer Schicht wird das Liebesbedürfnis des 
Patienten aus der Übertragung befr iedigt, etwa nach der Formel: Der Arzt 
2) Siehe „Übeitragung und Liebe" von J e k e 1 s und B e r g 1 e r, Imago, Bd. XX, 1934. 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 11 



hat Interesse für mich, d. h. liebt mich. Sieht man aber genauer zu, dann 
merkt man, daß die Patienten diese gemeinsame Arbeit am Phantom unbe* 
wüßt als eine sexuelle Handlung betrachten, die je nach der Regressions* 
stufe orale, anale oder phallische Inhalte haben kann. Durch diese vom unbe* 
wußten Anteil des Ichs als sexuelle Handlung perzipierte Arbeit am 
Phantom wird für den Patienten der „Beweis" geliefert, daß die sexuellen 
Handlungen, die die Worte des Arztes als etwas Erlaubtes darstellen, von 
ihm auch durch die Tat gebilligt werden. 

Die für den Außenstehenden im ersten Augenblick so befremdende Fest* 
Stellung, die aber wahrscheinlich von vielen Analytikern längst gemacht 
wurde, daß der unbewußte Anteil des Ichs die gemeinsame Arbeit zwischen 
Arzt und Patient als sexuelle Handlung auffaßt, wird durch eine Reihe 
äußerer Faktoren scheinbar bestätigt. Vor allem durch den vom Arzt dem 
Patienten regelmäßig gegebenen Auftrag, über die Analyse in der Außenwelt 
nicht zu sprechen. In die Sprache des Unbewußten übersetzt: Wir beide 
treiben etwas Verbotenes, d. h. Sexuelles, miteinander, wir haben ein Ge* 
heimnis. Viele Patienten begrüßen auch den Arzt in fortgeschrittenen Sta* 
dien der Kur wie einen Mitverschworenen, mit jenem Lächeln der Einge* 
weihten eines Geheimbundes. 

Ich meine also, daß dieses intrapsychischeEvidenzgefühlvon 
der „sexuellen" Mitbeteiligung des Arztes — realisiert an der 
gemeinsamen Arbeit am Phantom — eine Neuauflage des Kinderwunsches 
darstellt, der Erzieher möge die Sexualität durch Mitbeteiligung billigen, und 
derart als Über*Ich*Entlastung von eminent therapeutischem Wert 8 ist. Am 
Ende der Kur wird das Sexuelle dieser Mitbeteiligung vom Patienten subli* 
miert. Das Sonderbare dieses Tatbestandes liegt auch darin, daß weder 
Arzt noch Patient davon auch nur eine Ahnung haben müssen, da es 
sich um einen automatisch ablaufenden unbewußten Prozeß handelt. 

III. Die unbewußte Resonanz der Konsequenz des Arztes. Die analy* 
tischen Deutungen machen auf den Patienten zu Beginn der Kur den Ein* 
druck völliger Sinnlosigkeit, wobei immer wieder das logische Denken als 
Gegenargument vorgebracht wird. Vom hohen Kothurn der Logik und des 
gesunden Menschenverstandes schauen unsere Patienten mitleidig, ironisch, 

3) Es ist interessant, daß D. Burlingham auf Grund ihrer originellen und wert* 
vollen Idee des Mitteilungsdranges als Aufforderung zum gemeinsamen sexuellen Lust* 
gewinn so ziemlich zum entgegengesetzten Resultat gelangt. Die Autorin vermerkt zwar 
die Tatsache, daß der Mitteilungsdrang als Exhibitionsbefriedigung zum positiven Mit* 
träger der analytischen Kur werden kann nach der Formel: „Betrachten wir diese argen 
Dinge miteinander". Doch meint die Autorin, daß der Patient in der Analyse sofort eine 
Abweisung erfährt, „da seine Aufforderung zur Partnerschaft unbeantwortet geblieben ist", 
was dazu führt, daß sich der Patient wie ein Abgewiesener benimmt und die Verdrän* 
gungen verstärkt. Diese Beobachtung ist zweifellos richtig, doch entspricht sie einem A n* 
f a n g s s t a d i u m der Kur. In späteren Stadien tröstet sich der Patient sozusagen mit 
der gemeinsamen Arbeit am „Phantom". 



12 



Edmund Bergkr 



manchmal direkt an unserem Verstand zweifelnd, auf uns herab, wobei 
die Meinungen der Patienten schwanken, ob wir bloß Schwindler oder doch 
wenigstens gutgläubige Fanatiker sind. Der einzige Punkt, der den Patienten 
stutzig macht, ist die Konsequenz, mit der wir unseren Standpunkt vertreten, 
alle Abwehrversuche der Patienten als selbstverständlichen Widerstand deu* 
tend. Diese Konsequenz des Arztes ist nach meinen Beobachtungen der 
erste Damm, an dem die Patienten in der Konsequenz ihres Nicht*Glau* 
bens Halt machen, wobei sich aber unsere Konsequenz als einheitlicher erweist, 
als das ambivalente Mißtrauen der Patienten. Es ist eine Erfahrungstatsache, 
daß auch sonst im Leben jede mit innerer Sicherheit vorgebrachte Behauptung 
(sogar wenn sie sinnlos ist!) stutzig macht. Die oberflächlichste Erklärung 
liegt darin, daß konsequent und mit innerer Sicherheit vorgebrachte Mei* 
nungen einem Appell an die Zweifel des Zuhörers gleichzusetzen sind. Da 
' alle Patienten von innerer Ambivalenz angenagt sind, wirkt die Konsequenz 
des Arztes eo ipso zersetzend auf ihre Zweifel. Den inneren Wahrheitsgehalt 
unserer Behauptungen zu beurteilen, sind die Patienten zu Beginn der Kur 
gar nicht imstande. 

Darüber hinaus findet aber die Konsequenz des Arztes im unbewußten 
Anteil des Ichs ein noch mächtigeres Echo. „Eiserne Konsequenz" wird unbe* 
wüßt stets mit Strenge, Unnachgiebigkeit, Mangel an Konzessionsbereit* 
schaft gleichgesetzt. Diese Konsequenz wirkt sich in der Analyse dreifach 
aus: vorerst bildet sie den ersten Damm, an dem der Unglaube des Patienten 
aufgehalten wird. Sekundär fördert sie die Projektion des strengen Über*Ichs 
(des „Dämons") auf den Arzt, sie bietet geradezu die Anheftungsmöglichkeit. 
Tertiär — und dies ist das therapeutisch Wertvolle — wird diese 
Konsequenz des Arztes nunmehr mit positivem Vor zeichen un* 
bewußt zur Kenntnis genommen: Wenn sogar das strenge Über* 
Ich der normalen Sexualität erlaubend gegenübersteht, scheint sie wirklich 
erlaubt zu sein. Überflüssig hervorzuheben, daß der Analytiker keines* 
wegs direkte Gewährung in Form einer Aufforderung zum Ausleben p a t h o* 
logischer Triebtendenzen in der Außenwelt an Stelle des Analysierens 
setzen darf, schon deshalb nicht, weÜ die prä*ödipalen und ödipalen ver* 
drängten Triebtendenzen infolge ihrer Liierung mit der Mutter*, resp. Vater* 
imago gar nicht auslebbar sind, auch wenn sie bewußt gemacht werden. 
In Kombinationen mit dem früher besprochenen Beweis für die Realität des 
gewährenden Über*Ichs durch Mitbeteiligung des Arztes (siehe Abschnitt II), 
ist die Konsequenz des Analytikers ebenfalls ein Teil des therapeutischen 
Agens in der Kur. Sie wirkt praktisch also so, als ginge die stärkste Stütze 
eines bekämpften Regimes plötzlich zu den Aufständischen über. 

IV. Durchlaufen der Identifizierungsreihe: Identifizierung aus Angstab= 
wehr zur Re*Introjektion. In unserer gemeinsamen Arbeit „Übertragung und 
Liebe" zeigten Jekels und ich, daß in der Übertragung beide Anteile 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 



13 



des Über*Ichs: Dämon („Du darfst nicht") und Ich*IdeaI („Du 
sollst") auf den Arzt projiziert werden. Dies sei auch, wie wir- meinten, der 
kardinale Unterschied zwischen Übertragung und Liebe, da bei der Liebe 
bloß das IchJdeal auf das Objekt projiziert werde. Ich kann auf diese so 
umstrittenen Probleme hier nicht näher eingehen und hebe lediglich hervor: 
Den intrapsychischen Mechanismus der Über*Ich*Wirkung erblicken wir 
darin, daß dem verängstigten Ich das selbstaufgerichtete Ich*Ideal (= desexua* 
lisierter Eros) vom Dämon (= thanatische Elemente) vorgehalten wird, wo* 
bei jene Diskrepanz zwischen Ich und Ich*Ideal Schuldgefühle hervorruft. 
In Anwendung der von Freud in „Das Ich und das Es" aufgestellten 
Theorie von der fluktuierenden indifferenten narzißtischen Energie, die zwi* 
sehen den beiden Grundtrieben vorhanden sein und die Stärke des Triebes, 
an den sie sich bindet, erhöhen soll, wiesen wir auf das Ich*Ideal als die 
Stätte dieser indifferenten Energie hin und behaupteten, der Besitz des Ich* 
Ideals sei das eigendiche intrapsychische Kampfziel. (Es handelt sich um 
eine Theorie; es ist klar, daß, soweit Beobachtbares beschrieben wird, wir 
weder Eros noch Thanatos direkt feststellen können. Was wir klinisch unter* 
suchen können sind weder die Triebe, noch die Triebgemische, sondern 
lediglich die Abkömmlinge der Triebgemische.) Das Ich des Gesunden rebel* 
liere zeitweise gegen dieses durch Identifizierungen selbstaufgerichtete Quäl* 
Instrument, das Ich*Ideal, das ursprünglich zum Schutz des eigenen Nar* 
zißmus geschaffen wurde. Nun da aus der Wohltat eine Plage geworden, 
phantasiere das Ich in seiner Bedrängnis ein gütiges Ich*Ideal, projiziere 
dieses auf ein mehr oder weniger geeignetes Objekt und endedige sich da* 
durch des Schuldgefühls, da es sich vom eigenen projektiven Ich*Ideal geliebt 
weiß, was das Glück der Liebe ausmache. Soweit sei Liebe auch ein Remedium 
gegen das Schuldgefühl. Der Neurotiker versuche in der Übertragung den 
gleichen Ausweg in seinem Kampf gegen das Schuldgefühl, allerdings unter 
ungünstigeren Bedingungen. 

Der Fortschritt in der analytischen Kur liege darin, daß 
die Projektion des Dämons auf den Arzt in immer weiter* 
gehendem Maße zugunsten des Ich*Ideals zurückgedrängt 
werde, um auch diese am Ende der Behandlung zu lösen. 

Der gleiche Gedanke könnte — vom Standpunkt der jeweiligen Identi* 
nzierung — folgendermaßen ausgedrückt werden: die Identifizierung 
aus Angstabwehr mache der Re*Intro jektion Platz. Letzteren 
Satz wollen wir diskutieren. 

Die Behauptung, der Patient projiziere in der Übertragung auf den Arzt 
lch*Ideal und Dämon, besagt implizite, der Arzt werde auf projektivem 
Wege nicht allein Liebes*, sondern in noch höherem Maße Angst objekt. 
Bei der Liebe ist dies niemals der Fall, da in der Liebe der Dämon durch 
"rojektion des phantasierten gütigen Ich*Ideals zeitweise entwaffnet wird. 



^ ~" Edmund Bergler 



Der Patient erwehrt sich in der Übertragung der Angst indem «die durch 
die Untersuchungen beider Schulen der Kinderanalyse bekannte IdenüW 
rung aus Angstabwehr vornimmt, allerdings in einer bestimmten Variante 
auf die ich vor einigen Jahren hinwies. Diese besteht dann, daß sich der 
Patient dem als magfsche Person empfundenen Arzt qua B xur : narzti* ischen 
Objektwahl darbietet nach der Formel: „D u m u ß t mi c hl ie bc n, d enn 
ich bin wie du, und dich liebst du doch" Im Verlaufe der Kur 
wird diese Identifizierung aus Angstabwehr durch die Rejektion abge 
Zt. Darunter verstehen Jekels und ich einen immanenten Anteil de 
Liebe die u. E. aus zwei Akten besteht: Projektion des phantas erten Ich. 
Ideals auf das Objekt und dann partielle Wiederaufnahme der Imago des 
projizierten Ich.Ideals, d. h. seine Re.Introjektion 

So reduziert sich der Wunsch des Patienten in der Übertragung auf nar. 
zißtisches Geliebtwerdenwollen (Projektion des Ich.Ideals) und 
Angstabwehr (Abwehr der Projektion desDämons). Die vier h.er hervor, 
inobenen Metboden dienen alle der Angstabwehr. Diese Angstabwehr 
S - soweit wir das Problem vom Standpunkt der Identifizierung : betrachten 
_ durch die beiden Endpunkte: Identifizierung aus Angstabwehr und Re. 
Introlktion gekennzeichnet. Doch bezieht sich diese Re.Inirojeküon bereits 
aTdas gütfge, gewährende Ich.Ideal, wodurch dem Dämon die Möglich. 
Sü SÄ" Aggression durch Vorhalten dieses Ich.Ideds und Auf. 
zeigen der Diskrepanz zwischen Ich und Ich.Ideal genommen wmi 

TdZ unbewußte Schuldgefühl als vis a tergo der anzusehen Therme. 
Infolge der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit kann ich aul : die 
wlekh me ne -entscheidende Rolle des unbewußten Schuldgefühls im 
Heilungsvorgang nicht näher eingehen und gebe im Folgenden Gedanken, 
ginge eines längeren Aufsatzes „Genesungswunsch und Schuldge uhl der 
seit einem Jahr abgeschlossen ist und der Redakho* .der l*Z*rin*£ 
Psychoanalyse vorliegt, in gedrängtester und vielleicht deshalb zu Mißver. 

ständnissen führender Form wieder. .„..., , r- ,„„c 

Ich glaube, daß n e b e n der seit N u n b e r g s Arbeit über den Genesung* 
wünsch bekannten und anerkannten Vieldeutigkeit des Gesundheitswunsches 
des Patienten, schon an der Tatsache, daß der Patient den Analytiker über. 
Tauft aufsucht, das unbewußte Schuldgefühl wegen der m fr Neurose rea. 
lisierten präödipalen und ödipalen Wünsche mitbeteiligt ist. Dieses Schuld, 
gefühl erfährt im Verlaufe der Kur eine mächtige Steigerung, da die Analyse 
fn fortgeschrittenen Stadien die in den Symptomen, Depressionen, 
selbstprovozierten Strafen, ^.Einschränkungen etc _ f ^TutL etü h 1 
gefühle aktiviert, derart das gebundene unbewußte Schuldgefühl 
in ^flottierendes verwandelnd. Dieses aus seinen Depots ge. 
löste Schuldgefühl führt in weit fortgeschrittenen Stadien der Kur zu eme 
vorübergehenden Steigerung der Depressan, des subjektiven Mißbehagens 



Zur Theorie der therape utischen Resultate der Psychoanalyse 15 

und der Aggression des Patienten gegen den Arzt — trotz Sistierung 
der Symptome. Das fceiflottierende Schuldgefühl wirft sich nun mit aller 
Intensität auf den Gewissenvorwurf: „Weshalb bist du noch nicht gesund?" 
Inwieweit dabei auch bloß psychisch*ökonomische Momente — günstigere, 
resp. überhaupt eine Abfuhrmöglichkeit für das Schuldgefühl — eine Rolle 
spielen, ist schwer zu entscheiden. Natürlich wird ein Teil des unbewußten 
Schuldgefühls durch die Analyse gelöst: derjenige, der als Reaktion auf 
sexuelle und aggressive präödipale und ödipale Wünsche, die übrigens in 
der Analyse zerstört werden, auftritt. Mit Recht legt Stracheyin Über* 
einstimmung mit anderen Autoren auf die Änderung des Über*Ichs in der 
Kur ein so großes Gewicht. Man vergesse aber nicht, daß die durch die Ana* 
lyse erzielte relative Toleranz und Milderung des Über*Ichs cum grano salis 
aufzufassen ist, wie folgender Gedankengang beweist: vor der Analyse ge* 
stattete das strenge Über*Ich dem Neurotiker die Erfüllung der präödipalen 
und ödipalen Wünsche in maskierter Form in den Symptomen um den 
Preis des Leidens, nach der Analyse erlaubt das tolerantere Übersieh dem 
Geheilten diesen Ausweg nicht. Das Übersieh wird also milder, aber bloß 
um den Preis des Verzichtes auf die alten Wünsche und des Einlenkens in 
die Normalität. 

Dieser Gewissensvorwurf: „Warum bist du noch nicht gesund?" äußert 
sich in ganz typischen Träumen, in welchen sich der Patient gegen 
diesen Übersieh* Vorwurf wehrt. Ich schlug vor, diesen Traumtypus „Gene* 
sungsschuldgefühls*Träume" zu nennen. 

Parallel mit dieser Steigerung des Schuldgefühls geht beim genügend tief 
analysierten Patienten zweierlei vor sich. Zunächst das affektive, nun völlig 
bewußte Erleben, daß die analytische Behauptung, in den Symptomen 
sei auch ein unbewußter Lustanteil verborgen, den Tatsachen entspricht. Dies 
geht so weit, daß die Patienten die alte Lust reklamieren und die zu er* 
reichende Normalität entwerten. Doch hat dieses Bekenntnis zur lange ver* 
leugneten Lust in den Endstadien der Analyse bloß theoretischen Wert: der 
alte Weg der Libido* und Aggressionsabfuhr ist versperrt und dies steigert 
erst recht die Wut der Patienten. („Ich komme mir vor, wie ein abgeräumter 
Christbaum", sagte ein Patient in dieser Phase.) Zweitens erfolgt eine schwere 
Kränkung des infantilen Größenwahns über das Lächerliche der kindlichen 
Wunsche. Ein oral regredierender Patient präzisierte dies lakonisch: „Die 
Neurose geht auch an ihrer Lächerlichkeit zugrunde". Und: „Man wird aus 
Verzweiflung gesund, es bleibt einem kein anderer Ausweg, — die alte Lust 
haben Sie mir verpatzt". 

Dieser pathetische Ausspruch deckt folgende Trias: 1. Steigern des unbe* 
wußten Schuldgefühls, 2. Kränkung des infantilen Größenwahns, 3. Stauung 
m den früher in der Neurose gangbaren, am Ende der Analyse unbrauchbar 
gewordenen alten Abfuhrwegen der Libido und Aggression. 




Zu diese, Trias kommt als Viertes folgend^ E i 4 £• « | *™ 
Aufsat, „Das Verbotene lockt- beschmb^e T^he h ^ ^ 

Sexualwünsche, die in der Neurose u^S ^ ^ an die ßedin* 
übersieh stets verboten. Die aus innen ^^£rBd riedigung der Sexual. 

loren. . TTr „ chen auc h, weshalb die Patienten die 

Vielleicht erklären diese via . Ursachen auch w _ ^ 

Gesundheit so wenig ; begeistert begrüßen ■;£«£« ™ w _ „ k m m t 

ein oral ^^^^LZ^olTX niemand hat ihn er, 

wie ein armer Verwand te r- ™ plötzlich ist er da. 

wartet, niemand ist vo V^^^sstürme der Genesung* 

Daran ändert nichts, daß es gelegentlich Begaster g 

kandidaten gibt, die sich sehr bald legen- ^ ^ dem 

Möglicherweise erklar diese .Trias ; und l der w g ^ ^^ 

Verbot auch, weshalb viele ^ J^» ^Ressentiment sei eben 

timent die Analyse verlassen. Der Emwa^m so ^^ 



Schlußwort. 



Die friedliche Stimmung ^^Ät^ 
HervoAebendesCkmdnsa^.^e^n^chai £n: eine 

Andererseits besteht keine Ursache das J re ^ anal ische> wird durch 
so große und mächtige Bewegung ^e psy^y ^ ^.^ 

Diskussionen, in denen f ^^eineswegs geschwächt. 
Meinungen zum Ausdruck kommen ke £™* der Sy mposionisten, 
Ich kann aus der Fülle f^^otTlTlT^ntl, bloß einige 
infolge der Beschränkung des ScMußwortes aut ^ ^ ^ 

wenige herausgreifen. Ich bespreche vorers^ zwe g Nunfee hat 

völlig übereinstimme: die N u nbergs und Stra Y^.^ ^^ 
zu seinen bekannten und an erkan ^ e ^V roZ eß zwei weitere Beiträge g» 
legten Ansichten über den A^^^J™^ L!ZL und des Realität 
liefert: die Rolle des unbewußten ^^^SZ&^ä^m- ** 



4) Imago, 1935. 



J 



Zur Theorie der therapeutischen Resu ltate der Psychoanalyse 17 

der aktiven Wiederholung des passiv Erlebten noch schärfer hervor- 
gestrichen werden sollte. Der unbewußte Wiederholungszwang ist kein 
bloßes Wiederkäuen des Erlebnisses, sondern eine Form der Konfliktserledi* 
gung, in welcher passiv Erlebtes in aktiver Reproduktion sich abspielt. Ich 
verweise bezüglich der weitgehenden Konsequenzen, die sich aus dem unbe* 
wußten Wiederholungszwang ergeben, auf die Konzeption des „Mamma^ 
komplexes" von Eideiberg und mir. Bezüglich der Annahme Nun* 
bergs, Erlebnisse des Ichs bekämen erst dann völligen Realitätswert, wenn 
sie vom Übersieh sanktioniert werden, wäre ergänzend die Rolle der übrigen 
Instanzen zu berücksichtigen und die Frage aufzuwerfen, ob nicht erst eine 
weitgehende Harmonie derselben den völligen Realitätswert gerantiert. 

Strachey kam in seinem ausgezeichneten Vortrag zum Resultat, man 
solle womöglich bloß „Übertragungsdeutungen" geben und erklärte die 
therapeutische Wirkung aus einer Über*Ich*Änderung des Patienten, die 
wieder bloß aus der Wechselwirkung von Projektion und Introjektion ab* 
leitbar sei. Wir verdanken Strachey eine interessante zusammenfassende 
Arbeit über die Valenz analytischer Deutungen, in welcher er unter anderrn 
mütatiye, i. e. „Übertragungsdeutungen" und „Nicht*Übertragungsdeu* 
tungen" unterscheidet. Die Forderung nach Übertragungsdeutungen ist ana* 
lyrisches Gemeingut, doch ist die Hervorhebung wichtig, ebenso die For* 
mulierung des Unterschiedes zwischen Übertragungs* und Nicht*Übertra* 
gungsdeutungen: „die Übertragungsdeutungen entsprechen der Eroberung 
einer Schlüsselstellung, während die Nicht*Übertragungsdeutungen dem all* 
gemeinen Vorrücken und der Befestigung einer neuen Linie entsprechen, die 
durch die Eroberung der Schlüsselstellung ermöglicht wurde. Aber wenn 
dieses allgemeine Vorrücken über einen gewissen Punkt geht, wird es wieder 
einen Aufenthalt geben und die Eroberung einer weiteren Schlüsselstellung 
wird nötig sein, bevor ein Fortschritt gemacht ist." Ich stimme be zu g* 
lieh der Wichtigkeit des Projektions* und Intro jektions* 
mechanismus bei der Über*Ich*Bildung mit den eng* 
hschen Kollegen üb er ein und halte dies neben der Hervorhebung 
der überragenden Bedeutung oral*sadistischer Impulse für die gesichertesten 
Ergebnisse der englischen These. Alle Diskussionen bezüglich der Rolle des 
Uber*Ichs im therapeutischen Prozeß haben zur Voraussetzung, daß man 
sich über Genese und Wirkungsweise dieser Institution einig ist. Es gibt der* 
zeit drei solcher Theorien: die in den Werken Freuds niedergelegte, die 
englische und die aus der Eros*Thanatoslehre abgleitete von Jekels 
u n d m 1 r. Es ergibt sich die sonderbare Tatsache, daß die Anwendung 
der Ergebnisse der Freudschen Eros*Thanatoslehre (auf 
dieGenesedesÜber*Ichs, wie dies in „Übertragung und Liebe" ver* 
sucht wurde, zu der gleichen hohen Bewertung des Projek* 
:10ns* und Intro jektions Vorgangs führt, zu der die eng* 

Int. Zeitsdu-. f. P.yd.oanalyse, XXIII/1 n 



^ * E. Bibring 



lischen Kollegen unter Ablehnung der Eros. Thanatos. 
T h e o r i e g e 1 a n g t e n. Es ergibt sich hier eine - wie ich meine - wich. 
tigeVerbindungsbrücke zwischen den divergierenden Auffassungen. 
In einem Punkt habe ich einen Ergänzungsvorschlag zur Annahme Stra. 
che ys: ich glaube, daß einige Funktionen, die er dem Über.Ich zuweist, 
eher dem unbewußten Ich.Anteil zugehören. 

Eenichel bestritt meine Annahme vom unbewußten Schuldgefühl als 
vis a tevgo der Therapie. Ich kann bloß annehmen, daß ich mich nicht ganz 
verständlich machen konnte, und verweise auf die Pubhkahon des Aufsatzes 
„Genesungswunsch und Schuldgefühl". Fenichel hob ferner ^hervo wir 
hätten in der Analyse nicht mit dem „Phantom: das Unbewußte zu tun 
sondern mit dem lebenden Menschen. Das Wort Phantom hatte ledighch 
den Sinn, eine Distanzierung zwischen dem bewußten und unbewußten An 
teil der Persönlichkeit anzuzeigen, und ist vielleicht mißverständlich. An. 
sonsten habe ich keineswegs die Realität meiner Patienten anzweifeln wollen 
Die Wichtigkeit der „Mitbeteiligung" für die Therapie suchte Fenichel 
dadurch zu entkräften, daß er meinte, gerade die mißverständliche Auf. 
fassung der Arbeit zwischen Arzt und Patient durch den Patienten ak einer 
exuelfcn, werde in der Analyse oft zum Widerstand. Das ist selbstver, 
ständlich; meine Annahme behauptete ja nicht, daß man Widerstände un. 
analysiert lassen solle. Dagegen stimme ich mit Fenichel uberem, daß 
die Eros.Thanatos.Theorie, auf der Abschnitt IV meines Beitrages ruht, 
in Kürze hier nicht diskutiert werden kann. 

Versuch einer allgemeinen 
Theorie der Heilung 1 

Von 

E. Bibring 

Wien 

Eine Theorie der therapeutischen Resultate, wie der Titel dieses Sympo. 
sions lautet, erfordert eine Theorie des analytischen Verfahrens zur Er. 
gänzung; beide zusammen ergeben eine Theorie der Therapie. Das Ver. 
fahren und seine Resultate sind in einem gewissen Sinne zu trennen: Es gib. 
verschiedene Verfahren, die oft die gleichen oder annähe^ndgkicheRe^utote 

i\ Erweiterte Fassung des auf dem Symposion gehaltenen Referates. Das tatsäch* 
licn\e£Tt e fe r Refera S t S Z!r ein Auszug aus einem ^^^&t!jS2S^ 
auf die sehr beschränkte Redezeit stark gekürzt werden mußte. Da «^™*™g*^ 
die Drucklegung wegfällt, hat sich der Auto, J-Jff-J?. «f SÄSlSdS 
zu lassen. Das ursprüngliche Manuskript enthalt u. a. aucn einen 
Überblick, der hier weggelassen wurde. 



haben; oder aber das Verfahren führt zu keinem Erfolg, ist also ein Ver* 
fahren ohne Resultate; oder es treten, wenn man so sagen darf, auch 
ohne ein spezielles Verfahren Resultate auf, also spontane, auf irgendwelchen 
Wegen zustandegekommene Selbstheilungen usw. Allerdings bestehen 
zwischen einem Verfahren und seinen Resultaten sehr enge Zusammen* 
hänge. Ganz allgemein die, daß bestimmte Verfahren auch bestimmte Re* 
sultate ergeben, wenn man diese nicht bloß nach ihrem manifesten Bild, 
sondern nach ihrer ökonomisch*dynamischen Stellung betrachtet. 

Dennoch möchte ich an dieser Trennung mit einer gewissen Absicht fest* 
halten. Danach hätte die Theorie des therapeutischen Verfahrens die Fragen 
nach den wesentlichen Methoden und Grundlagen des Verfahrens zu be* 
handeln; die Theorie der therapeutischen Resultate aber die Frage, wie die 
die Heilung ausmachenden Veränderungen Zustandekommen und worauf 
sie sich aufbauen. Je nachdem, ob man die allgemeinen, bei allen Fällen 
prinzipiell vorauszusetzenden Bedingungen untersucht oder die speziellen, 
wie sie bei verschiedenen Krankheitstypen innerhalb der allgemeinen vari* 
ieren, ergibt sich eine allgemeine oder spezielle Theorie der Heilung. Ich 
möchte mich hier auf die Frage nach den allgemeinen natürlichen Bedin* 
gungen, die eine Heilung durch die Analyse ermöglichen, beschränken. Es 
kann sich also nicht darum handeln, eine mehr oder weniger vollständige 
Theorie der Heilung zu entwickeln, nicht allein, weil heute noch nicht alle 
Grundlagen für eine solche gegeben sind, sondern, weil in diesem Rahmen 
nur ein Teil dieser Grundlagen untersucht werden kann. Ich habe auch nicht 
die Absicht, etwa neue Einsichten in den Prozeß oder die Bedingungen der 
Heilung darzulegen, sondern will bloß versuchen, jene bekannten Tatsachen 
und Annahmen zusammenzustellen, die Bausteine für eine allgemeine 
Theorie der Heilung abzugeben vermögen. 

Das Ziel der Therapie kann man verschieden ansetzen. Allgemein: Wo 
Es war, soll Ich werden. Für die spezielle Aufgabe der Therapie heißt das: 
der verdrängte, abgewehrte Teil das Es soll Ich werden, d. h. die Wechsel* 
seitige Beziehung zwischen bestimmten Anteilen des Ichs und bestimmten 
Anteilen des Es muß eine Veränderung im Sinne der Normalisierung er* 
fahren, was eine Veränderung des Über*Ichs miteinschließt. Wir wollen also 
das Ziel der Therapie vorläufig umschreiben als eine Veränderung in den 
wechselseitigen Beziehungen der Instanzen, was eine Veränderung innerhalb 
der einzelnen Instanzen selbst, also des Es, des Über*Ichs und vor allem 
eine entscheidende Veränderung des Ichs voraussetzt. (Auf diesem allge* 
meinen Boden bauen sich dann die speziellen Ziele auf.) Das Mittel der 
Therapie wäre zunächst die Bewußtmachung des Unbewußten, sowohl des 
Es als auch der unbewußten Anteile des Ichs (des Über*Ichs und der unbe* 
wußten Verarbeitungsmethoden, der Ich*Mechanismen). Wenn eine Theorie 
der therapeutischen Resultate die Grundfrage behandelt, wie die die Heilung 




ausmachenden Veränderungen zustande kommen und worauf sie sich auf. 
bauen, so können wir nun genauer fragen: Wie ist eine Veränderung dieser 
unbewußten Anteile (Es, Über*Ich, Ich*Mechanismen) und ihrer Wechsel* 
seitigen Beziehungen möglich? Wie ist das Es änderbar und warum? Wie 
und warum ist das Über*Ich und schließlich das Ich änderbar? Diesen Fragen 
wollen wir uns jetzt der Reihe nach zuwenden; d. h. in den folgenden drei 
Abschnitten werden die Grundlagen der Heilung notwendigerweise einseitig- 
unter dem Aspekt je des Es, des Über*Ichs und des Ichs besprochen. 

I. 
Man wäre vielleicht zunächst versucht, die Fragen nach der Veränderbar, 
keit des Es zu verneinen, entsprechend der allgemeinen Anschauung, aaß 
nichts Psychisches verloren gehen kann, oder der speziellen daß das V er* 
drängte unzerstörbar, unveränderbar, zeitlos ist. Eine solche Auskunft käme 
entweder einer Verneinung jeder therapeutischen Möglichkeit gleich oder 
einer Verlegung der Heilungsvorgänge ausschließlich ins Ich Es gibt gewisse 
natürliche Veränderungen im Es, die wir unter den Begriff der Trieben^ 
Wicklung zusammenfassen. Diese Entwicklung kann Störungen im Sinne einer 
Hemmung oder einer Rückbildung erfahren, also Fixierungen und Reg«» 
sionen; oder Veränderungen in ihrem Befriedigungsablauf durch Mochfika* 
tionen der Ziele, der Objekte, ja des Ablaufes selbst. Nicht alle diese Modi* 
fikationen sind Veränderungen im Es, d. h. erfolgen ohne Beteiligung aes 
Ichs Gerade die Transformationen der Triebe hinsichtlich ihrer Ziele und 
Objekte stehen meist mit dem Übertritt der Triebe ins Ich in Zusammen* 
hang Doch wird es notwendig sein, hier einige Unterscheidungen zu trerien. 
Die Es*Regungen können entweder Veränderungen erfahren, die ohne 
jede Beteiligung des Ichs vor sich gehen, oder solche, die unter dem Einfluß 
des Ichs erfolgen. Zu den ersteren zählen die biologisch vorgegebenen (£nt* 
wicklungs*) Veränderungen. Die letzteren lassen sich in zwei Gruppen 
ordnen Die eine umfaßt Änderungen, die Umprägungen der Triebe durch 
das Ich sind, also Formen, die das Ich den Trieben aufprägt, sozusagen 
Bahnen des Ichs, in die die Energie der Triebe geleitet wird. Topisch ausge* 
drückt sind damit jene Triebmodifikationen gemeint, die die Triebe er* 
fahren, wenn sie „ins Ich aufgenommen", also den Verarbeitungsweisen des 
Ichs unterworfen werden. Sie gehen direkt auf das Ich zurück. Die zweite 
Gruppe umfaßt Modifizierungen, die keine direkten Umprägungen durch 
' das Ich darstellen, sondern nur unter dem indirekten Einfluß des Ichs 
Zustandekommen, unter dem Druck der Versagungen, der Abhaltung vom 
Ich, bezw. den durch sie verursachten Stauungswirkungen. Topisch ausge* 
drückt, könnte man sagen, daß jene Veränderungen gemeint sind, die die 
Triebe vor dem „Eintritt ins Ich" erfahren können. Ich möchte im folgenden 
die biologisch begründeten sowie die unter dem indirekten Einfluß des 



Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 21 

Ichs erfolgenden Triebveränderungen als Triebveränderungen im Es be* 
zeichnen, jene, die aus der Unterwerfung der Triebregungen unter die Ar* 
beitsweisen des Ichs stammen, als Triebveränderungen im Ich. 

Die Veränderungen im Es sind im Gegensatz zu den Umprägungen im 
Ich relativ gering an Zahl. Von der natürlichen Triebentwicklung abgesehen, 
gehören u. a. hierher: die verschiedenen Verschiebungen, die Fixierung, die 
Regression. Vom therapeutischen Gesichtspunkt: die Aufhebung der eben 
genannten Triebveränderungen, ferner die Aufhebung des Wiederholungs* 
zwanges und die sogenannte Triebaufzehrung. Die Unterscheidung zwi* 
sehen Triebveränderungen im Es und solchen im Ich ist nicht immer leicht 
durchzuführen. Eine Verschiebung z. B. kann im Es erfolgen, sie kann aber 
auch ein Abwehrmittel des Ichs sein. Ebenso ist der Begriff der Fixierung 
doppelt deutbar: Es kann eine Fixierung des Triebes im Sinne besonders be* 
vorzugter Bahnungen der Libido gemeint sein oder eine Fixierung des Ichs 
an eine bestimmte Triebart oder Triebbefriedigung. Ebenso kann die Re* 
gression als automatisch erfolgender Vorgang aufgefaßt werden oder als ein 
Akt des Ichs, das aus Abwehr aktiv auf frühere Positionen zurückgreift (Ich* 
Mechanismus). Je nachdem, ob man diese Begriffe im ersten oder im zweiten 
Sinn auffaßt, wird sich eine grundlegend andere Theorie der therapeutischen 
Veränderungen ergeben. Die ständige Reizung einer erogenen Zone kann 
eine Fixierung des Triebes bewirken, die Wirkung eines Verbotes dagegen 
fixiert unter Umständen das Ich an den Trieb. 2 Die Lösung der Fixierungen 
ist im ersten Fall eine Veränderung im Es, im zweiten eine Ich* Veränderung. 
Da wir diese Begriffe in diesem Abschnitt nur im erstgenannten Sinn auf* 
fassen, bezeichnen sie für uns Veränderungen im Es und nicht solche des 
Ichs. Jedenfalls ist eine Theorie der Heilung möglich, die alle therapeu* 
tischen Veränderungen als Modifikationen der Triebe durch das Ich auffaßt. 
Lösung der Fixierung, Aufhebung der Regression, bezw. jeder Art von 
Verschiebung, und schließlich Schwächung oder Aufhebung des Wieder* 
holungszwanges und damit die Wiederherstellung der Möglichkeit zum na* 
türlichen Verlauf der Triebentwicklung sind notwendige, von der Therapie 
im Es durchzusetzende Veränderungen. (Es ist klar, daß diese Umschreibung 
der Ziele der Therapie hier nur vom Gesichtspunkt der reinen Es*Verände* 
rung ausgegeben wurde, daher unvollständig ist. Das Gleiche gilt von den 
später unter dem Aspekt des Ichs, bezw. des Über*Ichs formulierten Zielen. 
Erst alle zusammen ergeben eine annähernd vollständige Aufstellung der 
Ziele der Therapie.) 



2) Fenichel hat in der Diskussion eingewendet, daß die durch das Verbot ein* 
tretende Verdrängung und die nachfolgende Triebstauung zuletzt doch eine Fixierung des 
Triebes bewirken. Von eventuellen Verschiedenheiten im Begriff Triebfixierung abge* 
sehen, ist hier nur jene Wirkung eines Verbotes gemeint, die nicht zu einer Verdrängung, 
sondern zu einer entscheidenden Erhöhung des Ichinteresses („Das Verbotene lockt") führt. 




Da wir die Triebe, wie alle anderen Kräfte auch, niemals direkt wahr, 
nehmen, sondern aus ihren Wirkungen erschließen können wir das Es weder 
unmittelbar beobachten noch direkt beeinflussen. Aus der Tatsache, daß der 
Zugang zur Außenwelt für die Triebe nur über das Ich geht, ergibt sich nicht 
allein, daß wir die Triebkräfte nur aus ihren Wirkungen im Ich CRePjas«*. 
tanzen, Abkömmlinge) erkennen können, sondern auch umgekehrt, daß jede 
psychische Beeinflussung des Es nur auf dem Wege über das Ich möglich ist. 
Alle Versuche, unter Ausschaltung des Ichs (d. h. immer unter relativer Aus. 
Schaltung gewisser Widerstände desselben oder jener Anteile die Irager 
dieser Widerstände sind, aber kaum jemals des ganzen Ichs) das üs menr 
oder weniger „direkt" zu erkennen, haben vielleicht einen diagnostischen 
Wert (als Erkenntnismittel für den beobachtenden Analytiker), aber keinen 
therapeutischen (als Mittel zur Selbsterkenntnis und damit zur Heilung des 
Patienten - auch wenn ihm die Behelfe zu dieser Selbsterkenntnis meist 
vom Analytiker übermittelt werden müssen). 

Die therapeutische Beeinflussung des Es wird möglich auf Grundzw« 
Voraussetzungen: Erstens, daß die Abwehr des Ichs gemildert und ^ die ihr 
zugrundeliegenden Ängste beseitigt werden, wodurch erst die „Aufhebung 
aller pathognen Triebänderungen sich ermöglicht. Wie die Überwindung 
der Abwehrhaltung, bezw. der Angst geschieht, wird spater zu behandeln 
sein. Zweitens auf Grund der von der Erfahrung nahegelegten Annahme 
einer Veränderungsbereitschaft des Es. Diese Veränderungsbereitschaft ist 
beschreibbar als eine spontane Tendenz der Triebe, ihre biologisch voige» 
-ebene Entwicklungsreihe zu durchlaufen und die biologisch vorgegebene 
Befriedigungsart, im weiteren Sinne die Befriedigung überhaupt, auch unter 
sehr veränderten Bedingungen, durchzusetzen. Die Tendenz der Triebe, die 
ihnen eigentümliche Befriedigungsart zu erreichen, ist uns als Triebspannung 
bekannt. Sie wird als solche erst durch eine Hemmung manifest. Von der 
Triebspannung könnte man die Entwicklungsspannung unterscheiden, die der 
Tendenz der Triebe, ihre spezifische Entwicklung zu durchlaufen zugrunde 
zu legen und auch dann als wirksam zu denken ist, wenn der Ablauf der 
Entwicklung auf Hindernisse stößt, z. B. durch Verdrängung oder Fixierung 

auf seh alten wird. ~ , 

Auf der Annahme dieser beiden biologischen Tendenzen ist im Grunde 

jede Theorie von der Veränderbarkeit der Triebregungen noch innerhalb des 

Es" d h ohne direkte Beteiligung des Ichs, aufgebaut. Wer diese biolo* 

irischen Voraussetzungen negiert, ist, wie schon erwähnt wurde, genötigt die 

Frage nach der Veränderbarkeit der Triebe fast ausschließlich mit dem Pro. 

blem des Ichs zu verknüpfen. 

Im therapeutischen Prozeß legen wir die Entwicklungsspannung den iat. 
sachen der Wiederherstellung der gestörten natürlichen Triebentwicklung zu. 
gründe. Nach der Lösung von Fixierungen und Regressionen (was die Aui. 

li 



Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 23 



hebung des Abwehrdruckes des Ichs voraussetzt) ermöglicht sie den Hei«» 
lungsvorgang, indem sie, spontan in ihre natürliche Richtung wirkend, zu* 
gleich in den Dienst der Heilung tritt. 

Von beiden Begriffen kommt der Triebspannung vielleicht die größere 
Wichtigkeit zu. Sie gewinnt in der Neurosenlehre ebenso große Bedeutung 
wie in der Theorie des therapeutischen Verfahrens. Im Verein mit dem 
Wiederholungszwang ist die Triebstauung der eigentliche Motor der The* 
rapie. Die Produktion von immer neuen Umwegen der Befriedigung im 
Kampfe mit dem abwehrenden Ich; die Produktion von Abkömmlingen 
in der Analyse; die Tendenz zu mehr oder weniger entstellten Triebdurch* 
brächen; das Spiel der Dynamik der therapeutischen Vorgänge, vor allem 
der Übertragungserscheinungen usw. gehen auf die Triebspannung als einen 
der ursächlichen Faktoren zurück. 

Ebenso groß ist die Bedeutung der Triebspannung für die Heilung. Die 
Bedeutung der genitalen Triebspannungen für eine Heilung ist ohne weiteres 
klar. Für die prägenitalen Tendenzen kann die Triebspannung als Heilfaktor 
teils in Verbindung mit der Transformierbarkeit der Triebe Bewertung fin* 
den, teils im Zusammenhang mit der oben erwähnten Entwicklungsspan* 
nung, insofern die prägenitalen Triebe schließlich in die genitale Organisa* 
tion aufgehen. 

Bewegen sich diese beiden Spannungskräfte progressiv in die Richtung 
des therapeutischen Verfahrens und der Heilung, so kommt dem Wieder* 
holungszwang keine so einheitliche Funktion zu. Der Wiederholungszwang 
ist für das analytische Verfahren fruchtbar, insofern er Material beschafft und 
zum Agieren treibt, das für die Analyse in einem gewissen Sinn förderlich ist; 
anderseits stellt sich der Wiederholungszwang der Heilung entgegen. Auch 
nach Aufhebung der Ich* Widerstände zeigen die Triebregungen trotz der er* 
wähnten Veränderungsbereitschaft die Neigung, keine Veränderung zuzu* 
lassen und sich in der bisherigen Art durchzusetzen. Wie läßt sich der so 
zum Widerstand werdende Wiederholungszwang beseitigen? 

Freud definiert den Wiederholungszwang als „die Anziehung der unbe* 
wußten Vorbilder auf den verdrängten Triebvorgang" und meint, daß es zu 
seiner Überwindung einer dauernden Einwirkung von Seiten des Ichs in 
Form des sogenannten Durcharbeitens bedarf. Das Durcharbeiten besteht 
in dem hier besprochenen Zusammenhang zunächst darin, alle Ersatzformen 
der verdrängten Triebregung aufzusuchen, sie nach Möglichkeit in allen 
affektiven Einzelheiten bewußt zu machen und mit dem widersprechenden 
Ich zu konfrontieren, wozu die Aufdeckung des genetischen Zusammenhangs 
und die Analyse der infantilen Vorbilder kommt. Solange nicht die aktuellen 
unbewußten Triebwege in allen ihren Verarbeitungen und vor allem die ur* 
sprüngliche Verdrängung selbst aufgehoben sind, wird wohl eine Beseitigung 
des Wiederholungszwanges nicht möglich sein. Solange es den Magneten 



^ E. Bibring 



gibt wird es im magnetischen Feld auch eine Anziehung geben. Durch, 
arbeiten beißt hier also, nicht nur bis zu den Affektgrundlagen des Abge* 
wehrten, sondern auch bis zum infantilen Verdrängungsinhalt als dem eigen* 
liehen Aktivitätszentrum vorzudringen. Auf diese Weise erst wird die Ver* 
drängung in allen Anteilen aufgehoben und damit die geheime Anziehung 

unmöglich gemacht. . „ 

Neben den aufgezählten Erfolgen hat das Durcharbeiten noch eine spezielle . 
Wirkung, der bei der Auflockerung des Wiederholungszwanges ebenfalls 
große Bedeutung zukommen mag. Durch das Bewußtmachen werden die 
Triebe (bezw. ihre Abkömmlinge) aus den bisherigen Zusammenhangen in 
die sie verarbeitet waren, herausgehoben und dem Ich gegenübergestellt. 
Durch dieses „Distanzieren" wird die Triebbefriedigung vergegenstand. 
licht und damit im Lustablauf verändert, da anscheinend schon das Be* 
wußthaben die emotionalen Abläufe, besonders die Lustabläufe im Sinne der 
Abschwächung beeinflußt, sicher dann, wenn ein (nicht immer bewußter) 
Einspruch des Über.Ichs vorliegt. Ein Patient, der das exhibitionistische 
Triebziel zu klagen erst ableugnete, gestand nach Aufarbeitung der latenten 
Befriedigungswege eines Tages, er merke, daß ihm das Klagen nicht mehr 
gelinge; sobald er damit beginne, höre er seine eigene Stimme und habe zu* 
gleich das Gefühl, etwas klinge dabei falsch. Der Lustgewinn wurde vielleicht 
eben durch die Vergegenständlichung, sicher aber dadurch verringert, daß 
der Patient sich selbst gegenüber in jene kritische Haltung gebracht wurde, 
die er etwa spontan einnahm, wenn ihm gleiche Triebtendenzen bei andern 
entgegentraten. Indem wir so durch Erfassung aller Verarbeitungen die ver. 
drängten Triebregungen auf breitester phänomenologischer und genetischer 
Grundlage der Deutung zuführen, bewußtmachen und vergegenständlichen, 
wird ebenso schrittweise der Lustcharakter der latenten Triebbefriedigungen 
abgeschwächt, der Kritik unterworfen, mit Unlust durchsetzt und schließlich 
völlig aufgehoben.» Man könnte sagen, daß sich in diesem Teil der Behandlung 
ungefähr Ähnliches abspielt wie bei den infantilen Triebkämpfen, nur in ent* 
gegengesetzter Richtung. Wurde dort der Trieb in seiner normalen Auße. 
rungsform, etwa aus Angst, bekämpft, bis er abnorme Wege einschlug und 
schließlich völlig verändert oder verdrängt wurde, verbauen wir hier schon 
durch unser analytisches Vorgehen (und nicht etwa durch besondere aktive 
Maßnahmen) der Triebregung alle pathogenen Wege; das Ich der Patienten 
wählt dann jene, die zur Gesundung führen. Diese analytische Konsequenz 

O Bei bestimmten Typen von Patienten tritt nicht selten eine solche unlustvolle Hern, 
rnuäs^voTSeÄauer auf. Die ursprünglichen ^f*^»™^™^ 
mehr möglich neue in ähnlicher Intensität aber haben sie noch nicht erworben, sei 
cheSn PaSen wfrd durch die verlängerte Zwischenphase etwas sichtbar wa, sich in 
jedem einzelnen Akt der Auflösung des Wiederholungszwanges vielleicht wemger^deutLch 
abspielt. French beschreibt ähnliche Vorgänge bei einer von ihm im Br ™ c * m * 
geteilten Analyse in sehr illustrativer Weise (vgl. diese Ztschr., dieses. Heft, S. 96 it..) 



Vers uch einer allgemeinen Theorie der Heilung 25 

mag, von besonderen Fällen abgesehen, nicht wenig dazu beitragen, den von 
der Macht des Wiederholungszwanges ausgehenden Widerstand zu über* 
winden. 

Auch hier reicht der Einfluß des Ichs auf das Es nur so weit, als er durch 
Verbauung der einen und Freimachung anderer Triebwege wirkt. Die thera* 
peutische Beeinflussung des Es auf dem Wege über das Ich ist immer nur 
eine indirekte; die eigentliche Änderung müssen die natürlichen Tendenzen 
des Es leisten. Allerdings darf man dabei weder die Macht des indirekten Ein* 
flusses unterschätzen, noch übersehen, daß es wahrscheinlich auch direktere 
Wirkungen auf das Es — etwa im Zusammenhang mit der Übertragung — 
gibt. Doch steht diese Wirkung außerhalb der im eigentlichen 
Sinne analytischen Therapie, wenn auch ihr Einfluß innerhalb der 
Analyse bisweilen groß genug sein mag. 

Die Erfahrung über die neuen Befriedigungswege erleichtert natürlich mit 
ihrer Lustprämie nicht minder die Umbahnung der Triebe, als die — aller* 
dings immer wieder auf Sachzusammenhänge sich gründende — partei* 
ergreifende Einstellung des Analytikers (u. a. durch die affektive Übernahme 
seiner toleranten Haltung ins Ich und Übersieh des Patienten). Das gehört 
aber in später zu besprechende Zusammenhänge. 

Fassen wir zusammen: Unter der Voraussetzung der Aufhebung der Ich* 
Widerstände, der Fixierungen, Regressionen usw. wirken die natürlichen 
Entwicklungstendenzen des Es spontan im Sinne der Heilung. Der Wieder* 
holungszwang stemmt sich ihnen entgegen und bedarf daher einer besonderen 
Bearbeitung zu seiner Überwindung. Die schrittweise Freilegung aller, be* 
sonders der affektiven Anteile des Verdrängten ermöglicht im Verein mit 
den verbauenden und den Lustablauf störenden Wirkungen des Durch* 
arbeitens die Umbahnung in die Richtung der Gesundheit. 

Die Umbahnung kann in verschiedenem Ausmaße erfolgen, partiell oder 
total. Im ersteren Fall würde nur eine Abschwächung der Triebbedürfnisse 
Zustandekommen, die dadurch der Beherrschung durch das Ich vielleicht zu* 
gänglicher wären. Im zweiten Fall würde die Triebregung ihre Energie an ihre 
Abkömmlinge oder andere Tendenzen gänzlich abgeben und damit aufhören, 
in ihrer ursprünglichen Form als selbständige Tendenz lebendig zu bleiben. 
Solche Veränderungen finden im Laufe der normalen Triebentwicklung wohl 
regelmäßig statt. Man muß annehmen, daß sie sich ebenso im Zusammen* 
hang mit einer analytischen Beeinflussung ereignen können. Freud hat 
neuerdings die Vermutung geäußert, daß auch verdrängte Regungen einer 
solchen Aufzehrung fähig sind. Unter welchen Bedingungen eine solche Um* 
bahnung der Triebenergien erfolgen kann, ist nicht klar zu erfassen. Der oben 
geschilderte indirekte Einfluß des Ichs im Sinne einer Verbauung gewisser 
Triebwege reicht zur Erklärung nicht hin: er kann, aber er muß nicht eine 
solche Umschleifung nach sich ziehen. Wahrscheinlich ist ein solcher Aus* 



gang auch von gewissen Faktoren im Es abhängig. In eine andere Richtung 
|ehf die Frage, ob solche totale Umbahnungen reversible oder «reversible 

F Wir S nehmen also an, daß totale Umbahnungen sowohl im Verlaufe der 
Normalentwicklung wie auch als Resultat einer therapeuti «^ ™£ 
nähme eintreten können. Die Triebaufzehrung als ^Veränderung hatte dann 
innerhalb einer allgemeinen Theorie der Heilung einen bedeutsamen Platz . 
Wenn man die totale Aufzehrung eines Triebes mit dem Begriff einet g* 
glückten Verdrängung gleichsetzen will, dann besteht Ae . H^*£^ 
fn der Aufhebung von mißlungenen, sondern auch in der Herst ^ llung von 
gelungenen Verdrängungen. Doch ist die Bezeichnung „Triebaufzehrung 
mehr geeignet, dem Umstand, daß es sich dem Begriff nach um eine reine 
Es.Veränderung handelt, Rechnung zu tragen WA ,w n An, 

Zum Schluß seien noch zwei Begriffe diskutiert, die m verschiedenen An* 
Sätzen zu einer Heilungstheorie eine mehr oder weniger hohe *««***£ 
fahren. Es handelt sich um die Begriffe der „Abreaktion und des söge, 
nannten „Triebdurchbruches". Es ist auffällig, wie oft Ausdrucke w* Ab* 
reaktion, affektives Erleben, Affekt, oder Triebdurchbruch als gkichbedeu. 
Lnd verwendet werden, was häufig zu gewissen Mißverstandnissen fuhrt 
Der Begriff der Abreaktion ist ein rein therapeutischer Begriff, und ist im 
Grunde ausschließlich ein Bestandteil der ^8^^^^^ vom 
thode. Die Abreaktionstheorie ist ein ergänzender Begriff zur Theorie vom 
eingeklemmten Affekt. Der eingeklemmte, das heißt jedes Abfuhrweges , be. 
raubte Affekt bedarf nebst der neuerlichen Herstellung der Abfuhrwege auch 
einer realen, einmaligen oder fraktionierten Abfuhr, weil er sonst als ,^remd 
körper" bestehen bleibt. Die Abfuhr muß also im Dienste der Heilung 
erfolgen. Die Abreaktionstherapie ist also - um in der m diesem Autsatz 
angewendeten Ausdrucksweise zu bleiben - eine Theorie der Veränderung 
TL als Grundlage einer Heilungstheorie. In der Theorie von den ^Abwehr, 
mechanismen und dem Widerstand hat die Katharsislehre keiner .Platz mehr 
wiewohl sie noch in den Begriffen der Stauung und Entstauung, d_h. Abfuhr 
eine gewisse aber doch nur scheinbare Fortsetzung finden mag- Der Begriff 
der Abreaktion ist also für eine analytische Heilung stheorie kaum ver. 
wendbar, da in der Normalisierung der Triebe und der Abfuhrwege (un 
weitesten Sinne des Wortes) das eigentliche wirksame therapeutische Agens 



Insoweit der Begriff des Triebdurchbruches ^™* h ™^f*f*Z 
Sinne der Abreaktion gebraucht wird, gilt von ihm das Gleiche. Der Trieb, 
durchbruch ist jedoch der weitere Begriff. 1. wird er mit einer Reihe von 
anderen Begriffin verknüpft, so mit den griffen .^ Durchart ^tens und 
affektiven Erinnerns. In diesem Zusammenhang wird der Triebdu chbruch 
zum therapeutischen Zwischenziel; er dient vor allem zur Herstellung de. 




Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 27 

Evidenz des unmittelbaren Selbsterlebens im Unterschied vom bloß reflexiven 
Selbstverstehen. Wo man aber den vollen Affektbetrag zur Erzeugung des 
affektiven Erlebens erreichen will, handelt es sich nicht mehr um eine Theorie 
der Es*, sondern um eine der Ich* Veränderung. 2. Schwieriger ist es, jene 
Auffassung des Triebdurchbruchs einzuordnen, die alle Affekt« und Libido* 
nester aufstöbern will, um den ganzen gebundenen Energiebetrag freizu* 
bekommen. Geschieht dies zum Zwecke der Abreaktion (keinen Fremdkörper 
zurücklassen), dann handelt es sich um eine Es* Veränderungstheorie im Sinne 
der Katharsislehre. Zielt aber das Aufstöbern auf die Aufhebung jeder 
Libidobindung, weil sonst die Verdrängung nicht total aufgehoben, das 
Durcharbeiten nicht vollständig geleistet wurde, dann liegt ebenfalls eine 
Tendenz zur Es* Veränderung vor, diesmal aber im Sinne der Auflösung des 
Wiederholungszwanges. 3. wird der Affektdurchbruch mit der Vorstellung 
verbunden, daß er geeignet sei, verwandte Affekte und Vorstellungskomplexe 
mitzureißen; diese Auffassung könnte man als Mobilisierungstheorie be* 
zeichnen. Sie spielt in einer Theorie der Heilung keine Rolle, wohl aber in 
der Theorie der Technik und zwar als Mittel zur Materialgewinnung. 
Ferenczis Methoden finden zum Teil hier ihren theoretischen Anschluß. 
Schließlich wird 4. der Triebdurchbruch nicht allein als Folge einer Ich*Ver* 
änderung oder als Mittel zur Herstellung der Erlebnisevidenz, sondern 
geradezu als Ursache einer Ich* Veränderung aufgefaßt. Die volle Intensität 
des Erlebens von Affekten, bezw. Trieben bewirkt danach nicht allein die 
Überzeugung von der Existenz derselben, sondern eine Art „Umstellung" 
des Ichs. Fenichel vermutet mit Recht, daß sich hier hinter der Theorie 
vom Affektdurchbruch ein Ableger der sogenannten Schocktherapie verbirgt: 
Die Erschütterung als Methode der Persönlichkeitsänderung. Sie spielt in 
magisch*rnasochistischen Phantasien gewisser Patienten über die Heilungs* 
Vorgänge in der Analyse eine Rolle, hat aber in der Theorie der Heilung 
keinen Platz. 

Der Begriff des Triebdurchbruchs deckt sich also, wie dieser Überblick 
zeigt, keineswegs mit dem ursprünglichen Begriff der Abreaktion. Sieht die 
Abreaktionstheorie im Abreagieren an sich einen Faktor der Heilung, so 
handelt es sich beim Begriff des Triebdurchbruchs teils um Einflüsse auf das 
Ich, teils um Veränderungen des Es, teils um rein technische Begriffe. Im 
allgemeinen läßt sich sagen: Wo in der Theorie des Heilungsvorganges der 
Hauptakzent auf der Analyse, bezw. Veränderung des Es ruht, besteht die 
Neigung, den Es*Durchbruch im Sinne der Abreaktion für einen wesent* 
liehen therapeutischen Vorgang zu halten. 

IL 
Wie steht es nun mit der Veränderbarkeit des Über*Ichs? Im allgemeinen 
werden in diesem Zusammenhang an das Über*Ich viele Ansprüche gestellt. 



28 : ^" ®ibring 

Seine archaische Strenge muß abgebaut werden oder sich mildern, seine große 
Spannung gegenüber dem Ich sich verringern, teilweise soll es mit dem Ich 
verschmelzen; seine liebevolle Einstellung, sein Verständnis und seine Nach, 
sieht sollen zunehmen; seine Funktion die Lebensbedingungen des Ichs und 
die Realität mehr berücksichtigen usw. Was gibt die Grundlage für diese 
Veränderungen, die vom Über.Ich.Aspekt aus das Ziel der Therapie bilden 

Die Beantwortung dieser Frage ist abhängig von der Natur der Vorstoß 
lungen, die man sich über die Entstehung und den Aufbau des Über.Ichs 
gemacht hat. Da das Über.Ich in seinem Kern das Produkt der konfkkt. 
vollsten Situationen der Kindheit ist, können wir die Frage nach der V er. 
änderbarkeit des Über.Ichs unter die Probleme der Analyse der Trieb, 
regungen einerseits, des abwehrenden Ichs andererseits einordnen. Wir 
können den Lösungsversuch, der zur Aufrichtung des archaischen Über.Ichs 
geführt hat, mit Hufe der analytischen Methoden stören, rückgangig machen 
und nach Herstellung neuer Bedingungen eine neue Lösung an seine Stelle 
setzen Die Änderung des Über.Ichs ist also eine Funktion sowohl von Ver. 
änderungen im Es als auch solchen im abwehrenden Ich Doch gibt , es eine 
gewiß weniger analytische, aber deshalb nicht weniger wirksame Möglichkeit 
der Beeinflussung des Über.Ichs; sie erfolgt im Zusammenhang mit der Über, 
tragung in Form einer unmittelbaren Neuaufrichtung oder bloßen Ver. 
Stärkung gewisser Anteile desselben. Sie geht dabei zum Ted die gleichen 
Wege wie in der Kindheit, nämlich die der Identifizierung mit dem Objekt, 
hier mit dem sicheren, toleranten, das reale Denken vertretenden Analytiker. 
Dieser qualitativen Veränderung des Über.Ichs kommt m. E. im Heilungs. 
Vorgang eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu, wenn man ihr auch 
nicht die Hauptwirkung zuschreiben möchte. 

Strachey, dem wir hier teilweise folgen, hebt richtig hervor, daß der 
Analytiker zunächst nicht als „parasitäres Über.Ich" wirkt, sondern daß der 
Patient ihn zur Außenweltrepräsentanz seines Über.Ichs macht, indem er 
ihm in regressiver Weise alle Über.Ich.Funktionen überträgt. Der Analy. 
tiker erhält damit auch die Rolle der allmächtigen, magisch begabten Auto, 
ritäten aus der Kindheit, die Schutz und Schrecken sein können. Dem l Ana. 
lytiker fallen je nach den Bedingungen abwechselnd zunächst beide Rollen 
zu. Dieser außerordentlich labilen Situation arbeitet das reale Verhalten des 
Analytikers entgegen, sowohl durch seine analytische Tätigkeit wie durch 
die Schaffung der sogenannten analytischen Atmosphäre. Ihr entspringt die 
anhaltende (wenn auch durch Ängste oft gestörte) Gewißheit des Patienten, 
daß die wohlwollencUverständnisvolle, jenseits von Verurteilung und Strafe 
sich orientierende Beziehung des Analytikers zu ihm in der Analyse niemals 
eine Unterbrechung erfahren wird; d. h. der Patient fühlt sich gegen den 
Objektverlust und Strafe gesichert, was immer sich in der Behandlung ab. 
spielen mag. 



Was sich auf diese Weise hergestellt hat, ist die sozialpsychologische Situa* 
tion zwischen Führer und Masse, die „Massenbildung zu zweit". Der liebende 
und geliebte Führer übernimmt die Funktionen der Vaterimago und des 
Über*Ichs und schaltet im Geführten zeitweise die Funktionen des eigenen 
Über*Ichs aus. Erst nach Herstellung dieser Situation kann das bisher herr* 
sehende Übersieh aus der infantilen Vorzeit den gleichen .Einwirkungen 
unterworfen werden wie etwa die Es*Regungen und die Abwehrmechanismen 
des Ichs, der Vergegenständlichung und genetischen Reduzierung und so* 
mit der Auflösung durch die analytische Tätigkeit. Allerdings ist diese Situa* 
tion sehr labil und der Patient an bestimmten Punkten der Analyse sofort 
geneigt, dem Analytiker die abgetretenen Funktionen zu entziehen. Es ist 
also hier nur ein vorläufiger Zustand geschaffen, der die Analyse zu fördern 
vermag, aber von der Heilung noch sehr entfernt ist. 

Die Frage, die sich hier erhebt, ist die, ob nicht aus der vorläufigen, auf 
die Analyse beschränkten Situation, in der der Analytiker ein Hilfs*Über* 
Ich, eine in der Außenwelt befindliche Über*Ich*Repräsentanz spielt, eine 
dauernde Institution wird, indem der Patient ein neues Übersieh nach dem 
Vorbild des Analytikers aufbaut und dadurch die Unabhängigkeit von der 
äußeren Konstellation und die Garantien einer konstanten Veränderung im 
Sinne der Heilung gewinnt. Es scheint vieles für eine Bejahung beider Fragen 
zu sprechen. Ob die Neuaufrichtung des Über*Ichs zunächst in Form des 
parasitären Übeivlchs erfolgt, das allmählich die Besetzungen des archaischen 
Über*Ichs auf sich zieht (Rado), oder ob sie in kleinsten Schritten bei 
Gelegenheit der in unzähligen einzelnen Akten vollzogenen Überprüfungen 
der aktualisierten infantilen Triebregungen an Stelle der jeweils aufgelösten 
phantastischen Triebrepräsentanzen erfolgt, wie Strachey es darstellt, 
können wir hier offen lassen. Doch möchte ich zwei Bemerkungen anfügen: 
Die Annahme, daß eine Neuaufrichtung eines reifen,, nicht phanta* 
stischen Über*Ichs nach dem Vorbild des Analytikers unbedingt notwendig 
sei, setzt scheinbar zu einseitig voraus, daß sich solche Elemente im Über* 
Ich des Neurotikers nicht finden, sondern nur phantastische. Die Bewußt* 
machung aller aktuellen und genetischen Faktoren deckt aber oft nicht nur 
Widersprüche zwischen Ich und Übersieh auf, sondern auch solche inner* 
halb des Über*Ichs, und zwar gerade solche zwischen einem archaischen und 
emem späteren, zwischen aggressiven und liebevolleren, verbietenden und be* 
jahenden, aber auch zwischen einem phantastischen und sehr wirklichkeits* 
resistenten Anteil desselben, die, bewußt gemacht, zu Auseinandersetzung und 
Ausgleich, bezw. zum Abbau der pathogenen Anteile führen. Ferner: die 
Aufrichtung des neuen Über*Ichs in der Psychoanalyse erfolgt wohl auf ana* 
löge Weise wie in der Kindheit; die ständige Auferlegung der notwendigen 
Versagung verlangt eine Loslösung vom Objekte, was zu einer allmählichen 
Verinnerlichung desselben führt. Im Gegensatz zu der Spannung, die das 



Verhältnis zu den Objekten vor Beginn der Latenzzeit beherrschte (glerch. 
gültig, ob sie vom Subjekt oder Objekt oder von beiden ausging), bleibt der 
Analytiker das sichere, unverlierbare Objekt, verstehend und ohne Haß, wenn 
auch ein konsequenter Vertreter des unausweichlichen Anspruchs der Rea. 
lität In diesen seinen Funktionen wird er - auf Grund der konstanten, aber 
vom Kranken gewürdigten Versagung - als innere Gestalt im Patienten aui. 
gerichtet. Aber da die Spannungen mit dem Objekt wegfallen, wird es schwer 
zu sagen, ob mehr das Ich oder mehr das Übersieh diese Gestaltung erfahrt. 
Ist es doch ein Stück der Heilung, daß die Grenze zwischen den beiden In* 
stanzen nicht mehr so scharf gezogen werden kann. 

Der Analytiker wird also auf dem Boden der Übertragung die Imago des; 

Vaters aus der Kindheit sowie die Repräsentanz des im Laufe der Entwick* 

lung mehr oder weniger verselbständigten Über.Ichs. Dazu kommt die Real. 

beziehung des Patienten zum Analytiker, der bestimmte Funktionen ausübt, 

die das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit beim Patienten auf kon. 

kreterer Basis entwickeln. Mit Hufe des durch die Übertragung dem Ana. 

lytiker verliehenen Einflusses gelingt die schrittweise Ausschaltung und Aui.; 

lösung des archaischen Über.Ichs des Patienten und die ebenso schrittweise 

Übernahme der (im Grunde bewußt oder unbewußt akzeptierten) Haltung 

des Analytikers. Die Frage, ob diese Übernahme im Über.Ich oder im ich 

des Patienten erfolgt, verliert mit Rücksicht auf die relative Annäherung oder 

Vereinheitlichung beider zumindest zum großen Teil ihre Bedeutung. Es mag 

überhaupt fraglich sein, ob die Identifizierung mit dem Analytiker eine solche 

Rolle spielt und ob er nicht bloß Tendenzen verstärkt, die - im Ich oder 

Übersieh des Patienten — mehr oder weniger latent vorhanden sind. 

Die Veränderungen des Über.Ichs im Sinne der Heilung erfolgen also, 
wenn wir von der provisorischen Einflußnahme mit Hilfe der Übertragung 
absehen, auf rein analytischem Wege durch die Aufzeigung der Wider. 
Sprüche in Struktur und Genese und die dadurch eingeleitete Auseinander. 

SC Dennoch möchte ich glauben, daß ein Teil der neuerworbenen Sicherheit 
des Ichs (ob sie nun über dasÜber.Ich oder direkt gewonnen wird) auf ge. 
wisse unmittelbare Einflüsse zurückzuführen ist und daß ihr eine nicht zu 
unterschätzende Rolle im Heilungsvorgang, zumindestens bei einer großen 
Zahl von Fällen zukommt. Ich meine, daß die Haltung des Analytikers und 
die so von ihm geschaffene analytische Atmosphäre im Grunde eine Real, 
korrektur der aus der Kindheit stammenden Ängste der Patienten vor 
Liebesverlust und Strafe bedeuten. Wenn auch diese Ängste nachher eine 
analytische Auflösung erfahren, so möchte ich dennoch glauben daß das 
Erlebnis der Gewißheit von der Unverlierbarkeit der Zuwendung des Ana. 
lytikers eine unmittelbare Festigung des Gefühls der Sicherheit bewirkt 
dessen Erwerbung oder Befestigung in der Kindheit vielleicht aus Mangel 



Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 31 



an solchem Erlebnis nicht gelang. Allerdings ist eine solche unmittelbare 
Festigung nur im Zusammenhang des analytischen Verfahrens von dauern* 
dem Wert, wenn sie auch selbst eigentlich außerhalb der analytischen The* 
rapie liegt. 

Die natürlichen Heilkräfte, die beim Zustandekommen der Veränderungen 
des Über*Ichs mitwirken, sind entsprechend den Ausführungen über die 
Auflösung des Über*Ichs als Triebschicksal und Ich*Abwehrvorgang die 
gleichen, die im Es, bezw. im Ich wirksam sind. Es sei daher auf die ent* 
sprechenden Abschnitte verwiesen. Der unmittelbaren Modifikation des 
Über*Ichs, die oben als eine der Grundlagen für die dauernde Abänderung 
dargestellt wurde, ist wohl jeder Mensch, wenn auch im verschiedenen Grade 
fähig; sie gründet sich auf verschiedene Faktoren, vor allem auf die bei aller 
Stärke vielfach doch unsichere Stellung des Über*Ichs innerhalb des see* 
lischen Gefüges, insbesondere beim kranken Menschen. Die in der Tiefe 
der Menschen unverändert lebendige Auflehnung gegen die Einengungen 
der Kindheit, bezw. der Kultur, die im Übersieh ihren Niederschlag ge* 
funden haben, treibt ebenso wie die Angst vor den strafenden Schicksal* 
mächten innerhalb und außerhalb der eigenen Person das Ich dazu, sein 
Gewissen außerhalb seines Verantwortungsbereiches zu verankern. Wie 
Freud gezeigt hat, ist das eine der Grundlagen der Situation Führer*Masse. 
Wir wissen, daß die Veränderungen des Über*Ichs bei gewissen 
Kranken schwer zu erreichen sind. Gerade der Umstand, daß das Übersieh 
mit der gleichen Hartnäckigkeit und (relativen) Unablenkbarkeit wie die 
biologisch bekannten Triebe die Erfüllung zu fordern schien, gab mit 
Anlaß zu den bedeutsamen Erweiterungen der Theorie. Es scheint, daß ge* 
rade bei der Modifikation des Über*Ichs die Macht resistenter Kräfte am 
stärksten zu sein vermag. Wie weit quantitative Faktoren hier eine Rolle 
spielen, ist schwer zu beurteilen. Ein großes Schuldgefühl, zu große Straf* 
angst, vor allem aber zu große, über das Übersieh abgeleitete Aggression, die 
sich sonst gegen die Außenwelt wenden würde, können es dem Ich ver* 
wehren, den einmal gefundenen, wenn auch pathogenen Ausgleich irgendwie 
aufzugeben oder auch nur für eine Zeit zu suspendieren. Es ist aber vielleicht 
auch zu bedenken, daß gerade in der Beziehung zwischen Übersieh und Ich 
alle Instanzen ein Maß von Befriedigung erfahren können, das einem ge* 
schlossenen System gleichkommt, welches zu erschüttern nur unter Schwierig* 
keiten oder vielleicht auch gar nicht gelingen mag. 

III. 

Wir wollen uns jetzt der Frage nach der Veränderbarkeit des Ichs zu* 
wenden. Das Ich ist die eigentliche Stätte der Behandlung und die eigentliche 
Stätte der Heilung. Wir erreichen nichts ohne die Hilfe des Ichs und nichts 
ohne eine Änderung desselben. Damit ist keine Stellung für die Ich*Analyse 



32 E. Bibring 



und gegen die Es*Analyse bezogen. Die Alternative, wie sie sich in der Frage 
findet, ob die Heilung in einer Erziehung der Triebe oder in einer Erziehung 
des Ichs besteht, 4 wird durch den Tatbestand widerlegt. Eine Analyse des 
Ichs allein würde nicht nur, wie Anna Freud ausführt, ein falsches Bild 
ergeben; gerade im Hinblick auf das Problem der Heilung muß gesagt wer* 
den, daß eine Analyse des Ichs ohne eine Analyse des Es ebenso resultatlos 
bleiben müßte wie eine Analyse des Es ohne eine Analyse des Ichs. (Eine 
andere Frage ist die, wie bei solchen unvollständigen Analysen trotzdem 
Veränderungen zustande kommen.) 6 Welcher Teil des Ichs soll geändert wer* 
den? Natürlich nicht jener Bereich des Ichs, der dem System Bw angehört, 
wohl aber jener, der Bestandteil des Systems Ubw und das eigentliche Objekt 
der Behandlung ist. Es sind also zwei Anteile des Ichs, die wir einander 
gegenüberstellen: die Verarbeitungsweisen des bewußten, einheitlichen, ver* 
nünfügen Ichs dem unbewußten, abwehrenden Ich und seinen Mechanismen. 
Wir haben im Hinblick auf das Ich zunächst das therapeutische Ziel, es zur 
Milderung seiner Abwehrstellung und zur Modifikation der Abwehrmecha- 
nismen zu bewegen. Da die Abwehrhaltung durch die Angst des Ichs vop 
den Gefahren der Außenwelt und der beiden psychischen Instanzen mobili* 
siert wird, ist ein Aufgeben der Abwehrmechanismen ohne eine Auflösung 
der Angst nicht möglich. Also: Auflösung der Angst; erhöhte Toleranz gegen 
Affekte und Triebe, erhöhte Sicherheit gegenüber Übersieh und Außenwelt; 
Wegfall der pathogenen Abwehrmechanismen, und schließlich die Wieder* 
Herstellung des natürlichen Reichtums der Verarbeitungsweisen des be* 
wußten Ichs und seiner freien Verfügungsfähigkeit über dieselben — das 
sind die angestrebten Resultate einer therapeutischen Einwirkung auf das Ich. 
Die Frage lautet also: Wie und warum sind diese Veränderungen möglich? 
Wir können die Antwort gleich vorwegnehmen: Durch analytische und päd* 
agogische Beeinflussung des Ichs, die sich auch hier auf gewisse natürliche 
Heilfaktoren stützen kann. 

Durch das Bewußtmachen der unbewußten Ich*Reaktionen wird der ab* 
wehrende Teil des Ichs zum Gegenstand des beobachtenden, bewußten Ichs 
gemacht. Das Bewußtmachen der Abwehrformen führt zunächst dazu, den 
Weg für weniger entstellte Triebabkömmlinge und die Affekte freizumachen. 
Erst°mit der ergänzenden Bewußtmachung der abgewehrten Trieb* und 
Affektregungen ist die volle aktuelle Konfliktsituation hergestellt. Das 
beobachtende und beurteilende Ich ist nun dem gesamten Abwehrkonflikt 
gegenübergestellt und so genötigt, sich mit den bewußt gemachten Trieb* 
beziehungsweise Affektregungen auf der einen Seite, den bewußtgemachten 

4) Vgl. Ferenczi und Rank: Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Int. Psa. Verl., 

Wien, 1924. , „ „ ± T ' ,•■■•** 

5) Vgl. dazu die Arbeit von Ed. Glo v e r: The Effects of Inexact Interpretation. Int. 

Journal of PsA., Bd. XIII, 1931. 




Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 33 

Abwehrmechanismen auf der anderen Seite auseinanderzusetzen. Die fort» 
schreitende Vergegenständlichung erfolgt jedoch nicht allein dadurch, daß 
wir die unbewußten Anteile des Ichs und ebenso die des Es bewußt machen, 
sondern wir lösen diese Anteile, soweit sie als bestimmte Verhaltungsweise 
ins Bewußtsein ragen, aus den bisherigen Zusammenhängen heraus (und 
reihen sie in die bisher unbewußten Sinnzusammenhänge ein. Das zieht not» 
wendigerweise eine veränderte Stellung des bewußten Ichs zu seinem bisher 
mißverständlich eingeordneten und aufgefaßten Verhalten nach sich. Es ist 
klar, daß die konkreten Vorgänge in der Therapie sich komplizierter ab* 
abspielen, als das eben gegebene Schema es zeichnet. Das Oszillieren zwi* 
sehen Distanzierung und Reassimilierung auf der alten Basis, das Auftauchen 
neuer versteckter Abwehrformen, das unsichere Bündnis mit dem Ich usw. 
machen auch hier ein Durcharbeiten notwendig. Auch hier wird es Aufgabe 
des Analytikers sein, zunächst alle höheren Abwehrvorgänge auf breitester 
Grundlage phänomenologisch und genetisch durchzuarbeiten, um schließ* 
lieh (oft parallel mit einer direkten pädagogischen Einflußnahme auf das 
Ich) durch Auflösung aller Verarbeitungsformen, Umbildungen, Assimilier 
rungen an jeweilige Entwicklungsstufen alle pathogen wichtigen Abwehr* 
Situationen — sowohl die aktuellen als auch die vergangenen und schließlich 
die infantilen — in ihrem ursprünglichen Charakter wieder herzustellen und 
sie gleichzeitig damit einer neuen Verarbeitung durch das bewußte Ich zuzu* 
führen. 6 Damit erweitert das bewußte Ich seinen Machtbereich über Teile 
des Es, die bisher unzugänglich waren, und unterwirft sie seiner ordnenden 
und eingliedernden Tätigkeit. 

Wie ist nun die Auflösung der Angst, die Lockerung der Abwehr und die 
Ersetzung der pathogenen Abwehrmechanismen durch adäquatere Verarbei* 
tungsweisen möglich? 

Die Auflösung der Abwehrmechanismen erfolgt aus verschiedenen Grün* 
den: 1. wenn das in der Kindheit Abgewehrte für das Ich entwertet ist; die 
Abwehr wird dann überflüssig; 2. wenn das bisher Abgewehrte akzeptiert 
wird (ebenfalls überflüssigwerden der Abwehr, z. B. bei genitalen Stre* 
bungen); 3. wenn die Abwehr als unzweckmäßig erkannt wurde, z. B. Pro* 
jektion von Trieben und Affekten, Bekämpfung der eigenen Triebe in der 
Außenwelt, Verdrängung , Verleugnung, Regression usw.; 4. wenn die Ab* 

6) Vgl. R. S t e r b a: Das Schicksal des Ichs im therapeutischen Verfahren. Int. Ztschr. f. 
- j 7 o XX ' 1934 ' ~ Wenn > was heute schon als wahrscheinlich gelten kann, erwiesen sein 
wird, daß es nicht allein eine analytisch faßbare Geschichte der Abwehrkämpfe des Ichs 
gegen seine drei Gefahren gibt, sondern daß für spezielle Lebensalter spezifische Abwehr? 
formen typisch sind, daß es also eine entwicklungsgeschichtliche Reihenfolge von Abwehr* 
mechanismen gibt, wahrscheinlich neben einer Reihe von anderen, in allen Zeitphasen in 
gleicher Weise vorhandenen Verarbeitungsformen, dann kann man sich die Ichentwicklung 
zumindest in dieser Hinsicht analog der Triebentwicklung denken und sich die Möglichkeit 
von Fixierungen bestimmter Abwehrformen, von Regressionen auf alte, von Überlage» 
rungen oder Verarbeitungen früherer oder späterer Abwehrmethoden vorstellen. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/1 3 



34 E. Bibring 



wehrform selbst aus irgendwelchen anderen Motiven vom Ich abgelehnt wird 
(z. B. primitive Abwehrformen). Das gleiche gilt, wenn die Abwehrform 
selbst genetisch aufgelöst, d. h. auf Widersprochenes, Entwertetes reduziert 

wird. 

Der Angstabbau des Ichs erfolgt analytisch durch Bewußtmachung der 
aktuellen und infantilen Angstquellen und Aufweisung ihres irrealen Cha* 
rakters durch die Gegenüberstellung der infantilen und aktuellen, subjektiven 
und objektiven Bedingungen. Er erfolgt pädagogisch 1., weil die Rolle des 
Analytikers als schützende Autorität, als Quelle der Sicherheit und Trager 
der Verantwortung die Angstverringerung fördert, 2. infolge des Wegfallens 
der Strafangst im Zusammenhang mit der Übertragung, 3. infolge des direkten . ? 
Appells an die Vernunft, die Erfahrung, die Moral usw. 

Bei diesen Bemühungen der analytischen Therapie helfen uns gewisse 
Kräfte, denen wir unsere Aufmerksamkeit nun zuwenden wollen. Hier kommt 
etwa der Heilungswille des Patienten in Betracht als die Ablehnung der 
Krankheit und ihrer Ursachen durch das intaktgebliebene Ich. Der Ge* 
sundungswille enthält zwar irrationale und rationale Bestandteile, die wir, 
beide im Dienst der Behandlung verwenden, um allmählich im Laufe der* 
selben die irrationalen aufzulösen (Nunberg). Die natürlichen Heilkräfte, 
die ihm zugrundeliegen, sind die selbsterhaltenden Tendenzen des Ichs. 

Die eigentliche Heilkraft des Ichs liegt in seiner synthetischen Funktion, 
also jener ordnenden und ausgleichenden, vereinheitlichenden, zentralen 
Funktion, die die Tätigkeitsweisen des bewußten Ichs auszeichnet. Damit 
ist aber auch die aktive Tendenz des Ichs gemeint, sich nicht allein in seiner 
ihm eigenen Gesetzmäßigkeit zu behaupten, sondern auch seinen Geltungs* 
bereich auszudehnen und seine Einstellungen und Verarbeitungsweisen 
gegenüber dem Ichfremden durchzusetzen, „sich die Außenwelt ebenso wie 
die ichfremden Instanzen in der eigenen Person in organischem Wachstum 
zu assimilieren." (R. Wälder.) Diese aktiven Integrations* und Assimila* 
tionstendenzen des Ichs sind wohl die wichtigste Grundlage für die Heilung 
überhaupt. Wir können sie als gegeben voraussetzen, brauchen sie weder her* 
vorzurufen noch zu ändern. 

Es ist die gleiche Aktivität, die sich in den unbewußten Abwehrmecha* 
nismen ebenso auswirkt wie beim reduzierten Zustand des Ichs im Traum, in 
dem es das Traummaterial der zensurierenden Funktion und der sekundären 
Bearbeitung unterwirft. Diese assimilierende Tendenz des Ichs ist also nicht 
allein als Heilkraft tätig, sondern vor allem auch als hemmende Tendenz, die 
sich dem Verfahren und damit der Heilung zunächst widersetzt. Die Ab* 
wehrmechanismen entspringen ja ebenfalls der assimilierenden Dynamik des 
Ichs, wenn sie auch eher als mißlungene Versuche dieses eingliedernden 
Streben« anzusehen sind. Soweit die Resultate dieser inadäquaten Abwehr* 
versuche ins Bewußtsein ragen, unterliegen sie einer weiteren Verarbeitung, 



Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 35 



werden in verschiedene Zusammenhänge hineingestellt usw. Gerade die Auf* 
lösung dieser Verarbeitungen wirkt ebenso wie die Auflockerung der unbe* 
wußten Abwehrformen zunächst der integrierenden Kraft des Ichs entgegen 
und ruft seinen ganzen Widerstand hervor. Anna Freud hat auf diesen 
Unterschied zwischen den in der Richtung der Heilung arbeitenden Ten* 
denzen des Es und dem gegen die Bewußtmachung der Abwehr sich 
sträubenden Ich anschaulich hingewiesen. 

Aber die stetige Bewußtmachung der unbewußten Anteile des Abwehr* 
korsflikts mobilisiert die synthetische Funktion noch in einer anderen Rieh* 
tung. Diese Funktion macht sich nicht allein bei der Assimilierung der be* 
wüßt gemachten Es*Anteile geltend, sondern schon bei der Distanzierung 
der Abwehrformen und der abgewehrten Inhalte. Alle bewußt gemachten 
Affekte, Abwehrformen oder Triebregungen, die von seiten des Ichs oder 
Über*Ichs einen Widerspruch erfahren, werden in einem gewissen Sinne als 
etwas Ichfremdes empfunden. Durch die Bewußtmachung wird bewirkt, daß 
die Lösung, die bisher getroffen war und sich infolge ihres unbewußten 
Charakters erhalten konnte, nun auch den zentralen Zielen und Einstellungen 
des bewußten Ichs entsprechen muß; soweit sie das nicht tut, entsteht zwi*- 
sehen dem zentralgesteuerten bewußten Ich und den bewußt gemachten An* 
teilen des Konflikts eine Spannung, die, da das Bewußthaben durch die 
fortgesetzte analytische Tätigkeit aufrecht erhalten wird, nicht mehr zur Ab* 
stoßung aus dem Bereich des Ichs führt, sondern zu einer Preisgabe der bis* 
herigen Erledigungsformen und der Suche nach neuen, dem zentralen Ich 
adäquaten Lösungen, schließlich zu deren Befestigung. Die synthetische 
Funktion liegt also in einem gewissen Sinn der Vergegenständlichung der 
widersprochenen Anteile ebenso zugrunde wie der Assimilierung der ent* 
sprechend abgeänderten, dem Einspruch nicht mehr ausgesetzten Trieb* 
regungen mit Hilfe neuer Lösungsformen. 

Allerdings leistet die synthetische Funktion nicht alles, insbesondere in 
den ersten Phasen der Analyse nicht. Die Vorgänge des analytischen Ver* 
fahrens im engeren Sinne des Wortes sind durchsetzt von pädagogischen 
Einflüssen, die der Angstberuhigung, der Ermäßigung der Abwehr, der 
Stärkung des vernünftigen Ichs usw. dienen. Alle diese Einwirkungen machen 
nicht den eigentlichen analytischen Vorgang aus, tragen durchaus vorläufigen 
Charakter und sind bestimmt, durch die Resultate der eigentlich analytischen 
Maßnahmen ersetzt zu werden. Die analytische Therapie stützt sich, wie 
schon Nunberg hervorgehoben hat, in ihrem Beginn und ersten Verlauf 
teilweise auf ganz andere seelische Kräfte als jene, mit denen wir die 
Analyse später führen und auf denen sich die erreichten Resultate aufbauen. 
Zweifellos bleibt aber ein Rest dieser pädagogischen Einwirkungen in direkter 
Weise erhalten und trägt so praktisch zur Erreichung der analytischen Re* 
sultate bei. ' 



3* 



36 E. Bibring: Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 

Welche Einstellung im Patienten macht diesen kontinuierlichen pädago* 
gischen Appell in der Analyse möglich? Abgesehen von den Übertragungs* 
faktoren, deren Erörterung wir hier übergehen können, kommt ihm vor allem 
eine gleichfalls als natürliche Heilungstendenz zu bewertende Einstellung ent* 
gegen, die man mehr bildlich als begrifflich als „biologische Vernunft" oder 
als „biologisches Denken" bezeichnen könnte, worunter natürlich nicht 
intellektuelle Prozesse zu verstehen sind, sondern bestimmte, im Grunde 
allen Menschen gemeinsame Ziele. Hierher gehören die Neigung, den An* 
spruch der Realität anzuerkennen, der Sinn für Erfahrung, der Sinn für 
Zweckmäßigkeit, die höhere Bewertung der objektlibidinösen gegenüber 
anders gerichteten Libidobeziehungen usw. Trotz allen Unterschieden zwi* 
sehen den individuellen Persönlichkeiten ist diese „Logik" der biologischen 
„Instinkte" ihnen allen in mehr oder weniger großem Umfang, in mehr 
oder weniger latenter Form gemeinsam. Vielleicht kann man allgemein sagen, 
daß die natürlichen Heilkräfte, die im Ich und Übersieh wirksam sind, in 
dieser biologischen Vernunft ihre Quelle haben. 

In allen Ansätzen zu einer Theorie der Heilung spielt der Begriff der Ich* 
stärke eine konstante Rolle, ein Relationsbegriff, der das Kräfteverhältnis 
vor allem zwischen dem Ich und den Es*Regungen (aber auch jenes zwischen 
dem Ich und dem Übersieh, beziehungsweise der Außenwelt) mißt. Es ist 
nicht leicht, den Begriff der Ichstärke näher zu bestimmen. Das starke Ich 
folgt bei der Lösung der oft widersprechenden Aufgaben in dominanter 
Weise seinen eigenen Zielen und Bedingungen. Jedenfalls ist das starke Ich 
im Unterschiede vom schwachen Ich durch ein bestimmtes Verhalten im 
Momente der Gefahr ausgezeichnet. Es ist nicht allein imstande, herein* 
brechende Reizmengen zu binden, das heißt Gegenbesetzungen vorzunehmen, 
sondern auch zweifellos fähig, die Besetzung gewisser wichtiger Funktionen 
im Augenblicke der (äußeren) Gefahr zu erhöhen, so etwa die Wahr* 
nehmungsfunktion, die Realitätsprüfung, die kritische Urteilsfunktion usw. 
Zugleich wird der motorische Apparat angespannt, die möglichen Lösungs* 
versuche abwechselnd überprüft usw. 

Das Ich des Kranken, das hauptsächlich Gegenstand des therapeutischen 
Einflusses der Analyse ist, ist nun das schwache Ich, das in der Kindheit den 
drohenden Gefahren erlegen ist, während die Stärke des von der Krankheit 
verschont gebliebenen Ichs als unterstützender Heilfaktor in Betracht 
kommen mag. Dieser Teil erfährt durch die Wirkungen der Analyse eine 
fortlaufende Verstärkung. Das Ich ist offenbar besser imstande, den Ge* 
fahrensituationen zu begegnen, wenn es in sich einheitlich, also unwider* 
sprechen ist. Indem wir schrittweise dem Ich seine Einheitlichkeit wieder* 
geben, steigern wir seine Fähigkeiten, sich der von seinen drei Abhängigkeits* 
bereieben drohenden Gefahren in adäquater Weise zu erwehren. 



Otto Fenichel: Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 37 

Ich habe versucht, nach einer kurzen Analyse des entsprechenden Anteils 
des Verfahrens die Änderungen, die wir von seiner Wirksamkeit erwarten, 
zu besprechen und schließlich nach den natürlichen Heilungstendenzen zu 
fragen, die den analytischen Bemühungen entgegenkommen. Da es im Inter* 
esse der schärferen Abhebung empfehlenswert schien, die Veränderbarkeiten 
der drei psychischen Instanzen besonders zu untersuchen, ergaben sich viel* 
leicht Einseitigkeiten der Darstellung, die keineswegs Einseitigkeiten der Auf* 
fassung sein wollen. 

Es war von vornherein nicht beabsichtigt, mehr zu leisten, als jene be* 
kannten Tatsachen und Annahmen zusammenzustellen, die die Grundlage 
für eine allgemeine Theorie der Heilung abzugeben geeignet sind. Es ist ohne* 
weiters klar, daß ein solches Unternehmen bis zu einem gewissen Grade 
unzulänglich bleiben mußte. Fast jeder der angeführten Punkte hätte auf eine 
breitere und gründlichere Darstellung Anspruch. 



Die Wirksamkeit 
der psychoanalytischen Therapie 

Von 

Otto Fenichel 

Prag 

In einer kurzen Diskussionsbemerkung kann man nur versuchen, in 
schematischer Weise das Prinzipielle zu klären: 

Die Neurose ist eine vom Ich ungewollte Dennoch*Abfuhr gestauter Trieb* 
energien.^Bei den uns interessierenden Fällen, den Psychoneurosen, ist diese 
Stauung /durch eine chronische Triebabwehr des Ichs entstanden. Da wir 
therapeutisch nur am Ich eingreifen können, gibt es prinzipiell zwei Möglich* 
keiten eines solchen Eingriffs. Man kann versuchen, das Ich in dem Sinne 
zu stärken, daß es seine Triebabwehr erfolgreicher durchführt. Oder man 
kann das Ich veranlassen, die Triebabwehr einzustellen oder durch eine 
zweckmäßigere zu ersetzen. Ich brauche nicht auszuführen, daß der erste 
Weg zwar gelegentlich innerhalb einer psychoanalytischen Kur beschritten 
wird, daß aber prinzipiell die analytische Therapie auf die zweite 
Weise arbeitet. So haben wir zwei Fragen zu beantworten: Erstens, durch 
welche Mittel wird das Ich zur Einstellung oder Modifikation der Trieb* 
abwehr bewogen? Zweitens, wie sollen wir uns dynamisch*ökonomisch die 
Veränderungen, die nach Einstellung oder Modifikation der Triebabwehr 
eintreten, erklären? 

Das Motiv der unzweckmäßigen Triebabwehr ist letzten Endes immer die 
Einschätzung der Trieberregung als Gefahr, die Angst vor der Unlust, die 



38 Otto Fenichel 






käme, wenn man seinen Trieben nachgäbe. Ob diese Gefahr von der Außen* 
weit droht oder schon introjiziert ist, ist im Prinzip Nebensache. Deshalb 
konnte Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" das „Festhalten in* 
adäquater Angstinhalte" über ihre physiologische Zeit hinaus als das Wesent* 
liehe an der Neurose kennzeichnen. Das Festhalten des Glaubens an eine 
objektiv nicht vorhandene Gefahr aber ist wieder die Folge der in der Kind* 
heit unter dem Einfluß dieser Angst vollzogenen Triebabwehr. Mit dem 
abgewehrten Triebanteile ist auch die Angst, die zur Abwehr geführt hat, 
unbewußt geworden und hat den Zusammenhang mit der Gesamtpersön* 
lichkeit verloren. Sie macht die Entwicklung des übrigen Ichs nicht mehr mit 
und wird durch spätere Erfahrungen nicht korrigiert. 

Die Aufgabe besteht also darin, durch Gegenbesetzungen des Ichs vom 
Bewußtsein und der Gesamtpersönlichkeit ferngehaltene Inhalte — sowohl 
Triebanteile als auch unbewußte Angstvorstellungen des Ichs — dem be* 
wußten Ich wieder anzuschließen, die Wirksamkeit der Gegenbesetzungen 
auszuschalten. 

Dies wird durch den Umstand möglich, daß die abgewehrten Triebanteile 
Abkömmlinge produzieren. Schließen wir durch die Grundregel Ziel* 
Vorstellungen des Ichs möglichst aus, so treten diese Abkömmlinge, die in 
den Impulsen des Menschen immer enthalten sind, noch deutlicher in Er* 
scheinung. Jede Deutung, sowohl die eines Widerstandes als auch die einer 
Es*Regung, besteht darin, dem urteilenden Teile des Ichs einen Abkömm* 
ling als solchen zu demonstrieren. Benennung unbewußter Anteile, die noch 
nicht durch einen vorbewußten Abkömmling repräsentiert sind, der durch 
bloße Aufmerksamkeitszuwendung als solcher vom Patienten erkannt wer* 
den kann, ist keine Deutung. Wir arbeiten an keinem Phantom „Ubw", 
sondern an einer vbw Realität. Ich versuche in meiner Arbeit „Zur Theorie 
der Technik" 1 zu zeigen, wie die Demonstration: daß der Patient abwehre, 
wie er abwehre, warum er so abwehre, wie er es tut, und wogegen sich die 
Abwehr richtet, als eine Erziehung des Ichs zur Toleranz immer unent* 
stellterer Abkömmlinge wirken muß. Im praktisch belangvollsten Beispiele 
der Deutung, der Deutung des Übertragungswiderstandes, hat S t e r b a ge* 
zeigt, wie dies durch eine Art Spaltung des Ichs in einen vernünftigen beur* 
teilenden und einen erlebenden Teil des Ichs geschieht, wobei jener diesen 
als gegenwärtig nicht angezeigt und aus der Vergangenheit stammend agno* 
sziert. 2 Dadurch tritt relativer Angstabbau, dadurch die Produktion weiterer 
und unentstellterer Abkömmlinge ein. (Es ist zu untersuchen, wodurch sich 
diese von uns gewünschte „Ich*Spaltung" und „Selbstbeobachtung" von der 

Fenichel: Zur Theorie der psychoanalytischen Technik. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XXI, 1935. 

2) Sterba: Zur Dynamik der Bewältigung des Übertragungswiderstandes. Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. XV, 1929. ' 




Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 39 




pathologischen Spaltung und Selbstbeobachtung unterscheidet, die auf Ein* 
haltung von Isolierungen gerichtet ist und die Produktion von Abkömm* 
lingen gerade verhindert.) Dies geschieht mit Ausnutzung der positiven 
Übertragung und passagerer Identifizierungen mit dem Analytiker. 

Einzelne technische fundamentale Regeln, wie „Die Analyse geht immer 
von der jeweiligen Oberfläche aus", „Widerstandsdeutung geht vor Inhalts* 
deutung" u. dgl., ergeben sich daraus von selbst. Deshalb darf ich mir auch 
erlauben, so wichtige Fragen, wie „Widerstandsdeutung und Inhaltsdeutung", 
„Ich*Analyse und Es*Analyse", an dieser Stelle, wo ich mich auf das 
Prinzipielle beschränken muß, zu übergehen. Auch die Ausschaltung von 
unbewußten Widerständen geschieht durch Demonstration ihrer bewußten 
Abkömmlinge und Erscheinungsformen, auch die an der richtigen Stelle er* 
folgende Benennung von „dem toleranteren Ich schon bemerkbar gewor* 
denen" abgewehrten Es*Regungen schaltet Abwehrtätigkeit des Ichs aus. Die 
„analytische Atmosphäre", die den Patienten davon überzeugt, daß er bei 
Duldung sonst abgewehrter Regungen nichts zu befürchten habe, scheint 
dabei nicht nur eine Voraussetzung für jede Übertragungsdeutung (denn 
würde der Analytiker irgendwie mitagieren, könnte der Umstand, daß die 
Gefühle des Patienten aus der Vergangenheit determiniert sind, nicht demon* 
striert werden), sondern ein wichtiges Mittel, das Ich zu überreden, sonst 
Abgewehrtes probeweise zuzulassen. Die Befürchtung Kaisers, dies könnte 
zu einer Isolierung der Analyse vom wirklichen Leben führen, indem der 
Patient empfindet, hier spiele er seine Impulse nur, im Leben, wo sie ernsÜ 
seien, müsse er sie weiter abwehren, 3 scheint mir zwar gelegentlich begründet 
(dann muß man diesen Widerstand analysieren), aber nicht ausreichend, um 
die Vorteile der „Toleranz"*Atmosphäre in den Wind zu schlagen. Die 
„Aktion", die eine Konfrontierung mit dem Ich erschwert, scheint mir des* 
halb, obwohl sie dem Analytiker oft so wesentliche Einblicke ermöglicht, 
prinzipiell, da sie nur Gegenwart ist und dem Patienten nicht sein Beherrscht* 
werden durch die Vergangenheit zu Bewußtsein kommen läßt, eine analoge 
Gefahr wie das entgegengesetzte „theoretische Analysieren", das über Ver* 
gangenheit spricht, ohne zu merken, daß sie noch gegenwärtig ist. 

Freud sagte, wir bewegten in der Analyse das Ich durch alle Mittel der 
Suggestion, in der Produktion von Abwehrmechanismen nachzulassen.* In 
der Praxis bleibt das sicher auch heute richtig, und die Ausnutzung der 
Übertragung in diesem Sinne ist ja nichts anderes als Suggestion. Dennoch 
muß man sagen, daß man die gewünschte Einwirkung auf das Ich um so nach* 
haltiger und wirksamer erreicht, als es gelingt, auch zur Ausschaltung von 
Widerständen kein anderes Mittel zu benutzen als die Konfrontierung des 

3) Kaiser: Probleme der Technik. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 

4) Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. VII, 
S. 464. 



vernünftigen Ichs mit Tatsache und Entstehungsgeschichte seiner Widern 
Standsformen, die ihm mit' der Erkenntnis ihres unbewußten Anteiles auch 
ihr Überflüssigwerden bedingt. Passager kommt dabei praktisch natürlich 
auch ein „Einschleichen des Analytikers in das Übersieh des Patienten", 
wie es in der Hypnose stattfindet und wie es Strachey auch für die analy* 
tische Therapie für charakteristisch hält, 6 vor, aber auch alle die von 
Glover untersuchten „Wirkungsweisen der unexakten Deutung", 6 d. h. der 
Möglichkeit, in Übertragungsaktionen oder anderen durch die Kur ermög* 
lichten Erscheinungen Ersatzabfuhren für schwindende neurotische Ab* 
fuhren zu erzielen. 

Gelingt es auf solche Weise, die pathogene Abwehrtätigkeit des Ichs aus* 
zuschalten, — was ist die Folge? Da Neurotiker Menschen sind, die In ihrem 
unbewußten Triebleben entweder auf kindlicher Stufe stehen geblieben oder 
auf solche regrediert sind, also Menschen, deren Sexualität (oder Aggression) 
infantile Formen behalten hat, so könnte man theoretisch Perversionen als 
das Resultat einer solchen Therapie erwarten; Anna Freud meint auch, 
daß tatsächlich bei Kindern die analytische Beeinflussung mit einer pädago* 
gischen verbunden werden müsse, weil sonst die Aufhebung etwa einer 
gegen die Analerotik gerichteten Verdrängung zum Kotschmieren führen 
könnte.' Sie meint auch', daß bei manchen Erwachsenen, die aus Angst vor 
der Triebquantität abgewehrt haben, die Aufhebung der Abwehr zum Durch* 
bruch dieser Quantität und zur Überrumpelung der ganzen Ich*Struktur 
führt. 8 

Wir meinen, daß die Praxis uns zeigt, daß eine solche Gefahr nicht vor* 
liegt. Die abgewehrten Triebanteile haben ja nur deshalb ihren infantilen 
Charakter beibehalten, weil sie abgewehrt worden waren und dadurch den 
Zusammenhang mit der Gesamtpersönlichkeit verloren hatten. Diese hat sich 
inzwischen weiter entwickelt. Findet die im Abwehrkampf gebunden ge* 
wesene Energie wieder Anschluß an dieselbe, so fügt sie sich ihr und dem 
von ihr erreichten Genitalprimat ein. Aus der Bindung im Abwehrkampf 
befreite prägenitale Sexualität wandelt sich eben dadurch in genitale, 
orgasmusfähige Sexualität. Die nun möglich gewordenen Befriedigungserleb* 
nisse sind es in erster Linie, die die pathogene Stauung endgültig aufheben. 
Einmalige „Abreaktionen" können dies nicht erreichen, sie geben momentane 
Erleichterung, aber keine Aufhebung des Abwehrkampfes und keine Be* 
freiung der in ihm gebundenen Libido. Diese relative Geringschätzung der 

5) Strachey: Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychsoanalyse. 
Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 

6) Glover: The therapeutic Effect of Inexact Interpretation. Int. Journal of PsA., 
Bd. XII, 1931. 

7)AnnaFreud: Einführung in die Technik der Kinderanalyse. Int. Psa. Verl., Wien, 
1929. 

8) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa. Verl., Wien, 1936. 



Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 41 



therapeutischen Bedeutung von „Abreaktionen" und „Verpuffen verdrängter 
Trieberregungen im Akte des Bewußtwerdens" gegenüber der Ermöglichung 
eines geregelten Sexualhaushaltes ist es auch, die uns die therapeutische Wir* 
kung des einmaligen Affektdurchbruchs, so sehr er in manchen analytischen 
Situationen zu begrüßen ist, relativ gering, die therapeutische Bedeutung 
des folgenden „Durcharbeitens" hingegen sehr hoch einschätzen läßt. Dieses 
„Durcharbeiten" nämlich, nach Rado vergleichbar der Trauerarbeit, besteht 
darin, die einmal erkannte unbewußte Regung in ihren mannigfachen For* 
men und Verknüpfungen jeweils immer wieder zu demonstrieren und erst 
dadurch die wirkliche Einstellung der pathogenen Triebabwehr zu erzielen. 
Freilich werden auch andere Abfuhrarten, die vorher unmöglich waren, SubhV 
mierungen, durch die Aufhebung der Abwehr möglich. Sie spielen quanti* 
tativ für die Regelung der Sexualabläufe der neurotisch gewesenen Person* 
lichkeit sicher eine geringere Rolle als die adäquate Sexualbefriedigung. 

Ich darf die wenigen Minuten, die mir noch bleiben, dazu verwenden, 
einige wenige Diskussionsbemerkungen zu den bisherigen Symposionbei* 
trägen zu machen: 

Berglers Punkte schienen mir im wesentlichen eine Darstellung von Spe* 
zialf allen, wie das Ich des Patienten zu erhöhter Toleranz gegenüber Ab* 
kömmlingen des Abgewehrten erzogen werden kann. Daß die Analyse eine 
Widerlegung der magischen Gleichung Gedanke = Tat bedeutet, ist über* 
zeugend. Daß sie vom Patienten als sexuelles Geheimnis, das doch nicht 
schlimm ist, erlebt wird, kommt gewiß auch vor, ist aber vielleicht nicht nur 
Förderung der Analyse, sondern auch ein besonderer Widerstand, der als 
solcher aufgedeckt und beseitigt werden muß. Die Meinung, daß progressiv 
auf den Analytiker immer weniger Dämon und immer mehr Ichideal proji* 
ziert werde, steht und fällt mit der Dämon*Ichideal*Theorie, mit der ich 
mich hier nicht auseinandersetzen kann. Am unsichersten aber schien mir, was 
Bergler über das „unbewußte Schuldgefühl als vis a tergo" ausführte. Das 
Übersieh werde toleranter, meint Bergler, auf Grund eines Verzichtes 
auf infantile Sexualität. Wie schwer fällt denn geheilten Patienten ein solcher 
Verzicht? Die infantilen Sexualstrebungen können nach Etablierung des 
Genitalprimates als solche wegfallen! Auch glaube ich, daß Patienten durch 
Psychoanalyse auch ohne Ressentiment und wirklich gesund werden können. 
Mit Bibrings Ausführungen bin ich weitgehend einer Meinung. Ich 
möchte nur an drei Stellen kleine Einwendungen äußern: 

1. Eine Theorie der Therapie scheint mir heute durchaus schon möglich. 
Er selbst hat eine vorgetragen. Uns fehlen viele Detailerkenntnisse und Lö* 
sungen von Problemen, dk gerade aus der heutigen Theorie wieder er* 
wachsen, aber nicht diese selbst. 

2. Eine Fixierung durch Versagung muß keineswegs immer nur eine Fixie* 
rung des Ichs sein. Das Wiederholungen der Versagung fürchtende Ich hält 



"TZ Edward Glover 






11 • &u „i,, rlnc Fs den Trieb auf einer bestimmten Stufe fest, 
durch seine Abwehr das üs, aen ineo, au± c A„ a 1 v tiker die 

3 Die pädagogische" Bedeutung des Umstandes, daß der Analytiker cüe 
Vernunft' gegen das archaische Ich stützt, scheint mir, so sehr wxt ihn in 
lanchen F llen benutzen müssen, gering. Wir arbeiten ja nnmer nut der 
Kunden Restpersönlichkeit''. Sie muß unser Bundesgenosse gegen den 
Wienand sein Trotz der Nutzbarmachung der Übertragung kommen wir 

° h N\tbtt a Ausführungen über den Wiederholungszwang kann ich des, 
halb nkht folgen, weil ich über den Wiederholungszwang selbst nicht so 
dl wll e, § Ein Wiederholungszwang diesseits des J^^ST™' 
mir nicht problematisch; bei einem jenseits scheint es de «fa ^Hs J™£ 
gehen, daß unerledigte, gestaute Erregungsmassen nach naAte^A« Be, 
wältigung drängen. Die unlustvolle Wiederholung des unlustvollen Erlebens 
Swohl g immer § noch weniger unlustvoll als das ^ Ertragen unerledigter^ 
nungen Wirkliche Aufhebung der Abwehr müßte prinzipiell - es mag m 
r PraJnicht immer wirklich so gelingen - ^^^Z^Z 
besiegen. Wenn ich den Patienten von der Auto, zur Alloplastik ^ 
Säte Reaktionen auf die Aktualität ermögliche, ist das nicht Auf. 
hebung des Wiederholungszwangs, und nicht seine Transferierung aus dem 
Es in das Ich? - Die alte Formel: Wir heilen durch Bewußtmachung des 
Unbewußten, die sich t o p i s c h ausdrückt, enthält die Gefahr, daß der dyna* 
^Schlund d'er ökonomische Gesichtspunkt in der Technik ^zu h-^-g 
könnten. Nicht die Realitätsprüfung hangt vom Uber.Ich ab - ^ schemt mir 
_, sondern alle Ich-Funktionen sind vom Übersieh her ^f^ er 
Mit Strachey stimme ich in vielem überem. Ich glaube aber daß er 
den Betriff „Intiojektion" in einem unerlaubt weiten Sinne gebraucht Wenn 
fch einem Menschin durch Einsicht recht gebe, habe ich ihn deshalb noch 
nicht introjiziert. 

Die Grundlagen der therapeutischen Resultate 1 

Von 

Edward Glover 

London 

Der Entschluß, eine Diskussion über die Grundlagen d« Aerapeutkchen 
Resultate abzuhalten, erscheint mir als <>^A^£f^S 
rien die durch viele Jahre ganz allgemein anerkannt wurden entweder als 
nkht mehr adäquat oder aber als nicht mehr in ihrer Gänze gültig angesehen 
werden Auf jeden Fall wird es die Freiheit_ims^rer^ 

Aus dem Englisch^Tüb^rsetzt von Dr. Margarete Kolischer, Wien. 



Die Grundlagen der therapeutischen Resultate 43 



Maße fördern, wenn wir von allem Anfang an zugeben, daß berechtigte 
Meinungsverschiedenheiten sowohl hinsichtlich der früheren als auch der 
jetzigen Theorien der Therapie entstanden sind. Im übrigen scheint aus 
älteren Auseinandersetzungen über analytische Probleme hervorzugehen, 
daß, wann immer Meinungsverschiedenheiten in psychoanalytischen Kreisen 
auftauchen, mit Sicherheit zwei allgemeine Feststellungen gemacht werden 
können: erstens, daß die ursprünglichen Auffassungen Freuds über dieses 
besondere Thema noch immer als die besten anzusehen sind, und zweitens, 
daß neuere Arbeiten ergeben haben, daß diese ursprünglichen Ansichten 
nicht nur geeignet sind, in eine viel detailliertere Konfrontierung gebracht zu 
werden, sondern eine solche geradezu erfordern. Ich möchte noch hinzu* 
fügen, daß in den meisten Fällen der erste dieser beiden allgemeinen Ge* 
sichtspunkte auch der wertvollere ist. 

Wenn man die ältere Literatur überprüft, scheint es ganz außer Frage zu 
sein, daß Freuds ursprüngliche Ansichten, so einfach und schematisch sie 
waren, immer noch den wertvollsten und dauerhaftesten Beitrag zu diesem 
Thema liefern. Diese Feststellungen waren: 1. Die Tatsache des Vor* 
handenseins der Übertragung, 2. die Entwicklung der analytischen oder Über* 
tragungsneurose und 3. in welchem Ausmaß das Vorhandensein dieser 
beiden Erscheinungen (und insbesondere ihrer negativen Formen) durch die 
Verdrängung verborgen oder durch Projektion verdunkelt wurde und so 
zu Widerständen Anlaß gab. Der Erfolg der Resultate hing davon ab, in 
welchem Grade diese drei Faktoren analysiert werden konnten. 

Die neueren Beiträge lassen sich in zwei Hauptgruppen ordnen. Die erste 
Gruppe setzt sich zum großen Teile aus Neuformulierungen zusammen. Die 
Lehre von der Übertragung und vom Widerstand wurde in Ausdrücken der 
neueren Ichpsychologie neu formuliert. Dies führte zu einem reichlicheren 
Gebrauch der Ausdrücke „Übersieh" und „Es", vermochte jedoch .der 
früheren klinischen Auffassung nicht viel Neues hinzuzufügen. Die zweite 
und jüngere Gruppe umfaßt Betrachtungen über die Wirkung der Intro* 
jektionsmechanismen auf die Übertragungen. Diese Ausdehnung des Be* 
griffes der Introjektion in Verbindung mit der zunehmenden Erkenntnis der 
Wichtigkeit der Triebmischung und *entmischung im therapeutischen Prozeß 
hat wesentlich zum heutigen Stand der Technik beigetragen. Davon abgesehen 
jedoch haben sie unsere Theorie der analytischen Resultate nicht sehr er* 
weitert, außer daß sie uns zwangen, alten Wein auf neue Flaschen abzu* 
ziehen. Man könnte sogar sagen, daß in diesen späteren Phasen eine gewisse 
reaktionäre Tendenz in der analytischen Theorie zur Geltung kommt, denn 
man gewinnt aus den Beiträgen verschiedener moderner Autoren den Ein* 
druck, als hätte die Wichtigkeit, die man den frühinfantilen Phasen von Intro* 
jektion und Projektion beilegt, zu einer Vernachlässigung der fundamentalen 
Bedeutung der Verdrängung, besonders im späteren Kindesalter, geführt. 



44 



Edward Glover 



In diesem kurzen Überblick habe ich bisher noch nichts über die Rolle 
gesagt, welche der Deutung zugeteilt ist. Die Wichtigkeit, die der Deutung 
beigemessen wird, hat gleichfalls, je nach dem Stande der analytischen 
Theorie, eine Änderung erfahren. Die Diskussionen über dieses Thema wur* 
den erst lebhafter, als die „Ich".Terminologie Mode wurde. Die früheren 
Auffassungen vom Unbewußten und dem Verdrängten erforderten nicht sehr 
tiefschürfende Ansichten über das Wesen der Deutung. Es war dem Ana* 
lytiker überlassen, nach bestem Wissen das verdrängte pathogene Zentrum 
aufzudecken und insbesondere die mißlungene Verdrängung, die der Regte» 
sion auf den Fixierungspunkt folgte, wieder aufzuheben. Es war damals nicht 
so wichtig zu verstehen, wie er das fertig brachte, wenn es ihm nur so weit 
gelang, daß das Symptom zur Auflösung kam. Ich kann nicht umhin, zu 
denken, daß, je mehr wir von der seelischen Entwicklung wissen und je ehr* 
geiziger wir in unseren therapeutischen Zielen werden, wir nicht nur umso 
stärker geneigt sind, in unsere therapeutische Theorie allerhand hineinzuge* 
heimnissen, sondern auch das Raffinement unserer therapeutischen Arbeit 

zu überschätzen. 2 

Dennoch zweifle ich nicht, daß unsere Theorie der Therapie mit den neuen 
klinischen Erkenntnissen Schritt halten muß. Ich habe durch viele Jahre die 
Ansicht vertreten, daß ein erweitertes Verständnis der Ätiologie psycho* 
pathologischer Zustände von einer besseren Kenntnis der Stufen der see* 
lischen Entwicklung abhängig ist. Ich glaube zum Beispiel, daß Zwangs* 
neurosen in den meisten Fällen ungefähr auf das zweite Lebensjahr zurück* 
zuführen sind und daß sie eine pathologische Überbetonung einer normalen 
Zwangsphase darstellen, welche den Zweck hat, die Entwicklung .des 
Ichs zu festigen und es gegen einen jähen Wechsel von Projektions* 
und Introjektionsphasen weniger empfindlich zu machen. Wenn diese 
Ansicht über die Beziehung der Ätiologie zur seelischen Entwicklung 
richtig ist, steht es ganz außer Frage, daß die Theorie der therapeutischen 
Resultate erweitert werden muß, um den Ansprüchen neuerer ätiologischer 
Systeme zu genügen. .. 

Nehmen Sie zum Beispiel frühere Auffassungen über die Übertragung und 
den Übertragungswiderstand (beide sowohl positiv als auch negativ ge* 
nommen). Wenn auch diese älteren Ansichten im tiefsten richtig waren und, 
wie ich betont habe, es auch heute noch sind, so sind sie dennoch unserepi 



2 ) In diesem Zusammenhange erinnere ich mich einer Bemerkung, che im Laufe einer 
persönlichen Unterredung mit Hanns Sachs in der Zeit von Freuds erster Beschreib 
K des „Es" gefallen ist. Er sagte ungefähr, daß unsere tiefsten Analysen kaum mehr 
bedeuten, als die Erdoberfläche mit der Egge aufzureißen Vielleicht wird die lungere 
Generation der Analytiker dies als ein Eingeständnis der verhältnismäßigen Unwissenh« 
jener Zeit betrachten. Dennoch spricht viel für die Ansicht daß die modernen Schach. 
brett*Methoden in der Analyse an Kompliziertheit wettmachen wollen, was ihnen an 
klinischem Überblick abgeht. 



Die Grundlagen der therapeutischen Resultate 45 



Wissen um die seelische Entwicklung nicht mehr adäquat. Sie wurden zum 
größten Teil beeinflußt von unserer Kenntnis eines unbewußten Mecha* 
nismus, dem der Verschiebung. Aber das genügt uns heute nicht mehr. Eine 
adäquate Theorie der Übertragung müßte das Ganze der Entwicklung des 
Individuums widerspiegeln. Der Patient verschiebt oder überträgt wohl in 
sehr hohem Maße, aber er überträgt auf den Analytiker nicht nur Affekte 
und Vorstellungen, sondern überhaupt alles, was er in seiner seelischen Ent* 
wicklung je gelernt oder vergessen hat. Wenn wir die Übertragung zu theore* 
tischen Zwecken analysieren wollten, würden wir eine vollkommene Spiege* 
lung des unbewußten Ichs, seiner Mechanismen und Reaktionsmodelle, seiner 
Affekte und folglich auch der Triebe, die es beherrschen oder befriedigen 
soll, vorfinden. Die therapeutischen Ergebnisse hängen im Prinzip von ge* 
nau den gleichen Faktoren ab, die in der Kindheit bis zur und ein* 
schließlich der Pubertät als wirksam festzustellen sind. Mit anderen 
Worten, die Übertragung ist nicht ein Beispiel für einen einfachen Mecha* 
nismus, sondern ist die Wiederholung der infantilen Entwicklung und muß 
daher eine Vielheit von Faktoren einschließen. 

Die Aufgabe, festzustellen, welche Faktoren generell in allen Fällen 
wirksam und welche für besondere Fälle charakteristisch sind, ist meiner 
Auffassung nach gerade die Aufgabe, der wir heute gegenüberstehen. Glück* 
licherweise ist es nicht schwer, einige allgemeine Richtlinien zu dem Gegen* 
stand aufzustellen. Es gibt in der Analyse hauptsächlich drei therapeutische 
Ansätze, und zwar 1. die Analyse der seelischen Mechanismen, 
welche in den meisten, wenn auch nicht in allen Fällen mit der Analyse der 
Schichten im Aufbau des Ichs einhergeht. 3 

2. Die Analyse der Affekte. Jeder Versuch einer Beeinflussung 
dieser Affekte umfaßt gleichzeitig 

3. die Analyse der Triebquantitäten und Regungen, welche die 
Erscheinungen der Libidofixierung und *regression und ebenso die Analyse 
der Mischungen libidinöser und aggressiver Impulse mit einschließt. 

In der Praxis umschließt die Analyse der Mechanismen die Aufdeckung 
und Aufhebung mißglückter Verdrängungen, Verschiebungen und Re* 
aktionsbildungen sowie die Beeinflussung der Gruppe der Projektions* 
und Introjektionsmechanismen. Zweifellos sind auch noch andere Media* 
nismen zu berücksichtigen, aber davon hören wir sehr wenig, wissen wenig 
davon und haben wenig daran gearbeitet. Die Analyse der Mechanismen ist 

3) Die wichtigste Ausnahme davon ist die Analyse der negativen, bezw. Verleugnungs* 
mechanismen, wie z. B. der Verdrängung. Die Verdrängung kann, wie Freud vermutete, 
eine spezifische Beziehung zu einer Phase der Objektbeziehung haben und sich so als be=» 
deutsamster Mechanismus bei der Bildung hysterischer Symptome erweisen. Andererseits 
hinterläßt die Verdrängung nur geringe Spuren, durch die eine Datierung möglich wäre 
und die Ansicht über die primäre Verdrängung insbesondere läßt vermuten, daß sie in 
frühen Phasen eine bedeutende Rolle spielt. 




deshalb so interessant, weil bei ihnen meiner Meinung nach, ob sie nun als 
Tendenzen von früher Kindheit an vorhanden sind oder nicht, eine Stufen, 
leiter besteht und, wenn keine einfache Stufenleiter, so eine Reihe von Enfc 
Wicklungsphasen, für die bestimmte Kombinationen von Mechanismen cha. 
rakteristisch sind. Es ist oft behauptet worden, daß Depressionen, Zwangs, 
neurosen, hysterische Phobien charakteristische Mechanismen aufweisen, 
aber die Wichtigkeit dieser Beobachtung für die analytische Technik wurde 
nicht hervorgehoben. Wenn die Ansicht, daß alle psychopathologischen Zu. 
stände sich in eine Entwicklungsreihe ordnen lassen, richtig ist, und wenn 
es wie ich vermute, eine zugeordnete Reihe charakterischer Mechanismen 
gibt, so geht daraus hervor, daß unser therapeutischer Erfolg bis zu einem 
gewissen Ausmaße davon abhängt, wie wirksam die Korrektur der in jedem 
besonderen Falle maßgebenden Mechanismen ausfällt. Dies zeitigt eine ge. 
wisse Notwendigkeit der Spezialisierung der analytischen Arbeit, eine Sach. 
läge, die jedenfalls unvermeidlich erscheint. Es ist eine altbekannte Tatsache, 
daß' gewisse Analytiker bei bestimmten klinischen Typen bessere Resultate 
erzielen als bei anderen. Natürlich darf diese Ansicht nicht dazu verleiten, 
die dynamischen Vorbedingungen, die zu einer übersteigerten Funktion der 
Mechanismen führen, zu vernachlässigen. Sie soll nur betonen, wie notwendig 
es ist, bei der Einschätzung der therapeutischen Faktoren auch die Media, 
nismen in Betracht zu ziehen. . 

Und hier ergibt sich nun die Frage, wie man solche Mechanismen körn, 
giert Von ihrer Beantwortung ist die gesamte Bewertung des Deutung» 
Prozesses abhängig. Man vergißt manchmal, daß die Deutung in der ur. 
sprünglichen Auffassung dazu dienen sollte, eine übermaßige oder falsche 
Funktion der Verdrängung durch die Einführung vorbewußter Zwischen, 
glieder zu beeinflussen. Man nimmt nun allzu leicht an, daß dies in gleicher 
Stärke auch für die anderen Mechanismen gelte. Aus der klinischen Erfahrung 
wissen wir, daß die Reaktionsbildungen und Verschiebungen der Zwangs, 
neurose der Deutung viel hartnäckiger widerstreben. Und die auf Grund von 
Projektion und Intro jektion entstandenen Gebilde zeigen gegenüber der Deu. 
tung eine Resistenz, die fast ebenso stark ist wie die einer festgegründeten 
Sublimierung. Es scheint so, als ob wir die therapeutische Wirkung in solchen 
Fällen nicht nur der Deutung zu danken haben, sondern der Deutung in Ver. 
bindung mit anderen Faktoren. Die wohlwollende Haltung des Analytikers 
in der Übertragungssituation und seine Nachsicht gegenüber den Tnebab. 
kömmlingen fördern an erster Stelle die stärkere Anwendung primitiver 
Mechanismen, gestatten eher ein dosiertes als ein unmäßiges oder unbe. 
herrschtes Abreagieren der Affekte und wirken schließlich zufolge eines 
freieren Ausdrucks der Affekte der Verdrängung und Projektion entgegen. 
Natürlich lassen sich diese Vorgänge nicht so scharf abgrenzen. Sie sind mit 
einander verwoben. Statt eines circulus vitiosus ergibt sich ein gunstiger Fort. 




schritt. Im Gegensatz zur Suggestion ist hier kein triebhemmender Faktor 
vorhanden. 

Diese therapeutische Situation ließe sich natürlich auf mannigfaltige Weise 
beschreiben. Zunächst könnte man sie in der Terminologie des strukturellen 
Gesichtspunktes darstellen, wobei man auf die Beeinflussung des Über*Ichs 
(des Patienten auf dem Wege neuer Introjektionen) besonderes Gewicht legen 
würde. Die Beeinflussung des Über*Ichs wurde lange Zeit als Hauptfaktor des 
therapeutischen Erfolges angesehen. In den letzten Jahren wurde auch die 
Modifikation frühinfantiler und mehr archaischer Introjektionsvorgänge mit 
einbezogen und nunmehr ist der Punkt erreicht, an welchem — wie Mr. S t r a* 
chey aufzeigt — archaische Introjektionen guter Objekte als einer der wich* 
tigsten Faktoren im therapeutischen Prozeß angesehen werden. Ich kann nicht 
umhin, zu finden, daß diese Tendenz übertrieben wurde, zufolge der Vorliebe 
für die Ich*Terminologie und der Neigung zu „tiefen" Deutungen. Jeden* 
falls müßte man hinzufügen, daß die Verbindung zweier Faktoren, a) der 
Deutung und b) der Übertragung, eine freies« Äußerung der Triebenergien 
im Bewußtsein ermöglicht, die wiederum infolgedessen leichter sublimiert 
oder verschoben werden und somit die seelische Spannung abermals erleich* 
tern können. 

Es ist klar, daß die therapeutische Situation auch bezüglich der Affekte und 
Triebe beschrieben werden muß. Man kann sagen, daß die Verbindung von 
Deutung und dem Sicherheitsgefühl in der Übertragung eine zeitweilige Ent* 
mischung früherer und pathogener Triebmischungen fördert und nach und 
nach eine neue Verschmelzung ermöglichte Neue Mischungen können leichter 
verschoben werden und führen daher zu mehr adäquaten Anpassungen. Ohne 
diese Entmischung und Wiedermischung können die für die Heilung der 
Zwangsneurosen und jugendlichen Psychosen nötigen Änderungen nicht be* 
wirkt werden. Sie können eventuell bei leichten Hysterien vorkommen, aber 
meines Wissens in keinem anderen psychopatbologischen Zustand. Ich brauche 
kaum hinzuzufügen, daß die in solchen Vorgängen konzentrierte Energie* 
menge, verglichen mit der in der Gesamtpsyche vorhandenen, ganz geringfügig 
ist. Dennoch genügen diese oberflächlichen Änderungen zur Erzielung einer 
sehr beträchtlichen Wirkung. Es ist schwer, den Umfang der von den ver* 
schiedenen Mechanismen vollbrachten Leistung zu überschätzen, wenn sie 
nicht durch Angst* und Schuldgefühle durchkreuzt werden. Es gilt als 
Ketzerei, wenn man behauptet, daß viele rasche therapeutische Erfolge der er* 
höhten Wirksamkeit der Verdrängung zu verdanken sind oder stärkeren Ver* 



M iL c* t ea m j f ' AufetelIun g genannteil Faktoren wurden insbesondere drei von 
melitta bchmiedeberg hervorgehoben: die Wirkung der wohldosierten Abreaktion 
tur die Bekämpfung der Verdrängung, die Vorgänge der Entmischung und Neuver* 
Schmelzung und die spezifische Wirkung der menschlichen Beziehung auf die Gruppe der 
mtrojektions* und Projektionsmechanismen. 



^ Edward Glover 






' 






Schiebungen oder teilweisen Projektionen, die nach einer oberflächlichen Lin* 
demng Ter Angst statthaben. Aber ich glaube nicht, daß es sich hier eigentlich 
um eine Fraget Orthodoxie oder Ketzerei handelt, sondern es geht um 
Tatsachen. Die Mechanismen sind nicht an und für sich pathogen - aber die 
Triebquantitäten, mit denen sie zu tun haben können pathogen sein. Ich muü 
hier noch anfügen, daßneben der Befreiung der Libido und ihrer Verwendung 
für geeignetere Verschiebungen, Sublimierungen und Anpassungen auch die 
Freimachung der Aggressionstriebe für eine bessere Organisation des 
EsTd für eine bessere Wendung nach außen in Form von angepaßter Akt, 
vi tat von Bedeutung ist. Was das archaische über.Ich verlier , gewinnen 
das Es und das vorbewußte Ich sowie auch - und das ist keineswegs zu 

T£5£ Zug^tu diesem Gegenstande ergibt sich aus der Unter, 
suchun, der Wirkung von Triebvorgängen, besonders jener die mit Regres. 
"otn Üllenhänlen. Wir wissen, daß die Regression ein normder ■£» 
eans ist von dem alle Menschen fast zu jeder Stunde des lages 
Gebrauch machen. Wir wissen andererseits, daß die Regressionen die 
fchweTsL pathologischen Zustände herbeiführe. Es liegt daher nahe^anzu. 
™Wn daß günstige Wirkungen erzielt werden können im Zusammen, 
hing n5t RegrSnenfdie währe/d der Übertragung auftreten. Es ist schwer^ 
genau zu sagen, wie dies vor sich geht. Unsere bisherigen Beantwortungen 
dieser Frage sind recht unbefriedigend. Wir können zum Beispiel sagen, daß 
de Repression in Gegenwart einer besseren Ersatzfigur für die Gesamt amhe 
vortkh geht, nämlich des Analytikers, der die Projektionen des ^Patienten 
geduldig er ragt und daher im Laufe der Zeit (die je nach dem Fall langer 
fder kürzer ist) projiziert wird. Aber wenn dies auch im großen und ganzen 
rkhtig ist so ist es doch von seiten des Analytikers eine etwas zu selbst 
uWe^e Erklärung und hängt einigermaßen von seinem *£—£ 
seine eigenen Deutungen ab. Wir können diese Frage nicht ^antworten 
weü wir in Wirklichkeit vom Seelenleben des Kmdes wahren der ^ersten 
TS Monate oder zwei Jahre sehr wenig wissen. Die klinischen B-batong^ 
die B y c h o w s k i über die Art der Regressionen in hypoglycaemi sehen Zi » 
stLden mitgeteilt hat, könnten meines Erachtens dahin erklart werden 
daSt sich um e - Fo m der Regression handelt, die dadurch therapeutisch 

ttsarat^ daß ein besseres und ^^G^t^Z 
- der Arzt oder der Analytiker, der es vermeidet das Gehaben^ es Patien en 
nachzuahmen. Dies würde die Vermutung nahelegen daß in ^^J 
pathologischen Zuständen eine der Voraussetzungen für die Wirksamke t 
dTüeutung in der Haltung des Analytikers, seiner echten unbewußten Hai. 
fung gegenüber seinen Patienten gelegen ist. In der Regel sprechen die Ana. 
lyXr nicht gerne über diesen Punkt, um sich nicht dem Vorwurf : aus*. 
seTen, daß sie damit andeuten, daß im tiefsten Grund der analytischen Be. 



Die Grundlagen der therapeutischen Resultate 



49 



Ziehung ein durch den Kontakt allein wirksamer Beruhigungsfaktor entschei- 
dend sein könne. Sicherlich ist diese Befürchtung grundlos - es besteht heute 
kein Anlaß, den Vorwurf einer suggestiven Beeinflussung durch Deutung 
zu befurchten. Dies hat mit den fundamentalen psychischen Beziehungen 
zwischen allen menschlichen Subjekten und Objekten nichts zu tun. Es ist 
ganz offensichtlich, daß sich viele Menschen durch ihre unbewußten mensch* 
liehen Beziehungen selbst heilen können. Welcher Art diese tiefste Beziehung 
ist, können wir nicht sagen, denn wir wissen es nicht. Es ist zweifellos ein* 
leuchtend, daß der Rapport, sowohl beim Patienten als beim Analytiker, von 
der Art der frühen introjektiven und projektiven Vorgänge abhängt, doch 
würde diese Erklärung, wenn sie richtig ist, die therapeutische Bedeutung 
gewisser Rapporte auf primitiver Basis in keiner Analyse abschwächen. 

Betrachtungen dieser Art zeigen, wie notwendig es ist, den Faktor des 
„Durcharbeitens", von dem in den letzten Jahren viel weniger die Rede war 
einer Überprüfung zu unterziehen. Nach Freud gut das Durcharbeiten dem 
Widerstand des Es und tritt unabhängig von der unmittelbaren Deutung auf 
Die Langwierigkeit dieses Vorganges ist ein Anzeichen dafür, daß die deter* 
minierenden Faktoren sehr allmählich wirksam werden. Diese Faktoren sind: 
a) allmähliche psychische Beruhigung, b) schrittweise neue Introjektionen 
c) Teilprojektionen, welchen das Ich zustimmt, d) allmähliche Erweiterung 
des Bereichs der Verschiebungen, welche langsam zu neuen Anpassungen 
fuhren, mit einem Wort, mehr eine allmähliche Projektion als eine fork 
laufende Regression der Mischungen von Iibidinösen und aggressiven Trieben. 
In vielen „endlosen Analysen", von denen wir heute immer öfter hören, ist 
es noch eine offene Frage, welchem dieser Faktoren das endgültige Resultat 
zu danken ist. 6 Ich glaube, daß die Entscheidung hierüber auch das alte 
Problem, wann eine Analyse zu beenden ist, lösen würde. Die Gefahr einer 
langen Analyse liegt zum großen Teil darin, daß wir mehr auf unbewußte 
Anpassung eingestellt sind als auf analytisches Verfahren/und wenn auch 
der Patient sich über den langsamen Heilungsverlauf nicht beklagen kann, 
ist die Besserung schwer in geeignete Begriffe zu fassen. 

Aus diesen Gründen, nebst vielen anderen, glaube ich, daß sich ein Sym* 
posion über die Theorie der therapeutischen Resultate nicht auf die Dis* 
kussion der angeführten spezifischen Faktoren im analytischen Prozeß be* 
schranken sollte. Man muß den Wert aller Faktoren für die analytische 
Situation berücksichtigen und bestimmen, sonst wird dies lediglich eine Spe* 
zialdebatte. Einen schlagenden Beweis für die Vielfältigkeit der den therapeu* 
^fchen Resultaten zugrundeliegenden Faktoren bilden die Ergebnisse eines 

s<*;L ES iSt kkr ' 1 aß bei der Feststellung der analytischen Ergebnisse nur wenig Unter* 
terhm, ? gema £ ht werden. Eine längere Analyse, welche die ganze Periode des Klimak* 
eleirKK einschließen soll, kann kaum mit einer Analyse von gleicher Dauer ver* 

AerT ar *- Se i. n ' l e ?* Anfan S der Zwanzig fällt. Der Einfluß des Klimakteriums auf den 
«lerapeutachen Endeffekt kann nicht außer acht gelassen werden. 

I°t- Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXKI/1 4 




Fragebogens, der vor einigen Jahren an alle praktizierenden englischen Ana* 
lytiker gesandt wurde. Natürlich muß man voraussetzen, daß es gute und 
schlechte, erfahrene und unerfahrene Analytiker gibt, auch ist es wohl be* 
kannt, daß ein Analytiker, der in der Theorie nur schwach beschlagen ist, 
doch ein guter therapeutischer Analytiker sein kann. Aber hier in England 
haben wir gefunden, daß eine Reihe von gut geschulten ausübenden Ana* 
lytikern, bei aller Einhaltung der fundamentalen Prinzipien der Psychoana* 
lyse in ihren Methoden in jeder erdenklichen Weise von einander abweichen, 
in den Deutungsmethoden, in der Tiefe, der Häufigkeit, der Form, der Dauer 
der Analysen und so weiter. Doch soweit ich es feststellen kann, Schemen 
die durch diese verschiedenen Methoden erzielten Resultate ziemlich gleich 
zu sein. Ohne Zweifel gewährt eine solche allgemeine Feststellung einen zu 
großen Spielraum für Irrtümer in der Einschätzung der Ergebnisse. Tat* 
sächlich glaube ich, daß wir vor Abhaltung dieses Symposions über die 
Grundlagen der therapeutischen Resultate der Analyse eine Vorbesprechung 
über die gegenwärtige Analyse der Resultate hätten abhalten sollen. Ich 
glaube, daß es zweckmäßig wäre, wenn alle Zweigvereinigungen sich zu 
einer neuen Diskussion durch Aussendung eines ähnlichen Fragebogens vor* 
bereiten würden. Sobald wir die gegenwärtig geübten Methoden und die damit 
tatsächlich erzielten Resultate so genau als möglich festgestellt haben werden, 
können wir mit mehr Zuversicht an eine Erneuerung der Theorie der Resuk 
täte herantreten. 

Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung 1 j 

Von 

Rene Laforgue 

Paris 

Wir haben den Eindruck, als ob wir es in der analytischen Behandlung 
mit verschiedenen Heilungsfaktoren zu tun hätten, die sich je nach dem 
Fall um den es sich handelt, kombinieren und ergänzen könnten, auch so, 
daß einmal der eine, das andere Mal der andere im Vordergrund steht und 
zu mehr oder weniger überwiegender Bedeutung gelangt. 

Wir müssen uns also ein Bild zu machen versuchen, erstens über die Natur 
der verschiedenen Heüungsfaktoren, zweitens über die Struktur der Fälle, 
bei denen bald der eine, bald der andere dieser Faktoren in der Behandlung 
entscheidend mitspielt. _ . 

Es gibt wohl einen Heilungsfaktor, den die analytische Therapie mit der 
gewöhnlichen Psychotherapie gemein hat. Das ist das Vertrauen des Pa* 
tienten zum Arzte, von dem der Einfluß des Arztes auf den Patienten ab* 

i) Diese Arbeit war vom Autor als Beitrag zum Marienbader Symposion gedacht; sie 
wurde jedoch nicht vorgetragen, da Dr. Laforgue verhindert war, am Kongreß teilzunehmen. 



Der Heilungsfaktor der analyti schen Behandlung ' "£j" 



hangt; und weiterhin dessen eventuelle Suggestibilität. Aber im Gegensatz 
zur gewöhnlichen Psychotherapie benutzt die Psychoanalyse das Vertrauen 
und eventuell die Suggestibilität des Patienten nicht, um die Symptome zu 
verdrangen oder zu verleugnen, sondern im Gegenteil, um sie zu akzeptieren 
und in der Folge verstehen zu lernen, Mit anderen Worten, der Einfluß des 
Arztes auf den Patienten wird dazu verwendet, den Widerstand des Patienten 
gegen den Sinn seiner Symptome als Ausdruck unbewußter Strebungen zu 
überwinden und ihm bei dieser, in manchen Fällen sehr unangenehmen und 
von schweren Reaktionen begleiteten Arbeitsleistung zu helfen. Die Stärke 
des Einflusses des Arztes auf den Patienten und des Vertrauens des letzteren 
in den Arzt hängt gerade bei der Psychoanalyse in hohem Maße von der 
Natur der Neurose des Patienten ab oder auch von dessen Reaktionen im 
Laufe der Behandlung. Aber auch die Persönlichkeit des Analytikers spielt 
dabei eine Rolle, seine individuelle Begabung, sein Verständnis für das Lei* 
den des Patienten und seine Einstellung dazu. Es ergibt sich aus diesen Aus, 
hinrangen, daß dieser Faktor des Vertrauens des Patienten und seiner eventu. 
eilen Suggestibilität relativ unwirksam bleiben muß, falls sich nicht noch 
ein anderer wichtiger Faktor hinzugesellt, ein Faktor, ohne den das größte 
Vertrauen in den Arzt meistens nur relativ Geringes schaffen kann- wir 
meinen den Faktor der Arbeitsleistung des Patienten, um die vom Es oder 
vom Übersieh ausgehenden Tendenzen oder Strebungen sich bewußt zu 
machen und den Widerstand zu überwinden, welchen das (unbewußte) Ich 
dieser Arbeit entgegensetzt. Die Fähigkeit zu dieser Arbeitsleistung hängt im 
hohen Maße von der Natur der Neurose und dem Genesungswillen des Pa. 
tienten ab. 

Und damit stehen wir einem dritten Heilungsfaktor gegenüber: dem Gene, 
sungswillen des Patienten. Dieser Genesungswille scheint in hohem Grade 
durch die Neurosenform bedingt zu sein, an der der Patient leidet. Er scheint 
jedoch auch von der Einstellung des Analytikers zum Patienten abzuhängen 
und oft einer intensiven Beeinflußbarkeit fähig zu sein. Er spielt infolge, 
dessen als Heilungsfaktor eine entscheidende Rolle, wie uns Nun b er g in 
seiner schönen Arbeit über den Genesungswillen gezeigt hat. 

Wir sehen bereits, wie sich diese drei Faktoren kombinieren und er. 
ganzen können. Der persönliche Einfluß des Arztes auf den Patienten, die 
Suggestibilität des letzteren, kann gering sein, aber der Genesungswille so 
stark, daß trotzdem der Kampf gegen den Widerstand, den das Ich dem 
Bewußtwerden unbewußter Strebungen und Konflikte entgegensetzt, erfolg, 
reich durchgeführt werden kann. Es kann auch der Genesungswille gering 
sein, aber der Einfluß des Analytikers auf den Patienten so stark, daß dieser 
trotz seinen Zweifeln und Hemmungen erfolgreich zur analytischen Arbeits, 
Jeistung mitgerissen wird. Es kann aber auch die Fähigkeit zu dieser Arbeits, 
leistung, zum Kampfe gegen den Widerstand des Ichs gegenüber dem Unbe, 




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q Rene Laforgue 



wußten so entwickelt sein, daß trotz verhältnismäßig geringem Einfluß des 
Inders auf den Patienten und auch bei relativ schwach vorhandenem 
Genesungswillen die Entwicklung zur Genesung dennoch in Gang kommt 
Zu diesen erwähnten drei Faktoren kommt sodann unseres Erachtens noch 
ein vierter hinzu, dessen Leistung vom Zufall abhängt und denn wecn. 
leidem Grade auf die drei anderen Faktoren »?^^™£*£ 

tienten. Die Erfahrung hat gezeigt, daß fatienten unxer uc 
äußeren Unglücks, zum Beispiel eines Vermogensverlustes oder auch ^ eine 
Verbannung, mit stark gesteigertem Genesungswillen od er auch ge bessert 
analytischer Arbeitsfähigkeit reagieren können MancW kann auch de 
Verlust einer geliebten Person oder auch ein Unfall - Autounfall, Sturz im 
Beinbruch etc. - eine derartige Wirkung auslosen Aber am ^ 
heitlichsten kommt diese Wirkung zum Ausdruck bei jenen Patienten, 
ffiÖTdk Umstände ganz aus ihrem gewohnten Lebensrataheraus. 
gerissen wurden und dessen Verlust akzeptieren mußten. Es liegt 
fedoch w7e wir sehen, in der Natur der Sache, daß dieser vierte Faktor 
eWndch sehr relativ und inkonstant ist, obwohl er mitbestimmend sein 
W bei ir Entwicklung des Genesungswillens und der Bereitschaft zur 

analytischen Arbeitsleistung. , ,.„, Ar , 

Der weitaus wichtigste dieser vier Aktoren scheint die analytische A 
beitsbereitschaft und Leistung, d. h. der Kampf gegen den Widerstand des 
Ichs gegen das Unbewußte, zu sein. Und dieser Faktor ist es im Grunde ge. 
nommen der der analytischen Therapie ihr individuelles Gepräge gibt, so 
daß Freud, auf dieser Tatsache fußend, als Psychoanalyse jede Art ^von 
psychischer Therapie bezeichnet, die den Kampf gegen diesen Widerstand 

" wf wlZn^Sese verschiedenen Faktoren je nach dem Neurosen. 
falle in der psychoanalytischen Behandlung? 

uTdie Probleme genauer zu verstehen, müssen wir uns tiefer mit der 
Struktur der verschiedenen Neurosen befassen. 

Es Ikgt schon auf der Hand, daß der Genesungswille je nach der Neuro e 
ein wechselnder sein kann. Eine Neurose, die das Ich eines Patienten m 
^Bedrängnis bringt, bedingt gewöhnlich einen viel stärkeren Gene 
sungswülen als eine Neurose, die mit großem sekundären Lustgewinne ver. 
bunden ist. In anderen Fällen kann trotz schwerer Störungen und harten 
LeidTs der Genesungswille durch das Strafbedürfnis des Patienten gelahmt 
werden und brach liegen. All diese komplizierten Verhahm.se ™£J£ 
etwas mehr in das Problem einzudringen um es verständlich ^zu machen 

Worin besteht genau betrachtet die analytische Arbeitsleistung, d. h. der 
Kampf gegen den Widerstand, den das Ich den unbewußten Strebungen «fr 
gegensetzt? Befassen wir uns etwas mit der Natur dieses Widerstandes, von 



Det Heilungsfaktor der analytischen Behandlung 53 

dem uns Anna Freud in ihrem letzten Buch über „Das Ich und die Ab* 
wehrmechanismen" so vieles klar gemacht hat. 

Der Widerstand geht, wie wir wissen, vom Ich und eventuell auch vom 
Übersieh aus. Er bedeutet vom Standpunkte des Ichs aus eine Abwehr ge* 
fahrvoll scheinender Triebe, die dem Es entstammen und von denen sich 
das Ich zurückgezogen hat, ohne sie normal im Interesse des Gleichgewichtes 
der Gesamtpersönlichkeit zu verarbeiten. Er bedeutet auch eine Unfähigkeit, 
den vom Übersieh ausgehenden Impulsen entgegenzutreten und den Kampf 
mit den dem Ich feindlichen Tendenzen des Über*Ichs aufzunehmen. Er ent* 
spricht letzten Endes einem Versuch des Ichs, vor dem Es und dem Über* 
Ich zu fliehen — ohne ihnen allerdings entrinnen zu können. Wir wissen 
jedoch, daß dieser Fluchtversuch je nach dem Falle auch mehr oder weniger 
glücken kann und daß oft ein Pakt zwischen Ich, Es und Übersieh ge* 
geschlossen wird, der es dem Ich erlaubt, verhältnismäßig leicht und oft 
sogar mit großem Lustgewinn die Opfer zu verschmerzen, die es bringen 
mußte, um sich vor dem Es und dem Übersieh sicher zu fühlen. 

Mit anderen Worten: es gibt Situationen, in denen der neurotische Kon* 
flikt nicht gelöst werden konnte und in denen das Ich schwerem Leide und 
starken Gefahren ausgesetzt ist, und es gibt Fälle, in denen ein Kompromiß 
zustande kam, der es dem Ich erlaubte, zu einem, wenn auch oft sehr relativen 
Gleichgewicht zu kommen und aus der Situation sogar oft großen Nutzen 
zu ziehen. Im letzten Falle ist der Widerstand gegen die psychoanalytische 
Behandlung um so bedeutender, als er logisch durch die Umstände gerecht* 
fertigt werden kann, in Fällen, wo der Neurotiker sein neurotisches Gleich* 
gewicht verteidigen zu müssen glaubt und sich nicht den oft schweren Re* 
aktionen, die in einer Behandlung auftreten können, aussetzen will. 

Im ersten Falle scheint der sekundäre Lustgewinn bei der Neurose im Ver* 
gleich mit den Nachteilen derselben verhältnismäßig gering zu sein, im 
zweiten ist er je nach dem Falle mehr oder weniger bedeutend. Und dieser 
Lustgewinn muß natürlich auf die Entwicklung des Genesungswillens von 
großem Einfluß sein. Aber dieser Genesungswille kann auch trotz starker 
Icheinschränkung und heftigem Leiden des Patienten überall da ein geringer 
sein, wo das Über*Ich und das durch seinen Einfluß bedingte Strafbedürfnis 
eine Heilung verbieten. 

Rein klinisch betrachtet, haben wir es also in der Praxis mit verschiedenen 
Gruppen von Patienten zu tun: 

1. Patienten, die schwer leiden, sich mit den Leiden nicht abfinden können 
und mit starkem Genesungswillen auf die Neurose und die durch sie be* 
dingten Gefahren reagieren. 

2. Patienten, die schwer leiden, sich mit dem Leiden jedoch unbedingt ab* 
zufinden suchen, weil das Über*Ich ihnen jeden Wunsch und jede Hoff* 
nung auf Genesung verbieten will. 



54 



Rene Laforgue 



3 Patienten die sich mit ihrer neurotischen Störung abgefunden haben 
die^omaguch gut kompensiere» und aus der SituaOo» emen mehr oder 
weniger bedeutenden Lustgewinn ziehen. 

Erläßt sich gewöhnlich aus der klinisch diagnostizierten Neurosenform 
Jht ohne tiSTs erraten, ob der Patient in die eine oder andere diese, 
Seppen gehört. In allen drei Gruppen finden •£££&%£££ 
Zwangsneurosen. Je nach dem Grade ihrer ^™™5™^J wl Gruppe 
persönlichen Schicksale müssen wir sie der einen oder der anderen u PP 



einordnen 



""Nim:« wir , B. folgenden FaU: Ein junger Mann -»<££££ 
sdnes Vaters dessen Geschäft übernehme» und damx S^^ £f, 

Se» Erbt i» der Oberwi»du»g des Ödipuskomplexes geeitert, ^ hat 
^»i,*» S.r,bu»ge» zur MutKr u»d ****** ^ ^ £ '■£ 

Vaters ein und haben sich seit dessen Ableben zur Unerträglichst gesteige 
Man kann verstehen, wie das Ich des Patienten auf diese Situation mit 



E leTdTl. an Realangst, weil er in seinem Zustand der Situation im G* 
schäfte ga nicht gewachsen ist und in seiner Passivität die notwendig Im* 
tiat ve zum Erfolge im „Herrenartikelgeschäft" nicht aufbringen kann 
Weiterhin hat er den Vater und damit auch dessen Schutz verloren 2. £idet 
I afü Wch^Angst, weil das LWch ihm verbietet, an Stelle des Vater 
TZ des Geschäftes zu sein; 3. dürfte auch eine große Angst vor den An, 

Sprüchen des Es eine Rolle bei der Angstentwicklung spielen. 

Resultat: das Ich des Patienten befindet sich in einer äußerst bedrängen 

Lage und wir müssen ihn der ersten oder vielleicht je "£*%££ . 

des über.Ichs der zweiten Gruppe zurechnen. Derselbe Pa ie£ 8*°*^. 

doch vor der Krankheit seines Vaters zur dritten Gruppe mit starkem 



Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung 55 



därem Lustgewinn und geringerem Genesungswillen. Er konnte damals auf 
Kosten des Vaters leben, sich künstlerischen Studien widmen und hatte den 
Verzicht auf Liebe und Weib durch sein Ästhetentum, eine gewisse poe* 
tische Betätigung, durch Homosexualität und Masturbation kompensiert. 
Eine psychoanalytische Behandlung hätte er zu dieser Zeit wahrscheinlich 
mit gelassener Geste abgewehrt, während er jetzt bei einem ihm bekannten 
Analytiker Hilfe sucht. 

Es gibt allerdings eine Reihe von Neurosen, welche wir im Voraus ruhig 
zur dritten Gruppe zählen können, wenn nicht ein besonderes Ereignis sie aus 
dem neurotischen Gleichgewicht bringt, das sie wie die erste oder zweite 
Gruppe reagieren läßt. Wir meinen die Mehrzahl der Charakterneurosen, die 
narzißtischen Neurosen, die Süchtigen, viele Homosexuelle, Impotente und 
auch solche mit asozialen und kriminellen Symptomen. Weiterhin gewisse 
Organneurosen, wo ein organisches Symptom, z. B. Magen* oder Darm* 
ulkus, zur Angstbindung verwendet worden ist und das Schuldgefühl ge* 
bannt hat. 

Um uns von dem geringen Genesungswillen vieler dieser Neurosen ein 
Bild machen zu können, verweisen wir auf den Don*Juan*Typus und den 
starken sekundären Lustgewinn, den die Neurotiker dieser Gruppe erzielen 
können: Ich meine das Gefühl der Allmacht und der Unwiderstehlichkeit 
Frauen gegenüber, die tiefe Befriedigung sadistischer Triebe, denen die 
Frauen geopfert werden und, nicht zu vergessen, die mit der ubw Homo* 
Sexualität verbundene Befriedigung. 

Man kann der Bedeutung des Widerstandes nicht gerecht werden, wenn 
man neben seinen ökonomischen Ursachen nicht auch seine ästhetischen in 
Betracht zieht, die bei der Charakterneurose eine so große Rolle spielen. 

All diese Verhältnisse zeigen uns, wie wechselnd die Heilungsfaktoren in 
der analytischen Behandlung, je nach der Gruppe von Kranken, mit denen 
wir es zu tun haben, zusammenspielen können. Die weitaus größte Zahl der 
Neurotiker gehört wohl zu der zweiten und dritten Gruppe mit geringem Ge* 
nesungswillen, was besagen will, daß in der großen Mehrheit der Fälle der 
Analytiker seine Patienten sozusagen gegen ihren Willen heilen muß. In 
diesem Falle liegt der entscheidende Heilungsfaktor also nicht so sehr beim 
Patienten als beim Analytiker und hängt vom Willen und der Befähigung 
desselben ab, seine Patienten zu heilen. Und damit kommen wir zum wich* 
tigsten und vielleicht auch zum heikelsten Punkt unseres Themas. 

Nicht umsonst hat die psychoanalytische Erfahrung Freud dazu geführt, 
die Forderung nach der Analyse des Analytikers aufzustellen. 

Je mehr Erfahrungen man sammelte, um so mehr hat man erkennen müssen, 
daß die Analytiker auch Menschen sind und daß bei ihnen gegebenenfalls 
unbewußte Konflikte dem Willen zur Heilung des Patienten Schach bieten 



56 Rene Laforgue 



können. Es handelte sich also darum, zu erreichen, daß dieser Wille zur 
Heilung des Patienten, die eigene Fähigkeit des Analytikers zur analytischen 
Arbeitsleistung, nicht bei ihm durch persönliche psychische Schwierigkeiten - 
gehemmt oder vernichtet werden. 

Wir alle kennen diese Probleme und auch die Gefahren, die dem Ana* 
lytiker und dem Patienten aus diesen Schwierigkeiten erwachsen können. 
Es war ein großes Verdienst der Analytiker, diese Schwierigkeiten offen auf* 
zudecken und ihnen objektiv entgegenzutreten. Mußte doch jeder sich 
selber einer genauen analytischen Prüfung unterziehen und lernen, sich offen 
einzugestehen, welche persönlichen Mängel und menschlichen Schwächen 
seiner Arbeit hindernd im Wege stehen können. Und dies unter Gefahr 
großen Zeitverlustes und großer Komplikationen in der psychoanalytischen 
Ausbildung. Es galt der allzu menschlichen Tendenz entgegenzutreten, die 
einen Analytiker dazu verführen konnte, in der Analyse nur ein magisches 
Machtmittel zur Heilung und Beherrschung der Menschen zu erblicken. 
Man dürfte sich die Gefahr nicht verhehlen, die dem Bedürfnis des leidens* 
und strafdurstigen Patienten entspringen konnte, seinen Analytiker mehr in 
den Dienst seines Leidensbedürfnisses als in den seines Heilungsbedürf* 
nisses zu stellen. Man erkannte, daß für den Patienten die Behandlung ein 
Mittel zur Befriedigung unbewußter erotischer Bedürfnisse wird,- und 
es entstand für den Analytiker die Pflicht, zu verhindern, daß die Be* 
handlung Selbstzweck werde; man mußte den Patienten dazu erziehen, auf 
die Analyse als Ersatzbefriedigung seiner libidinösen Ansprüche langsam yer* 
ziehten zu lernen. Natürlich machte man die Erfahrung, daß es nicht leicht 
war, dieses Problem richtig zu lösen, und daß sich nicht nur beim Patienten, 
sondern auch beim Analytiker unbewußte Widerstände gegen die zur Ge* 
nesung notwendige Entwicklung einstellen konnten. Für beide kann die Ana* 
lyse zum Zwang und zur Ersatzbefriedigung werden, falls der Analytiker es 
nicht versteht, so wie wir es in unserer Arbeit über Ausnahmen von der ana* 
lyrischen Grundregel angeführt haben, dem Ziel der Behandlung die An* 
wendung der Regeln unterzuordnen. 

Die Gegenübertragung läßt in manchen Fällen nur gar zu leicht die Ge* 
fahr entstehen, daß männlich aktive Patientinnen den Analytiker in die 
passive Rolle drängen, ihn auszuhalten suchen, um ihn an der ana* 
lyrischen Regelung ihres Männlichkeitskomplexes zu verhindern. Um* 
gekehrt können homosexuelle Männer unter den Patienten es nicht ver* 
meiden, auf eine eventuelle, vielleicht unbewußte Homosexualität (oder ein 
Strafbedürfnis) des Analytikers zu spekulieren, um sie in den Dienst ihres 
Widerstandes gegen die Behandlung zu stellen. 

Die allgemeine Erfahrung zeigt, daß diese Korruptionsversuche des Pa* 
tienten dem Analytiker gegenüber um so stärker sind, je intelligenter und 



Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung 



57 



begabter der Patient ist und je mehr er im Laufe der Behandlung mit starken 
negativen Reaktionen zu kämpfen hat und einen bedeutenden sekundären 
Lustgewinn opfern muß. Oft auch läuft man Gefahr, sich durch das Leiden 
das die Behandlung für manchen narzißtischen Patienten mit sich 
bringen kann, entwaffnen zu lassen. Und dies, obwohl im allgemeinen 
die Erfahrung zeigt, daß man selbst in diesen Fällen mit fraktionierter Be- 
handlung und relativ kleinen Analysendosen (zum Beispiel zwei Analysen* 
stunden wöchentlich) oft ganz unerwartete Resultate erzielen kann. 

Mit anderen Worten: all dies zeigt uns, in wieviel Fällen der entscheidende 
Heilungsfaktor der Behandlung letzten Endes in der Fähigkeit des Ana. 
lytikers liegt dem Patienten gegenüber in jedem Augenblicke der Situation 
entsprechend die richtige Einstellung einzunehmen. Diese Fähigkeit ist aller* 
dmgs nicht leicht zu erwerben, sicherlich nicht ohne eigene Analyse und 
wahrscheinlich über diese hinaus nicht ohne Kampf und Lebensprüfungen 
vielleicht auch nicht ohne eine besondere Begabung. Es mag für manche 
von uns enttauschend sein, sich eingestehen zu müssen, daß die Analyse uns 
keinen Zauberstab in die Hände gegeben hat, um mit seiner Hufe die natür* 
liehe Begabung des Analytikers zur Analyse zu entwickeln. Es wurde viel 
von der didaktischen Analyse erwartet, vielleicht mehr als sie leisten kann 
Aber dies soll uns nicht verhindern, festzustellen, daß wir nicht ohne sie aus* 
kommen können. Wenn sie auch nicht die Begabung eines Analytikers aus 
dem Nichts zu erschaffen vermag, so kann sie doch diese Begabung da, wo 
sie wirkt, frei machen und zu hoher Entfaltung bringen. 

Die Fähigkeit zur psychoanalytischen Behandlung und damit das durch 
den Analytiker bedingte Heilungsmoment benötigen nach Ferenczi 
höchste Selbstlosigkeit und Selbstaufopferung. Ich weiß nicht, ob diese Um* 
Schreibung genügt. Mir scheint, als benötige sie, um mit Goethe zu reden 
noch einen Teil von jener Kraft, „die stets das Böse will und doch das Gute" 
f. C , tt ',*.*• h - dle Kraft ' ohne die Faust nicht Faust geworden und lebens* 
langheh in seinem Kellerloch gefangen geblieben wäre. Und so glaube ich, 
dai5 die Begabung für diese Fähigkeit jahrhundertelangem Leiden und Ver* 
lolgungen entsprungen ist und eine bis ins höchste vergeistigte Auflehnung 
und Revolution des Menschen, ein zur Wissenschaft gewordener Ausdruck 
aes Hasses ist gegen alles menschliche Leid, gegen alles Verfolgende und 
^miedrigende, gegen alles Lebensvernichtende, gegen das man sich wehrt. 

W g J n2 b f°nders kraftvollen Menschen gelingt es vielleicht, den stän* 
engen Kampf gegen das menschliche Elend, für die Erlösung der Leidenden 
m ihrem Leben bewußt oder unbewußt über alles zu stellen, sich für dieses 
^•lei einzusetzen und, wenn es sein muß, sich bis zum Letzten zu opfern. 

Der Kampf gegen den Widerstand des Patienten, gegen seine Schliche, 
incks und seine offene Feindseligkeit, gegen seine Tendenz, uns zu bestechen 



1 



^ " Rene Laforgue 



und uns auf Irrwege zu leiten, erfordert kampffähige Naturen. Ja, vre leicht 
noch mehr: ich möchte sagen, Führernaturen im wahrsten Sinne des Wortes. 
Unseres Erachtens sind echte Führernaturen mit den sogenannten Herren. - 
oder Herrschernaturen nicht zu verwechseln. Es sind Menschen die das 
Leben mit seinem vielgestaltigen Weben und Wirken über alles heben und 
sich selbst zu opfern bereit sind, wo es gilt, die verfolgte Menschheit mit 
allen erreichbaren Kampfmitteln erfolgreich zu schützen und zu befreien. 
In diesem Geiste nur kann der Kampf gegen die Neurose bis zum letzten 
wirkungsvoll durchgeführt werden, so nur kann man die Prüfungen er, 
tragen, die er mit sich bringt, und so nur jene Last des Wissens Ver, 
Stehens, der Verkennung, Verfolgung und der Entsagung auf sich 
nehmen, die man bewältigen muß, um zur richtigen analytischen Ein. 
Stellung dem Patienten gegenüber zu gelangen. Nur so auch ist es 
möglich, die Reaktionen des Patienten, auch seine feindlichen, zu akzep. 
tieren, sie als das zu werten, was sie sind, so nur, auf die Illusionen die 
seine Übertragungsliebe bei manchen wecken kann, zu verzichten und es 
ihm nicht übelzunehmen, wenn er bei fortschreitender Genesung uns fallen 
läßt und uns schließlich mehr oder weniger vergißt, wie es für seine Germ* 
sung oft notwendig ist. Unsere wesentlichste Befriedigung muß sein: die 
erfolgreiche Mitarbeit am „ewigen Webstuhl der Zeit", die Möglichkeit aus 
Ruinen neues Leben erblühen zu lassen, und vielleicht auch noch jene 
Genugtuung, in der Neurose siegreich einen Feind, einen Verfolger außer 
Gefecht gesetzt zu haben, manchmal nach hartem, aber ehrlichem, bis zum 
letzten loyal durchgeführten Kampfe. Dieses Heilungsmoment ist also wie 
wir sehen, tief mit der Menschlichkeit des Analytikers verbunden, dieser 
Menschlichkeit, die es zu fördern und freizumachen gilt, die m die ihr 
eigenen Bahnen gelenkt werden muß, um sie zum Kampfe und zum biege 
bereit zu finden. 

Dies scheint also in den meisten Fällen der entscheidendste Heilungs, 
faktor zu sein, der den Ausgang einer Behandlung bedingt. Dieser Faktor 
hat vielleicht auch die Waffen, die Wissenschaft und die Psychoanalyse 
geschaffen, die uns erlauben, leidende Menschen der Angst dem Tod, der 
Vernichtung zu entreißen, sie dem Leben, dem Milieu mit seinen besonderen 
Bedingungen anzupassen und uns selber gegen die Gefahren, die uns aus der 
analytischen Situation erwachsen können, zu schützen. Damit erst ist meines 
Erachtens das eigentliche Moment gegeben, um auf das Ich des Neurotikers 
so zu wirken, daß sein Heilungswille geweckt werden kann, seine Ichtunk, 
tionen gestärkt und entwickelt werden, um den Kampf mit dem Es und dem 
Übersieh erfolgreich aufnehmen zu können. 

Das neurotische Ich, in seiner Entwicklung eingeschränkt und gehemmt, 
klammert sich zuerst an den Analytiker, der ihm jene Aufmunterung und 



Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung 



59 



Ersatzbefriedigung geben muß, die es braucht, um wachsen und gedeihen 
zu können. Je nach dem Grade der Icheinschränkung oder seiner Regression 
hat das neurotische Ich, geführt vom Analytiker, ein mehr oder weniger 
großes Stück seiner Entwicklung zu durchlaufen, um schließlich allein den 
Kampf gegen innere und äußere Realität bestehen zu können. 

Diese Entwicklung umfaßt, wie wir wissen, gewöhnlich verschiedene 
Stadien, während deren die Ichtätigkeit großen Schwankungen und Ver* 
änderungen unterworfen ist, und im Laufe deren die Ichsynthese der ver* 
schiedenen Entwicklungs*Iche zustande kommt. Diese Synthese gilt es zu 
schaffen auf Grund der dem Ich eigenen Fähigkeit, mit Libido zu binden, 
zu empfangen, zu zeugen, wie Nunberg es uns in seiner Arbeit über die 
synthetische Funktion des Ichs so ausgezeichnet klar gemacht hat. Die ver* 
schiedenen auseinandergefallenen, gegeneinanderstrebenden und einge* 
klemmten Ichkerne des Neurotikers, mit deren Erforschung Federn be* 
schäftigt ist, müssen zu einer harmonischen Einheit zusammengeschmolzen 
werden, was nur über die normale Bahn der Ichentwicklung gehen kann. 

Das infantile, orakanale Ich des Neurotikers sucht mit Hilfe des Analy* 
tikers die Angst und die Realität zuerst durch Magie zu bewältigen und 
macht den Analytiker zum Zauberer; späterhin wird diese Angstbewältigung 
und Realitätsanpassung auf religiöser Stufe zu erreichen gesucht, wobei der 
Analytiker die Führerrolle übernimmt, und schließlich versucht in einem 
weiteren Stadium der Behandlung der Patient, sich mit dem Analytiker zu 
identifizieren. Durch diese Identifizierung mit dem Analytiker gerät er ge* 
wissermaßen in Rivalität zu ihm, drängt ihn aus seiner Rolle und ersetzt ihn, 
nachdem er es fertig gebracht hat, auf ihn zu verzichten und ihn 
zu vernichten. Damit hat sich der Patient vom Analytiker losgelöst und auf 
der Genitalstufe seiner Ichentwicklung seine Unabhängigkeit erreicht. Er hat 
seine zurückgebliebene Ichentwicklung nachgeholt und ist bis zu dem Punkte 
der Entwicklung des Kollektiwlchs seines Milieus vorgedrungen, an das er 
sich anpassen muß, um mit seiner Umgebung mitwirken und mitleben zu 
können. Hat doch das Kollektiv-Ich selbst im Laufe der Zeiten eine ähnliche 
Entwicklung durchmachen müssen wie das Ich eines jeden Einzelnen von 
uns von unserer Kindheit an. Diese Entwicklung des Kollektiv-Ichs eines 
gegebenen Milieus, die der Neurotiker nachholen muß, haben wir in un* 
serem Vortrag über die „Relativität der Realität" klarzulegen versucht. 2 Dieser 
Vortrag, der ins Einzelne der Problemstellung vorzudringen versucht, er* 
ganzt, wie ich glaube, wirksam die vorliegende Arbeit, in deren Rahmen wir 
unsere Aufgabe nur in ganz großen Zügen behandeln konnten. 



-) Vortrag gehalten im Februar 1935, im Lehrinstitut der Societe Psychanalyrique de 
rekti V ~f, mt ^nächst ™ Buchform bei Denoel & Steele, Paris, unter dem Titel: La 
social realite et son influence sur nos conceptions scientifiques, religieuses et 



Beiträge zur Theorie der Therapie 

Von 

H. Nunberg 

New York 

Das Problem der Neurose ist nicht restlos gelöst. Jeder Versuch einer 
Theorie der Therapie muß daher unvollständig und vielleicht Widerspruchs* 
voll ausfallen. 

Aus diesem Grunde kann auch ich nicht eine in sich geschlossene, voll* 
ständige und systematische Theorie der Therapie unterbreiten. Überdies kann 
ich aus Zeitmangel nicht einmal alles sagen, was ich in meinen Publikationen 
über dieses Thema bereits mitgeteüt habe. Ich werde mich nur auf einige sehr 
wenige Punkte beschränken, vielleicht manches schärfer formulieren und yer* 
suchen, einen oder zwei Punkte in den Vordergrund zu rücken, die, meines 
Erachtens, in der psychoanalytischen Diskussion nicht genügend gewürdigt 

wurden. 

Überall, wo sich Freud über die Therapie äußert, schreibt er dem Fr o* 
zesse der Überführung verdrängter unbewußter Seelenzustände in bewußte 
den Hauptanteil an der Genesung zu. 

In diesem einen Satze ist eigentlich alles, was wir über die Therapie wissen, 
zusammengefaßt. Im folgenden soll dieser Satz gewissermaßen erläutert 
werden. 

Auf Grund unserer Anschauungen über die Struktur der Neurose besteht 
die therapeutische Aufgabe darin, den Konflikt zwischen den psychischen 
Instanzen zu lösen und die psychischen Spannungen herabzusetzen. Wie be* 
reits hervorgehoben, wird diese Aufgabe durch den Prozeß des Bewußt» 
werdens des verdrängten Unbewußten gelöst. Er wird durch das freie 
Assoziieren eingeleitet und, wenn auch mit Schwierigkeiten, zu Ende 
geführt. 

Ehe ich auf das Wesen des freien Assoziierens eingehe, möchte ich 
hervorheben, daß „Unbewußtheit" nicht einfach Verschwinden von Ideen 
oder Gefühlen aus dem Bewußtsein bedeutet, sondern es mag auch bloß ein 
Zerreißen von Beziehungen zueinander gehörender Elemente im Psychischen 
und ihre Isolierung bedeuten. Es trennen sich nicht nur die Affekte von den 
Vorstellungen, sondern die Objektvorstellungen selbst zerfallen in ihre Wort* 
und Sachvorstellungen. Daß unter dieser zersetzenden Wirkung der Ab* 
wehr auch der sprachliche Ausdruck leidet, ist selbstverständlich. Der Neuro* 
tiker kann die passenden Worte für jene Gedanken und Strebungen nicht 
finden, die mit dem Abgewehrten assoziativ verbunden sind. Durch das Zer* 
stören der Verbindungsbahnen bei der Abwehr wird auch die Kommunika* 
tion unter den psychischen Systemen unterbunden, der progressive Weg der 




Beiträge zur Theorie der Therapie 



61 



Vorstellungen und Affekte zum Wahrnehmung*, und Motilitätsapparate des 
Bewußtseins wird gesperrt. Durch die Sperrung der Abfuhrbahnen geraten 
die Triebe unter hohe Energiespannung und versetzen den psychischen 
Apparat m Unruhe. Diese Spannung treibt dann in verstärktem Maße die 
unbewußten Strebungen nach vorwärts, zur Besetzung des Motilitäts. und 
Wahrnehmungssystems, mit anderen Worten zur Entladung im Wahr, 
nehmungsakte und in Handlungen, in der Motilität und Affektivität Da 
jedoch auf ihnen der Druck der Abwehr lastet, können weder die Vorstel. 
lungen und Gedanken wirklich bewußt werden, noch die Affekte die 
ihnen adäquate Bahn einschlagen und sich in Gefühlen und Handlungen 
vollständig ausleben. Die ersteren werden vielmehr in entstellter Form 
wahrgenommen und die letzteren schlagen im weitesten Sinne des Wortes 

falsche Bahnen" ein. Dieser natürlichen Tendenz zum Bewußtwerden und 
Entladen kommt das freie Assoziieren in höchstem Grade entgegen: führt 
es doch - wenn es gelingt, seiner freien Entfaltung die unvermeidlichen 
Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen - letzten Endes zum Auftauchen 
des verdrängten Materials, das automatisch mit mehr oder weniger starker 
Erregung emhergeht und von Entspannung gefolgt ist. Es ist also klar, daß 
das freie Assoziieren zum Abreagieren durch Affekte, Aktionen und durch 
das Bewußtwerden führt. 

Ich kann mich hier kurz fassen, da ich über die kathartische Wirkung des 
Bewußtwerdens in einem früheren Zusammenhange ausführlicher berichtet 
habe. 1 

Die desorganisierende Wirkung der Abwehr oder Verdrängung äußert sich 
nicht nur im Auflockern größerer psychisc her Einheiten, son* 
dem auch dann, daß das ganze Abgewehrte vom Ich losgelöst und aus 
seiner Organisation ausgeschlossen wird. Da das Ich immer 
bestrebt ist, zu binden, zu vereinigen und zu verschmelzen, kurz, seine syn. 
t n e 1 1 s c h e Funktion auszuüben, so wird das in seine Elemente zerlegte Ab. 
gewehrte, das in den freien Assoziationen dem Bewußtsein wieder zustrebt 
gebunden und vom Ich in seine Organisation wieder aufgenommen, assimiliert! 
Auch über die Bedeutung der synthetischen Funktion des Ichs in der Be. 

u U " g t kann ich ^ kurz fasse *> da ich darüber an anderem Orte be* 
richtet habe.« Übrigens hat neuerdings Alexander dieses Thema wieder 
abgenommen.* Daß bei diesem Prozesse des Vereinige™ und Assimilierens 
auch die unbewußten Sach. mit den vorbewußten Wortvorstellungen sich 
wieder verbinden und das e r 1 ö s e n d e Wort, der adäquate verbale Ausdruck 
^Jfaejimjem Unbewußten auftauchenden Strebungen, Gedanken, Wün* 

osenkfre^lT" ^l Tbxx ^ i£ "- lnt Ztschr - f - ^., Bd. XIV, 1928, und „Allgemeine Neur* 
2 ^ n auf psychoanalytischer Grundlage", Verlag Hans Huber, Bern, 1932. 
A FV 1E s ^* etische Funktion des Ichs". Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930. 

dieses Heft S 75 ^^ ^"^ Probkm der Psychoanalytischen Technik. Diese Ztschr., 



62 



H. Nanberg 



sehe und Gefühle gefunden wird, kann man in den Analysen leicht sehen. 

Das Bewußtwerden abgewehrter Strebungen kommt also durch das Inein* 
andergreifen der Tendenz des unbewußten Es, bewußt zu werden, und der . 
synthetischen Tendenz des Ichs, alles aufzunehmen, zu binden und zu assi* 
milieren, zustande. 

Beim Verdrängen werden nicht nur die Triebe dem Ich entfremdet, sondern 
auch Teile des Ichs selbst, die an der verpönten Triebbefriedigung festhalten. 
Sie lösen sich vom übrigen Ich ab und werden aus der Gesamtorganisation 
des Ichs ausgeschlossen. Obwohl es das Ich manchmal Angst und Über* 
windung kostet, Neues, Fremdes zu assimilieren — etwa eine unbekannte 
Person, eine neue Idee u. dgl. — , so nimmt es doch in der Analyse mit Hilfe 
des freien Assoziierens und Deutens, dank seiner synthetischen Funktion, das 
ihm durch die Abwehr fremd Gewordene in seine Organisation wieder auf. 
Das bedeutet natürlich eine Ichstärkung. 

Es bleibt jedoch nicht dabei. Da die Abwehr aus Angst vor Unlust erfolgt 
ist, wird a das Bewußtwerden, e i n der Verdrängung entgegenarbei* 
tender Prozeß, von Unlustwahrnehmungen begleitet. Während aber der 
Patient vor der Behandlung sich vor ihnen fürchtete, ist er jetzt imstande, der 
inneren Gefahr ins Auge zu schauen und Unlust zu ertragen. Diese 
Änderung der Reaktion des Ichs scheint mir sehr wichtig, da der Neurotiker 
von Haus aus überempfindlich gegen Unlust ist. Die Analyse 
entwickelt offensichtlich im Patienten Mut, sich mit den inneren Problemen 
auseinanderzusetzen, Mut zur Aufrichtigkeit mit sich selbst. Diese gesteigerte 
Toleranz gegenüber Unlust kann vielleicht mit der Toleranz verglichen wer* 
den, die gewisse Kranke durch eine Immunisierungskur erwerben. 

Nun geht das Assoziieren niemals ganz glatt vor sich. Die psychoanalytische 
Grundregel versagt meistens, die freien Einfälle stocken oder bleiben ganz 
aus. An dieser Stelle greift das Deuten ein. Damit leistet der Analytiker die 
Arbeit, die eigentlich der Patient hätte vollbringen sollen, nämlich die Ein* 
fälle zusammenzufassen, durchzuarbeiten, zu vereinfachen und einen Sinn 
aus ihnen herauszulesen. Mitteilung dieses Sinnes an den Patienten wird 
Deutung genannt. (An dieser Stelle wäre auch einiges über den Analytiker 
zu sagen.) 

Ist die Deutung korrekt, so fügt sie sich genau der Stelle ein, wo der Patient 
im freien Assoziieren gestört war. Dabei ist es gleichgültig, ob die Deutung 
sich auf den Widerstand des Es bezieht, oder aber ob sie dem Widerstände 
des unbewußten Ichs gilt. Das Ausschlaggebende ist Bewußtwerden. In der 
Analyse wird daher das bewußte Ich für die Vorgänge im unbewußten Ich 
und im Es mehr ansprechbar als zuvor, es nimmt sie in seine Organisation 
auf und erweitert sich gewissermaßen auf Ko sten des Ab* 
gewehrten. „Wo Es war, soll Ich werden", sagt Freud. 

Der Patient kann die Deutung akzeptieren, d. h. assimilieren oder nicht, je 



Beiträge zur Theorie der Therapie 63 

nach der Art der Widerstände, die gerade vorherrschen. Obwohl es mehrere 
Arten von Widerständen gibt, möchte ich mich jetzt nur mit dem Über* 
tragungswiderstande, insofern er vom Wiederholungszwange abhängt, be* 
schäftigen. In der Übertragung wird Vergessenes wiederholt, Vergan* 
genes in der Gegenwart wiedererlebt, kurz, das Verdrängte wird wieder in 
Beziehung zur Aktualität gebracht und in Handlungen ausgeführt.* Es ist 
also klar, daß jede einzelne Übertragungsäußerung dem Wiederholungs* 
zwange untergeordnet ist: die Übertragung ist sodann nur ein 
Spezialfall des Wiederholungszwanges. Das bedeutet jedoch 
noch nicht, daß der Wiederholungszwang nur in der Übertragung auftritt, im 
Gegenteil, er kann auch selbständig als Widerstand des Es erscheinen. Wir 
wissen noch sehr wenig über den Wiederholungszwang. Wüßten wir mehr, 
so wäre dk Behandlung wahrscheinlich viel leichter und erfolgreicher. Aber 
das Wenige, was wir über ihn wissen, läßt uns doch ahnen, was bei seiner; 
Abwicklung in der Analyse vor sich geht. 

Da der Wiederholungszwang immer Altes wiederholt und an Vergangenem 
festhält, müßte man annehmen, daß er ein unüberwindliches Hindernis gegen 
das Vordringen des verdrängten Unbewußten zum Bewußtsein darstellt. Dem 
ist aber nicht ganz so, denn er kann unter Umständen zum entscheidenden 
Faktor beim Heilungsvorgange werden. 

Erstens bildet er durch die Zähigkeit, mit der er Psychisches aus der Ver<* 

gangenheit reproduziert, einen außerordentlichen Antrieb für das Verdrängte, 

wieder ins Bewußtsein einzutreten. Dieser Tendenz zum Bewußtwerden 

scheint zwar jene „Kraftäußerung des Verdrängten" (Freud), die 

das Verdrängte zur Fixierungsstelle zurückzieht, entgegenzuarbeiten, die 

Spannung jedoch, unter der das verdrängte Triebleben steht, treibt dessen 

psychische Repräsentanzen immer wieder zum Bewußtseinssystem empor. So 

vereinigen sich die beiden, scheinbar einander ausschließenden Tendenzen 

zu einem Ziele: die Vergangenheit im Wahrnehmungsakte möglichst voll* 

ständig zu reproduzieren und auf diese Weise den Trieben des Es zum Abrea* 

gieren zu verhelfen. An Beispielen hierfür fehlt es nicht. Es dürfte wohl ge* 

nügen, wenn ich darauf hinweise, wie zwanghaft manche Patienten in fort* 

während sich wiederholenden Aktionen, Verhaltungsweisen, Phantasien und 

Symptomen eine in frühester Kindheit eingeleitete Erregung zu reproduzieren 

trachten, die aus irgend einem Grunde nicht zu Ende geführt und verdrängt 

wurde (z. B. Onanie). Es macht den Eindruck, als ob sie den seinerzeit begon* 

nenen Erregungsablauf nunmehr zu Ende führen wollten. Zur wirklichen 

Befriedigung und zur Ruhe können diese Patienten jedoch nicht kommen, 

solange der Sinn ihrer Handlungen und Phantasien ihnen unbewußt bleibt. 

Zweitens arbeitet die Übertragung der regressiven und retardierenden Ten* 

4) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Sehr., Bd. VI. 



64 H. Nunberg 



denz des Wiederholungszwanges entgegen und treibt das Abgewehrte zum 
Bewußtsein empor, obwohl sie in gewissem Sinne eine Teilerscheinung des 
Wiederholungszwanges ist. Das Reproduzieren des Abgewehrten geht je* 
doch zunächst nicht mit Bewußtheitsqualität einher, da die reproduzierten 
Gebilde weder vollständig noch auch sichtbar miteinander verbunden sind. 

Um dieses letzte Stück Arbeit zu leisten, um das in der Wiederholung 
Reproduzierte bewußt zu machen, bedarf der Patient offensichtlich der Mit. 
hilfe des Ichs und zwar desjenigen Teiles, der sich in der Übertragung auf die 
Seite des Analytikers stellt. Der Aufforderung des Analytikers gehorchend 
in der Vergangenheit Erlebtes zu erinnern, zu wiederholen schwingt sich 
das Ich des Patienten dazu auf, das Verdrängte, das ja wegen der Unlust, die 
es dem Ich verursachte, ausgeschaltet wurde, wieder zum Bewußtsem zuzu. 
lassen und ihm sogar Lust abzugewinnen. Es benimmt sich ähnlich wie m der 
Hypnose, wo aus Gehorsam oder Gefügigkeit gegen den Hypnotiseur auch 
unlustvolle Suggestionen angenommen und ausgeführt werden. Der Gehorsam 
wird dabei infolge libidinöser Bindungen im Ödipuskomplex reproduziert. 
Das Ich libidinisiert also in der Übertragung den Wiederholung!* 
zwang und vereinigt sich mit ihm im Dienste der Kur. 

Solange der Wiederholungszwang nur dem Es dient, steht er außerhalb 
der Ichorganisation und ist der Beeinflussung von selten des Ichs nicht zu* 
gänglich. Ist die synthetische Kraft des Ichs stark genug, so zieht es den 
Wiederholungszwang ganz auf seine Seite, macht ihn bewußt, bindet ihn 
und nimmt ihn in seine Organisation auf. Dadurch verliert er einerseits seine 
Unabhängigkeit und Stoßkraft, andererseits kann er besser vom Ich be- 
herrscht werden. 

Was von ihm im Es übrig bleibt, scheint mir kaum irgendwelcher Be* 

einflussung zugänglich. Ich glaube, es ist am besten, wenn wir an dieser Stelle 

Freud zitieren: „Derselbe Wiederholungszwang tritt uns als therapeutisches 

Hindernis entgegen, wenn wir zu Ende der Kur die vollständige Ablösung 

vom Arzte durchsetzen wollen . . ." Weiter: „ . . .es ist anzunehmen, daß die 

dunkle Angst der mit der Analyse nicht Vertrauten, die sich scheuen, irgend 

etwas aufzudecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen ließe im 

Grunde das Auftreten dieses dämonischen Zwanges furchtet . Und zuletzt 

steckt er die Grenzen der psychoanalytischen Beeinflussung in folgenden 

Worten ab: „Das fixierende Moment an der Verdrängung ist der Wieder, 

holungszwang des unbewußten Es, der normalerweise nur durch die frei be* 

wegliche Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun mag es dem Ich mitunter 

gelingen, die Schranken der Verdrängung, die es selbst aufgerichtet hat, 

wieder einzureißen . . . Tatsache ist aber, daßes ihmoft mißlingt... 

Quantitative Relationen mögen für den Ausgang diese^ 

5) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Sehr., Bd. VI. 




Beiträge zur Theorie der Therapie "" ~" ~" TZ 



Kampfes maßgebend sein... In manchen Fällen haben wir den Ein* 
druck, daß d i e E n t s c h e i d u n g eine zwangsläufige ist, die regressive 
Anziehung der verdrängten Regung und die Stärke der 
Verdrängung sind so groß, daß die neuerliche Regung nur 
dem Wiederholungszwange folgen kann..." 6 Tatsächlich sehen 
wir manchmal, daß der Patient einem gewissen Ereignisse entgegenstrebt, daß 
etwas Bestimmtes in der Analyse geschehen muß, sonst kann sie nicht weiter* 
gehen, oder aber, daß der Patient seinem Schicksale entgegeneilt und wir nicht 
die Macht haben, es zu verhindern. 

Wir dürfen jedoch nicht allzu pessimistisch sein, denn der Weg bis zu dem 
Punkte, wo die Anziehungskraft des Verdrängten durch den Wiederbolungs* 
zwang eine unüberwindliche ist, ist ziemlich weit. 

Knüpfen wir wieder dort an, wo wir unterbrochen haben, so zeigt es sich, 
daß in der Kur die Vergangenheit so stark wiederbelebt, aktiviert wird, daß 
das Zeitgefühl des Patienten außer Funktion gesetzt zu 
sein scheint; die Vergangenheit wird bei ihm zur Gegenwart und die 
Gegenwart zur Vergangenheit. War schon die Realitätsprüfung früher ge* 
stört, so ist sie es jetzt noch mehr. Da aber der Wiederholungszwang das 
Vergangene in der Gegenwart festhält, so verschafft er dem Ich einen direkten 
Zugang zum Vergangenen, zur ersten Kindheit. Mit dem noch intakten Teil 
seines Ichs hat der Patient nun die Gelegenheit, gewissermaßen in einer 
Fläche, in der Gegenwart, die infantile Realität der aktuellen gegenüberzu* 
stellen und mit ihr zu vergleichen, seine infantilen Wünsche und Ängste an 
seinen ausgereiften Strebungen zu messen und die Gefahren, die aus ihrer 
Verwirklichung drohen, zu entwerten. Dies führt natürlich zu einer präziseren 
Unterscheidung zwischen innen und außen, zur Verbesserung der Realitäts* 
Prüfung. 

Außerdem kommt noch etwas anderes hinzu: die Wiederholung ein und 
desselben Erlebnisses, auch dann, wenn es nicht lustvoll war, zeigt, daß das 
Ich damit nicht fertig werden kann und in ständige Unruhe versetzt wird. 
Offensichtlich hatte dieses Erlebnis traumatische Wirkung. Die Wieder* 
holung kommt also einem endlosen Abreagieren und Ungeschehenmachen* 
wollen des traumatischen Erlebnisses gleich. 

In der Übertragung scheint die libidinöse Bindung des Wiederbolungs* 
Zwanges durch das Ich die traumatische Wirkung des Erlebnisses abzu* 
schwächen und einen günstigen Boden für vollständiges Abreagieren zu 
schaffen. Es muß aber noch ein anderes Moment berücksichtigt werden: die 
Überführung des Wiederholungszwanges vom Es ins Ich verwandelt die Pas* 
sivität des Erlebens in Aktivität. Es wird dann nicht mehr wie früher versucht, 
em dndrucksvolles Erlebnis in endloser Wi ederholung autoplastisch abzurea* 

6) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Sehr., Bd. VI. (Im Original sind die zitierten 
Meilen nicht gesperrt.) 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXHI/1 5 



66 



H. Nunberg 



gieren, um es unschädlich zu machen. Im Gegented, es wird vom Ich ver. 
arbeitet, gesteuert und seine Energie wird in zweckmäßigen Handlungen auf 
die Außenwelt abgeführt. Dadurch wird auch das Ich befähigt, sich der Rea. 
lität besser anzupassen: es muß sich nicht selbst ändern, um den Bedurfnissen 
der Triebe und den Forderungen des über.Ichs gerecht zu werden, es ändert 
die Außenwelt, um sich ein gewisses Ausmaß von Befriedigung zu sichern^ 
Das führt jedoch zugleich zur Befriedigung eines Parnaltriebes des Ichs und 
zwar des Bemächtigungstriebes: früher war das Ich nicht nur den 
Reizen der Außenwelt gegenüber hilflos, sondern auch gegenüber den inneren 
Reizen und empfand Angst, wenn ihre Intensität anstieg; 3 etzt im Über, 
tragungskampfe mit den Mächten des Es, ist das Ich gestärkt worden 
und hat die Macht gewonnen, die Reizsteigerungen, die ihm von der Innen, 
wie von der Außenwelt zufließen, leichter aufzufangen und zu verteilen, kurz, 
sie zu beherschen. 

Unvermerkt sind wir beim Problem der Realitätsanpassung angelangt. Ob* 
wohl es nicht Aufgabe dieses Symposions ist, dieses Problem zu diskutieren, 
muß es doch in einem Versuche einer Theorie der Therapie zumindest ge. 
streift werden. Daß der Wiederholungszwang als Vorbereitung der An. 
passung an die Realität von größter Bedeutung ist, steht außer Zweifel. Man 
muß nur kleine Kinder beobachten, um eine Fülle von Eindrucken zu be. 
kommen, die sich zur Einsicht verdichten, daß es der fortwahrende Kampf 
zwischen den retardierenden Tendenzen des Wiederholungszwanges und dem 
Hunger nach neuen Eindrücken ist, der allmählich zur Meisterung der Rea. 
lität führt. Der Wiederholungszwang tritt dabei immer mehr in den Hinter, 
grund. Eine ähnliche Erscheinung, Einschränkung des Wiederholung^ 
zwanges und Verbesserung der Realitätsprüfung, haben wir gerade bei der 
Schilderung des Verlaufes der Kur gesehen. Am ehesten zeigt sich vielleicht 
die Änderung der Einstellung zur Realität in der Übertragung. Je mehr die 
psychoanalytische Situation von den Schlacken des Wiederholungszwanges 
gereinigt wird, desto mehr sieht der Patient den Analytiker, wie er wirkhch 
ist, und nicht, wie er seinen Wünschen gemäß sein sollte. 

Natürlich ist die Realitätsprüfung viel komplizierter. Hier möchte ich nur 
einen Gesichtspunkt hervorheben, der, wie mir scheint, in der psychoanalyj 
tischen Literatur vernachlässigt wird. (In der neuesten Arbeit von Freud 
- im „Almanach der Psychoanalyse 1937" -, seinem Brief an Romain 
Rolland, der jedoch erst nach Niederschrift dieser Arbeit erschienen ist, wird 
er bereits berücksichtigt.) In der Hypnose kann die Realität verändert werden 
da der Hypnotisierte sich mit dem Hypnotiseur im Uber.Ich identifiziert. 
Die Realitätsprüfung hängt also irgendwie auch vom Uber.Ich ab, nicht nur 
vom Ich. In der Depersonalisation werden Gefühle, Wahrnehmungen und 




Beiträge zur Theorie der Therapie 



67 



Eindrucke als fremd, nicht zum Ich gehörig empfunden. Die Analysen zeigen 
daß m der Depersonalisation eine besonders scharfe Entzweiung zwischen Ich 
und Übersieh, eine klare Ichspaltung besteht. Das Übersieh verneint die 
Erlebnisse und Eindrücke des Ichs. Daraus habe ich seinerzeit die Schluß* 
folgerung gezogen, daß die Erlebnisse des Ichs (einerlei ob sie gefühlsmäßiger 
oder gedanklicher Natur sind) normalerweise erst dann vollen Realitätswert 
bekommen, wenn sie vom Übersieh gutgeheißen, gewisser, 
maßen sanktioniert werden. 8 

In jeder Neurose ist das Ich mit dem Übersieh entzweit. Das Übersieh 
weist gewisse Triebansprüche ab und entfremdet ihre Abkömmlinge dem Ich. 
Da m der Analyse immer mehr Gedanken und Strebungen bewußt werden 
die auf Widerspruch, Kritik, Strafdrohungen des Übersieh stoßen, braucht 
der Patient Schutz und Hilfe gegen dieses Übersieh. Er findet sie im Analy. 
tiker, er lehnt sich an ihn an und identifiziert sich mit ihm. Die Identifi. 
zierung scheint sich hauptsächlich im Übersieh abzuspielen und erfolgt nach 
dem Muster eines Bündnisses mit dem Feinde, in der Hoffnung, ihn durch 
diese Bindung unschädlich zu machen. Und in der Tat wird das Übersieh des 
Patienten durch dieses Bündnis toleranter: es läßt Gedanken, Wünsche und 
Befriedigungsarten, die vorher abgewehrt werden mußten, gelten. Das Ich 
söhnt sich mit dem Übersieh aus, das nun die Wahrnehmungen der Ge. 
danken, Gefühle, Wünsche des Ichs als zum Ich gehörig und wirklich 
vorhanden anerkennt. Ist die Stoßkraft des Wiederholungszwanges 
durch die Analyse abgeschwächt, so verliert sich die Übertragungsidentifi. 
zierung wie von selbst. Das Übersieh arbeitet dann nicht mehr der Realitäts. 
funktion des Ichs entgegen. Dieses söhnt sich nicht nur mit dem Über. 
Ich aus, sondern auch mit der Außenwelt und dem Es und führt ein har. 
mo tusch es Zusammenarbeiten aller drei psychischen Instanzen herbei 
Ich bin mit der Ansicht völlig einverstanden, daß an der Änderung des Über. 
Ichs auch Introjektionen und Projektionen, Reintrojektionen und Reprojek. 
nonen beteiligt sind. 9 Es findet dabei aber auch eine Verschiebung destruk. 
üver Energie statt: der Drang des Über.Ichs nach Beherrschung des Ichs 
sein Machtbedürfnis, verschiebt sich auf das Ich, das nun, wie gesagt, befähigt 
wird, die Trieb, und Außenweltsanpassung besser zu vollziehen. Noch mehr- 
durch Befreiung der Triebe aus den Fixierungen und ihre Aufnahme in die 
Organisation des Ichs vergrößert sich das Ich immer mehr und lernt sowohl 
die Eindrucke, die von außen als auch jene, die von innen kommen, besser zu 
beherrschen. Freud sagt: „Die Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches 
dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermöglichen soll". 



Ha2 Hub^Bern mf™™ Neurosenlehre auf Psychoanalytischer Grundlage. Verlag 
Int^Ztech/fVsrBd^XXriS 8611 ^ therapeutischen Wirkun S der Psychoanalyse, 



68 



James Strachey 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate 
der Psychoanalyse 1 

Von 

James Strachey 

London 

Ich möchte gleich damit beginnen, das Feld abzugrenzen und Ihre Auf* 
merksamkeit auf den eigentlichen Gegenstand unserer Diskussion zu kon* 
zentrieren: Welchen Charakter haben die therapeutischen Ergebnisse der 
Psychoanalyse? Und wie werden solche Resultate zustandegebracht? Nun, 
wir alle wissen, es gibt Psychotherapeuten, die ganz andere Techniken an* 
wenden als die Psychoanalyse — Methoden wie Suggestion, Beruhigung oder 
Abreagieren — , und wir meinen, daß die durch solche Methoden erzielten 
Resultate auch von den durch Psychoanalyse erreichten ganz verschieden 
sind. Diese Behandlungsmethoden sind natürlich aus unserer heutigen Dis* 
kussion ausgeschaltet. Ich möchte aber zunächst mehr als das ausschalten. 
Es scheint äußerst wahrscheinlich, daß im Verlauf der vielen Monate oder 
Jahre einer Analyse einige, vielleicht auch alle der eben erwähnten Verfahren 
(Suggestion, Beruhigung, Abreagieren) in der komplizierten Beziehung zwi* 
sehen Analytiker und Patienten eine gewisse Rolle spielen. Nichtsdesto* 
weniger schlage ich vor, für den Moment die Annahme gelten zu lassen, daß 
diese Verfahren in einer Analyse nur als unwesentliche Episoden vorkommen, 
wenngleich — zumindest für. eines dieser Verfahren — bald eine Einschrän* 
kung notwendig sein wird. Ich werde sie also beiseite lassen und mich unfc 
verzüglich jenen Merkmalen der Psychoanalyse zuwenden, die gleichermaßen 
charakteristisch und einzigartig sind. 

Vor allem also, was den Charakter ihrer Ergebnisse anlangt. Was sie von 
den durch andere Methoden erzielten unterscheidet, scheint ihre Tiefe und 
Dauerhaftigkeit zu sein. Insoweit durch Analyse Veränderungen hervor* 
gerufen werden, scheinen diese in dem einen oder anderen Sinn wirkliche 
Veränderungen in der seelischen Funktionsweise des Patienten zu sein. Man 
kann die Natur dieser Veränderungen besser verstehen, wenn man sie näher 
betrachtet. Eine neurotische Erkrankung kann als das Produkt einer Störung 
des normalen individuellen Entwicklungsprozesses aufgefaßt werden. Dem* 
nach wird der normale Entwicklungsprozeß nachgeholt werden, sobald der 
störende Einfluß beseitigt ist. Mit anderen Worten: die Analyse befähigt 
die halb infantile, halb verkümmerte Psyche des Neurotikers, sich zur 
Struktur des Erwachsenen hinzuentwickeln. Diese Behauptung läßt sich noch 
detaillierter ausführen. Es scheint, als würden, sobald das normale Indivi* 
duum die volle genitale Stufe de r Libidoentwicklung erreicht, der destruktive 
Aus dem Englischen übersetzt von Lilly Neurath, Wien. 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 



69 



Charakter serner Es^Impulse schwächer, sein Übersieh entsprechend milder 
werden und die Beziehungen zwischen seinem Übersieh und seinem Ich 
in ein erträgliches Gleichgewicht kommen. Die libidinöse Entwicklung des 
Neuronkers ist auf einer früheren Stufe aufgehalten worden und daher b<* 
steht eine standige Disharmonie unter den drei Anteilen seiner Psvche Es 
mag möglich sein, eine solche Situation in verschiedener Weise zu m i'l d e r n • 
aber ein w i r k 1 1 c he Besserung wird nur dann eintreten, wenn die Stockung 
in der Triebentwicklung des Patienten aufgehoben werden kann. Geschieht 
dies, so wird er die Entwicklung zur genitalen Stufe nachholen, und *uf 
dieser wird sich automatisch seine gesamte Neigung zu inneren Konflikten 
vermindern. Eine Besserung dieser Art wird ihrem Wesen nach von Dauer 
sein und eine solche Besserung ist es, die die Psychoanalyse anstrebt. 

Welches sind mm die Methoden, mittels derer sie ein solches Resultat zu 
erbringen hofft? Theoretisch mag für sie ein Vorgehen auf zwei Linien mög. 
lieh erscheinen: einerseits könnte sie trachten, das übersieh toleranter zu 
machen, andererseits könnte sie sich zum Ziel setzen, das Es erträglicher zu 
gestalten. In der Praxis aber scheinen direkte Versuche, das Es zu modi& 

P^L? 1 ^ "^ ^ ? f ° lg ZU Wn * Und in der Tat **** ** «ie 

Psychoanalyse vorwiegend damit, das überfch zu verändern. (Das korre* 

spondiert natürlich mit der schon lange anerkannten Auffassung, daß die 
Psychoanalyse im wesentlichen eine Analyse von Widerständen ist) 

Meiner Meinung nach werden wir so zu einer neuen Formulierung 'der 
Frage, von der wrr ausgingen, geführt: Welches sind die Mittel, durch die 
bringt? Cine daUemde Veranderun S des Überfchs zustande. 

Ich muß sogleich die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Wortes 
„dauernd in dieser Formulierung lenken. Wahrscheinlich sind einige der 
anderen psychotherapeutischen Methoden, die ich erwähnt habe - und im 
besonderen die Suggestionsmethode -, in bestimmten Fällen geeignet, eine 
niemll ^ ^f™ des Über ^ beim Patienten zu bewirk^ 
d Tnu J f? ^T^ Kaum hat die ^mittelbare Beeinflussung durch 
den Behandelnden aufgehört, kehrt das überfch des Patienten wieder in 
seinen früheren Zustand zurück. Nichtsdestoweniger könnten wir fragen, ob 
™ht diese zeitweilige Modifikation des über.Ichs vielleicht einen 
d t 7 TTT T T WCg 2U ^ dauernden Modifikation bedeutet, die ' 
Sil S ychoan ^ ist Und das scheint in einem gewissen Sinn der 

Irhc A S P n l- m wf Tat Schdnt die ^tweüige Modifikation des Über. 

Ichs des Patienten im Wege der Suggestion bei der analytischen Arbeit eine 
bedeutsame Rolle zu spielen, wenn auch nur unter besonderen und streng 
definierten Bedingungen, das heißt, Suggestion wird benützt, um den Pa! 
ttenten zur Annahme der Deutungen des Analytikers zu bewegen. Oder, um 
es präziser auszudrücken, das Übersieh des Patienten wird zeitweilig tole* 



70 



James Strachey 



»*, geweht, so daß er sich eines Teiles der eigener, , Es.Regur.gen bewußt 

ranter gema , ^„„ßteein abgesperrt ist. 

™E^»n SeT getrag, werden, ob uns all dies der Beantwortung unserer 

-r^ÄÜSÄ utre Erörterung bisher »och 
Lineswegs de» Weg erhellt, auf dem auch nur diese zettwerhge Modtfrz.e, 
rtiTHT des Über*Ichs bewirkt werden kann. 

Thteine Unser Verständnis für diese Probleme (und mfolgedesse» auch 
fii die dahinterliegende Hauptfrage) wird vertieft, sobald wtr unsere Auf, 
m rkLw, zwei miteinander eng verbundene» Fragen ^den eure tt, 

dLLi und anderersdts die Annahme über die Rolle der Frojekhons, und 

Tntroiektionsvorgänge in der Übertragungsbeziehung. 

*ÄSL£A dem Patienten die Übertragung zu deuten war be. 
kanntlich eine der frühesten technischen Entdeckungen Freuds, und seit. 
Sd Trichtige Handhabung der Übertragung und ihre adäquate Deu, 
Sg Seicht die'Hauptkriterien analytischer Eignung geworder. Nich* 
desfoweniger bin ich nicht sicher, ob selbst heute die ga nze Be ^ utu ^ d « 
übe^agungsdeutung überall voll rf*^^t^Ä3 
des dynamischen Prozesses, der mit ihr einhergeht. Und t "« ™£* £ 
erklären daß ich den Ausdruck in einem eingeschränkten Sinn gebrauche. 
Es S mög i h, die Übertragung eines Patienten sehr aus ührlich zu deuten, 
olZZ Äs eine Übertragungsdeutung in dem von nur ge meinten Sinne 
zu iben Denn das Wesendichste an der Übertragungsdeutung, wie ch sie 
verstehe ist daß der gedeutete Affekt oder Impuls nicht nur dem Analytik 
Ä£*m in dem Zeitpunkt, in dem sie gedeutet werde, .auch ak ueU 
sein sollen. Demnach wird die Deutung eines gegen den Analytiker gericn, 
21 Impulses, der etwa in der vergangenen Woche oder auch nur eine 
WeSe vorher verspürt wurde, nicht eine Übertragungsdeutung in 
meinem Sinne sein, es sei denn, der Impuls ist im Patienten zu dem Zeit, 
nTkt der Deu ung noch wirksam. Die Situation wäre sonst eine sozusagen 
kbte und völliger jener dynamischen Kraft, die einer wirklichen übe, 

'*K !ÄÄ *■ Übertragungsdeutung *£*^ 
, a£ rte eine auf Grund empirischer Beobachtung gemachte Feststellung Me 
hat eine negative und eine positive Seite: das heißt, die Übertragungsdeutunj 
ist der wSigste Schutz gegen die Gefahren die zu einem Abbruch c£ : Ana, 
lvse zu führen drohen, und sie ist auch die eigentlich treibende Kraft, die 

STSÄüteb e'iner Analyse ^^^ A ^.ff! ,l S^ t t 
punkt wird auf höchst demonstrative Weise deutlich bei Hysterien, die, 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 



71 



wenn nicht ständig Übertragungsdeutungen gegeben werden, dauernd Ge* 
fahr laufen, durch plötzliche Angstausbrüche zum Abbrechen der Analyse 
veranlaßt zu werden; der zweite Gesichtspunkt wird bei Zwangsneurosen 
völlig evident, bei denen keinerlei Fortschritt erreichbar zu sein scheint, es 
sei denn als Resultat von Übertragungsdeutungen. Dies sind aber nur 'die 
schlagkräftigsten Beispiele: denn die Wichtigkeit der Übertragungsdeutung 
kann, meine ich, in jeder einzelnen Analyse beobachtet werden. 

Was gibt ihr diese Bedeutung? Ich habe an anderer Stelle 2 die mögliche 
Erklärung für das Wesen der Deutung im allgemeinen um ein Stück weiter 
zu bringen versucht. Ich habe behauptet, daß sie ein Vorgang ist, der den 
Patienten befähigt, unter kontrollierten Bedingungen und in begrenzten 
Dosen seinen Realitätssinn zu einem Vergleich zwischen seinen archaischen 
und imaginären Objekten einerseits, den aktuellen und realen andererseits zu 
verwenden, und habe gefolgert, daß die schrittweise Korrektur, die er so 
an seiner Einstellung zur Außenwelt vornehmen kann, den ersten Schritt 
zu einer inneren Wiederherstellung bedeutet, die unser letztes Ziel ist 
Wenn dies richtig ist, so scheint daraus zu folgen, daß eine Übertragung^ 
deutung mit größerer Wahrscheinlichkeit das gewünschte Resultat erbringen 
wird als irgendeine andere Art von Deutung. Denn einerseits wird die ge* 
deutete Triebregung, im Sinne der Definition, im Zeitpunkt, da die Deutung 
gegeben wird, aktuell sein, andererseits wird auch das Objekt dieser Trieb* 
regung, ebenfalls entsprechend der Definition, wirklich gegenwärtig sein. So 
wird durch die unmittelbare Anwesenheit eines der zu vergleichenden Ob* 
jekte die Vergleichung leichter gemacht werden und die vorgenommene 
Richtigstellung wird die Korrektur eines lebendigen Prozesses im Augenblick 
seines Ablaufs sein und nicht die bloße Revision eines vergangenen und 
historischen Vorfalls. 

x?u gi ^ L abCr n ° ch einen Zwdten Grund ' die ü bertragungsdeutungen den 
„NichfcObertragungsdeutungen" vorzuziehen, und dieser kann am besten an 
einem Beispiel erläutert werden. Lassen Sie uns annehmen, der Analytiker 
gebe einer Patientin eine Deutung des Inhalts, sie habe bei einer bestimmten 
Gelegenheit den Wunsch gehabt, ihr Gatte möge sterben. Der Effekt der 
(entsprechend unserer Theorie der Deutung) hier erzielt werden sollte, ist, 
daß die Patientin dadurch, daß ihr dieser spezielle Es*Impuls bewußt ge* 
macht wird, in die Lage kommt, zwischen ihrem aktuellen Objekt (ihrem 
hatten) und ihrem archaischen Phantasie^Objekt (etwa einer Vater*Imago) 
zu unterscheiden, und so fähig wird, eine Verbesserung ihrer Einstellung zur 
äußeren Realität und schließlich eine innere Korrektur vorzunehmen. Was 
aber w 1 r k 1 i c h geschieht, ist etwas ganz anderes. Wenn die Deutung erfolgt 
^so wird der ganze Konflikt von der Situation, welche der Analytiker be«= 

pj"* ü iC <J^J m , < S?f en der thera P euti scIien Wirkungen der Psychoanalyse. Int. Ztschr. f. 

a «»., ßcl. AÄl, 1935. 




72 



James Strachey 



spricht auf eine andere Situation verschoben, über welche er ni c h t spricht 
Sk Patientin mag allerdings zugeben, daß sie ihrem Gatten den Tod 
wünschte aber ihre emotionalen Einstellungen sind automatisch auf an an, 
dZ Problem übergegangen - diesmal auf den Analytiker und seine Deu. 
tun* Sie ist nunmehr erfüüt mit konfliktuösen Gefühlen ihm gegenüber - 
Ärger, Angst, Argwohn, Dankbarkeit u. a. m. Und dieser gesamte neue 
Konflikt ist im gegebenen Zeitpunkt selbst außerhalb der Seh. und Reich, 
weite des Analytikers. Nicht^Übertragungsdeutungen geben ist m der lat 
so als wollte man versuchen, einen Knoten in einem Seil zu losen das einen 
in sich geschlossenen Ring bildet. Man kann ganz eicht den Knoten an 
einer Stelle auflösen, aber er wird sich von selbst im gleichen Augenblick an 
einer anderen Stelle des Kreises wieder schließen. Man kann den Knoten 
nicht wirklich lösen, wenn man nicht die Enden des Seiles m der Hand 
hält, und das ist in der gegebenen Situation nur dann der Fall, wenn wir 
eine Übertragungsdeutung übermitteln. 

' Aber noch eine dritte Besonderheit unterscheidet die Übertragungs. von 
der NichfcÜbertragungsdeutung, und ich glaube, daß dieser dritte Unter, 
schied vielleicht der wichtigste von allen ist und uns einen Schlüsse zur 
Lösung des Hauptproblems in die Hand geben könnte - des Problems, 
wie es kommt, daß der Analytiker imstande ist, eine dauernde Modifikation 
im Übersieh des Patienten zu bewirken. Dieser dritte Unterschied ist ge* 
geben in der Tatsache, daß im Falle der Übertragungsdeutung die Person 
die die Deutung gibt, zugleich das Objekt des zu deutenden ^Impulses ist 
Um die volle Bedeutung dieser Tatsache aufzuzeigen, muß ich ganz ^ kurz 
die Rolle, die die Prozesse der Introjektion und Projektion bei der Bildung 
des Über.Ichs spielen, berühren. Von Melanie Klein wurde die Auffassung 
vorgebracht, daß auf jeder Entwicklungsstufe des Individuums der Cha* 
rakter seines über.Ichs weitgehend determiniert ist durch den Charakter 
seiner Objektbeziehungen. Solange seine Beziehungen zum Objekt von 
außerordentlich primitivem Typus sind, wird auch sein Übersieh (oder, wie 
es in diesem Zusammenhang auch genannt werden kann das von ihm mta» 
iizierte Objekt) sich auf eine außerordentlich primitive Weise verhalte^ Und 
wenn im Verlauf seiner Libidoentwicklung seine Beziehungen zum Ob]ekt 
einiges von ihrem Sadismus und ihrer Ambivalenz zu verlieren beginnen, 
wird auch sein Übersieh toleranter und freundlicher werden. Aber damit 
ist auch noch ein anderer Prozeß verbunden; denn der Charakter des Über, 
Ichs eines Individuums (oder seines inneren Objektes) wird umgekehrt auch 
die Vorstellung, die es von seinen äußeren Objekten bildet, beeinflussen. 
Solange also seine i n n e r e n Ob jekte primitive Verhaltensweisen haben wird 
es dazu neigen, auch seine Außenweltsobjekte als primitive Geschöpfe 
aufzufassen, sei es in einem guten oder in einem schlechten Sinn, und erst 
wenn es eine erwachsene Entwicklungsstufe erreicht, werden seine Objekte 



Zur Theorie der therapeutischen Resulta te der Psychoanalyse 73 

aufhören, Teufel oder Engel zu sein, und die Merkmale der Realität an* 
nehmen. Der Neurotiker ist, wie wir schon gesehen haben, in seiner libidi* 
nösen Entwicklung aufgehalten, und dementsprechend behalten sowohl sein 
Übersieh als auch seine äußeren Objekte ihre archaische Natur. Seine Be* 
rührung mit Menschen im täglichen Leben kann an diesem Stand der Dinge 
nichts ändern. Seine Objektbeziehungen werden weiterhin primitiv sein, und 
er wird weiterhin primitive Objekte introjizieren und sie wiederum auf die 
Außenwelt projizieren. Die Situation wird auch nicht grundlegend geändert 
werden, wenn er zu einem Psychotherapeuten kommt, der ihn mit Sugges* 
tions* oder Beschwichtigungsmethoden behandelt. Denn ein Psychotherapeut 
dieser Art mag sich darauf einstellen, zum Ich des Patienten freundlich zu 
sein, und mag hoffen, so vom Patienten als ein wohlwollendes Übersieh 
introjiziert zu werden; aber er wird nur die Rolle eines guten Objekts von 
archaischem und phantastischem Typus spielen, und nur als solches wird er 
tatsachlich mtrojiziert werden. So wird er keine wirklich qualitative Ände* 
rung im Übersieh des Patienten bewirken und wird dauernd Gefahr laufen 
primitiven Ambivalenzen zum Opfer zu fallen oder so erlebt zu werden, als 
ob er libidmöse Befriedigung mehr denn Trost und Rat gewährte, und auf 
diese Weise eher wie ein Teil des Es des Patienten behandelt zu werden als 
wie ein Anteil des Über=Ichs. 

j ^ n J der A Ps y choanal y s e Jedoch liegen die Dinge ganz anders. Es ist richtig 
daß der Analytiker sich gleichfalls seinem Patienten als Objekt anbietet und 
hofft, von ihm als Übersieh introjiziert zu werden. Aber es ist von Anfang 
an sein einziges Bestreben, sich von den archaischen Objekten des Patienten 
zu differenzieren und, soweit er irgend kann, dahin zu wirken, daß der Pa* 
tarnt An nicht als eine archaische Imago mehr introjiziere, die dem übrigen 
primitiven Übersieh angereiht wird, sondern als den Kern eines gesonderten 
und neuen Uber.Ichs. Und er hofft, daß im Verlauf der Analyse dieses 
neue Übersieh sich schrittweise ausbreiten, das ursprüngliche Übersieh durch* 
dringen und dessen anpassungsunfähige Starrheit durch eine Haltung ersetzen 
wird, die mit der Welt der Erwachsenen und mit der äußeren Realität in 
engerer Beziehung steht. Er hofft, kurz gesagt, daß er selbst von seinem Pa* 
tienten als Übersieh introjiziert wird - aber nicht auf einen Bissen und als 
ein archaisches Objekt, sei es nun gut oder böse, sondern nach und nach und 
als eme reale Person. 

Es ist nicht schwer, zu erraten, daß diese schrittweise Introjektion des 
Analytikers m den Augenblicken geschieht, in denen die Ubertragungs* 
deutungen gegeben werden. Denn A diesen Augenblicken, die im Erleben 
des Patienten einzig dastehen, zeigt sich die Person, die das Objekt seiner 
unbewußten Triebe ist, gleichzeitig vollständig im klaren über deren Natur 

1 V a! von Angst ,oder Ärser - So wird das ° b J ekt > das der Patient in 

solchen Momenten mtrojiziert, eine einzigartige Qualität besitzen, die auf das 



74 



James Strachev: Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 



wirksamste die undifferenzierte Absorbierung in sein ursprüngliches Über. 
Ich verhindert und ganz im Gegenteil einen Schritt vorwärts zu einer dauern, 
den Veränderung in seiner seelischen Struktur bedeutet 

Meine Hauptfolgerungen sind daher zwei: Erstens scheint es mir, daß die 
unmittelbaren Determinanten der therapeutischen Resultate der Psychoana. 
lyse in den Vorgängen der Deutung, ganz besonders der Übertragungsdeu* 
tung zu finden sind. Zweitens scheint es mir, daß es nur dann möglich sein 
wird, die Resultate dieser Vorgänge und die Art, wie sie in Kraft treten, zu 
verstehen, wenn wir den Mechanismen der Introjektion und Projektion 
genügend Aufmerksamkeit schenken. 



L 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 1 

Von 

Franz Alexander 

Chicago 

Die allgemeinen Grundlagen der psychoanalytischen Technik, wie sie 
Freud in seinen fünf Aufsätzen in den Jahren 1912—1914 formuliert hat, 
bildeten häufig den Gegenstand sorgfältiger Überprüfung von Seiten zahl* 
reicher Autoren. Dennoch ist es — bemerkenswerter Weise — diesen 
Autoren nicht gelungen, wichtige Neuerungen oder Abänderungen vorzu* 
bringen. Viele Autoren sind bei der Darstellung ihrer Ideen zur Technik 
von der ehrlichen Überzeugung ausgegangen, daß sie radikale Ver* 
besserungen der klassischen Methode in Vorschlag bringen. Andere, be* 
scheidenere, betonen, daß ihre Besprechung die Aufmerksamkeit auf einige 
der von F r e u d entwickelten Grundsätze lenken soll, die aus dem einen oder 
anderen Grunde in der alltäglichen Praxis von der Mehrzahl der Analytiker 
vernachlässigt werden. 

Dieses unablässige Bestreben nach einer Verbesserung der analytischen 
Technik ist klar begründet. Die psychoanalytische Therapie ist außerordent* 
lieh mühsam, verbraucht viel Zeit und Kraft — sowohl des Patienten wie 
auch des Analytikers — und das Ergebnis läßt sich auf Grund einfacher pro* 
gnosrischer Gesichtspunkte nur schwer vorhersagen. Der Wunsch, diese 
Schwierigkeiten zu verringern und die Aussichten der psychoanalytischen 
Behandlung zu steigern, ist nur allzu verständlich. Die Schwierigkeiten, der 
Verbrauch an Zeit und Kraft in der psychoanalytischen Therapie stehen 
keineswegs in einem ungleichen Verhältnis zu ihrem stolzen Ziele: eine 
dauernde Veränderung in der erwachsenen Persönlichkeit zu bewirken, die 
bisher immer als unveränderlich galt. Nichtsdestoweniger ist jeder Thera* 
peut von Haus aus unzufrieden, er wünscht seine Methode zu verbessern 
und bestimmte technische Regeln an die Stelle einer unsicheren ärztlichen 
Kunst setzen. Die unaufhörlichen Bemühungen, die Technik zu reformieren, 
bedürfen daher keiner besonderen Erklärung; einer solchen bedarf lediglich 
die Häufigkeit, mit der Pseudoreformen von den Autoren vorgeschlagen 
werden, in der Überzeugung, daß sie etwas Neues entdeckt haben. Diese 
Illusion entspringt der komplizierten Natur der psychoanalytischen Methode. 
Die psychoanalytische Methode kann nicht aus Büchern gelernt werden. Der 
Psychoanalytiker muß sozusagen durch eigene Erfahrung den Sinn und die 
Einzelheiten des Verfahrens neu entdecken. Das komplizierte Verhalten des 
Pa tienten, wie es sic h dem Therapeuten darbietet, kann nicht einfach in 

Vorlesung, gehalten anläßlich der Tagung der Washington*Baltimore Psychoana* 
i-yöc Society, 12. Oktober 1935; aus dem Englischen übersetzt von Dr. Margarete K o* 
'is eher, Wien. 



1 



76 



Franz Alexander 



allen Einzelheiten beschrieben werden und das Verständnis für die emo. 
tionellen Vorgänge in dem Patienten beruht auf einer außerordentlich ver. 
feinerten Fähigkeit, die gewöhnlich als Intuition bezeichnet wmL In einem 
früheren Aufsatz habe ich den Versuch unternommen, diese Fähigkeit des 
mystischen Nimbus, der sie umgibt, zu entkleiden, indem ich sie als eine 
Verbindung von äußerer Beobachtung mit dem inneren Wissen um eigene 
emotionelle Reaktionen definierte. 3 

Freuds Aufsätze über Technik wurden in den Jahren 1912-1914 ver. 
öffentlicht, also mindestens fünfzehn Jahre, nachdem er mit seiner Behand. 
lungsmethode der freien Assoziation begonnen hatte, und sie können daher 
als Zusammenfassung von mindestens fünfzehn Jahren klinischer Erfahrung 
angesehen werden. Diese technischen Entdeckungen, zu denen ein Genie 
fünfzehn Jahre brauchte, muß nun jeder, der Psychoanalyse stuckert, *uf 
Grund seiner eigenen Erfahrungen neu erwerben. Obwohl dieses Studium 
nunmehr durch allgemeine und einfache Formeln und durch ******* 
Schreibung der während der Behandlung sich abspielenden psychologischen 
Vorgänge sehr vereinfacht ist, bleibt nichtsdestoweniger das Material, das 
sich in jedem einzelnen Fall darbietet, so komplex und so überaus indivi. 
duell, daß es eines jahrelangen Studiums bedarf, bis der Schuler die Technik 
wirklich beherrschen lernt. Übertragung, Widerstand, Agieren, die Auf, 
hebung der infantilen Verdrängung - alle diese Begriffe lernt er erst nach 
und nach richtig einschätzen. Infolgedessen wird er geneigt sein, gerade jene 
besonderen technischen Punkte hervorzuheben, deren Richtigkeit und Wich, 
ti-keit auf ihn Eindruck zu machen beginnen. Nur daraus erklaren sich die 
zahlreichen langweiligen Wiederholungen und Neuformulierungen der tech. 
nischen Grundsätze - Neuformulierungen, die überdies gewöhnlich ein* 
seitig sind und viel weniger scharfsinnig und klar als F r e u d s ursprungliche 
Formulierungen. .. . 

Die allgemeinen Regeln der klassischen Technik verlangen bestandige An. 
passung an die psychischen Vorgänge, die im Laufe der Behandlung be. 
obachtet werden: die Erscheinungen der Übertragung des /Widerstandes, 
die zunehmende Fähigkeit des Patienten, das bisher unbewußte Material in 
Worte zu fassen, und die schrittweise Überwindung der infantilen Amnesie. 
In den Verfahren, die von der klassischen Technik abweichen, wird stets 
das eine oder andere dieser Phänomene in seiner therapeutischen Bedeutung 
überwertet und von den anderen losgelöst behandelt. Die Diskussion kon. 
zentriert sich immer auf die therapeutische Bewertung 1. der Abreaktion 
der Affekte 2. der intellektuellen Einsicht und 3. des Auftauchens verdrängter 
Kindheitserinnerungen. Autoren, welche die emotionale Abreaktion als wich, 
tigsten therapeutischen Faktor betrachten, werden alle jene Methoden her. 




Das Problem der psychoanalytischen Technik 



77 



vorheben, die affektive Durchbrüche, ähnlich den Abreaktionen in der 
kathartischen Hypnose, verursachen können: eine gewisse Behandlung des 
Widerstandes oder die Erzeugung emotionaler Spannungen beim Patienten, 
z. B. durch Vermeidung der Inhaltsdeutung. Jene wieder, die glauben, daß 
der beste und anhaltendste therapeutische Erfolg durch die vollständige Ein* 
sieht des Patienten in die Natur seines emotionalen Konflikts bewirkt wird, 
werden jene Methoden forcieren, welche dies zum Ziel haben: sie werden sich 
auf die Inhaltsanalyse konzentrieren. Schließlich werden alle, die die Auf* 
hebung der infantilen Amnesie als wirksamsten therapeutischen Faktor an* 
sehen, geneigt sein, besonderes Gewicht auf die Rekonstruktion der Kind* 
heitserinnerungen zu legen. In Wirklichkeit sind aber alle diese therapeu* 
tischen Faktoren eng miteinander verknüpft und voneinander abhängig. So 
ist z. B. das Auftauchen der Kindheitserinnerungen oft, wenn auch nicht 
immer, mit emotionaler Abreaktion verbunden; intellektuelle Erkenntnis 
kann andererseits den Weg für affektive Abreaktionen und Erinnerungen frei 
machen; das affektive Erlebnis ist, wenn es nicht zu überwältigend auftritt, 
die einzige Quelle wirklicher Erkenntnis. Ohne Erinnerung und emotionale 
Abreaktion bleibt die intellektuelle Einsicht theoretisch und unwirksam. Die 
enge Verbundenheit dieser drei Faktoren wird in Freuds Schriften über 
Technik klar gezeigt, und seine technischen Ratschläge gründen sich auf das 
Wissen um diese Zusammenhänge. 

^ Alle diese bisherigen Neuerungen bestehen lediglich in einer ungebühr* 
liehen Hervorhebung des einen oder anderen Faktors — und diese Über* 
betonung beruht auf ungenügender Einsicht in die Dynamik der Therapie. 
In großen Zügen lassen sich drei Richtungen innerhalb der Technik unter* 
scheiden: 1. die neokathartischen Experimente, 2. die auf Rekonstruktion 
und „Einsicht" basierende Therapie und 3. die Widerstandsanalyse. Es muß 
jedoch hinzugefügt werden, daß keine dieser Neuerungen oder technischen 
Methoden jemals ungeteilte Anerkennung gefunden hat, und ich möchte ver* 
muten, daß sich die von den Neuerern in Wirklichkeit angewandte Technik 
an die ursprüngliche stärker anlehnt, als man nach ihren Publikationen an* 
nehmen würde. Die meisten Psychoanalytiker erhoffen einen Fortschritt in 
der Technik weniger von der einseitigen Überbetonung eines technischen 
Gesichtspunktes, als von der fortschreitenden Exaktheit unseres Wissens, 
besonders unseres quantitativen Wissens um seelische Vorgänge. Ein solches 
reicheres Wissen wird ein ökonomischeres Vorgehen ermöglichen, wodurch 
viel Zeitvergeudung — die größte Schwäche der Therapie — vermieden 
werden kann. Ich will versuchen, einige dieser technischen Neuerungen vom 
Gesichtspunkte der Entwicklung der technischen Einsichten der Psycho* 
analyse kritisch zu beleuchten. 

Die therapeutische Wirksamkeit der Abreaktion von Affekten zusammen 
mit dem Auftauchen von Erinnerungen während der Hypnose bildete den 



78 



Franz Alexander 






A„«r a n«nunkt der Psychoanalyse sowohl als Therapie wie auch als psycho. 
Äer Theorie Dies'brachte Freud zu der Annahme, daß das Symptom 
deshalb verschwinde, weil die treibende Kraft, welche es unterstützte, in der 
hypnotischen Abreaktion einen anderen Ausweg gefunden habe^Der nächste 
Schritt in der Entwicklung der Therapie erfolgte auf Grund der Beobachtung, 
daß die emotionale Abreaktion keine dauernde Wirksamkeit besitzt, weil die 
Abreaktion als solche die konstante Tendenz des Ichs, gewisse psychische 
Kräfte zu verdrängen, nicht verändert. Der hypnotische Zustand hatte nur 
vorübergehend eine Situation geschaffen, die einen Ausbruch emotionaler 
Tendenzen ermöglichte; aber die Abreaktion hing ebenso von dem hypno* 
tischen Zustande ab, wie das Verschwinden des Symptoms von der emotio. 
nalen Beziehung des Patienten zum Hypnotiseur. So kam J re u d : :u der 
Erkenntnis von dem Phänomen des Widerstandes und entdeckte die tech* 
nische Methode der freien Assoziation. Um eine der wichtigsten Ersehe* 
nungen des Widerstandes auszuschalten, formte er die Grundregel von der 
unwillkürlichen Ablenkung des Gedankenstromes von dem verdrängten 
Material. Der letzte Schritt in der Entwicklung der Technik war die Er* 
kenntnis der Rolle, welche die affektive Einstellung des Patienten gegenüber 
dem Analytiker spielt. Was, oberflächlich gesehen nur Vertrauen zum Ana. 
lytiker zu sein schien, enthüllte sich als Wiederholung der abhangigen Hai, 
tung des Kindes gegenüber seinen Eltern, was uns bei richtiger Behandlung 
ermöglicht, stark verdrängtes Material zum Vorschein zu bringen. 

Die Erkenntnisse, die aus den Erfahrungen mit der kathartischen Hypnose 
und später mit der freien Assoziation gewonnen wurden, lassen sich folgender, 
maßen zusammenfassen: Um eine dauernde Heilung zu sichern, genügt es 
nicht allein, die unbewußten Tendenzen aufzudecken, die das Symptom au* 
rechterhalten. Das Wiedererleben der individuellen traumatischen Situa. 
tionen der Vergangenheit während der Behandlung ist weniger wichtig als 
die Steigerung der Fähigkeit des Ichs, mit jener Art von Wünschen fertig zu 
werden, die es in der pathogenen Kindheitssituation nicht zu ertragen va> 
mochte und die es nicht bewältigen konnte. Die ursprunglichen Verdran, 
gungen schaffen gewisse Verdrängungsmodelle, auf Grund deren im spa, 
Len Leben Strebungen, die mit den ursprüngli ch verdrängten irgendwie 
zusammenhängen, ebenfalls der Verdrängung anheimfallen. Die Behandlung 
besteht aus einer Änderung des Ichs, einer Steigerung semer Kraft - maj 
könnte sagen seines Mutes -, mit gewissen emotionalen Problemen fertig ^ 
werden, die es früher nicht meistern konnte. Die Bezeichnung „Erhöhung 
des Mutes" des Ichs entspricht durchaus dem Tatbestand, denn wir wissen 
heute, daß Angst die Triebfeder für die Verdrängung ist, Mut aber die 
Fähigkeit, die Angst zu überwinden. 

Ein anderer Satz verlangt jedoch eine Erklärung. Was meinen wir wenn 
wir sagen, „die Fähigkeit des Ichs, mit verdrängten Strebungen fertig *u 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 



79 



werden, zu steigern"? Ein Symptom wird doch sicher nicht dadurch geheut 
daß die Triebtendenzen, durch welche es verursacht wurde, ins Bewußtsein' 
treten. Die Tatsache des Bewußtwerdens an und für sich hat keinen Heilwert 
wenn wir nicht annehmen, daß der Vorgang des Bewußtwerdens - sobald 
der vorbewußte und schließlich unbewußte Inhalt bewußt wird — das gleiche 
Maß von Energie verbraucht, das im Symptom gebunden war. Daß dies 
nicht der Fall ist, zeigt sich deutlich in der Tatsache, daß das Bewußtwerden 
eines vorher unbewußten Materials nicht immer und unvermeidlich von dem 
Symptom befreit. Nach und nach wurde es klar, daß das Bewußtwerden 
eines verdrängten Wunsches nur eine notwendige Voraussetzung für die 
Heilung ist: es eröffnet der durch das Symptom gebundenen Energie einen 
neuen Ausweg, nämlich den Ausweg der willkürlichen Innervationen. Ob 
der Vorgang des Bewußtwerdens einer unbewußten Tendenz schon an sich 
selbst wenigstens einen Teil des verdrängten Energiequantums verbraucht, 
ist noch eine offene Frage. Die dynamische Gleichung des Heilungsprozesses 
besteht dann, daß die vor der analytischen Behandlung durch ein Symptom 
gebundene Energie gleich ist der Energie, die nachher für gewisse willkürliche 
motorische Innervationen aufgewendet wird. Es ist aber immerhin möglich 
daß ein 'kleinerer Teil der durch das Symptom gebundenen Energie im 
Prozeß des Bewußtwerdens verbraucht wird, d. h. in dem psychischen Vor, 
gang, der das bewußte Denken ausmacht. 

Die dynamische Formulierung, daß die im Symptom gebundene Energie 
nach der Behandlung einen neuen dynamischen Ausdruck findet, bedarf wei. 
terer Beleuchtung. Die neue Verwendung der Energie in bewußten Innerva. 
tionen muß mit den im Ich schon vorhandenen Kräften harmonieren. Wenn 
ebne Bedingung nicht «füllt ist, entsteht ein Konflikt innerhalb des Ichs 
welcher die freie Verwendung der früher durch das Symptom gebundenen 
Energie verhindert Nun ist aber die synthetische oder einordnende Funk, 
üon des Ichs eine Fähigkeit, auf die sich der Analytiker verlassen muß, zu 
wLThefT- d Z ch *™^f^ Tätigkeit nicht viel beitragen kann. 
Dies beschrankt die Indikation der Psychoanalyse auf jene Patienten, deren 
Ich genugende synthetische Kraft besitzt, weil der Prozeß der Integra, 
üon und sem Endergebnis - die reibungslose Verfügungsmöglichkeit über 

werdef muß ymPt C ^^ ~ ^ Patißnten Selbst überlassen 

Ich^JT^u ^f ä tegrkrende ° der ^^tische Funktion des 
und 7 ♦ ^°fl n t 1 Tbuaf5e einem Wältigen Studium unterzogen 
und dargetan, daß der Vorgang des Bewußtwerdens eines verdrängten In. 
altes selbst einen Assimilationsvorgang innerhalb des Ichs darstellt« Ich 
^ffdejp ater noch auf dieses Problem zurückkommen. Sicher ist, daß mit 
1930. H ' Nunber S : Die synthetische Funktion des Ichs. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 



oder ohne Mitwirkung des Analytikers die früher verdrängte Energie, welche 
im Laufe der Behandlung dem dynamischen Inventar des Ichs einverleibt 
wird, mit den schon vorher im Ich vorhandenen Kräften ausgesöhnt und in 
Übereinstimmung gebracht werden muß. 

Die fundamentale Richtigkeit dieser Formulierung des therapeutischen Pro» 
zesses wurde besonders durch die letzten Entwicklungen bestätigt, die dazu 
führten, daß an Stelle der Symptomanalyse der Analyse des Charakters oder 
der Gesamtpersönlichkeit eine größere Bedeutung zugemessen wurde. Wir 
haben gelernt, daß bei vielen Patienten die verdrängten Wünsche sich außer 
im neurotischen Symptom oft noch stärker im sogenannten neurotischen Ver* 
halten kundgeben. Dies ist eine mehr oder weniger stereotype automatisierte 
und unbewußt determinierte Art des Verhaltens, welche im Gegensatze zu 
dem durch den Willen gelenkten Betragen der Kontrolle des Ichs entzogen 
ist. Es gibt sogar viele neurotische Persönlichkeiten, deren Krankheit sich 
ausschließlich oder hauptsächlich in solchem impulsiven oder stereotypen 
Verhalten äußert, ohne daß besondere Symptome vorhanden wären. Nach 
und nach wurde es das Ziel unserer therapeutischen Bestrebungen, nicht nur 
neurotische Symptome zu heilen, sondern die lenkende Kraft des Ichs auf 
diesen automatischen und erstarrten Ausdruck triebhafter Energien auszu* 

dehnen. 

Als Ziel der Therapie kann man demnach die Ausdehnung der bewußten 
Kontrolle auf jene Triebkräfte bezeichnen, die dem lenkenden Bereich des 
bewußten Ichs, sei es in der Form neurotischer Symptome oder neurotischer 
Verhaltungsweisen, bisher entzogen waren. Wir wollen nun untersuchen, mit 
welchen Mitteln jene Therapeuten, die von der klassischen Methode ab* 
weichen, dieses Ziel zu erreichen hoffen. Um diese Abweichungen richtig 
einschätzen zu können, müssen wir die Rolle der drei therapeutischen Fak* 
toren in der Analyse betrachten: Abreaktion, Einsicht und Erinne* 
rung. Wir haben gesehen, daß Abreaktion ohne Erkenntnis nicht genügt. 
Wir verstehen jetzt warum. Der Vorgang der Assimilierung, durch den die 
verdrängte Tendenz ein organischer Bestandteil des Ichs wird, kann ohne 
Einsicht nicht vor sich gehen: Einsicht ist die Bedingung — vielleicht das 
Wesen — dieses assimilierenden Vorganges. Offenbar ist aber Erkenntnis 
ohne affektives Erleben, d. h. also ohne Abreaktion, von nur geringem Werte. 
Etwas, was im Ich nicht vorhanden ist, kann in die Ganzheit des Ichs nicht 
eingefügt werden und affektive Erlebnisse sind ein Anzeichen dafür, daß 
die verdrängte Strebung im Begriff ist, bewußt zu werden. Daher ist das 
theoretische Wissen von etwas, das von dem Patienten nicht gefühlsmäßig 
erlebt wurde, therapeutisch wirkungslos, obwohl zugegeben werden muß, 
daß in gewissen Situationen eine rein intellektuelle Erkenntnis den Weg zur 
Abreaktion frei machen kann. Es ist nicht ratsam, sich diese Vorgänge allzu 
schematisch vorzustellen. Abreaktion ohne Bewußtmachung und Bewußt* 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 



81 

machung ohne Abreaktion sind zwei Extreme, zwischen denen in der Praxi, 
alle möglichen Kombinationen vorkommen; die Analyse besteht aus solchen 
quantitativ verschiedenen Mischungen aus intellektueller Einsicht und affek- 
tivem Erlebnis. Quantitativ geringfügige Abreaktionen werden bei jeder nach 
der klassischen Methode durchgeführten Analyse hervorgerufen und iede 
der aufeinanderfolgenden Abreaktionen wird von zunehmender Einsicht be- 
gleitet. 

Wenn bezüglich der gegenseitigen Beziehung zwischen Einsicht und affek. 
tivem Erleben eine beträchtliche Übereinstimmung herrscht, so gibt es große 
Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich derWirksamkeit der Kindheitserinne- 
rungen Die Behauptung, die in einem Symptom enthaltene Energie könne 
durch den Erinnerungsvorgang einfach umgewandelt und absorbiert werden 
ist sichtlich falsch. Nichtsdestoweniger scheint die Erinnerung eine unerläß.' 
liehe Vorbedingung, wenn ein verdrängter Wunsch vollständig in das Ich. 
System eingebaut werden soll, insoferne es die Erinnerung ist, die Vergangen, 
heit und Gegenwart verbindet. Wenn auch der unmittelbare therapeutische 
Wert des Ennnerungsvorganges fraglich sein mag, ist doch die Beseitigung 
der infantilen Amnesie als einziges Anzeichen einer erfolgreichen Auflösung 
der Verdrängung zu betrachten. Daher kann die Behebung der infantilen 
Amnesie als Kennzeichen einer wirklich erfolgreichen Analyse notwendig 
sein, wenn auch zwischen der Heilung und der Aufhebung der infantilen 
Amnesie ein direkter kausaler Zusammenhang nicht unbedingt bestehen muß 
Wir sehen also, daß alle drei Faktoren: Abreaktion, Erkenntnis und Er. 
mnerung, notwendig sind, um das Ziel des analytischen Vorganges zu er, 
reichen nämlich die Aufhebung gewisser Verdrängungen und die darauf 
folgende Assimilation der früher verdrängten Strebungen, um damit ihre 
ichgerechte Verwendung zu ermöglichen. Während Erkenntnis und Abreak. 
tion zum Vorgang der Aufhebung der Verdrängungen und der neuen Ein. 
Ordnung, der verdrängten Kräfte in einer unmittelbaren Beziehung stehen, 
durfte die Bedeutung der Erinnerung eine mehr indirekte sein. Sie dient als 
Gradmesser für die Aufhebung der Verdrängungen. 

Ein kurzer Überblick diene zur Illustration unserer Auffassung, daß die 
Abweichungen von der klassischen Methode gewöhnlich eine einseitige Über, 
bewertung eines dieser drei Faktoren repräsentieren. Soweit sich die Ent, 
Wicklung der analytischen Technik rekonstruieren läßt, hat Freud, nach, 
dem er von der Hypnose abgekommen war, immer mehr Wert auf dk Er. 
kenntnis und die Rekonstruktion der Kindheitsgeschichte gelegt. Das war 
ganz natürlich. Er versuchte, beim wachen Patienten das gleiche Phänomen 
wieder hervorzurufen, das er und B r e u e r in der Hypnose beobachtet hatten : 
die Erinnerung des Patienten an vergessene traumatische Situationen. Das 
Hauptziel war, die Erinnerung des Patienten durch die freie Assoziation zu 
wecken und, wo dies nicht möglich war, die Erinnerungslücken durch intel, 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII 1 fi 



lektuelle Rekonstruktionen auszufüllen. Jedoch um 1913, zur Zeit als F re u d 
zuerst die heute geltenden technischen Grundlagen systematisch festlegte, 
sehen wir, daß er bereits im vollen Besitze der oben beschriebenen dyna. 
mischen Erkenntnisse war und die Analyse keineswegs als ein rein mtellek* 
tuelles Verfahren auffaßte. Seitdem er aber die Bedeutung der intellektuellen 
Einsicht durch den Patienten als Vorbedingung für die assimilierende Tatig. 
keit des Ichs erkannt harte, verlor er - im Gegensatze zu vielen seine* 
Schüler — ihre Bedeutung nie aus den Augen. 

Es scheint, daß es in der Zeit etwa zwischen der Einführung der Methode 
der freien Assoziation und der Veröffentlichung der technischen Ratschlage 
von Freud in den Jahren 1912, 1913 und 1914 eine Periode gegeben haben 
muß, während welcher die Analytiker die Wichtigkeit der Rekonstruktion 
der Kindheitsgeschichte überschätzten. Dies wird daraus ersichtlich, daß sogar 
nach Freuds Veröffendichung der technischen Ratschläge viele analytische 
Pioniere augenscheinlich mit großer Beharrlichkeit den analytischen Pro. 
zeß überintellektualisierten, die Inhaltsdeutung sowie die Rekonstruk. 
tion der Kindheitsentwicklung besonders betonten und dabei die dyna. 
mische Handhabung von Widerstand und Übertragung vernachlässigten. 
Dies erklärt die von Ferenczi und Rank gemeinsam publizierte Arbeit 
über die Entwicklungsziele der Psychoanalyse, die als eine 
Reaktion auf die allzustarke Intellektualisierung der Analyse aufgefaßt wer. 
den kann/ Wie ich anläßlich der Veröffendichung dieser Broschüre dar. 
zutun versuchte,* sind F e r e n c z i und R a n k in das andere Extrem verfallen. 
Nach ihnen würde die ganze Analyse darin bestehen, daß man Übertragungs. 
reaktionen hervorruft und sie im Zusammenhang mit der aktuellen Lebens. 
Situation deutet. Die alte Theorie von der Abreaktion begann wieder lebendig 
zu werden. Ferenczi und Rank waren der Meinung, daß, wenn der Pa. 
tient seine infantilen Konflikte in einer Übertragungsneurose wieder durch, 
lebt habe, es nicht mehr notwendig sei, auf das Auftreten von Kindheits. 
erinnerungen zu warten; sie glaubten, daß Einsicht auch ohne Erinnerung 
möglich sei, lediglich durch das Verstehen der verschiedenen Übertragungs. 
Situationen, welche den vergessenen konfliktreichen Kindheitserlebnissen 
nachgebildet sind. Ihrer Meinung nach war viel von dem ursprünglich ver. 
drängten Material beim Kinde niemals mit Wortvorstellungen verknüpft ge. 
wesen und man könne deshalb nicht immer wirkliche Erinnerungen an jene 
Situationen erwarten, die für die Übertragungsreaktionen die Modelle ab. 
geben. Nimmt man an, daß F e r e n c z i und R a n k recht hätten und daß es 
nicht notwendig sei, die Aufhebung der infantilen Amnesie abzuwarten, so 
wäre der offenkundig praktische Wert ihrer Theorie in einer beträchtlichen 

4) S. Ferenczi und O. Rank: Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Neue Ar* 
beiten z. ärztl. Psa. No. 1, Int. Psa. Verlag, Wien, 1924. 

5) Referat in: Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XI, 1925, S. 113. 



Das Problem de r psychoanalytischen Technik 



83 



Verkürzung der Behandlungsdauer gelegen. In dieser Auffassung ist aber 
sxchtixchdxe synthetische Funkton des Ichs vernachlässigt, ebenso i 
entsprechende technische Ratschlag, die Durcharbeitung. Die mühsame Aul 
gäbe, dem Patienten zu helfen, daß er di, übertragungsLcheinungen sowohj 
mit seiner gegenwartigen Situation wie auch mit seinen früheren Erlebnissen 
in Verbindung bringe, spielt bei dieser Art der Technik eine geringere Rolle 
Sobald einmal die Manifestationen der Übertragung vom Patienten klar ausJ 
gedruckt und verstanden wurden, konnte - selbst wenn der Zusammenhang 
mit den Vorbildern für diese Übertragung noch nicht hergestellt wurde - 
werden ^ ""^ ^ Analytiker bestimm te« Zeitpunkte abgeschlossen 

Die weitere Entwicklung ist bekannt. Rank konzentrierte seine Aufmerk, 
samkeit mehr und mehr auf die Gegenwartssituation und betrachtete die 
Einsicht in die Kindheitsgeschichte nur mehr als Angelegenheit der For* 
™* d « keine therapeutische Bedeutung zukam. Ferenczi hingegen 
entdeckte bald daß die künstliche Beendigung der Analyse therapeutisch 
tonen Erfolg brachte, ging in seiner Technik davon ab und versuchte, die 
Wirksamkeit der Therapie dadurch zu steigern, daß er dem Faktor der Abre. 
aktion besondere Bedeutung zumaß. Wenn er auch nicht zu der Methode der 
kathartischen Hypnose zurückkehrte, gab er doch offen zu, daß er die Ab, 
reaktion wie sie sich in der kathartischen Hypnose vollzieht, als den eigent. 
liehen therapeutischen Faktor betrachte, und er versuchte, sie auf dem Wege 
der freien Assoziation hervorzurufen, indem er künstlich - zuerst durch seine 
aktive Technik später durch seine Entspannungsmethode - emotionale 
Spannungen schuf.« Mit Hufe des geistreichen technischen Kunstgriffes 
der Entspannung erreichte er in manchen Fällen halbhypnotische Zustände 

T,'lf «-uf er - f Cnt fn eiDer Att V ° n Dä ^erzustand seine infantilen' 
Inebkonflikte in dramatischer Weise wiederholte. 

Sowohl die vereinten Bemühungen von Rank und Ferenczi als auch 
des letzteren spätere technische Versuche lassen sich als Abreaktionsthera, 
Pien bezeichnen, bei welchen das Moment der Einsicht, das heißt aber der 
Vorgang der Assimilation, vernachlässigt wird. Diese technischen Reformen 

uIaa w n ? Rü ' k t chtitt nach der Richt «ng der kathartischen Hypnose 
und die Wiedereinführung aller therapeutischen Mängel dieser Periode Sie 
legen den größten Wert auf eine intensive Übertragungsanalyse und ver, 
nachlassigen die intellektuelle, einordnende Seite der Therapie, das Durch, 



Ztschr f l, a RH VTT f^i A ot aU dW " akÜVen Technik " in der Psychoanalyse. Int. 
Bd XVT iwi V- a i ~ Rel i xatl °n s Prinzip und Neokatharsis. Int. Ztschr. f. Psa., 

Gedankt vi 7 K i? derallaI y se ™ Erwachsenen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 1931. - 
danken über das Trauma. Int. Ztschr. f. Psa., Bd XX 1934 



84 



Franz Alexander 



Eine andere therapeutische Richtung vertritt Reichs Widerstands* und 
Schichten*Analyse.' Nach Reich wäre das Ziel der Therapie die Umwand* 
lung der in neurotischen Symptomen und Charakterzügen gebundenen 
Energie in orgastische Genitalität. Die Besprechung dieses engen theore* 
tischen Gesichtspunktes fällt nicht in den Rahmen dieser Studie. Unser Inter* 
esse richtet sich nur auf seinen technischen Grundsatz, die besondere Be* 
rücksichtigung verborgener Widerstandsformen, welche seiner Meinung nach 
von den meisten Psychoanalytikern nicht erkannt werden, und auf seme 
strenge Unterscheidung zwischen Widerstandsdeutung und Inhaltsdeutung. 
Nach seiner Ansicht müssen zuerst gewisse verborgene Widerstandserschei* 
nungen analysiert werden; erst dann kann sich die Analyse mit dem Inhalt be* 
schäftigen, dem das Ich des Patienten Widerstand leistet. Wichtig sind nicht 
die bekannten offenen Manifestationen des Widerstandes, sondern jene ver* 
steckten, die der Patient nur in sehr indirekter Form durch charakteristisches 
Benehmen zum Ausdruck bringt, z. B. durch Scheinbereitschaft zur Mit* 
arbeit durch allzu konventionelles und überkorrektes Benehmen, durch 
affektloses Verhalten oder durch gewisse Symptome der Depersonalisation. 
Die Betonung der verborgenen Formen des Widerstandes ist unzweifelhaft 
von großem praktischem Wert. Glover" erwähnt in seiner Abhandlung 
über Technik die Wichtigkeit dieser verborgenen Kundgebungen des Wider* 
Standes, die man leicht übersehen kann, und A b r a h a m beschreibt in einem 
seiner klassischen Beiträge die scheinbar zur Mitarbeit bereite Haltung 
mancher Patienten als eine Form versteckten Widerstandes. 9 Daß Reich so 
großen Wert darauf legt, das Betragen des Patienten und nicht nur den In* 
halt seiner Mitteilungen zu verstehen, ist ein typisches Beispiel von der 
Wiederentdeckung der zahlreichen technischen Einsichten, die jeder Analy- 
tiker während seiner Entwicklung erwirbt, wenn er nach und nach für die 
weniger deutlichen, mehr indirekten Kundgebungen des Unbewußten emp* 
fänglich wird. Dennoch ist Reichs Unterscheidung zwischen dem Wider* 
stand, der aus den Mitteilungen des Patienten hervorgeht, und jenem, der 
sich in seinen Gesten und seinem allgemeinen Gehaben ausdruckt, ganz 
künstlich. All diese Ausdrucksformen ergänzen einander und bilden ein un- 
teilbares Ganzes. 

Reichs zweites Prinzip des Primats der Widerstandsdeutung vor der 
Inhaltsdeutung beruht auf einer ebenso künstlichen und schematischen Unter* 
Scheidung. Wie Fenichel richtig hervorgehoben hat, sind die Verdran* 



Int; Journal of PsA.„ 



7) W. Reich: Charakteranalyse, Wien, Selbstverlag, 1933 . 

8) E. Glover: Lecrures on Technique in Psychoanalysis. 
Bd. VIII, 1927. , ' , 

9) K. Abraham: Über eine besondere Form des neurotischen Widerstandes gegen 
die psychoanalytische Methodik. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. V, 1919. 



- 




Das Problem der psychoanalytischen Technik 



85 



gungsbestrebungen und der verdrängte Inhalt eng miteinander verknüpft. 10 
Sie bilden eine psychische Einheit und können nur künstlich getrennt wer* 
den. Der Widerstand des Patienten enthüllt dem sorgfältigen Beobachter 
immer — wenigstens in groben Umrissen — den Inhalt, gegen den sich der 
Widerstand kehrt. Es gibt keinen freiflottierenden Widerstand. Zu* 
mindest kann der allgemeine Inhalt des Verdrängten zu gleicher Zeit er? 
kannt werden wie die Tatsache des Widerstandes selbst. Je mehr der Ana* 
lytiker dem Patienten helfen kann, seinen Widerstand im Zusammenhang mit 
dem, wogegen er sich richtet, zu verstehen, um so rascher kann der Widerte 
stand selbst aufgehoben werden. Gewöhnlich verringert schon das Aus* 
sprechen dessen, wogegen der Patient Widerstand leistet, den Widerstand 
selbst. Strachey hat in überzeugender Weise die beruhigende Wirkung 
dargetan, die von einer richtigen und rechtzeitigen Deutung ausgeht, was man 
am besten in der Analyse von Kindern beobachten kann. 11 Fenichel sagt 
ganz richtig in seiner kritischen Besprechung von Reichs Technik, daß der 
Analytiker bezüglich der Inhaltsdeutung nur wenig über das hinauskommen 
kann, was der Patient selbst in einem beliebigen Augenblicke zu sehen im* 
stände ist. Dennoch sollte jeder Widerstand im Zusammenhange mit dem, 
wogegen er sich richtet, gedeutet werden, wobei natürlich vorausgesetzt wer* 
den muß, daß dk Inhaltsdeutung dem jeweiligen Stand der Analyse ent* 
spricht. 

Reichs Auffassung von der Schichtenanalyse ist gleichfalls ein Produkt 
seiner Tendenz, allzustark zu schematisieren. Es ist eine bekannte Erschei* 
nung, daß das unbewußte Material in Schichten zutage tritt. Freud be* 
dient sich dieser Theorie schon in seiner „Geschichte einer infantilen Neu* 
rose" und zeigt in „Totem und Tabu", daß die ursprüngliche aggressive und 
heterosexuelle Phase mit Hilfe einer überstarken Unterdrückung dieser Ten* 
denzen von einer masochistischen, passiven und homosexuellen Schicht über* 
lagert wird. Freud folgend, habe ich in einer früheren Arbeit („Kastra* 
tionskomplex und Charakter", Int. Ztschr. f. Psa., Bd. VIII, 1922) den Ver* 
such unternommen, die Geschichte der Neurose eines Patienten als eine Auf* 
einanderfolge polar entgegengesetzter Phasen der Triebentwicklung zu rekon* 
struieren. 

Das Bestehen gewisser typischer Affektreihen ist allgemein bekannt: so 
führt z. B. frühe orale Rezeptivität unter dem Einfluß von Versagung zu 



rj IO v£' FenicheI: Zur Theorie der psychoanalytischen Technik. Int. Ztschr. f. Psa., 
ßd. XXI, 1935. Allerdings erwähnt Fenichel dieses Argument nicht als seine eigene 
Überzeugung, sondern als jene der Verfechter der Inhaltsdeutung. Er schreibt: „Sie (diese 
Verfechter) glauben, daß wegen des beständigen Ineinandergreifens der Abwehrkräfte 
und verworfenen Wünsche es unmöglich ist, die einen ohne die anderen in Worte zu 
lassen . 

u) J. Strachey: Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse. 
Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 



sadistischer Rache, zu Schuldgefühl, Selbstbestrafung und schließlich zum 
Rückfall in hilflose Abhängigkeit. Das Vorhandensein solcher typischer 
affektiver Reihen, welche das Material in „Schichten" gelagert zeigen, 
ist genügend erwiesen und jeder Analytiker bedient sich dieser Erkenntnis 
als eines guten Hilfsmittels zur Orientierung in dem Chaos unbewußter Reak* 
tionen. Dies ändert jedoch nichts an dem obersten Grundsatz, daß der Analy* 
tiker an das Material nicht mit einer vorgefaßten Meinung über bestimmte 
Schichtungen bei seinem Patienten herantreten darf, denn diese Schichtungen 
weisen bei den verschiedenen Patienten individuelle Züge auf. Obwohl ge* 
wisse allgemeine Entwicklungsphasen des Individuums einander mit allge* 
mein gültiger Regelmäßigkeit folgen, müssen doch die verschiedenen affek* 
tiven Haltungen in der Behandlung nicht notwendigerweise in der gleichen 
chronologischen Reihenfolge auftreten, wie sie sich in dem früheren Leben des 
Patienten entwickelt haben. Überdies entstehen die pathogenen Fixierungen 
in verschiedenen Fällen während verschiedener Entwicklungsphasen und die 
Fixierungspunkte bestimmen in jedem einzelnen Falle die tiefste pathogene 
Schicht. Wir finden oft eine frühe sadistische Periode, die zur Angstentwick* 
lung führt und die in der Folge durch eine Schicht von Passivität, Minder* 
Wertigkeitsgefühl und sekundären Durchbruch von Aggression verdeckt 
wird. In anderen Fällen finden wir als tiefste pathogene Schicht eine starke 
Fixierung an eine oraWbhängige Haltung, die durch Reaktionsbildungen 
von Überaktivität und Aggression überkompensiert wird, welche dann ihrer* 
seits wieder durch eine oberflächliche Haltung von hilfloser Passivität ver* 
deckt werden. Es ist gar nichts Ungewöhnliches, wenn der Patient im Laufe 
der ersten zwei oder drei Sitzungen in seinem Gehaben und in seinen Asso* 
ziationen eine Folge affektiver Reaktionen enthüllt, die verschiedenen Phasen 
seiner Entwicklung zugehören. Wie Abraham vor vielen Jahren in einer 
Diskussion in der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft betonte, ist es 
nicht ratsam, die verschiedenen emotionalen Reaktionserscheinungen, die wäh* 
rend der Behandlung auftreten, in einem allzu wörtlichen, allzu statischen 
Sinn aufzufassen, als wären sie schichtenweise übereinander gebreitet, denn 
im Unbewußten stehen sie nebeneinander. Es ist richtig, daß sie in der Ent* 
wicklung einander in zeitlichem Nacheinander folgten, indem die eine emo* 
tionale Phase die Reaktion auf die vorausgehende darstellt. Während der Be* 
handlung jedoch wiederholen sich diese Phasen nicht genau in ihrer Ursprung* 
liehen chronologischen Ordnung — wahrscheinlich bis jetzt noch unbekannter 
quantitativer Beziehungen wegen. Ich habe oft in einem vorgeschrittenen Sta* 
dium der Analyse — manchmal sogar, in den ersten Stadien — beobachten 
können, daß Patienten in einer Sitzung fast die ganze Geschichte ihrer Affekt* 
entwicklung vorführen. Sie beginnen mit Gehässigkeit und Angst, nehmen 
dann eine passive, abhängige Haltung ein und beenden die Aussprache wieder 
mit Neid und Aggression. Der Analytiker wird am besten tun, dem Material 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 



87 



nachzugehen, so wie es sich ihm darbietet, und so dem Patienten die Füh* 
rung zu überlassen, wie kürzlich Karen Horney 12 neuerdings betonte. 
Reichs Warnung vor verfrühten tiefen Deutungen ist sicher richtig; 
Freud betonte auch diesen Punkt in seinen technischen Ratschlägen, und 
es gehört zum allgemeinen Prinzip, daß die Deutung immer an der jeweiligen 
Oberfläche beginnen muß und nur so weit in die Tiefe gehen darf, als der 
Patient emotional zu folgen imstande ist. Bei Reichs überschematisierender 
Methode liegt die Gefahr darin, daß der Analytiker, anstatt der individuellen 
Schichtung der emotionalen Reaktionen des Patienten nachzugehen, an das 
Material mit einem zu verallgemeinerten Schema der Schichtungen heran* 
geht, bevor er noch in der Lage ist, zu entscheiden, welche Haltung als primär 
und welche als Reaktion anzusehen ist. Die chronologische Folge des Auf* 
tauchens ist keineswegs ein verläßliches Kriterium. Die Beobachtungen von 
Roy Grinker und Margaret Gerard auf der psychiatrischen Abteilung 
der Universität in Chicago zeigen deutlich, daß die Reihenfolge, in welcher 
die Übertragungen bei dem Patienten auftauchen, auch von anderen Fak* 
toren als von der chronologischen Ordnung, in welcher die Entwicklung 
gemäß der Vorgeschichte des Patienten vor sich ging, abhängen. Sie unter* 
nahmen einen interessanten Versuch mit einer an Schizophrenie erkrankten 
Patientin, die sie durch mehrere Tage abwechselnd in Gegenwart eines mann* 
liehen oder eines weiblichen Analytikers frei assoziieren ließen; sie machten 
die Beobachtung, daß das Verhalten der Patientin von dieser Verschieden* 
heit des Geschlechts der analysierenden Persönlichkeit beeinflußt wurde. 
Leitete der Analytiker die Sitzung, so war die Patientin immer fordernd und 
aggressiv; der Analytikerin gegenüber beklagte sie sich und war Vertrauens* 
voller und trostheischend. Dieses Experiment zeigt deutlich, daß die chrono* 
logische Ordnung von Übertragungsformen nicht streng einer historisch vor* 
bestimmten Lagerung von infantilen Haltungen folgt und daß sie auch von 
anderen Faktoren beeinflußt wird. 13 

Das Schlagwort vom Primat der Widerstandsdeutung vor der Inhaltsdeu* 
tung fand seinen stärksten Ausdruck in einer äußersten Verzerrung der analy* 
tischen Technik, in Kaisers Widerstandsanalyse, aus der jede Interpreta* 
tion des Inhaltes pedantisch ausgemerzt wurde. Die Analyse wird dadurch 
auf ein ganz unfruchtbares Verfahren des Bewußtmachens der Widerstands* 
formen reduziert. 14 

Nach Fenichels ausgezeichneter kritischer Analyse dieser Technik bleibt 
wenig mehr zu sagen. Ein höchst paradoxer Zug ist jedenfalls die Tatsache, 



12) K. Horney: Conceptions and Misconceptions of the Analy tical Method. Int. 
Jounal of Nerv, and Ment. Disease, 81, 1935. 

»3) Ich möchte an dieser Stelle Herrn Dr. Grinker und Frau Dr. Gera rd für die 
Überlassung dieser interessanten Beobachtung danken. 

14) H. Kaiser: Probleme der Technik. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 



88 Franz Alexander 



daß Kaiser, der die therapeutische Wirksamkeit der Analyse auf drama* 
tische Abreaktionen beschränkt, die uns an die letzten Versuche von 
Ferenczi erinnern, den Versuch unternimmt, diese Abreaktionen durch 
einen rein intellektuellen Vorgang auszulösen, indem er nämlich den Pa* 
tienten auf die Irrationalität seiner Widerstandshandlungen und *vorstel* 
lungen aufmerksam macht. Kaiser ist der Ansicht, daß diese intellektuelle 
Erkenntnis den Widerstand selbst brechen kann und es dem verdrängten 
Material ermöglicht, in dramatischer Form in Erscheinung zu treten. Um 
starke emotionale Spannungen zu erzielen, vermeidet er sorgfältig jede In* 
haltsdeutung und geht sogar so weit, jede indirekte Anspielung des Analy* 
tikers auf das vorbewußte Material zu verurteilen, selbst wenn letzteres der 
Schwelle des Bewußtseins schon so nahe gerückt ist, daß es nur noch aus* 
gesprochen werden muß, um an der Oberfläche zu erscheinen. Es ist nicht 
die intellektuelle Erkenntnis des Widerstandes, sondern die Vermeidung 
jeder Inhaltsdeutung, die in dem Patienten Spannungen verursacht, die stark 
genug sind, dramatische Abreaktionen hervorzurufen. Die durch Aussprechen 
vorbewußten Materials hervorgerufene beruhigende Wirkung, die zum Aus* 
druck weiteren verdrängten Materials ermutigt, wurde schon früher hervor* 
gehoben. Nennt man das Kind beim Namen, so zerstreut dies zum großen 
Teil die Angst des Patienten vor der unheimlichen Spannung, die unter dem 
Druck des vorbewußten Materials entsteht, solange es nur als unbekannte 
Gefahr empfunden wird. Die objektive Besprechung solchen Materials durch 
den Analytiker schaltet die infantile Angst vor den verurteilenden Eltern 
und vor deren im eigenen Inneren vorhandenen Vertreter, dem Über*Ich, 
aus. Das Aussprechen verdrängten Inhaltes hat für den Patienten die gleiche 
Bedeutung wie Gewährung; sorgfältiges Vermeiden desselben bedeutet Ver* 
urteilung. 

Gewiß ist es die Faszination, die von dem Feuerwerk emotionaler Ra* 
keten ausgeht, welcher der Analytiker hier unterliegt und die ihn zu einer 
solchen Verzerrung der analytischen Technik verleitet — einer Verzerrung, 
die gar keine logische Berechtigung hat und unseren dynamischen Auffas* 
sungen des analytischen Verfahrens widerspricht. Das Ideal der klassischen 
Technik ist das gerade Gegenteil — ein dauernder, gleichmäßiger und un* 
unterbrochener Fluß verdrängten Materials, ohne Unterbrechung durch 
plötzliche dramatische Fortschritte, die dann unweigerlich zu neuen Regres* 
sionen führen müssen, die dann oft den Erfolg der Arbeit vieler Wochen 
oder sogar Monate neutralisieren. Dieser gleichmäßige Fluß kann jedoch nur 
durch kluge Verwendung der Widerstands* und Inhaltsdeutungen in den 
Zusammenhängen, in denen sie auftreten, erzielt werden, indem man dem 
Patienten behilflich ist, das auftauchende Material mit dem bewußten Anteil 
seines Ichs und seinen vergangenen und gegenwärtigen Erlebnissen in Ver* 
bindung zu bringen. 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 



89 



Ganz ohne jede Absicht, irgendwelche radikale Reformen zu fördern oder 
neue technische Regeln aufzustellen, möchte ich im folgenden die Frage unter* 
suchen, inwieweit und in welcher Weise die analytische Methode die verein- 
heitlichenden oder synthetischen Prozesse im Ich zu fördern vermag, die, wie 
Nunberg ganz richtig behauptet, ein integrierender Bestandteil der Ana* 
lyse sind. 

Wir haben den Heüungsvorgang als die Verbindung zweier grundlegender 
psychischer Vorgänge beschrieben: 1. der Aufnahme unbewußten Materials 
ins Bewußtsein und 2. der Assimilierung dieses Materials durch das bewußte 
Ich. Für die erste Phase bedient sich unsere Literatur verschiedener Aus* 
drücke: emotionales Erlebnis, Abreaktion, Umwandlung 

unbewußten Materials in bewußtes; die zweite Phase nennen wir 
Erkenntnis oder Einsicht, Verarbeitung oder Assimila* 
tion des unbewußten Materials durch das Ich oder Syn* 
these und Integration. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet ist es 
klar, daß die technischen Reformen, die wir im Detail besprochen haben sich 
alle vorwiegend mit der ersten Phase beschäftigten und als Reaktion auf eine 
frühere allzusehr intellektualisierende Periode der psychoanalytischen Be* 
handlung anzusprechen sind, während welcher die rein verstandesmäßige 
Erkenntnis allzusehr forciert wurde und die Rekonstruktionen und Deu* 
tungen durch den Analytiker auf Grund von Material erfolgten, das noch 
nicht in das Bewußtsein des Patienten gedrungen war. Ferenczi und 
Rank betonen das affektive Erleben in der Übertragung, und das Haupt* 
mteresse R e i c h s und K a i s e r s konzentriert sich auf die Methoden, unbe* 
wüßtes Material durch Behandlung und Interpretation des Widerstandes in 
Muß zu bringen. In all diesen technischen Experimenten ist das erste Pro* 
Wem, das Freiwerden unbewußten Materials, die Hauptaufgabe; die Assimi* 
herung des unbewußten Materials wird den vereinheitlichenden Kräften des 
ziemlich unversehrten Ichs des Psychoneurotikers überlassen. Es fragt sich 
nun, in welcher Weise das letzte Ziel der Therapie, die Eingliederung früher 
unbewußten Materials in das Ich, durch die richtige Anwendung unserer 
lechmk unterstützt werden kann. 

Nunbergs Analyse des Vorganges, durch welchen Unbewußtes be* 
wüßt gemacht wird, zeigt deutlich, daß dieser Vorgang selbst schon einen 
veremheidichenden Akt des Ichs darstellt.» Die Tatsache des Bewußtwerdens 
beinhaltet bereits einen einbeziehenden Akt: ein psychischer Inhalt, der ins 
Bewußtsein tritt, wird in ein höheres, reicheres und komplizierteres System 
von Zusammenhängen eingefügt. Das Bewußtwerden vorbewußten Mate* 
nals wurde von Freu d lange Zeit als Herstellung eines neuen Zusammen* 
langes angesehen: des Zusammenhanges zwischen Objektvorstellungen und 




90 



Franz Alexander 



Wortvorstellungen. Sichtlich stellt, was wir Abstraktionen oder abstraktes 
Denken nennen, wiederum einen höheren Grad der Synthese zwischen Wort* 
Vorstellungen dar. Obwohl wir noch wenig Einzelheiten darüber wissen, be* 
steht das, was wir als bewußtes Denken bezeichnen, vorwiegend aus neuen 
Verbindungen zwischen bewußten Inhalten. Man darf jedoch nicht ver* 
gessen, daß diese neuen höheren Verbindungen vom Ich nicht eigenwillig 
hergestellt werden können. Die Verbindungen müssen richtig sein, d. h. 
sie müssen mit den Ergebnissen, zu welchen das Ich infolge der Realitäts* 
prüfung gelangt, übereinstimmen. Daher werden Verallgemeinerungen, die 
Herstellung von Verbindungen zwischen verschiedenen bewußten Elementen, 
ständig durch die kritische oder unterscheidende Tätigkeit des Ichs kontrol* 
liert, eine Tätigkeit, die es jedoch nur unter dem Druck der Realität aus* 
übt. Ohne diese Einwirkung der die Wirklichkeit prüfenden Funktionen 
würde die synthetische Funktion leerlaufen, wie dies in so manchen 
philosophischen Systemen der Fall ist. N u n b e r g beweist dies alles über* 
zeugend und betrachtet das Wahnsystem der Paranoia als Ergebnis 
eines solchen irrigen, synthetischen Versuches des Ichs, durch den es sich 
verzweifelt bemüht, in die durch den psychotischen Vorgang chaotisch ver* 
wirrte Persönlichkeit wieder Ordnung zu bringen. 

N u n b e r g lenkte die Aufmerksamkeit auch auf die Tatsache, daß jedes 
neurotische System und die meisten psychotischen Symptome Produkte einer 
solchen Synthese sind. Tatsächlich erscheint alles unbewußte Material, dessen 
Bewußtwerden in der Behandlung wir sozusagen in statu nascendi beob* 
achten, in gewissen synthetischen Einheiten; Angst mit Schuldgefühl und Haß, 
rezeptive Wünsche und Abhängigkeit als Reaktionsbildungen auf Aggres* 
sion, erscheinen nur als zwei Janusgesichter ein und derselben Einheit. Wir 
entdecken die synthetische Natur des unbewußten Materials auch in jenen 
Verallgemeinerungen, durch welche die Objekte der sexuellen Impulse im 
Unbewußten verbunden oder identifiziert werden. Die Ausdehnung der 
Inzestschranke auf alle Personen des anderen Geschlechtes ist das einfachste 
und meistbekannte Beispiel für diese verallgemeinernde Tendenz des see* 
lischen Apparates. Der Vorgang, durch den ein unbewußter Inhalt bewußt 
wird, besteht demnach in der Zerstörung primitiver synthetischer Produkte 
und in der Wiedervereinigung der Elemente in dem höheren synthetischen 
System des Bewußtseins, welches vielfältiger, differenzierter und daher auch 
biegsamer ist. Thomas M. F r e n c h zeigt in seinen r jüngsten Untersuchungen 
über aufeinanderfolgende Träume, daß im Laufe der Behandlung eine fort* 
schreitende Zerstörung der primitiven emotionalen Modelle vor sich geht, 
während gleichzeitig die Elemente neue und vielfältigere Verbindungen ein* 
gehen. Diese neue Synthese ermöglicht ein weit elastischeres Verhalten als das 
starre automatische Verhalten, welches von unbewußten synthetischen Mo* 
dellen bestimmt war. Es ist eine Funktion des Ichs, Befriedigungen von 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 



91 



Triebbedurfnissen in einer harmonischen Weise und im Rahmen der be. 
stehenden äußeren Verhältnisse sicherzustellen. Jede neue Erfahrung erfo-. 
dert eine Änderung des vorher erworbenen Schemas der Triebbefriedigung 
Das Unbewußte besteht aus seelischen Einheiten, welche mehr primitive, 
gewöhnlich infantile Zusammenhänge zwischen Triebforderungen und 
Außenwelterfahrungen zum Ausdruck bringen. Diese primitiven Einheiten 
sind, wie bekannt, weder im Einklang miteinander, noch entsprechen sie den 
Bedingungen der Außenwelt des Erwachsenen. Sie müssen daher neu in das 
höhere System eingebaut werden: eine neue Anpassung zwischen Triebbe. 
durfms und äußerer Realität muß vollzogen werden, ein Vorgang, in dem 
das Ich die Rolle des Vermittlers spielt. Die Herstellung dieser neuen Ver. 
bmdungen. bedingt jedoch die Zerstörung der alten Einheiten - oder mit 
anderen Worten der Symptome oder der starren Verhaltensschablonen, 
welche früheren Phasen der Ichentwicklung entsprechen. Was aber besonders 
hervorgehoben werden muß, das ist die Tatsache, daß alles unbewußte Mate, 
rial m synthetischen Einheiten auftritt, die gewisse primitive Schablonen 
bilden welche die Triebbedürfnisse mit den Ergebnissen der Realitätsprüfung 
verbinden. ° 

Nach dieser Theorie entspricht der Vorgang, durch welchen ein unbe. 
wußter Inhalt bewußt wird, einer Wiederholung der Ichentwicklung, welche 
ebenfalls einen schrittweisen Ausbau immer komplexerer und elastischerer 
Systeme von Verbindungen zwischen den verschiedenen Triebbedürfnissen 
und den Sinneswahrnehmungen darstellt. 

Nun sind wir bereit, die technische Frage anzuschneiden: In welcher Weise 
tragt unsere Technik dazu bei, primitive psychologische Einheiten, wie sie 
im Unbewußten bestehen, zu zerstören und den Elementen zu ermöglichen 
neue, differenziertere Verbindungen im bewußten Ich einzugehen? Die 
Hauptaufgabe der psychoanalytischen Deutungen besteht offensichtlich ge. 
rade in der Herstellung neuer, richtiger Verbindungen und im Wegräumen 
alter, übermäßig generalisierter und primitiverer Verbindungen Die Wir. 
kung der Deutung läßt sich am besten mit jenem Vorgang vergleichen, durch 
welchen das Kind lernt, Dinge zu vergleichen und zu unterscheiden. Wenn 
das Kind z. B. das Wort „Stock" lernt, wird es zuerst jeden länglichen 
gegenständ einen Stock nennen und beginnt erst nach und nach zwischen 
itock, Bleistift, Schüreisen, Schirm etc. zu unterscheiden. Wenn ein neuro, 
tischer Patient lernt, zwischen inzestuösen und nichfeinzestuösen Objekten 
zu unterscheiden, d. h. verschieden auf sie zu reagieren, so wiederholt er im 
wesentlichen diesen Vorgang. 

■ In seiner fortlaufenden systematischen Untersuchung aufeinanderfolgender 
1 räume während des Heilungsprozesses unterwirft French diesen Lern. 
Vorgang einer gründlichen Betrachtung, aus der wir viel über die Natur und 
<ue Einzelheiten dieses Lernvorganges zu erfahren hoffen. Gegenwärtig 






92 



Franz Alexander 



kennen wir nur das allgemeine Prinzip: die schrittweise Herstellung neuer 
und differenzierterer Verbindungen zwischen den psychischen Triebreprasen* 
tanzen und den Gegebenheiten der Sinneswahrnehmung. .,_,_„ 
Was lehrt uns diese Erkenntnis im Hinblick auf unsere analytische iechnik? 
Es ist einmal klar, daß unsere Deutungen beide Zwecke erfüllen müssen: sie 
müssen die primitiven Verbindungen zerstören und neue, differenziertere 
aufbauen helfen, die mit der Wirklichkeit, der der Erwachsene gegenüber, 
steht im Einklang sind. Die klassische Technik, wie sie vor ungefähr zwanzig 
Jahren von Freud in ihren Grundprinzipien festgelegt wurde, dient diesem 
doppelten Zweck noch immer besser als irgendeine dieser Reformmethoden, 
die es vernachlässigen, dem Ich bei seinen synthetischen Aufgaben zu helfen, 
und nur darauf Wert legen, das unbewußte Material zu mobilisieren. Was 
wir „Durcharbeiten" nennen, hat die Aufgabe, den Prozeß der Integration 
zu fördern. Ihr therapeutischer Wert wurde bereits zur Genüge durch die 
Erfahrung bewiesen. Ich behaupte jedoch, daß jede richtige Deutung beiden 
Zwecken dient: sie bringt das unbewußte Material in Fluß und verbindet es 
mit dem System des Bewußtseins. Die Synchronisierung der beiden 
Aufgaben der Deutung in einen Akt, bei dem Abreaktion und Erkenntnis zu 
gleicher Zeit vor sich gehen, muß als fundamentales technisches Prinzip be* 
zeichnet werden, welches ich das Integrationsprinzip derDeu, 
tung (the integrating principle of Interpretation) nennen mochte. Ich lehne 
jeden Versuch ab, diese beiden Vorgänge künsdich zu trennen, wie dies am 
stärksten in Kaisers Technik der Fall ist, denn das beste Mittel, einen 
Widerstand zu überwinden, ist noch immer die richtige Deutung seines 
sprachlich noch nicht erfaßten Hintergrundes. Die Grundlage für den Wider, 
stand des Ichs bildet seine Unfähigkeit, unbewußtes Material zu bewältigen 
oder zu assimilieren. Alles, was der Patient verstehen kann, also alles, was 
er mit einem anderen vertrauten psychischen Inhalt, den er bereits beherrscht, 
verbinden kann, löst die Angst. Mit anderen Worten: jede neue Synthese 
innerhalb des Ichs zusammen mit dem Anwachsen seiner Fähigkeit, neues 
unbewußtes Material zur Kenntnis zu nehmen, erleichtert das Auftauchen 
neuen unbewußten Materials. Je länger sich der Patient einem Material 
gegenübersieht, das ihn befremdet, ihm seltsam und gewissermaßen als 
Fremdkörper erscheint, um so länger wird sich die Analyse hinausziehen und 
das Auftauchen neuen unbewußten Materials gehindert sein. Das Ideal, das 
wir mit unserer Technik erstreben, ist, jedes unbewußte Material, das ms 
Bewußtsein tritt, gleichzeitig mit all dem in Zusammenhang zu bringen, was 
dem Patienten schon verständlich ist. Das macht die Analyse zu einem konte 
nuierlichen Prozeß. Wenn irgendwie möglich, soll daher die Deutung stets 
auf frühere Einsichten verweisen. Gewiß, die Deutung besteht, wie schon 
betont wurde, nicht nur in der Schaffung neuer Verbindungen, sondern auch 
in der Zertrümmerung der alten infantilen Verknüpfungen. Dies kann nur 



geschehen, wenn das auftauchende Material in seiner Gesamtheit der kri* 
tischen Beurteilung des Patienten unterworfen wird. Schirm, Spazierstock, 
Schüreisen, Bleistift müssen zusammen demonstriert werden, um ihre fehler* 
hafte Identifizierung und ihre Zusammenfassung unter den allzu erweiterten 
Begriff „Stock" aufzuheben. Die Deutungen müssen auf diese in der infantilen 
Psyche geformten Verknüpfungen hinweisen, sobald sie im aktuellen Mate* 
rial auftauchen. Wir wissen, daß diese Zusammenhänge, wie sie sich z. B. 
in den Symbolen finden, der Vorstellung des Erwachsenen oft recht fremd 
erscheinen, da er die primitive Sprache des Unbewußten längst vergessen 
und überwunden hat. Es ist zu viel verlangt, wenn man den Patienten für 
fähig hält, die infantilen Verallgemeinerungen ohne Hilfe als etwas Selbstver* 
ständliches zu erkennen. Ich bezweifle jedoch nicht, daß, wenn einmal die 
alten primitiven Zusammenhänge zerstört sind, der Patient zufolge der eini* 
genden Kraft des Ichs imstande wäre, nach einer gewissen Zeit die neue Syn* 
these selbst herzustellen. Doch ist hier der Punkt, wo der Analytiker helfen 
und den Integrationsprozeß beschleunigen kann. Deutungen, die die a k t u* 
eile Lebenssituation mit den Erlebnissen der Vergangen* 
heit und mit der Ubertragungssituation — die immer der zentrale 
Punkt ist, an dem sich diese Zusammenhänge am besten zeigen lassen — mit* 
einander verbinden, möchte ich als Gesamtdeutungen (total interpreta= 
tions) bezeichnen. Je mehr die Deutung sich diesem Totalitätsprinzip nähert, 
um so eher erfüllt sie ihre doppelte Aufgabe: sie beschleunigt die Assimi* 
lation des neuen Materials durch das Ich und bringt weiteres unbewußtes 
Material in Bewegung. 

Dieses Prinzip der Totalität darf jedoch nicht mißverstanden und in einem 
anderen Sinne angewendet werden, als es gemeint ist. Die Totalität bedeutet 
z. B. nicht, daß alle tiefen Überdeterminierungen eines Traumes gedeutet 
werden sollen. Auch darf unter Totalität nicht eine unbegrenzte Verbindung 
von Material verstanden werden, welches, wenn auch bereits angedeutet, doch 
noch weit unter der deutbaren „Oberfläche" liegt. Nicht eine Totalität der 
Tiefe ist hier gemeint, sondern eine Totalität des Umfangs — die Ver* 
knüpfung zusammengehöriger Elemente untereinander und mit schon be* 
kanntem Material. Es kann nicht genug hervorgehoben werden, daß sich 
diese Verbindungen um das emotionell betonte Material, also gewöhnlich 
um die Übertragungserscheinungen gruppieren müssen. Fenichels For* 
mulierung über das Eindringen in die Tiefe ist ganz richtig, nämlich, daß die 
Deutung nur wenig mehr beinhalten kann, als der Patient im gegebenen 
Augenblick selbst zu sehen imstande ist. 

_ Das Ffaupterfordernis für die richtige Handhabung der Technik, wich* 
tiger als alle Prinzipien und Regeln, bleibt jedoch das exakte und detaillierte 
Verstehen alles dessen, was zu jeder Zeit in dem Patienten vor sich geht. Es 
erübrigt sich zu sagen, daß alle hier gegebenen Formulierungen nicht als 



Regeln zu betrachten sind, sondern als allgemeine Prinzipien, die jeweils in 
Übereinstimmung mit den individuellen Zügen des Patienten und der Si* 
tuation angewendet werden müssen. 

Die Trennung von „Widerstand" und „Inhalt" in der Deutung ist kein 
wünschenswertes Ziel, obwohl sie sich manchmal als notwendig erweisen 
wird, besonders dann, wenn die Tendenz, gegen welche der Patient Wider* 
stand leistet, dem Analytiker noch nicht klargeworden ist. Wahrscheinlich 
ist der einzig wirksame Weg, den Widerstand für die Dauer zu überwinden, 
das Ich bei der Integration zu unterstützen, d. h. ihm zum Verständnis 
neuen Materials zu verhelfen. Daher scheitern auf die Dauer alle tech* 
nischen Versuche, welche plötzliche Abreaktionen großer Mengen unbe* 
wußter Strebungen zum Ziele haben. Diese Methoden setzen das Ich 
nicht einem gleichmäßigen Fluß aus, sondern heftigen Ausbrüchen 
neuen Materials, was notwendigerweise zu neuen Verdrängungen führen 
muß, denn das Phänomen der Verdrängung ergibt sich, wie F r e u d erklärte, 
aus der Unfähigkeit des schwachen kindlichen Ichs, mit gewissen Triebforde* 
rangen fertig zu werden. Die Reproduktion einer solchen innerlichen trau* 
manschen Situation, in welcher das Ich übermächtigen Triebreizen ausge* 
gesetzt ist, kann nicht als gesundes Prinzip für unsere Technik angesehen 
werden. Viele, aber nicht alle Straßen führen nach Rom. In der analytischen 
Therapie sind unsere stärksten Verbündeten das Ausdruck sbe* 
streben der unbewußten Kräfte und die einordnende Ten* 
denzdesbewußtenlchs. Selbst wenn wir sonst gar nichts anderes tun, 
als diese beiden dynamischen Kräfte nicht zu stören, werden wir imstande 
sein, vielen Patienten zu helfen, und wenn es uns gelingt, mit unserer thera* 
peutischen Aktivität diese beiden fundamentalen Agentien zu fördern und zu 
synchronisieren, werden wir die Wirksamkeit unserer Technik bedeutend 

steigern. 

Nunbergs These, daß die psychoanalytische Behandlung nicht nur 
ein analytischer, sondern auch zugleich ein synthetischer Prozeß ist, be* 
sitzt volle Gültigkeit. Es ist oft behauptet worden, daß die Psychoanalyse 
hauptsächlich das unbewußte Material in Fluß zu bringen habe und daß 
die Assimilation des Materials dem Ich des Patienten überlassen bleiben 
müsse. In Wirklichkeit sieht die klassische Technik, wie sie seit Freuds 
technischen Ratschlägen zur Anwendung gelangt und die aus Deutungen 
hauptsächlich innerhalb der im Zentrum stehenden Übertragungssituation 
besteht, einen aktiven Einfluß des Analytikers auf den Assimilationsprozeß 
vor. Ohne uns darüber ganz klar zu sein, tragen wir doch durch unsere Deu* 
tungen zur Synthese des Ichs bei. Wenn wir dies bewußt durchführen und 
die integrierende Funktion unserer Deutungen voll verstehen, können wir 
vielleicht dazu beitragen, die Kunst der Analyse mit der Zeit in ein ganz ziel* 
bewußtes und systematisch geführtes Verfahren umzuwandeln. Wenn wir 



! 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 



95 



die Funktion, die unsere Deutungen in der Behandlung zu erfüllen haben, 
immer im Sinn behalten, wird uns dies möglicherweise dem letzten Ziel, der 
Abkürzung der psychoanalytischen Behandlung, näherbringen. 



Klinische Untersuchung über das Lernen im 
Verlaufe einer psychoanalytischen Behandlung 1 

Von 

Thomas M. French 

Chicago 



Einleitung und vorläufiger Überblick über das Material 
einer Krankengeschichte 

a) Psychoanalytische Behandlung als ein Prozeß der Nadierziehung. 

Freud hat die psychoanalytische Behandlung einmal mit einem Prozeß 
der Nacherziehung verglichen. 2 Dieser sowie die folgenden Abschnitte ver* 
suchen, einiges von dem auszuarbeiten, was sich aus dieser Anregung folgern 
läßt. 

Die Psychoanalyse ging von dem bescheidenen Ziel aus, den Versuch zu 
unternehmen, die Inhalte unbewußter Wünsche und Erinnerungen aufzu* 
decken. Die verdrängenden Kräfte wurden damals größtenteils bloß als Hin* 
dernisse angesehen, die sich der Auffindung tiefergelegener Schätze entgegen* 
stellten, die sie verbargen. Der Analytiker mußte diese Hindernisse natürlich 
genügend verstehen, um über sie hinaus zu diesen verborgenen Wünschen 
und Erinnerungen zu gelangen; aber Freud schob es auf, den Versuch einer 
grundlegenden Analyse der Kräfte der Verdrängung zu unternehmen, bis 
reichliches Material gesammelt worden war, das Licht auf die frühkindliche 
psychosexuelle Entwicklung und auf das Schicksal warf, das die aus früheren 
Stufen stammenden Wünsche im Laufe der Ich*Entwicklung erfuhren. In 
einer Reihe von Arbeiten entwarf Freud sodann ein Schema der Struktur 
der Persönlichkeit, in welchem er die Erkenntnisse über die Ich*Entwicklung 
zusammenfaßte, die sich — man könnte sagen —mehr oder minder zu* 
fällig im Verlauf des Studiums der verdrängten Kräfte ergeben hatten. 
Alexander 3 versuchte frühzeitig, diese neuen Begriffe von der Struktur 
der Persönlichkeit praktisch zu verwerten, und meinte, daß es vorteilhaft 
wäre, die „Gesamt*Persönlichkeit" zu analysieren, statt das Interesse zu aus* 
schließlich dem Verdrängten zuzuwenden. 



i) Aus dem Institute for Psychoanalysis, Chicago; Übersetzung aus dem Englischen 
von Valerie R e i c h, Wien. 

2) Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. VII. 

3) Franz Alexander: Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. Int. Psa. Verl., Wien, 
1927. 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



97 



Der Autor der vorliegenden Arbeit versucht aus dieser Anregung die logi* 
sehe theoretische Schlußfolgerung zu ziehen. Nach einem Versuch, das vom 
Patienten erbrachte Material in gewohnter Weise als eine Reihe von Abwehr* 
reaktionen gegen unbewußte Wünsche, die ins Bewußtsein drängen, zu ana* 
lysieren, werde ich mein Augenmerk darauf richten, die so gewonnene Ein* 
sieht für den Versuch zu verwerten, die ganze Analyse des Patienten als 
einen Prozeß fortschreitender Anpassung zu verstehen. Mit anderen Worten: 
Ich möchte in dieser Arbeit die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den Vor* 
gang lenken, durch den der Patient sublimierte und der Wirklichkeit ange* 
paßte Ventile für seine Triebenergien erwirbt. Dies ist zugegebenermaßen 
das grundlegendste therapeutische Ziel jeder Analyse; aber wir gehen oft nicht 
allzu genau auf die feineren Mechanismen ein, durch welche diese bessere 
äußere Anpassung zustandekommt, und neigen eher dazu, sie als selbstver* 
ständliche Folge unseres unmittelbareren therapeutischen Ziels anzusehen, 
nämlich des Bewußtmachens unbewußter Tendenzen und Erinnerungen. 

In der Erforschung organischer Krankheiten ist es oft von Nutzen, unsere 
Aufmerksamkeit auf die normalen Heilungstendenzen des Organismus zu kon* 
zentrieren und die Krankheit als eine Störung der normalen Funktion anzu* 
sehen. So möchte ich hier die Vorteile darlegen, die sich ergeben, wenn wir 
die neurotische Erkrankung im wesentlichen als eine Störung der normalen 
Anpassungsfähigkeit an die äußere Realität auffassen. Ich bin mir dabei dar* 
über im klaren, daß ich damit nur versuche, gut bekannte analytische Mecha* 
nismen von einem einigermaßen neuen Gesichtspunkt zu sehen. Mein Ver* 
such wird durch die Hoffnung gerechtfertigt, daß wir, indem wir den Lern* 
prozeß, der einer psychoanalytischen Behandlung zugrunde liegt, ständig im 
Auge behalten, unsere Gesichtspunkte und unser Vermögen erweitern, die 
Bedeutung und die relative Wichtigkeit der großen Fülle von unbewußten 
Trieben und Erinnerungen abzuschätzen, die in einer analytischen Behand* 
hing an die Oberfläche drängen. 

Es ist ersichtlich, daß diese Arbeit in enger Beziehung zu Alexanders 
Erörterung der Probleme psychoanalytischer Technik in seinem gleichzeitig 
erscheinenden Artikel 4 steht. Alexander beschäftigt sich darin mit der Tat* 
sache, daß es unter den Analytikern bezüglich der Frage, welche Faktoren 
für den therapeutischen Erfolg der psychoanalytischen Behandlung am wich* 
tigsten sind, noch immer Meinungsverschiedenheiten gibt. Fast alle stimmen 
darin überein, daß das Abreagieren der Affekte, das Wiederentdecken ver* 
drängter Kindheitserinnerungen und der Gewinn an intellektueller Einsicht 
im „Mechanismus der Heilung" eine Rolle spielen; in der Frage aber, welche 
relative Bedeutung dem einen oder dem anderen dieser verschiedenen Ele* 
m ente beizume ssen ist, gehen die Meinungen der Analytiker auseinander. 

4) Franz Alexander: Das Problem der psychoanalytischen Technik. Diese Ztschr. 
dieses Heft, S. 75. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXHI/1 7 



98 Thomas M. French 



Alexander, der sich einem von Nunberg 5 ausführlich entwickelten 
Standpunkt anschließt, ist geneigt, die psychoanalytische Behandlung in der 
Hauptsache als einen Prozeß der Integration aufzufassen, der seine therapeu* 
tische Wirkung dadurch erreicht, daß er Triebregungen, die vorher mehr oder 
weniger unabhängig vom Kern der Persönlichkeit der unbewußten Verarbei* 
tung und Synthese überlassen waren, unter die bewußte Kontrolle des Ichs 
bringt. Nach Alexanders Ansicht sind Abreagieren, Erwerbung ver* 
nünftiger Einsicht und Wiederentdeckung verdrängter frühkindlicher Erinne* 
rungen nur Teilphasen oder Bruchstücke dieses umfassenden integrativen 
Prozesses. In den folgenden Ausführungen soll dieser Wiederherstellungs* 
Vorgang an einer ziemlich eingehend erörterten Analyse des „Heilungs* 
Prozesses" in einem einzelnen Falle untersucht werden. 

b) Methode 

Ich beabsichtige, in dieser Arbeit die Methode anzuwenden, Träume und 
Phantasien, die zu verschiedenen Zeiten der Behandlung entstanden sind, 
miteinander zu vergleichen. Wir werden bei diesem Vergleich — wie ich 
schon einmal gesagt habe — unser Interesse auf den Aufbau des Traummate* 
rials richten, und zwar mit Bezug auf das Problem der äußeren Anpassung, 
das der Patient im gegebenen Zeitpunkt zu bewältigen hat. Nachdem wir 
uns mit dem Vergleich des Aufbaus der Träume aus verschiedenen Zeit* 
abschnitten befaßt haben, werden wir versuchen, die Unterschiede in Be* 
Ziehung zu den inneren Erlebnissen, die inzwischen eingetreten sind, aufzu* 

klären. 

Nach einem kurzen orientierenden Überblick über die Vorgeschichte des 
Patienten werden wir zuerst einen Zeitraum von drei Wochen aus dem Be* 
ginn der Analyse zum Gegenstand einer derartigen eingehenden Unter* 
suchung machen, als sich der Patient anschickte, sich mit dem Problem der 
Anpassung an die analytische Situation auseinanderzusetzen. In einem spä* 
teren Abschnitt beabsichtigen wir, eine weniger ausführliche Übersicht über 
die ganze Analyse zu geben, mit besonderer Betonung der schwierigen 
Widerstandsperiode, welche der Wendepunkt in der Reaktion des Patienten 
auf die Behandlung war. 

Der Fall, den ich für diese Darstellung gewählt habe, ist einer der ersten 
Fälle, die ich während meiner psychoanalytischen Ausbildung unter An* 
leitung behandelte. Ich bin Dr. Hanns Sachs zu großem Dank verpflichtet 
für seine Mitwirkung, die mir zum Verständnis der Struktur des Falles eine 
wertvolle Hilfe war. Meine theoretischen Schlußfolgerungen basieren auf dem 
späteren Studium der Aufzeichnungen über den Fall. Obwohl dieser Fall 

5) Hermann Nunberg: Die synthetische Funktion des Ich. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XVI, 1930. 



Klinische Untersuchung üb?r das Lernen im Verlaufe usw. 



99 



einer meiner ersten war, wählte ich gerade ihn, weil sich in dieser Analyse eine 
ungewöhnlich schwierige Durcharbeitungsperiode ergab und weil er mir 
gerade darum für das Studium schwieriger Widerstandsperioden besonders 
geeignet erschien. 

c) Zusammenfassung der Krankengeschichte 

Der Patient war ein impulsiver sechsundzwanzigj ähriger Mann, der älteste 
von sechs Brüdern. Er war durch Jahre bei einer Reihe von Analytikern ohne 
Unterbrechung in Behandlung. Ursprünglich kam er aus dem Grund in Ana* 
lyse, weil sein sexuelles Interesse ihn zwangsmäßig dazu trieb, sich in irgend* 
einer Uniform zu zeigen, zum Beispiel in der der Pfadfinder, mit offenem 
Hemdkragen und bloßen Knien. 

Sein Vater war ein strenger, schweigsamer Mann mit religiösen Grund* 
sätzen, der hie und da aber in Wutanfälle gegen die Mutter verfiel. Seinen 
Kindern gegenüber war er leicht sadistisch eingestellt. Der Patient meint auch, 
daß er recht zurückhaltend war, besonders darin, sexuelle Dinge mit den 
Kindern zu besprechen. Der Patient hatte große Angst vor ihm, hielt sich 
aber dadurch schadlos, daß er die jüngeren Brüder tyrannisierte. Der Vater 
war drei Jahre, bevor der Patient zu mir in Analyse kam, gestorben. 

Nach der Beschreibung des Patienten besaß seine Mutter viel Charme. Sie 
war sehr religiös, in mancher Hinsicht von nervöser Ängstlichkeit, aber in 
ihrer Beziehung zu ihm und seinen Brüdern spielte sie eher die Rolle der Ver* 
führerin. Der Patient hatte das Gefühl, daß sie der Eifersucht der Brüder auf 
einander und auf den Vater unmerklich Vorschub leistete. Bei einigen An* 
lassen hatte sie den Patienten insgeheim dazu ermuntert, dem Vater zu 
trotzen. 

^ Der älteste von seinen Brüdern (anderthalb Jahre jünger als der Patient) war 
ein Krüppel und hatte einen neidischen, mürrischen und etwas hinterlistigen 
Charakter. Aber er hing sehr an dem Patienten, obwohl dieser ihn tyrannii* 
sierte und oft grob zu ihm war. Dieser Bruder starb im Alter von zwanzig 
Jahren. 

In seiner ganzen Kindheit fühlte sich der Patient als Liebling der Mutter, 
aber sein zweiter Bruder raubte ihm, als er im Mannesalter ein erfolgreicher 
Geschäftsmann wurde, die Gunst seiner Mutter. Das war natürlich ein schwerer 
Schlag für den Patienten; sein heftiger Haß gegen diesen Bruder stammte je* 
doch schon aus früher Kindheit. Er erinnert sich, wie er die Kinderfrau schlug 
und mit den Füßen stieß, als seine Mutter diesen Bruder, der damals noch 
ein Baby war, zu einem Arzt in einer entfernten Stadt brachte. In späterer 
Kindheit traf er einmal mit einer eisernen Kugel, die er gegen den Bruder 
geschleudert hatte, dessen Kopf und fürchtete, ihn erschlagen zu haben. 

Die anderen Brüder spielten im Leben des Patienten anscheinend eine 



100 Thomas M. French 



geringere Rolle. Gegen den jüngsten Bruder, der um zehn Jahre jünger war 
als er, hatte der Patient manchmal etwas von einer väterlichen Einstellung; 
doch war dieser des Vaters Liebling und der Patient war deshalb sehr eireß* 
süchtig auf ihn. 

Alle Brüder schliefen in einem gemeinsamen Zimmer und pflegten zu* 
sammen zu onanieren; sie teilten Angst und Trotz den Eltern gegenüber, die 
sich im anschließenden Zimmer befanden. In der Analyse erinnerte sich der 
Patient an heftige Angstzustände aus frühester Kindheit im Zusammenhang 
mit seinen sexuellen Trieben. Er fürchtete sich schrecklich vor der großen 
Schere seiner Mutter, vor den langen Fingernägeln der Kinderfrau und vor 
Geschichten von zerschnittenen und aufgefressenen Kindern, die er gehört 
hatte. Als einmal der Vater den zweitjüngsten Bruder wegen Bettnässens 
schlagen wollte, hatte die Mutter gerufen „Nicht mit dem Ring!" und der 
Patient dachte, sie meine damit ein gräßliches Folterwerkzeug. Erst Jahre 
nachher wurde ihm klar, daß seine Mutter wollte, der Vater solle den Ehe* 
ring ablegen, bevor er das Kind schlug. 

Das Material, das die Analyse des Patienten erbrachte, zeigte, daß er sich 
sowohl vor Kastration durch die Mutter als durch den Vater gefürchtet hatte, 
aber in seinen bewußten Erinnerungen spielte die Mutter die Rolle der Be* 
schützerin. Als er noch ein kleines Kind war, hatte der Patient eine Ent* 
zündung unter der Vorhaut, wahrscheinlich ursprünglich durch Sekretan* 
Sammlung hervorgerufen. Ein Arzt hatte geraten, den Jungen beschneiden zu 
lassen, aber die Mutter erlaubte dies nicht. Dagegen behandelte sie ihn Jahre 
hindurch mit täglichen Spülungen des Präputialsacks. Der Patient zog hieraus 
natürlich beträchtlichen Lustgewinn, und wenn die Mutter manchmal nicht da 
war, bestand er darauf, daß die Kinderfrau ihm die Spülungen machte. 

Trotz seiner Angst fuhr der Patient fort, zu onanieren. Er pflegte die Be* 
weise seiner onanistischen Betätigung zu verbrennen, glaubt aber dennoch, 
daß der Vater davon wußte und nur zu befangen war, um mit ihm darüber 
zu sprechen. 

Der zwanghafte Wunsch, sich mit bloßem Hals und nackten Knien zu 
zeigen, begann, wie er sagt, in seinem zwölften Jahr, als er einen Jungen in 
Matrosenanzug mit bloßem Hals sah. Dies war seine Lieblingsphantasie beim 
Masturbieren. In diesen Phantasien gab es eine unabsehbare Menge von Zu* 
schauern. Zu jener Zeit wünschte er sich, Vater und Mutter sollten fort* 
gehen, damit er seine Phantasien in der Wirklichkeit ausleben könne; und 
als er später in eine Schule geschickt wurde, begrüßte er die Chance, von 
den Eltern wegzukommen, freudig, um seine Lieblingsphantasie ausleben zu 
können. Als er an seinem Bestimmungsort angelangt war, kaufte er sich 
sofort eine Pfadfinderuniform, die er auf der Straße trug, onanierte darin und 
verbrannte sie dann. 

Abgesehen von dem Drang, sich selbst auf diese Weise zur Schau zu 



Klinische Untersuchung über das Le rnen im Verlaufe usw. 101 

stellen, geriet der Patient auch beim Anblick jüngerer Knaben in ähnlicher 
Bekleidung in heftige sexuelle Erregung. In dieser lag eine starke Identifizier 
rung mit den Knaben, deren Hälse und Knie entblößt waren. 

Als der Patient siebzehn Jahre alt war, nahm ihn sein Vater auf eine Spa* 
zierfahrt mit und machte ihn auf einen „Idioten" in der Stadt aufmerksam, 
wobei er erwähnte, daß dessen Schwachsinn auf die Onanie zurückzuführen 
sei. Der Patient konnte sich zunächst nicht daran erinnern, daß das Gespräch 
einen besonderen Eindruck auf ihn gemacht hätte, aber ungefähr ein Jahr 
lang onanierte er darnach nicht mehr und kurz darauf erkrankte er an einem 
unaufgeklärten, fieberhaften Leiden und mußte sich schließlich wegen eines 
infizierten Zehennagels einer Operation unterziehen. 

Nach Angaben des Patienten begann von diesem Zeitpunkt an die 
Schwierigkeit, sich in der Schule auf seine Arbeit zu konzentrieren. Dennoch 
erwarb er das Doktorat der Theologie, nachdem er eine Dissertation über die 
Psychologie des Atheismus geschrieben hatte. Einige Zeit später schrieb er 
auf Wunsch eines Studenten gegen Bezahlung die Doktorarbeit für diesen 
und es machte dem Patienten Freude, die Professoren zum besten gehalten 
zu haben, die nun eine Arbeit akzeptiert hatten, in der er alles widerlegte, was 
er in seiner eigenen Doktorarbeit bewiesen hatte. 

Er erhielt verschiedentlich Anstellungen als Schullehrer, aber er arbeitete 
unregelmäßig, vernachlässigte seine Arbeit oft und behielt jeden Posten nur 
kurze Zeit. Er war oft ohne Mittel und erborgte oder erbettelte Geld von 
Freunden. Als er zu mir in analytische Behandlung kam, trug er einen 
schmutzigen, geflickten Anzug, unordentlich geknöpft. Den größten Teil 
seiner Zeit verbrachte er in seinem Zimmer oder zu Bett, oder er wanderle 
ziellos durch die Straßen, oder er nahm — im Turnanzug — an den körper* 
liehen Übungen in verschiedenen billigen Knabenvereinen Teil. 

In dieser Zeit war seine ganze sexuelle Energie auf Masturbation und auf 
seine exhibitionistischen Phantasien eingestellt. In seiner Studentenzeit hatte 
er sich gelegentlich zu älteren verheirateten Frauen hingezogen gefühlt, aber 
in dem einzigen Fall, wo er so weit gegangen war, die Frau ins Hotel zu 
führen, war seine Impotenzangst so groß, daß er nicht einmal den Versuch 
eines Koitus machen wollte. 

.Seine analytische Behandlung bei mir wurde aus äußeren Gründen im 
siebenten Monat für ungefähr sieben Wochen vorübergehend unterbrochen 
und nach weiteren zwei Monaten Analyse endgültig abgebrochen. Ich kann 
nicht behaupten, daß der Zwang des Patienten, seine nackten Knie zu zeigen, 
durch die Behandlung gänzlich geheilt war, aber die Heftigkeit, mit der er 
ihn befallen hatte, war beträchtlich reduziert worden und es stellte sich ein 
normales Interesse ein, sich nett und ordentlich zu kleiden; gleichzeitig ging 
er in etwas spielerischAerausfordernder, aber nachdrücklicher Weise daran, 
der Frau eines früheren Vorgesetzten in der Schule den Hof zu machen. 



102 



Thomas M. French 



Obgleich also die Analyse nicht abgeschlossen wurde, ergab sich dennoch 
eine therapeutische Wirkung, die hinreicht, um als Grundlage für die vor* 
liegende Arbeit zu dienen. Von besonderem Interesse ist hier auch die ver* 
längerte und intensive Periode des „Durcharbeitens", die der bedeutsamsten 
Besserung beim Patienten voranging. Eben diese Erscheinung veranlaßte 
mich, diesen und nicht irgend einen anderen Fall, wo ein vollständiger thera* 
peutischer Erfolg erzielt worden war, für meine Untersuchungen heranzu* 
ziehen. 

II. 

Beginn derAnpassung an die Aufgabe der Analyse 
a) Ein Vergleich zweier Träume 

Die Behandlung des Patienten begann damit, daß er versuchte, den Wert 
der Analyse herabzusetzen, indem er dem Analytiker fortwährend vorwarf, 
daß er ganz unfähig sei, ihm zu helfen, und ihn durch mehr oder weniger 
gespielte aggressive Ausfälle einschüchtern wollte. Es stellte sich bald her* 
aus, daß dieses Benehmen eine Maske war, hinter der sich in Wirklichkeit 
starke passivsrezeptive und masochistische sexuelle Wünsche verbargen, 
deren Befriedigung durch die Analyse der Patient erhoffte und fürchtete. 
Die Enttäuschung des Patienten durch den Analytiker wurde noch dadurch 
verschärft, daß er die Behandlung bei Dr. Y. — bei dem, er früher in Analyse 
war und zu dem anscheinend eine sehr starke Mutter*Obertragung bestand 
— hatte aufgeben müssen. 

Das Material, das ich zuerst anführen werde, wurde nach einer Periode 
erbracht, in welcher der Patient versucht hatte, plötzlich auftretende Angst 
durch ein spielerisches Benehmen abzuschwächen, durch das er sich selbst 
beruhigen und überzeugen wollte, seine Angst müsse nicht ernst genommen 
werden. Nach wiederholten Deutungen dieses Mechanismus beschloß der 
Analytiker in der achtundzwanzigsten Sitzung, dem Patienten die Beruhi* 
gung, um die es ihm zu tun war, vorzuenthalten und sich während der ganzen 
Stunde schweigsam zu verhalten. Als Reaktion darauf wurden die Fragen 
des Patienten immer drängender und er erkundigte sich schließlich, ob der 
Analytiker an Dr. Y. geschrieben und eine Antwort von ihm erhalten habe. 
Er wiederholte diese Frage immer und immer wieder und immer eindring* 
licher; endlich wollte er wissen, ob der Analytiker einen „analytischen" 
oder „privaten" Grund habe, diese Frage nicht zu beantworten. 

Am folgenden Tage gab er an, daß er dem Analytiker sehr böse gewesen 
sei, daß er noch nie jemanden gekannt habe, den er so haßte und verab* 
scheute, daß er den Analytiker würgen möchte, bis ihm die Augen aus den 
Höhlen treten, um ihn dann in einen Winkel zu werfen. 

Hierauf erinnerte sich der Patient, wie er in seiner Kindheit die Kinderfrau 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



103 



gestoßen und mit den Füßen traktiert hatte, und er erzählte dann auch zum 
erstenmal von der Rivalität zwischen ihm und dem zweitjüngeren Bruder, den 
er, solange er ein Kind war, tyrannisiert hatte, bis sich diese Tyrannei in 
neidvollen Haß verwandelte, als der Bruder Erfolg hatte und ihm die Vor* 
zugsstellung bei der Mutter abgewann. 

Ich werde nun von der nächsten (dreißigsten) Sitzung ausführlich be* 
richten : 

Der Patient verspätet sich um zehn Minuten und erklärt, daß er zu lange .ge* 
schlafen habe. Er sagt, daß es in der Schule nicht recht vorwärts gehe (er hat 
seit einigen Wochen wieder eine Anstellung als Lehrer), daß er gar kein Selbst* 
vertrauen habe und nur bluffe. Er kann nichts tun und beklagt sich, daß der Ana« 
lytiker sich der Realität entziehe, da er sich weigere, seine Fragen zu beantworten. 
Er war gestern zu seiner Mutter gegangen, die ihm fünfzig Mark gab. Er hatte 
einen Traum. Er will ihn nicht erzählen. Er schlief ein, mit der Hoffnung, <er 
werde ihn vergessen. Warum fragt der Analytiker nicht, was für ein Traum das 
ist? Der Analytiker stellt diese Frage. Der Patient fragt, warum er wünsche, der 
Analytiker möge ihn darnach fragen. Dr. X. und Dr. Y. haben immer gefragt. 

Es handelt sich um folgenden Traum: 

Er sieht seine Mutter. Sie ist sehr würdevoll, wird aber bald sterben. Sie hat 
eine Geldbörse neben sich liegen und sagt, sie enthalte das Geld für ihr Be° 
gräbnis. An einer Wand des Zimmers befindet sich ein Herd und ein Wandbrett 
mit ein paar Kuchen darauf. Die Wand zur Linken ist sehr heiß. Die Mutter sagt, 
der Patient möge zum Schutz der Kuchen dickes Papier an der Wand befestigen. 
Der Patient wendet ein, daß das Papier brennen werde, aber die Mutter meint, 
es würde, wenn das Papier dick sei, nur sehr langsam brennen und dann könnte 
es ersetzt werden. 

Als der Patient gestern bei seiner Mutter war, hatte sie ihm erzählt, daß sie 
bei der Übersiedlung ein Kästchen verloren hatte, das ihre Wertsachen enthielt. 
Ein Mann hatte es gefunden und ihr geschrieben, aber er sagte, er sei in Not, 
sie möge ihm etwas Geld geben. Sie fürchtete, der Mann werde sie verfolgen, aber 
der Patient beruhigte sie und riet ihr, sie möge dem Manne das Kästchen über* 
lassen, damit er sie nicht weiter belästige. 

Die heiße Wand erinnert den Patienten an die Wand zwischen seinem Bett 
und dem seines Vaters im anstoßenden Zimmer, als der Patient ein Kind war. 
Die Kuchen bringt er in Zusammenhang mit sich und seinen Brüdern. Das Papier 
erinnert ihn daran, daß der Brief des Mannes auf ein Stück schmutziges Papier 
geschrieben war. Auch er hatte eine schmutzige Zeitung in der Tasche. 

Drei Wochen später machte er einige Aussagen, die er zurückgehalten hatte 
und die den Traum viel verständlicher machen. Vor ungefähr zwei Jahren, bevor 
er aus der Analyse bei Dr. X. fortlief, hatte er einen seiner Brüder dazu bewogen, 
ein Gesuch an die Universität um ein Darlehen von fünfhundert Mark zu 
girieren. Der Bruder unterzeichnete, überließ es aber dem Patienten, den Betrag 
einzusetzen. Der Patient setzte statt fünfhundert Mark, fünfzehnhundert Mark 
ein. Der auf Grund der Unterschriften erhaltene Betrag war nun fast zur Gänze 
aufgezehrt und der Patient sah sich genötigt, weitere Darlehen aufzunehmen. 
Die einzige Möglichkeit, die er hatte, war, sich diesbezüglich an einen Freund 
zu wenden, Herrn Z., der ein sehr herrischer Mensch war und der sich sicherlich 
eingehend erkundigen würde, was für Anleihen der Patient früher schon aufge* 



nommen hatte. Die von seiner Mutter erhaltenen fünfzig Mark waren daher ein 
Mittel, diese Schwierigkeit noch etwas hinauszuschieben. 

Eine andere Tatsache, auf die das Verbrennen des Papiers auch anspielt, ist 
noch später berichtet worden — nämlich daß er die Beweise seiner onanistischen 
Betätigung zu verbrennen pflegte. 

In dem Traum bedeutet daher die heiße Wand links im Zimmer, wo der 
Ofen stand, die Angst des Patienten vor, bezw. den Wunsch nach Entdeckung 
und Bestrafung durch Herrn Z., den Analytiker, den Vater. Das Papier ist 
das Geld, das der Patient von der Mutter erhält und das ihn einstweilen der 
Notwendigkeit enthebt, sich Herrn Z.'s Fragen und Unwillen auszusetzen. 

Wie gewöhnlich ist es jedoch tatsächlich keine äußere, sondern eine innere 
Gefahr, gegen welche sich der Patient schutzbedürftig fühlt. Die Gefahr, sich 
seinem Freund entdecken und sich dessen Unwillen aussetzen zu müssen, 
ist nur ein äußerlicher Ausdruck für den Wunsch des Patienten nach Enfc= 
deckung und Bestrafung durch den Vater. Die Tatsache, daß das von der 
Mutter erhaltene Geld die äußere Notwendigkeit, sich an seinen Freund zu 
wenden, hinausschiebt, steht nur für eine wesentlichere innere ökonomische 
Beziehung. So wie ihn das Geld der Mutter davor bewahrt, vom VateraEr* 
satz Geld entlehnen zu müssen, so wird sein Bedürfnis nach der Liebe des 
Vaters durch die Befriedigung und Beruhigung abgeschwächt, die er durch 
das Geschenk der Mutter erhält. 

An diesem Punkte können wir am deutlichsten erkennen, wie die Analyse 
im Leben des Patienten eine Rolle zu spielen beginnt. Sein Vater lebt nicht 
mehr. Die feindseligen Impulse, welche auch im Betrug am Bruder Aus* 
druck fanden, machen es außerordentlich gefährlich für ihn, sich zur Befriedig 
gung seines intensiven Bedürfnisses nach Liebe an irgendeinen Vaterersatz 
zu wenden. Aber die analytische Situation ist danach angetan, diese Wünsche 
zu ermutigen, da sie Äußerung feindseliger Wünsche erlaubt, ohne daß Strafe 
gefürchtet werden müßte. Nichtsdestoweniger sitzt die Angst vor der Ver* 
geltung aggressiver Wünsche sehr tief. Die Ermunterung der Hoffnung, in 
der Analyse Befriedigung seines Bedürfnisses nach Vaterliebe zu finden, ist 
eine gefährliche Versuchung. Vor allem um dieser Gefahr zu entrinnen, 
wendet sich der Patient um Liebe und Hilfe an seine Mutter. 

Es ist interessant, festzustellen, wie vieles in dem einen Symbol der heißen 
Wand verdichtet ist. Wir haben gesehen, daß sie für das heftige Verlangen 
des Patienten nach der Liebe des Vaters steht, sowie für die Angst vor der 
Vergeltung seiner Feindseligkeit gegen den Vater und für eine Projektion 
dieser Feindseligkeit dem Vater gegenüber. Die Hitze ist auch eine 
Drohung, sowohl gegen die Mutter als auch die Brüder — die Mutter liegt 
ja im Sterben — , und symbolisiert daher auch den eifersüchtigen Haß des 
Patienten gegen alle Rivalen in der Liebe des Vaters. Der Hinweis in den 
Assoziationen auf das Bett des Vaters jenseits der Wand ist eine Anspielung 



auf die Entfremdung vom Vater und auf das Geheimnis, das an die Frage 
geknüpft ist, was er wohl jenseits der Wand tue. Einige Monate später er* 
innerte der Patient tatsächlich, daß er mit Dr. Y. einige Erinnerungen durch* 
gearbeitet hatte, das Bett des Vaters krachen gehört und etwas Sexuelles 
zwischen den Eltern vermutet zu haben. Auf diese Weise ist ein Element 
des manifesten Trauminhalts, die Wirkung der Hitze auf die Kuchen am 
Herd, die bildliche Darstellung eines anderen großen Geheimnisses aus der 
Kindheit — der Rolle des Vaters bei der Zeugung von Kindern. So finden' 
wir in diesem einen Symbol verdichtet die sexuellen Rätsel aus der Kindheit 
des Patienten und seine ganze ambivalente Einstellung gegen den Vater so* 
wie den eifersüchtigen Haß auf Mutter und Brüder, Probleme, in die die 
frühe Sexualforschung des Patienten ihn verwickelt haben mußte. Man 
könnte die heiße Wand ein Symbol für das Unbewußte des Patienten nennen. 
Seme Angst vor dem Analytiker ist die Angst vor den unbewußten Kräften, 
die durch die Analyse zu lebhafterer Tätigkeit angefacht werden. In dem 
manifesten Inhalt des Traumes sind der Analytiker und das Unbewußte des 
Patienten zu einem gemeinsamen Symbol von Geheimnis und Gefahr ver* 
dichtet. 

Alle übrigen Elemente des Traumes betreffen die Bemühungen des Pa* 
tienten, sich gegen diese unbewußten Kräfte zu schützen, indem er einem 
Teil ihrer Energien durch Übertragung in die gegenwärtige reale Situation 
eine Abfuhr ermöglicht. Er sucht die Heftigkeit seines Verlangens nach 
Liebe, Strafe und Erklärung der Mysterien des Lebens durch die Zuneigung 
und das Geldgeschenk seiner Mutter abzuschwächen; im berichteten Traum 
findet ein Teil seiner Feindseligkeit gegen den Vater ein Ventil in der ritter* 
liehen Rolle gegenüber der Mutter, der er hilft, die Kinder vor dem heißen 
Herd zu schützen. 

So ist das Problem, das den Patienten augenblicklich beschäftigt, sein 
Konflikt, ob er die ihm durch die Analyse gestellte Aufgabe, seine unbe* 
wußten Triebe zu erforschen, auf sich nehmen soll oder nicht. Sein Ich fühlt 
sich zur Flucht gedrängt, verkleidet in eine Art heroischen Widerstandes. 
(Die Gestalt der Mutter z. B. ist majestätisch.) Sogar sein Wunsch nach 
therapeutischer Hilfe und Aufklärung ist mit dem drohenden Symbol der 
heißen Wand verschmolzen. Sein Einwand, das Papier werde durchbrennen, 
drückt natürlich die unbewußte Hoffnung aus, die Analyse werde gegen 
seinen Willen Erfolg haben; aber es ist klar, daß er erwartet, die therapeu* 
tische Hilfe und Aufklärung werde ihm trotz seines Widerstandes vom Ana* 
lytiker aufgezwungen werden. 

Ich möchte nun diesen Traum mit einem anderen vergleichen, den der 
Patient dreieinhalb Wochen später berichtete, kurz bevor er gestanden hatte, 
seinen Bruder betrogen zu haben. 



Dieser Traum folgte unmittelbar auf das in der vorigen Sitzung gemachte Ge* 
ständnis des Patienten, er wolle den Analytiker zwingen, zu sagen, daß die Ana* 
lyse versagt habe. Es war dies das erstemal, daß er zugab', wie ernst sein Em> 
schluß gewesen war, die Analyse zu vereiteln. 

Der folgende Traum wurde ganz zu Ende der nächsten Sitzung (der neunund* 
vierzigsten) berichtet: 

Der Patient befindet sich mit vielen Kindern in einem Hof. Die Kinder 
schießen und entweder der Patient oder vielleicht die anderen fürchten sich und 
wollen das Tor öffnen, aber der Patient sagt ihnen, sie sollen das nicht tun, es 
sei besser, sich so zu benehmen, als fürchte man sich nicht. Dann bekommt er 
eine Wunde an der Schulter, will aber nicht zugeben, daß er verwundet worden 
ist. 

Der Hof erinnert den Patienten an das Zimmer, in dem er wohnt — das auf 
einen Hof hinausgeht; und an das Schulzimmer, in dem er unterrichtet. Die 
Kinder identifiziert er mit seinen Schülern. Schießen bedeutet „etwas Sexuelles". 

Die nächste Sitzung nach diesem Traum brachte das lange zurückgehaltene 
Geständnis des Patienten, daß er den Betrag auf dem von seinem. Bruder girierten 
Schein gefälscht habe. 

Dieser Traum beschäftigt sich also mit demselben Problem wie der gerade 
besprochene „Heiße Wand'VTraum. Das Unbewußte des Patienten ist hier 
im Schießen symbolisiert. Der Zweifel, ob das Tor geöffnet werden soll oder 
nicht, — so ist diesmal die Frage ausgedrückt, ob er den Analytiker in seine 
unbewußten Konflikte eindringen lassen soll oder nicht. In der vorigen 
Sitzung hatte der Patient zugegeben, der Analytiker habe recht gehabt, als 
er sagte, der Patient wünsche die Analyse zu vereiteln. Und die Wunde an 
der Schulter ist das stillschweigende Geständnis, daß auch die Deutungen 
in bezug auf die passiven erotischen Wünsche des Patienten dem Analytiker 
gegenüber zutrafen. Daß er an der Schulter getroffen wurde, ist wahrschein* 
lieh ein symbolisches Geständnis, daß des Patienten Widerstandsmethode, 
die „kalte Schulter" zu zeigen, „getroffen" worden ist. Die Enthüllungen 
der nächsten Sitzung bestätigen dies natürlich und wir werden sehen, daß 
die Beziehung des Patienten zum Analytiker in den folgenden Träumen 
eher als eine der Mitarbeit, denn als Antagonismus dargestellt wird. 

Es ist interessant, die Ähnlichkeit der beiden Träume zu beachten. 1. Jeder 
enthält eine Gefahr geheimnisvollen Ursprungs. So wie die heiße Wand 
hinter dem Ofen vertritt auch das Schießen das geheimnisvolle sexuelle Tun 
der Eltern, das Rätsel der Rolle des Vaters bei der Zeugung von Kindern, das 
feminine Verlangen des Patienten nach der Liebe des Vaters, seine Angst 
vor Vergeltung für seine feindselige Einstellung zum Vater und für seine 
Eifersucht, die hauptsächlich den Kindern im Körper der Mutter (Hof, 
Herd) galt. 2. Im manifesten Inhalt jedes der beiden Träume spielt der 
Patient die Rolle eines Beschützers der Kinder 3. Im früheren Traum 
wendet der Patient ein, das Papier werde durchbrennen. Im späteren Traum 

6) Siehe Abschnitt III dieses Aufsatzes. 



ist der symbolische Sinn dieser Voraussage durch die Verwundung an der 
Schulter teilweise verwirklicht. 

Diese Aufzählung der Ähnlichkeiten beider Träume hebt die Unterschiede 
derselben noch deutlicher hervor. 1. Im zweiten Traum ist die Angst des 
Patienten weniger groß, wahrscheinlich dank der Tatsache, daß seine feind* 
liehe Einstellung und daher auch sein Masochismus wesentlich abgeschwächt 
waren. Auch sein Widerstand gegen die Analyse hat sich entsprechend ver* 
ringert. Im früheren Traum versuchte er das Durchbrennen des Papiers so 
lange als möglich hinauszuschieben. Im späteren Traum gesteht er sich selbst 
ein, daß er verwundet ist, und weigert sich bloß, es den anderen zuzugeben. 
2. Die Gestalt der Mutter als Person fehlt im zweiten Traum. Sie ist nur 
im unpersönlichen Symbol des Hofes repräsentiert, der dem Herd des ersten 
Traumes entspricht. Auch dies ist der Abschwächung des Masochismus und 
Widerstandes des Patienten zuzuschreiben. In dem früheren Traum war die 
Mutter a) ein Ersatz, bei dem er Schutz suchte gegen eine eigene masochi* 
stische Einstellung zum Vater, b) eine Projektion seiner eigenen femininen 
Wünsche und seines entgegenwirkenden Stolzes (Majestät) und c) ein Ob* 
jekt der (projizierten) Eifersucht (d. h. die heiße Wand bedroht sie). Im 
späteren Traum hat er durch seine Bereitwilligkeit, die Deutung des Analy* 
tikers zu akzeptieren, eine passiv*feminine Einstellung zu ihm hergestellt. 
Er hat es daher nicht mehr nötig, seine femininen Wünsche abzuspalten und 
zu projizieren, noch auch zu einem Ersatz zu fliehen, um Schutz zu suchen; 
im Augenblick ist Eifersucht auf die Mutter unnötig. 

So wird es klar, daß der Patient in den drei dazwischenliegenden Wochen 
einen bemerkenswerten Schritt zur Lösung des Problems, mit dem er im 
früheren Traum kämpfte, gemacht hat. Im früheren Traum projizierte er 
seinen Wunsch nach Hilfe und passiver Befriedigung vom Analytiker, dessen 
Erfüllung er so lange als möglich hinauszuschieben suchte. Am Ende dieser 
dreiwöchentlichen Periode ist er fast bereit, an der analytischen Aufgabe mit* 
zuarbeiten, zumindest in passiver Art. Wie die darauffolgenden Träume 
zeigen, ist dieses Stadium nur eine Vorstufe für das Bedürfnis, das der Pa* 
tient bald darauf empfindet, gemeinsam mit dem Analytiker aktiven Anteil 
an der Erforschung seiner unbewußten Triebe zu nehmen. 

b) Überblick über die Zwischenphase 

Bevor wir das folgende Material besprechen, wird es zunächst von Interesse 
sein, den Vorgang zu studieren, wie der Patient zu seiner gegenwärtigen Be* 
reitwilligkeit kam, passive Befriedigung durch eine zutreffende Deutung des 
Analytikers zu erlangen. Als Vorbereitung für diese Untersuchung der da* 
zwischenliegenden Periode wollen wir vorerst prüfen, wie der Patient zur 
Zeit des „Heißen WancUTraums" versuchte, sein Problem zu lösen. 

Wir haben gesehen, daß die Schwierigkeit für den Patienten, die analy* 



tische Situation zu akzeptieren, darin lag, daß es ihm schwer wurde, seinen 
intensiven Wunsch nach der Liebe des Vaters mit der ebenfalls intensiven 
Feindseligkeit gegen denselben in Einklang zu bringen. Es folgt daraus, daß 
sein Wunsch nach Liebe einen stark masochistischen Zug annehmen muß; 
und dies ist auch der Fall. Die in der Analyse gewährleistete Straffreiheit 
fördert die Übertragung dieses Konfliktes in die Beziehung des Patienten 
zum Analytiker. 

Aus dem Traum und den ihm unmittelbar vorangehenden Begebenheiten 
können wir ersehen, daß der Patient versucht, eine Anzahl von möglichen 
Methoden auszuprobieren, seinen Konflikt zu lösen oder zu mildern. 
1. Lange Zeit hindurch wollte er den Analytiker dazu bringen, mit ihm zu 
spielen. Dies hatte den Zweck, durch die wiederholten Versicherungen, der 
Analytiker würde die Aggressionen des Patienten nicht ernst nehmen und 
daher keine Vergeltung üben, die Angst des Patienten abzuschwächen. Auf 
diese Weise erlangte der Patient aber nur eine sehr zweifelhafte und unvoll* 
kommene Befriedigung seines Wunsches nach einer freundschaftlichen Be* 
ziehung zu einem Vaterersatz. Die Befriedigung war nicht nur zweifelhaft, 
sondern auch unvollkommen, weil die spielerische Herabsetzung, die der 
Patient dem Analytiker zuteil werden ließ, diesen zu einem weit weniger be* 
friedigenden Vaterersatz machte. Wie schon berichtet wurde, setzte der Ana* 
lytiker dem Versuch, die Analyse zu einem Spiel zu machen, durch sein 
Stillschweigen in der achtundzwanzigsten Sitzung ein Ende. Die Wut des 
Patienten und die darauf folgende Identifizierung des Analytikers mit dem 
jüngeren Bruder waren insoferne kennzeichnend für den Übergang vom jün* 
geren Bruder zur Vaterübertragung auf den Analytiker, als jener einmal — 
als der jüngere — vom Patienten herabgesetzt werden konnte, später jedoch 
— wie der Vater — sein erfolgreicher Rivale geworden war. Im „Heißen 
Wand*Traum" ist es bereits eine Vaterübertragung auf die der Patient rea* 
giert. 2. Dieser Traum stellt im Grunde einen Versuch dar, die Spannung 
des Vater*Konflikts des Patienten dadurch zu erleichtern* daß er als Ersatz 
eine passive abhängige Beziehung zu seiner Mutter annimmt. Wenn der Pa* 
tient den Abhängigkeitscharakter dieser Beziehung etwa durch ritterliche 
Gesten verdeckt, wie er es im Traume tut, so ist es wahrscheinlich, daß seine 
Mutter eine solche Beziehung zum Patienten sehr begrüßen würde. Ein Hin* 
dernis, das einer solchen Lösung im Wege steht, wäre zunächst die narziß* 
tische Einstellung des Patienten, die es ihm — wie der Traum zeigt — un* 
möglich machen würde, seine Abhängigkeit von der Mutter offen zuzugeben. 
Überdies würde der narzißtische Protest des Patienten sicherlich durch die 
Neigung der Mutter, die Rivalität zwischen dem Patienten und dem Vater 
und den Brüdern zu schüren, noch verstärkt werden. 3. Im Traum ist das 
narzißtische Streben, mit dem Vater in einen Wettbewerb um die Mutter zu 
treten, bereits angedeutet: in der ritterlichen Pose des Versuchs, die Mutter 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



109 



vor der heißen Wand, die den Vater darstellt, zu schützen. Die Rivalität 
mit dem Vater aber treibt den Patienten wieder in den Vaterkonflikt zurück, 
dessen einziges Ventil im Augenblick 4. die masochistische Unterwerfung 
ist, die im Symbol der „Heißen Wand" gemeint wird. Da der Vater nicht 
mehr lebt, konnte dies nur in einer passiven masochistischen Übertragung 
auf den Analytiker oder irgendeinen anderen Vaterersatz, wie z. B. Herrn Z., 
verwirklicht werden. Das Hindernis für eine solche Lösung ist offenbar die 
Angst des Patienten und sein narzißtischer Protest gegen einen so weitgehend 
den Masochismus. 5. Wir könnten auch die Möglichkeit einer fünften Lö* 
sung erwarten, die sich auf eine noch nicht bestimmt erkennbare Synthese von 
Elementen gründen würde, die in den drei anderen Lösungen enthalten sind. 
Wir haben schon darauf hingewiesen, daß gerade dies kurz nach den dem 
„Schulterwunde/Traum" folgenden Enthüllungen eintritt, indem sich der 
Eifer des Patienten, dem Analytiker bei der Erforschung seines Unbewußten 
zu helfen, in seinen Träumen offenbart. Es wäre schwierig gewesen, dies auf 
Grund des Traumes von der „Heißen Wand" vorauszusagen; und wir wer* 
den größeren Nutzen davon haben, wenn wir den Verlauf der Analyse in 
dem diesem Traum folgenden Zeitabschnitt ins Auge fassen, und zwar im 
Lichte des Problems der Anpassung, das wir eben skizziert haben. 

Die Sitzung, die unmittelbar auf den Traum von der „Heißen Wand" folgt, 
leitet der Patient mit einer Bemerkung über den „Duft und die Wärme" der 
Frau, die vor ihm bei mir gewesen war, ein. Er sagt, er werde ständig von Phan* 
tasien verfolgt; Phantasien von Männern, die Kinder gebären. Er hatte eine 
Phantasie: der Analytiker oder sein Vater in einem Vogelkäfig. Alle waren in 
Käfigen. Die Käfige wurden nur zum Zwecke der „Kommunikation" entfernt, 
dann aber wieder bezogen. 

In einer anderen Phantasie sprach der Analytiker mit Dr. Sachs über das Pro* 
blem des Patienten. Dr. Sachs instruierte den Analytiker, daß die Fragen des 
Patienten nicht zu beantworten seien. Der Patient hatte auch Phantasien, daß 
er in die Berge gehe, im Schnee liege und erfriere . . . Am Ende der Stunde be* 
merkt der Patient, daß er gut daran täte, morgen in ein Seminar an der Univer* 
sität zu gehen (er arbeitete damals für eine Prüfung, die es ihm ermöglichen 
würde, ein Diplom als ordentlicher Lehrer zu bekommen), aber er meint, die 
Analyse werde ihn daran hindern. Der Analytiker macht sich daraufhin erbötig, 
ihn zu einer Zeit vorzunehmen, die ihn nicht hindert, aber der Patient sagt, es 
wäre sein Wunsch, der Analytiker möge eine Stunde festsetzen, die mit seinem 
Besuch des Seminars kollidiere. 

Es ist ersichtlich, daß beim Patienten hier Versagungsreaktionen eine Rolle 
spielen, die darauf zurückzuführen sind, daß der Analytiker sich in der vor 
drei Tagen stattgefundenen Sitzung weigerte, die Fragen des Patienten zu 
beantworten. Diese Versagung ist schon im Symbol der „Heißen Wand" 
verdichtet. Man erinnert sich daran, daß der Vater des Patienten ein sehr 
schweigsamer Mann war. Wie sich viel später herausstellte, empfand der 
Patient die Tatsache, daß der Vater von seiner Onanie keine Notiz nahm, als 



eine Versagung seines intensiven Verlangens nach Liebe und Beachtung durch 
den Vater und die Wand zwischen ihren Schlafräumen war offensichtlich ein 
Symbol der inneren Entfernung zwischen ihnen. Die Phantasien dieser Stunde 
spielen zuerst mit der Vorstellung eines Kindes vom Vater und versuchen 
dann die grausame Gleichgültigkeit des Analytikers wegzuerklären. Er 
phantasiert, daß der Analytiker auf Anregung von Dr. Sachs sich weigere 
mit dem Patienten zu sprechen. Der Analytiker ist tatsächlich ein Vogel im 
Käfig (ein Baby) der sich mit dem Patienten nur unterhalten kann, wenn 
man es ihm erlaubt. Schließlich bricht die Erbitterung des Patienten unver. 
hohlen hervor. Wenn der Analytiker keinerlei Gefühlswärme zeigen will 
wird der Patient fortgehen und sich dem Erfrierungstod aussetzen. Im großen 
und ganzen können wir diese Besprechung als einen neuerlichen Versuch des 
latenten auffassen, aus der Analyse ein Spiel zu machen (Lösung 1) Dies 
iunri zu seinen Bemühungen, das Schweigen des Analytikers einige Tage 
vorher wegzuerklären, und endet mit der Erkenntnis, sein Wunsch nach Liebe 
sei ihm versagt worden. 

Die nächste (32.) Sitzung nimmt die synthetische Lösung (Nr. 5) vorweg 
mit welcher sich der Patient erst ungefähr einen Monat später ernstlicher 
beschäftigt, nach der Änderung in seiner unbewußten Einstellung, die der 
„Schulferwunde-Traum" anzeigte. Ich verschiebe den Versuch einer ökono- 
mischen Analyse dieser Synthese, bis wir zur Besprechung des ausführ, 
heberen Material dieser späteren Periode kommen. Ich möchte nur schon 
jetzt darauf hinweisen, daß die aktive Neugierde des Patienten - die sich 
ursprünglich auf die Mutter richtete - in Wirklichkeit die Verlegung eines 
Versuches ist, an der analytischen Aufgabe, Einsicht in seine femininen 
inebe zu bekommen, mitzuarbeiten. 

er ?ah ISf Ä? 1 ^ -W t* *" Wieder ^ be e ^r Kindheitserinnerung: 

Mutter ^ Ä ',* S1Ch dlC BrUStC WUSch - Er erinnert sich - daß er mit der 

sich L und JSSTi f Cga c g " n ^ W ° FraU6n badeten > Und daß er **. wie sie 
sich an. und auskleideten. Spater ging er mit seinem Vater, der es ihm überließ 

ich im Wasser herumzufummeln, während er selbst hinausscWamm AI 7r 
af?™?- ST V CS Kmd ^ (Üa Alter VOn sechs oder sie ^* JahrenTwurde er 

bringen Der SS, /^TT* ?**& geSchkH Um -iner Tante' etwas zu 
bringen. Der Patient erschrak, seine Tante war gerade im Begriff sich anzu- 
stoßen" " PatiCnt fÜMte Skh bdm Anblick ihrer behaarten ßSne aEgel 

älteren jEE? ^ Pa ^. in der SchuIe wäh ™ d d er Spielstunde an Stelle eines 
sich Zh^A ' ° e \ C K j nder ver , s P° tten > die Aufsicht übernehmen. Er fürchtet 
sich sehr davor, insbesondere, weil er die Namen der Kinder nicht kennt Am 
Ende der Stunde bemerkt er, daß er heute ziemlich viel Erinnerungen gebratS 

E h; t tr ör frß5 U T menhang ^ ^ f*™^* Situation nicht sehe 
Er 2Ä Anisen nur zu wissenschaftlichen Zwecken gemacht werden. 

Hr wünsche keine Analyse, die keinen therapeutischen Zweck habe. 

Sichtlich endet die Stunde damit, daß der Patient es aufgibt, aktiv an der 



Klinische Untersuchung übsr das Lernen im Verlaufe usw. 



111 



analytischen Untersuchung mitzuarbeiten, denn er fürchtet, den maso* 
chistischen Charakter seiner femininen Impulse zu erkennen. Er hat Angst, 
der Analytiker analysiere ihn nur zum Zwecke eines (sadistischen) Experi* 
ments. 

Die nächsten zwei Sitzungen sind voll Verzweiflung. 

Der Patient fragt, wann der Leiter des Instituts zurückkomme, und sagt, er 
könne es mit dem Analytiker nicht aushalten. Er werde immer deprimierter und 
der Analytiker helfe ihm nicht, seine Depression zu verstehen und sich von ihr 
zu befreien. Der Analytiker sei schwach und rede immer nur von Widerstand. 
Es sei ein Fehler des Patienten, mit dem Analytiker begonnen zu haben, denn 
jetzt habe er weder die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, noch fortzusetzen. Auch 
seitens des Analytikers sei es ein Fehler gewesen, den Patienten übernommen 
zu haben. Der Patient ist böse auf Dr. X., der ihn an den Analytiker gewiesen 
hatte. Nun habe er ihn zum drittenmal zu Analytikern geschickt, die nichts mit 
ihm anzufangen wissen. 

Auch in der nächsten Stunde fährt der Patient in derselben Tonart fort: Es hat 
keinen Zweck. Er hat kein Vertrauen. Der Analytiker hat nichts erreicht. Der 
Patient verlangt, ein unparteiischer Dritter möge die Objektivität seiner An* 
sichten über den Analytiker prüfen. 

Die beiden folgenden ^runden stellen einen Versuch des Patienten dar, 
sein Problem zu lösen, indem er eine abhängige Mutterübertragung akzeptiert 
(Lösung 2). 

Zu Anfang der fünfunddreißigsten Stunde dauert es eine Weile, bevor er sich 
niederlegt. Seine erste Assoziation ist eine spielerische Phantasie und er ver* 
sucht, den Analytiker zu zwingen, sie ernst zu nehmen. Er steht vor einer Opera* 
tion, bekommt Ätherrausch, es ist ihm übel . . . mit seinem Penis ist etwas nicht 
in Ordnung. Er hat Syphilis. Er bekam sie dadurch, daß er im W. C. seinen Penis 
rieb. Als der Patient zum Arzt ging, um Injektionen zu bekommen, wollte der 
Doktor dem Patienten nicht glauben, als er sagte, er habe nicht mit einer Frau 
verkehrt. Was wird der Analytiker diesbezüglich tun? Er wiederholt diese Frage 
mehrmals, durchaus spielerisch scherzhaft. Er besteht darauf, daß seine Angaben 
wahr seien, und verlangt Antwort. Der Analytiker bemerkt schließlich, es sei 
schwer, zu glauben, der Patient meine, was er sage, wenn er so scherzhaft darüber 
rede. Daraufhin gibt der Patient zu, daß er nicht an Syphilis leide, seine Assozia* 
tionen seien zu dieser Phantasie abgelenkt worden, als zwei Erinnerungen auf* 
tauchten. Im Alter von ungefähr vier bis zwölf Jahren habe er eine Vorhaut* 
entzündung gehabt und seine Mutter pflegte ihm deshalb Spülungen zu machen. 
Der Patient hat an diesen Spülungen Gefallen gefunden. Seine Mutter hat ihm 
auch erzählt, daß der Arzt ihn beschneiden wollte, als er ungefähr zwei Jahre 
alt war, aber sie habe es nicht erlaubt. Der Analytiker bemerkt dazu, der Patient 
wünsche von ihm, er möge seine Kastrationsangst lindern, indem er mit ihm 
unter dem Vorwand ärztlicher Behandlung sexuell spiele, wie seine Mutter es tat. 

In der nächsten Stunde versucht der Patient, durch Kranksein an das! Mitge* 
fühl des Analytikers zu appellieren. Er klagt des längeren, er habe sich am Fuß 
verletzt, der Fuß sei geschwollen usw. Was solle er dagegen tun? ... Er habe 
noch immer eine Entzündung an der Vorhaut ... Er glaubt, er habe seinen Fuß 
absichtlich vernachlässigt, damit die Sache schlimmer werde . . . 

Wir haben bereits vorweggenommen, daß der Versuch des Patienten, sich 



112 



Thomas M. French 



mit einer passiven abhängigen Beziehung zu seiner Mutter abzufinden, an 
dem Hindernis scheitern mußte, das in der Unfähigkeit des Patienten lag, 
eine solche passive Lösung mit seinem Narzißmus und mit der Neigung der 
Mutter, die Rivalität zwischen dem Patienten und seinem Vater und den 
Brüdern aufzustacheln, in Einklang zu bringen. 

Die beiden nächsten Sitzungen (37 und 38) bestätigen diese Annahme. 

Der Patient erscheint mit zehn Minuten Verspätung und sagt, er habe kein 
Interesse daran, zu kommen. Er verschiebt das Niederlegen sehr lange und klagt 
dann des längeren darüber, daß er kein Interesse an der Arbeit habe. Er be= 
merkt, daß er tags zuvor wertvolles Material gebracht habe, daß er aber tags 
darauf — nachdem er gutes Material gebracht habe — immer schlecht arbeite. 
Warum ist das so? . . . Dann erinnert er sich, daß er den Penis seines Vaters 
gesehen und seine Größe mit der des eigenen verglichen habe. Er erinnert sich 
auch, den Bizeps des Vaters gesehen und bezüglich des Umfangs mit dem 
seinigen verglichen zu haben. Er pflichtet der Ansicht des Analytikers bei, daß 
sein Mangel an gutem Willen, weiteres brauchbares Material zu „produzieren", 
auf seine Rivalität mit dem Analytiker zurückzuführen sei. Er verspricht, das 
nächstemal pünktlich zu sein, besteht aber darauf, dem Analytiker beim Ver* 
lassen des Zimmers den Vortritt zu lassen. Er leugnet, daß auch dies ein Aus* 
druck der Rivalität sei, gibt aber nachher die Richtigkeit dieser Deutung zu. 

In der nächsten (38.) Sitzung erzählt er zum erstenmal die Geschichte aus 
seiner Knabenzeit, wie er mit seinem Zweitältesten Bruder um die Liebe der 
Mutter rivalisierte. Als Kind war er der Liebling der Mutter gewesen, dann, als 
der Bruder ein erfolgreicher Mann wurde, wurde dieser von der Mutter vorge* 
zogen. Erst vor kurzem errang der Patient wieder den ersten Platz bei seiner 
Mutter, da sein Bruder sie durch seine Heirat mit einer Jüdin,; einer geschiedenen 
Frau, sehr aufgebracht hatte. Als der Patient an der Universität studierte, zog 
dieser Bruder, der damals siebzehn Jahre alt war, in die gleiche Stadt. Damals 
stand der Patient in Beziehungen zu einer Jüdin, durch die er Zutritt zur guten 
Gesellschaft bekam. Der Patient machte seinen Bruder mit ihr bekannt und dieser 
war bald sehr eingenommen von ihr. Jetzt hatte der Bruder eine Frau vom 
gleichen Typus geheiratet. Der Patient hatte einmal einen Ausflug mit der Jüdin 
gemacht und sie hatte ihn in ihr Zimmer und Bett eingeladen,, aber der Patient 
war impotent. Vor zwei Tagen wurde dem Bruder ein Kind geboren. Die Mutter 
war sehr ungehalten darüber, weil es zu früh nach der Heirat war. Der Patient 
meint, der jetzige Ausbruch seiner Rivalität sei eine Reaktion auf die Geburt 
dieses Kindes ... In seiner Kindheit hatte er die Einspritzungen, die ihm' seine 
Mutter unter die Vorhaut machte, als eine Art sexueller Beziehung zu ihr aufge* 
faßt, als einen Triumph über seinen Bruder, aber jetzt hatte dieser den Sieg über 
den Patienten davongetragen. 

In den zwei folgenden Sitzungen wird die Rivalität des Patienten mit dem 
Bruder von Wünschen, sich selbst zu kastrieren, abgelöst, die dann wieder 
von Verzweiflungsausbrüchen gefolgt werden. 

Er besteht wieder darauf, daß der Analytiker beim Verlassen des Zimmers 
vorangehe. Ist das eine Prestigefrage? Der Patient muß diesen Prestige^Impuls 
überwinden. Er besteht darauf, daß er zehn Minuten vor Ablauf der Stunde fort* 
gehen müsse. Gestern sei er zu gehemmt gewesen, um ein Referat vorzubereiten, 
das er im Seminar der Universität vorlegen müsse. Er hatte schlecht gearbeitet 



Klinische Untersuchung übet das Lernen im Verlaufe usw. 



113 



und konnte sich nicht einmal des Inhalts seiner Doktorarbeit entsinnen Er eine 
zu einer Schulunterhaltung und fürchtete sich, zum Direktor der Schule zu gehen 
der sein Gastgeber war. Das Verkürzen der Sitzung, vor Ablauf der Stunde 
interpretierte er als „Kastrieren der Stunde" . . . , 

In der nächsten Sitzung erklärt er, daß er nichts tun könne, phantasiert, daß 
er sich von zehn Ärzten Veronal verschreiben lassen werde, um sich umzu* 
bringen, oder er werde ins Gebirge gehen und den Erfrierungstod erleiden. Er 
möchte wissen, ob der Leiter des Instituts zurück ist . . . Er habe den größten 
Teil des Wochenendes verschlafen. Entweder tauge die Analyse nichts, oder die 
Reaktion gegen den Bruder habe sie ganz in Unordnung gebracht. Er zieht einen 
Schlüssel aus der Tasche und schleudert ihn in eine Ecke. 

Die nächsten sechs oder sieben Stunden bringen den Konflikt zwischen der 
Rivalität des Patienten mit dem Analytiker und seinem Verlangen nach 
dessen Liebe zu einem verzweifelten Höhepunkt. 

In der einundvierzigsten Sitzung besteht er fortwährend darauf, er müsse den 
Leiter des Instituts sprechen. Er könne mit dem Analytiker nicht auskommen. Die 
Persönlichkeit des Patienten und die des Analytikers passen nicht zueinander. 
Er wünscht, der Analytiker wäre älter. Eine Analyse ohne Übertragung sei nicht 
möglich. Der Analytiker verweist darauf, daß seitens des Patienten kein Mangel 
an Übertragung da sei, daß sie aber auf seiner Beziehung zu seinem Zweitältesten 
Bruder basiere. Der Patient erwidert, daß er keine Bruder=Übertragung wünsche. 
Er habe diese Frage bei Dr. Y. einigemal berührt, sie aber niemals lösen können. 

In der nächsten Sitzung (42) klagt der Patient, daß sein Fuß schmerze. An 
diesem Tage habe er nicht in die Schule gehen wollen, ging aber schließlich — 
nach hartem Kampfe — doch. Er wollte nicht zugeben, daß er sich nach Über* 
Windung seines Widerstandes, in die Schule zu gehen, viel besser gefühlt habe. 
In Beantwortung der Fragen des Patienten spricht der Analytiker ausführlich 
über dessen Rivalität mit ihm, die das Motiv für seinen Widerstand gegen Erfolg 
in der Schule ist. Der Patient bemerkt, daß er auch Befriedigung empfindet, wenn 
er den Analytiker zum Sprechen bringt, und daß er dies als einen Sieg betrachte. 

In der dreiundvierzigsten Sitzung findet der Konflikt des Patienten einen 
konzentrierten Ausdruck in einer Erinnerung und einer Phantasie. 

Er erinnert sich, daß es ihm Freude zu machen pflegte, wenn sein Bruder ihn 
im Geheimen bestahl, da dies ein Anzeichen war, daß er ihn beneidete, fürchtete 
und haßte. Einmal bestand der Patient darauf, daß der Bruder das Zimmer ver* 
lasse, während er selbst mit der Mutter sprach. Dann folgt eine Phantasie, in der 
der Patient eine Frau ist und Dr. X. (der in den Phantasien des Patienten ige* 
wohnlich die Vaterrolle spielt) unter großem Kraftaufwand Geschlechtsverkehr 
mit ihm hat. 

Um die Bedeutung der Nebeneinanderstellung dieser Erinnerung und der 
Phantasie zu verstehen, müssen wir uns nur vor Augen halten, daß in der 
gegenwärtigen Situation sowohl der Bruder als auch Dr. X. im Analytiker 
verkörpert sind. Der Patient nähert sich der plötzlichen Erkenntnis, daß 
sein neidvoller Haß gegen den Analytiker und der Wunsch nach dessen 
Liebe unvereinbar sind. Aber die wirkliche Einsicht fehlt noch immer. Der 
Neid und der Wunsch, als Frau geliebt zu werden, sind gespalten und auf 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/1 8 



114 Thomas M. French 






zwei verschiedene Personen verteilt; so wird es dem Patienten unmöglich, zu 
erkennen, daß Neid und der feminine Wunsch nach Liebe des Analytikers 
unvereinbar sind. 

In der vierundvierzigsten Stunde nimmt die plötzliche Versagung, die 
dieser aufdämmernden Einsicht entstammt, die Form eines sadistischen 
Traumes an : 

Der Patient schneidet toten Fischen die Köpfe ab und wirft sie Hähnen zum 
Fräße vor, dann wirft er mit Steinen nach den Hähnen. 

Im Zusammenhang damit erinnert er sich an einen Vorfall in der Kindheit: 
der Vater lobte ihn, als er mit einer Schaufel nach einer Katze schlug. Er erinnert 
sich ferner, Angelwürmer zerstückelt und eine Gans mit einem Stock gestoßen zu 
haben. Er hatte oft geträumt, daß der Vater die Mutter mißhandle und daß er, 
um sie zu schützen, auf den Vater losging. 

Der spezifische Inhalt jenes Traums ist besser zu verstehen, wenn man auf 
Begebenheiten und Phantasien aus anderen, größtenteils ein paar Monate 
späteren Perioden der Analyse hinweist. In einem sehr frühen Stadium der 
Analyse (vor dem Zeitabschnitt, über den ich ausführlich berichte) hatte 
der Patient mit der Phantasie gespielt, daß seine Mutter ihn kastrieren wollte, 
um ihn vor dem Vater zu schützen. Im fünften Monat der Analyse be<= 
Schwerte er sich immer wieder heftig, der Analytiker und sein Vater hätten 
ihn verrückt gemacht. Das war natürlich eine Verwirklichung der angedeu> 
teten Drohung des Vaters, als dieser dem Patienten den „Idioten" zeigte, 
dessen Schwachsinn angeblich auf Onanie zurückzuführen war. Im gleichen 
Zeitabschnitt erinnerte sich der Patient an Geschichten von zerstückelten und 
aufgefressenen Kindern, die er in der Kindheit gehört hatte. Eine Phantasie 
zu Ende des fünften Monats der Analyse zeigt den Vater, wie er der Mutter 
ein Baby aus den Armen reißt und es zu Boden schleudert, so daß es bei«* 
nahe stirbt; dann hat er Geschlechtsverkehr mit der Mutter. Später erinnert 
sich der Patient, daß er sich als Kind tatsächlich gefürchtet hat, der Vater 
würde ihn auffressen. 

Es ist ersichtlich, daß alle diese Phantasien in dem Traum, der jetzt be* 
sprachen wird, in wenigen Symbolen verdichtet sind. Das Abschneiden der 
Fischköpfe ist eine Kastration, die vom Penis auf den Kopf verschoben ist, 
eine Analogie zu dem Um*den*Verstand*gebracht*werden. Die Fischköpfe 
fressenden Hähne entsprechen den Geschichten von den zerstückelten und 
aufgefressenen Kindern und der Angst des Patienten, sein Vater werde ihn 
auffressen. In dem Traum spielt der Patient ein ähnliche Rolle, wie er sie in 
einer früheren Phantasie der Mutter zugeschrieben hatte, die den Vater ver* 
söhnte, indem sie die Kinder opferte. Daß der Patient mit Steinen nach den 
Hähnen warf, ist wahrscheinlich eine Anspielung auf den Vorwurf, der in 
einer späteren Phantasie enthalten ist: als der Vater das Baby zu Boden 
schleuderte. 

Wie im früheren Traum vom Herd die Kuchen, stehen also im jetzigen 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



115 



die toten Fische und die Steine für Kinder. Die Kinder sind zunächst die 
Brüder des Patienten, wahrscheinlich auch seine phantasierten Kinder. 7 In 
dem Traum und in den Phantasien opfert er dem Vater die Kinder; so lebt 
er seine sadistischen Gefühle aus und versucht gleichzeitig, den Vater zu 
besänftigen und die Feindseligkeit gegen ihn zu rechtfertigen. 

Der Traum ist deutlich eine Reaktion auf die gewissermaßen verzweifelte 
Erkenntnis des Konfliktes zwischen der Gehässigkeit des Patienten und 
seinem Bedürfnis nach der Liebe des Analytikers (Vaters). Wir haben ge* 
sehen, daß der Patient jedesmal, wenn er „gutes Material produziert", ge* 
hässig ist und es dem Analytiker übel nimmt, ihm dasselbe entlockt zu 
haben; zu gleicher Zeit aber wünscht er, die Analyse möge ergiebig sein. 

Im Traum drückt sich dieser Konflikt in der Sprache seines infantilen 
Vorbildes aus. Er beneidet den Vater um das Genitale und möchte die 
Kinder, die er „hervorgebracht" hat, vernichten; aber er wünscht auch, vom 
Vater geliebt zu werden, und ist von dem Gedanken begeistert, ein Kind 
„hervorzubringen". Der Traum versucht, die widerstreitenden Wünsche in 
Einklang zu bringen oder sie zumindest zu verdichten. Er fühlt den Drang in 
sich, für seinen phallischen Neid zu büßen und den Vater zu versöhnen, in* 
dem er sich kastriert, aber statt dessen kastriert er die toten Fische, die seine 
Brüder symbolisieren. Er möchte die Liebe des Vaters erringen, indem er 
ihm ein Kind schenkt, aber statt des Kindes gibt er ihm die Köpfe toter 
Fische und Steine. 

Es ist aus dem Material leicht zu ersehen, daß diese Opferversuche nicht 
ausreichen; denn die latenten Traumgedanken enthalten eine ganze Reihe 
von Vorwürfen und Bemühungen einer Selbstrechtfertigung, die wir etwa 
so auslegen können, als sagte er zum Vater: „Du verlangst, daß ich dir mein 
Genitale opfere; deshalb habe ich das Recht, dich mit Steinen (Vorwürfen) 
zu bewerfen". Man beachte: Das Werfen des Steins ist eine direkte An* 
spielung auf den Vorwurf, der in der letzten Phantasie vom Vater, der das 
Baby zu Boden wirft, enthalten war. Die Tatsache, daß es sich um mehr als 
einen Hahn handelt, deutet vielleicht darauf hin, daß der Patient auch, seiner 
Mutter einen ähnlichen Vorwurf macht, den er auf dem Wege der Identifi* 
zierung durch sein eigenes Verhalten im Traum ausdrückt: „Du bist gewillt, 
dem Vater deine Kinder zu opfern. Du und der Vater,' ihr seid mehr auf 
euer Vergnügen bedacht, als darauf, uns Kindern Leben und Liebe zu 
schenken." Andere „Hähne" stehen wahrscheinlich für die Analytiker des 
Patienten, gegen die er Vorwürfe ähnlicher Art erhebt, und zwar auf Grund 
der Förderung, die die Analyse den unbewußten Trieben des Patienten ange* 



7) Man erinnere sich, daß der Patient eine Woche vor diesem Traum aus dem Anlaß,, daß 
dem Bruder ein Kind geboren wurde, von heftigem Neid gegen diesen ergriffen wurde 
und daß ihn noch früher Phantasien von Männern, die Kinder zur Welt brachten, ver* 
folgten. 

8* 






, 



: 






deihen läßt. „Ihr Analytiker", lautet die im Traume enthaltene Beschwerde, 
„leistet meinem Sadismus Vorschub, damit ihr wissenschaftliches Material 
erhaltet, um es zu verschlingen und dann miteinander zu diskutieren " 

Wie immer es um die Berechtigung dieser Vorwürfe gegen Vater und 
Mutter und seine verschiedenen Analytiker bestellt sein mag, — i es ist klar, 
daß sie eine direkte Reaktion sind auf die den Patienten bedrohende Er* 
kenntnis von der Unvereinbarkeit seines Penisneides auf den Vater (Analy* 
tiker) mit seinem Wunsch nach der Liebe des Vaters. 

Die nächsten drei Sitzungen (45, 46, 47) bringen den affektiven Ausbruch 
dieser Verzweiflung: 

Er muß den Leiter des Instituts aufsuchen. Er ist über seinen Fall nicht orien* 
tiert, er hat niemanden, der ihm hilft, er hat kein Vertrauen zu dem Analytiker. 
Er hört nicht auf eine Deutung, die der Analytiker ihm gibt, versichert, daß er 
ihn nicht haßt, aber er habe einfach keinen Kontakt mit ihm . . . 

In der folgenden (48.) Sitzung kam das Geständnis des Patienten, daß er 
den Analytiker dazu bringen wollte zuzugeben, daß die Analyse mißlungen 
sei. 

Er beginnt die Stunde mit der Bemerkung, daß der gleiche Widerstand noch 
weiter bestehe. Er fühle, daß er nie einen Nutzen von der Analyse haben werde, 
daß der Analytiker den Fehler begangen habe, seine Analyse zu übernehmen. 
Was glaube der Analytiker? Der Analytiker erwidert, daß sich in der Analyse 
häufig schwierige Stadien ergeben und daß es durchaus möglich sei, daß der Pa* 
tient über seine momentanen Widerstände hinwegkomme. Daraufhin antwortet 
der Patient, daß er sich ärgere. Er wünscht, der Analytiker möge) zugeben, daß die 
Analyse ein Mißerfolg sei, und fügt hinzu, er habe, gerade bevor er die Behand* 
lung beim (jetzigen) Analytiker begonnen habe, infolge der Nachricht, der von 
Dr. Y. empfohlene Analytiker könne seinen Fall nicht übernehmen, einen argen 
Rückschlag gehabt. Dr. Y. war etwas unverläßlich, hatte aber sonst keine Fehler. 
Der Analytiker bemerkt hiezu, es sei nicht verwunderlich, daß es dem Patienten 
so schwer gefallen sei, die Analyse bei Dr. Y, den er so gerne gehabt habe, auf* 
zugeben. 

In der folgenden (49.) Stunde klagt der Patient, daß sein Fuß schmerze. Er 
hätte gern einen Analytiker, der ihm Mut zuspricht und ihn tätschelt ... Dr. Y. 
habe einen Fehler gemacht, indem er auf diesen Wunsch des Patienten einging. 
Der Patient habe ihm auch gesagt, es sei ein Fehler, daß er ihm die Situation 
momentan erleichtere, um sie nachher für ihn nur um so schwerer zu gestalten. 
Den Erläuterungen des Analytikers zu diesen Bemerkungen des Patienten folgte 
dann der Traum von den im Hofe schießenden Kindern, in dem der Patient an 
der Schulter verwundet wurde. 

c) Die emotionalen Grundlagen des Lernens 

Wir haben es unternommen, einen Überblick über die dreiwöchentliche 
Zwischenzeit zu geben, um den Vorgang zu studieren, durch welchen die 
anfängliche Angst des Patienten vor der Analyse einer unbewußten Befriedi* 
gung an einer vorerst passiven, dann aktiven Mitarbeit an der analytischen 



- 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



117 



Aufgabe wich. Unser Versuch, diesen Prozeß zu verstehen, wird durch ein 
paar Überlegungen über die emotionalen Seiten des Lernens erleichtert 
werden. 

Jeder Schritt beim Lernen bedeutet die Ersetzung einer alten Methode, sich 
Befriedigung zu verschaffen, durch eine neue. Der Ansporn, eine neue Be* 
friedungsmethode zu suchen, muß aus der Einsicht in die Tatsache kommen, 
daß die alte Methode nicht mehr ausreichend ist. Dennoch führt die Er* 
kenntnis der Tatsache, daß eine alte Befriedigungsart unzulänglich ist, nicht 
zur sofortigen Erwerbung einer neuen. Sie leitet bloß eine Periode des Experi* 
mentierens ein. Die ersten Experimente pflegen nicht erfolgreich zu sein; 
daher wird diese Versuchszeit oft von Phasen der Enttäuschung und Ver* 
zweiflung unterbrochen; denn der Suchende hat seine alte Befriedigungs* 
methode aufgegeben und noch keine neue gefunden, die an deren Stelle 
treten könnte. Wir erinnern uns, wie sich die Köhler sehen Affen be* 
nahmen, deren Versuch, durch Klettern auf eine Kiste Futter zu bekommen, 
mißlang und die ihrer Enttäuschung und Wut dadurch Ausdruck gaben, daß 
sie die Kiste schlugen. 8 

Wir haben eben gesehen, daß die Suche des Patienten nach einer Lösung 
seines Konfliktes wiederholt auch von Verzweiflungsausbrüchen begleitet ist. 
Seiner ersten scherzhaften Phantasie, er könne vom Analytiker ein Kind be* 
kommen, folgte ein Wutanfall, als sie ignoriert wurde. Der Versuch, seine 
frühkindliche Neugierde in den Dienst der Analyse zu stellen, scheitert an 
der Unfähigkeit des Patienten, die Einsicht in seinen Masochismus zu er* 
tragen. Seine durch diesen Fehlschlag verursachte Verzweiflung wurde ab* 
gelöst von dem Versuch, eine passive Beziehung zu seiner Mutter herzu* 
stellen, indem er aus seinen körperlichen Symptomen Nutzen zog; aber das 
führte unmittelbar zur Rivalität mit Vater und Bruder und zur Erkenntnis, 
daß sein Bruder über ihn triumphiert hatte. Schließlich kommt dem Patienten 
die Einsicht, daß er Unmögliches wolle; denn wenn er versuche, den Ana** 
lytiker als Rivalen unterzukriegen, könne er nicht zugleich Liebe von ihm 
erwarten. Es ist außerordentlich bemerkenswert, daß diese Einsicht feste 
Form annimmt, noch ehe der Patient sich ihrer bewußt wird oder in irgend* 
einer Weise bereit ist, sie zu akzeptieren. Sie macht sich bereits unausge* 
sprochen geltend, wenn der Patient seine geheime Freude über den Neid 
des Bruders und seine Phantasie, als Frau mit Dr. X. Geschlechtsverkehr 
gehabt zu haben, eingesteht. In dem Traum vom Abschneiden der Fisch* 
köpfe weist der Patient diese Erkenntnis heftig von sich, während er sie 
gleichzeitig auch (obwohl invertiert) zum Ausdruck bringt. „Wenn ich will, 
daß mich der Vater lieb hat, muß ich meine Rivalität gegen ihn aufgeben"), 
ist der grundlegende Inhalt dieser Einsicht. Der Traum antwortet darauf 



8) Wolfgang Köhler: Intelligenzprüfungen 
1921. 



jn Menschenaffen, J. Springer, Berlin 



118 Thomas M. French 






I! 



mit Vergeltungsimpulsen und zornigen Ausfällen. „Der Vater verlangt für 
seine Liebe meinen Penis. Ein so grausamer Vater sollte Steine statt Kinder 
haben." 

Unmittelbar nachdem dieser Zorn abreagiert ist, ist der Patient zum ersten* 
mal imstande, seinen Wunsch, die Analyse zu vereiteln, offen zuzugeben. 
Der Traum von seiner Verwundung an der Schulter drückt etwas ungehalten 
aus, was wir gewissermaßen als mitarbeitende Befriedigung über die Richtig* 
keit der Deutung des Analytikers von der homosexuellen Übertragung 
charakterisieren können. Unmittelbar darauf kommt das Geständnis von der 
Fälschung des Giros seines Bruders. 

d) Ökonomische Analyse der Zwischenphase 
Es wird von Interesse sein, das Wesen dieser Wandlungen des Patienten 
und des Prozesses, durch den er dazu gelangte, ausführlicher zu analysieren. 
Fangen wir mit der Betrachtung gewisser ökonomischer Probleme an, die 
der Traum von der heißen Wand bietet, wenn wir ihn in seinen Beziehungen 
zu dem späteren Material ansehen. In dem Traum von den Fischköpfen 
kommen sadistische Impulse direkt und unverhüllt zum Ausdruck. Ein 
späterer Traum — berichtet zwei Monate nach jenem von der heißen Wand 
— erreicht seinen Höhepunkt darin, daß der Patient von Herrn Z. mit dem 
Revolver bedroht wird (Z. ist jener Freund, den um finanzielle Hilfe an* 
gehen zu müssen der Patient fürchtet). Im Traum von der heißen Wand sind 
die gleichen sadistischen Triebe und die gleiche Angst in das Symbol der 
„Heißen Wand" projiziert und verdichtet. Dies stellt uns vor ein ökono* 
misches Problem. Was verhindert zur Zeit des Traums von der heißen Wand 
den plötzlichen Ausbruch der sadistischen Triebe des Patienten oder seines 
Masochismus und seiner Angst vor dem Vater? 

Wenn wir das Material betrachten, sehen wir, daß der Traum selbst eine 
direkte Antwort auf diese Fragen gibt. Das Papier, das der Patient zwischen 
Kuchen und heiße Wand schiebt, ist eine Anspielung auf das Geld, das der 
Patient gerade von seiner Mutter erhalten hatte und das es ihm ermöglichte, 
die Notwendigkeit, sich an den sadistischen Freund Z. zu wenden, hinaus* 
zuschieben. \ 

Wir haben bereits erkannt, daß dies ein symbolischer Ausdruck für eine 
grundlegende innere ökonomische Beziehung ist. Das Geld der Mutter be* 
wahrt den Patienten vor der Notwendigkeit, von einem Vaterersatz Geld zu 
leihen, und in ähnlicher Weise wird die Heftigkeit seines Verlangens nach 
der Liebe des Vaters durch die Befriedigung und Beruhigung abgeschwächt, 
die ihm durch das Geschenk der Mutter zuteil werden. 
_ Eben^ diese Verringerung seines Verlangens nach dem Vater ermöglichte 
eine Reihe von Abwehrreaktionen gegen seine sadistischen Impulse. 1. Diese 
Impulse wurden projiziert. Es ist nicht der Patient, sondern der Vater, der 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



119 



den Patienten, seine Mutter und die Brüder bedroht. 2. Diese Triebe sind 
nicht nur projiziert, ihr spezifischer Charakter wurde durch das Einsetzen 
unpersönlicher Symbole für spezifische Personen und Handlungen bis zu 
einem gewissen Ausmaß auch verwischt. An Stelle des Vaters droht die 
heiße Wand. An Stelle des Patienten und seiner Brüder im Leib der Mutter 
sind Kuchen in einem Backofen bedroht. Der spezifische Inhalt der sadistL« 
sehen Triebe ist um ein beträchtliches unverständlicher gemacht, wenn er auch 
durch den verdichteten Charakter der Symbolik noch angedeutet wird. Feuer 
ist ein ziemlich unspezifisches Zerstörungsmittel, aber Kuchen sind etwas 
zum Essen und schmutziges Papier ist etwas, das man wegwirft oder ver* 
nichtet. 3. Der Patient hat sich angsterfüllt von diesem ganzen Bereich unbe* 
wußter Wünsche abgewendet und sucht bei der Mutter Hilfe und Schutz. 
Zu bemerken ist, daß in diesem Traum die Gestalt der Mutter sozusagen 
verdoppelt ist. Als Teil jenes Bereiches unbewußter Wünsche, denen der 
Patient zu entrinnen sucht, wird sie durch das unpersönliche (tote) Symbol 
des Herdes dargestellt. Als Gestalt des realen Lebens, zu der der Patient um 
Liebe, Hilfe und Schutz flüchtet, ist sie eine reale Person. 4. Schließlich ist 
die Zerstörung etwas Angedrohtes, keine Tatsache. 

Wir haben gesehen, die ökonomische Grundlage für diese Abwehr ist die 
Ablenkung einer beträchtlichen Energiemenge vom Konflikt mit dem Vater 
auf den Versuch, wirklichen Trost und wirkliche Hilfe bei der Mutter zu 
erlangen. Es handelt sich hier offenbar um den aktuellen Prozeß der Über* 
tragung der aus den frühkindlichen Konflikten stammenden Energie auf Re* 
aktionen gegenüber der realen gegenwärtigen Lebenssituation des Patienten. 
Wir müssen annehmen, daß physiologische Bedürfnisse in ihrem Verarbei* 
rungsprozeß und Drang nach Befriedigung die Neigung haben, die noch 
nicht gelösten Probleme, welche aus der Nichtbefriedigung dieser Bedürfe 
nisse aus der Kindheit resultieren, wachzurufen. Befriedigungsmöglichkeiten 
oder Erleichterungen in der realen Situation gewähren dem Ich einen Weg, 
die Besetzungsenergie von diesen Kindheitsversagungen abzulenken. Kann 
ihnen genügend Energie entzogen und dem realen Leben zugewendet wer* 
den, 5 dann kann der Rest der Energie, der noch an den Kindheitskonflikt 



9) Es könnte den Anschein haben, daß diese Auffassung der Tatsache widerspricht, daß 
eine Projektion immer als Abwehrmechanismus auftritt, um den Träumer vor zu starken 
Affekten zu bewahren. Dasselbe trifft auf die Verwendung unpersönlicher Symbole an 
Stelle von Personen zu. In dem besprochenen Traum z. B. ist es gerade der Zweck der 
Projektion und der unpersönlichen Symbolisierung, den Patienten gegen die Angst zu 
schützen. Der Vorgang der Projektion beinhaltet, daß das Ich eher eine beobachtende 
als eine irgendwie aktive Haltung akzeptiert. Wir müssen annehmen, daß das Beobachten 
der (halluzinierten oder wirklichen) Handlungen anderer an sich eine Quelle beträchte 
licher Befriedigung ist und die Heftigkeit des Konfliktes des Patienten dadurch mildert, daß 
sie eine ansehnliche Menge Energie absorbiert. In ähnlicher Weise kann die aus dem 
symbolischen Spiel mit unpersönlichen Objekten gewonnene Befriedigung eine betrachte 
liehe Menge von Energie absorbieren und so einen gewissen Personen geltenden Konflikt 



gebunden bleibt, projiziert und als ein Fremdkörper behandelt werden der 
weder dem Ich angehört, noch in lebenswichtiger Beziehung zu ihm steht 
(Die besten Beispiele dafür sind Träume, in denen der Träumende nur. ein 
Beobachter des Tuns anderer ist.) Wenn noch mehr Energie ins wirkliche 
Leben abgezogen werden kann, kann der Kindheitskonflikt sozusagen seines 
Lebens beraubt werden. Lebende Personen können durch unbelebte (tote) 
Objekte ersetzt werden. Es ist der erste Schritt in diesem Prozeß, wenn 
menschliche Wesen durch kleinere Tiere ersetzt werden. Wenn der Prozeß 
der Zurückziehung der Besetzung von den Kindheitskonflikten noch weiter 
fortgeschritten ist, können sogar Menschen durch leblose Dinge von geringen 
dynamischen Eigenschaften, wie Herd und Kuchen im Traum des Patienten 
ersetzt werden. . 

In der Situation, der dieser Traum entsprang, war ein neues Bild in Er* 
Schonung getreten. Die Analyse gab den niemals befriedigten Wünschen aus 
der Kindheit neue H offnung auf Befriedigung. Die tolerante analytische 

wesentlich abschwächen (Siehe die Besprechung des Traumes von den Fischköpfen S 46) 

Intt SSn an ^ a u £T % Zdgen ' daß ein solches symbolisches Spiel tatsädSh sehr 
große Mengen psychischer Energie zu absorbieren vermag «isacniich seiir 

Die m der vorliegenden Arbeit vertretene Auffassung steht nicht im Widerspruch zu 
den eben erörterten Mechanismen, sondern stellt eher eine Bedingung f«t KbSnrf 

aurcn Beobachtung absorbiert werden kann, ist die Energiemenge, die dieserart in PrmVl^ 
dZZ *— a t S t en „ Vermag ' doch be ^ enzt - In d -e™ Traum Z .B ze!gt de 

iÜSbSlZntfSs w u d - tat rf c \ daß die Grenze etwas «beSttt 

wurae. wäre der Patient jetzt nicht imstande, Energie auf die Befriedieune und den 
SS t l^r/n 11 " Mutt « k — • überzuleiten, s'o würde J^St^Ü^ 
Angst in diesem Falle ganz sicher ins Bewußtsein durchbrechen und der Patient würde 
einen ahnlichen Angsttraum berichten wie den, den er zwei Monate später SäÄ 

TermTnufprSonbfer 110011 ^'l ™ Verhindern > möchte ** hinzufügen, daß ich den 
ierminus Projektion hier m einem etwas engeren Sinne gebrauche. Wie schon aus meiner 
Beweisführung hervorgeht, verweise ich auf Beispiele, wo fin Mensch, statt seine TrLe TZ 
zuleben sich damit begnügt, sie dadurch zu entladen, daß er beoba hte oder hSuäiST 
wie andere sie ausleben, ohne sich selbst mitreißen zu lassen. Ich SL dL als tS 
Projeküon bezeichnen Als Gegensatz würde ich z. B. einen Patienten anfuhren der an 
Stelle seiner eigenen Angriffslust die Angst setzt, er könnte auf diese Weise attackiert 

wüntb'tn" T-J" 11 ,' * e ei » seXUeUeS Attentat phantasiert, das ste unbewußfherbe , 
wünscht. Diese beiden letzten Typen der Projektion möchte ich als „VergelTunL foder 

TrTum LTfB P dte ]e he I ißfw Und / 1S 'f^^^spr OJ ,Mo^ bezeichfenT dLst 
vSJi und lt T 7 and '4 nsofe ™ e /« Patient von ihr bedroht ist, zum Teil eine 
am Herd droh? efnetJt T .YT SCh r\ rfÜll r SSprOJektion ' dk Gefahr - ^ den Kuchen 

sag ä ÄssÄs heiße w - d *■ — -^ Äfiars-tÄ 

Eigenslaftt e VwI ei K,,^ ÜSSen TVTH ™P** sö ^™ Symbolen ohne dynamische 
Se^tntSchelden T T H ?*) J* d d I nan ^hen Symbolen, wie das drohende 

raktoTs sä^fi A V ° ? end f n ? aUm bemerken wir ' daß der dynamische Cha* 
Verralkungsp^LTst beginnenden Umkehrung des oben besprochenen 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



121 



Haltung gegen unbewußte Triebe, welche im Analytiker personifiziert ist, 
ist geeignet, diese Wünsche neu zu beleben und neue Hoffnung zu wecken, 
daß diesmal keine Versagung folgen wird. Welche Wirkung dies hat, ist 
aus dem Traum ersichdich, in einer beginnenden Umkehrung des Verkal* 
kungsprozesses, der im letzten Abschnitt beschrieben wird. Die Symbole, die 
das Unbewußte darstellen, haben jetzt die gewaltige dynamische Eigenschaft 
eines drohenden Brandes angenommen. 10 Der Patient beginnt, seinen Vater* 
konflikt auf den Analytiker zu übertragen und zu hoffen, letzterer werde 
sein Verlangen nach der Liebe eines Vaters befriedigen. Im Traum ist das 
Anzeichen dafür die Tatsache, daß der Analytiker und die unbewußten 
Wünsche, die der Patient auf ihn zu übertragen beginnt, sich in einem 
einzigen Symbol, der „Heißen Wand", verdichten. Durch diese Möglich* 
keit der Übertragung auf eine lebende Person, haben die einst toten Symbole 
nun eine neue dynamische Gewalt erworben. 

Wenn sich der Patient um Liebe und Schutz an die Mutter wendet, wieder* 
holt er offenbar die Bemühungen, seine Kindheitskonflikte wirkungslos zu 
machen, indem er deren Energien auf die Suche nach einer Ersatzbefriedigung 
im realen Leben ablenkt. Aber selbst im Traum wird dies als eine bloß vor* 
übergehende Abwehr erkannt. Das Papier, das der Patient an die Wand 
heftet, wird einmal verbrennen. Wenn der Patient dem neuerweckten Reiz 
der Analyse entrinnen soll, muß er immer aufs neue Beweise der 
Liebe von seiner Mutter bekommen. Überdies ist im Traum die Mutter, im 
Begriffe zu sterben. Der drohende Charakter der heißen Wand ist symbo* 
lisch für die Tatsache, daß die Begeisterung des Patienten für die Analyse 
im Zunehmen ist. Die jetzt der Mutter zugewendete Besetzung wird bald auf 
die Analyse übergeleitet werden. Die Mutter wird abermals den Prozeß 
durchmachen, der sie früher einmal in einen unbelebten Herd verwandelte. 11 

Die Begebenheiten der folgenden drei Wochen bestätigen die in diesem 

10) Daß es sich hier tatsächlich um das Lebendigwerden toter Symbole handelt, be* 
weist ein früheres Traumfragment (der erste Traum des Patienten, berichtet in der 
17. Sitzung): Der Patient befindet sich in dem Zimmer, in dem er mit seinen Brüdern zu 
schlafen pflegte. Im anstoßenden Zimmer (dem Schlafraum seiner Eltern) sitzen zwei weiße 
Gestalten im Bett, tot. 

Als Einfall kommt die Erinnerung, wie alle Brüder in diesem Zimmer zusammen zu 
onanieren pflegten, jeder auf andere Weise. Er denkt dann an den Analytiker, als sei er 
sein Bruder. 

In anderen Worten: der Patient sucht im Zeitpunkt des Traum/es die infantilen Pro* 
bleme, die aus der Urszene erwachsen sind, unwirksam zu machen, indem er in der Ana** 
lyse die Wiederholung der Toleranz sucht, die die Brüder in bezug auf das Onanieren 
gegeneinander übten. 

1 1) Man muß aber dabei beachten, daß die „Heiße Wand" auch die Herdwand zu sein 
scheint. (Die Formulierung des Traums ist in diesem Punkte nicht ganz klar. Leider bin 
ich nicht sicher, ob diese Unklarheit die Schuld des Patienten oder auf die Unzulänglich* 
keit meiner Notizen zurückzuführen ist, die ich nach der Stunde aus dem Gedächtnis nieder* 
schrieb.) Vielleicht hat sie eine ähnliche Bedeutung wie die im Traum von den Fisch* 
köpfen enthaltenen Vorwürfe — daß die Mutter schließlich dem Sadismus des Vaters 






Traum enthaltene Voraussage. Eine Zeitlang versucht der Patient, die Be* 
ziehung zu seiner wirklichen Mutter dadurch zu ergänzen, daß er dem Ana* 
lytiker eine Mutterrolle zuweist. Wie wir aber schon gesehen haben, treibt 
der im Grunde wetteifernde Charakter der Liebe zu seiner Mutter den; Pa* 
tienten bald wieder in seinen Vaterkonflikt zurück. 

Demgemäß strömte im Traum von den Fischköpfen die Besetzung, die der 
Mutter zugewendet gewesen war, wieder auf den Vaterkonflikt zurück. Die 
Fische und deren Köpfe stellen in außerordentlich verdichteter Symbolik 
die Mutter und die Brüder des Patienten, seine phantasierten Kinder und sein 
Genitale dar. Im Traum sind sie tot, was bedeutet, daß der Patient von ihnen 
als lebenden Wesen vorläufig das Interesse abzieht. Außerdem opfert er sie 
dem Vater. In der nächsten Episode hat er Steine anstatt Kinder; auch diese 
wirft er auf den Vater. 

So zeigt der Traum eine zeitweise beinahe vollständige Abziehung psycho 
scher Energie von der Mutter und den Brüdern des Patienten und seinem 
Genitale. Diese ganze Energie wird auf ein symbolisches Spiel konzentriert, 
das die ambivalenten Impulse gegen den Vater in den Mittelpunkt rückt. 
Diese beiden Traumepisoden geben nacheinander die beiden Seiten der 
Ambivalenz wieder. In der ersten bringt der Patient dem Vater ein Opfer dar, 
offenbar in der Hoffnung, ihn zu versöhnen und seine Liebe zu gewinnen, 
trotz der Feindseligkeit, die der Patient dem Vater gegenüber hat. Die zweite 
Episode zeigt die Wut und Enttäuschung des Patienten. Das Baby, das er 
erhofft hat, ist ein Stein geworden. Er schleudert es als Wurfgeschoß und 
wertloses Ding gegen den Vater. 

In Wirklichkeit ist es der neidische Wunsch des Patienten, die Analyse zu 
vereiteln, der sie unproduktiv macht und das Baby in einen Stein verwandelt. 
Im Traum opferte der Patient dem Vater sein Genitale und seine Babies und 
erwarb damit das Recht, ihn zu beschuldigen, er gebe ihm Steine statt Kinder. 
Der Traum ist daher in erster Linie ein Versagungstraum. In dem früheren 
Traum waren die feindlichen Regungen des Patienten projiziert, teilweise 
durch entgegenwirkende Angst ersetzt und im Symbol der heißen Wand 
verdichtet. In diesem Traum sind die feindlichen Triebe des Patienten nur 
teilweise projiziert. Die Hähne fressen zwar die Köpfe der toten Fische, 
aber der Patient ist es, der sie ihnen hinwirft und dann Steine nach den 
Hähnen schleudert. 

Im früheren Traum versuchte der Patient, von seinem Vaterkonflikt Be* 
Setzung abzuziehen und sie auf eine reale Beziehung zur Mutter überzuleiten. 
Als Ergebnis dieses gescheiterten Versuches hat anscheinend ein Teil der so 
abgelenkten Energie einen zerstörenden Charakter angenommen und das Ich 

gegen die Kinder nachgibt, daß es die intime Beziehung (der Patient wünscht, es wäre 
eine Wand oder Schranke) zwischen den Eltern ist, welche die Eifersucht des Patienten 
weckt und zerstörend für den Patienten und seine Brüder wird. 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



123 



überflutet. Die Ablenkung von Energie auf die Mutter ermöglichte es dem 
Patienten, seinen Vaterkonflikt zu projizieren 12 und im Symbol der heißen 
Wand zu verdichten. Die Rückwendung dieser Energie auf den Vaterkon* 
flikt treibt diesen Konflikt jetzt wieder zurück ins Ich und zwingt dieses, 
ihn anzuerkennen. 

Aber der Traum hat Mittel gefunden, die Intensität der Versagung zu 
mildern. Äußerst bemerkenswert ist der Mangel an Furcht in der Reaktion 
auf die aggressiven Triebe des Patienten. Es ist klar, daß es dem Patienten 
gelungen ist, seine Angst auf irgendeine Weise zu verringern und de« töd* 
liehen Ernst seines Konfliktes abzuschwächen, denn er vermochte es, den 
Vater durch kleine Haustiere zu ersetzen, vor denen er sich nicht fürchtet. 
Überdies ist der Penis, den er ausliefert, kein Penis, sondern der Kopf eines 
toten Fisches. 

Die Mittel, vermöge derer dies erreicht wurde, sind zweifacher Art: 1. Das 
symbolische Spiel des Patienten mit unbelebten und toten Dingen ist an sich 
eine sehr bedeutende Quelle der Befriedigung, ähnlich dem oft so intensiven 
Versunkensein von Kindern in ein Spiel mit unpersönlichen Dingen. So wird 
in dem Traum nicht nur die vergebliche Wut gegen den Vater dadurch ent* 
laden, daß er Steine gegen ihn schleudert, sondern dies verschafft ihm auch 
eine Ersatzbefriedigung für den unbefriedigten Wunsch, dem Vater 
ein Kind zu schenken. Diese Art von Spiel ist natürlich viel weniger ge* 
fährlich und enthält weniger Konflikte als die Regungen gegen jene Per* 
sonen, die es ersetzen soll. Die aus diesem Spiel gewonnene Befriedigung er* 
strebt, die Heftigkeit der Enttäuschung des Patienten zu mildern und auf 
diese Weise die Härte des Konflikts zu lindern. 13 Weil der Patient seine toten 
Fische und Steine hat, muß der Vater in seinen Wünschen nicht in solchem 
Maße aufscheinen. Die Verminderung der Heftigkeit des Vaterkonflikts ist 
symbolisiert durch die Hähne, die für den Vater stehen. Wenn der Patient 
sich dadurch Befriedigung verschaffen kann, daß er Hähnen Fischköpfe zu* 
wirft und sie — die keine Vergeltung üben können — mit Steinen bewirft, 
dann muß er sich vor dem mächtigeren und gefährlicheren Vater nicht mehr 
fürchten. 14 

2. Der Patient hat auch noch ein zweites Mittel gefunden, um die Heftigkeit 
seines Konfliktes zu vermindern, indem er sich die analytische Situation zu* 
nutze macht. Sein erster Einfall zu dem Traum enthält bezeichnenderweise die 
Hoffnung, daß der Analytiker ihn, gleich dem Vater, in seiner Grausamkeit 
gegen Tiere ermutigen werde. Das ist in der Tat eine — wenn auch entstellte 



12) Siehe Fußnote auf Seite 119 f. 
, 13) Siehe Fußnote auf Seite 119 f. 

14) Der Grad, bis zu welchem der Patient durch einen solchen Ersatz wirklich be? 
friedigt werden kann, bestimmt natürlich das Maß, bis zu welchem seine Enttäuschung 
gemildert wird. 



124 Thomas M. French 



— Erkenntnis des wirklichen Ziels des Analytikers. Der Analytiker will ihn 
dazu anspornen, die bewußte Verantwortung für seine unbewußten Triebe 
zu übernehmen. Die Hoffnung des Patienten auf Ermutigung von sehen des 
Analytikers hat daher eine reale Basis in seinem intuitiven Sinn für die duld* 
same und ermutigende Einstellung zu den unbewußten Trieben, welche die 
wesentliche Grundlage des analytischen Verfahrens bildet. 

Der latenten Erkenntnis der toleranten und ermutigenden Atmosphäre der 
Analyse ist vielleicht nicht nur die größere Kühnheit der sadistischen Re* 
gungen des Patienten in diesem Traum zuzuschreiben, sondern auch die un* 
bewußte Kristallisation der Einsicht in seinen eigentlichen Konflikt, die wir 
bereits als bezeichnendsten Zug dieses Traums hervorgehoben haben. Im 
früheren Traum stellte das Symbol der heißen Wand nicht nur eine Projek* 
tion, sondern eine äußerste Verdichtung der unbewußten Triebe des Pa* 
tienten dar. Der Traum von den Fischköpfen sondert eine Reihe von Ele* 
menten, die in diesem Symbol verdichtet waren, ab und macht die dyna* 
mischen Beziehungen zwischen ihnen durch bessere Verarbeitung deutlich 
sichtbar. Die Traumsymbolik stützt sich auf eine Sexualtheorie von oraler 
Schwängerung und analer Geburt und läßt auf diese Weise die sexuelle Neu* 
gierde erkennen, die im früheren Traum bloß angedeutet war. Wichtiger 
noch ist, daß der Traum auch nahe daran ist, die Einsicht in den Konflikt 
zwischen der Gehässigkeit des Patienten gegen den Vater und dem Verlangen 
nach dessen Liebe zu formulieren. Der Wunsch, den Vater anzugreifen, und 
anderseits der Wunsch, ihn zu versöhnen und seine Liebe zu erringen, wer* 
den getrennt dargestellt und Traum und Assoziationen enthalten einen ver* 
geblichen Versuch nach dem anderen, diese zwei widerstreitenden Wunsch* 
regungen miteinander auszusöhnen. „Wenn ich dem Vater meinen Penis 
gebe, vielleicht wird er mich dann lieben". „Wenn ich mich vom Vater 
kastrieren lasse, werde ich ein Recht haben, ihn zu attackieren". „Vielleicht 
wird es der Vater wirklich gerne sehen, wenn ich gegen Tiere grausam bin, 
statt ihn anzugreifen". „Ich wollte, der Vater schenkte mir ein Kind, aber es 
müßte ein totes sein". Das sind die wichtigeren Formeln, mit denen der 
Patient ein Problem zu lösen versucht, das für den Augenblick unlösbar 
bleibt, weil beide widerstreitenden Triebregungen zu stark sind. 

Dennoch enthält dieser Traum bereits die zwei Schlüssel, die eine vorüber* 
gehende Lösung des Konfliktes möglich machen, jene Lösung, zu der er bald 
darauf durch die Annahme der Deutungen, ferner im Traum von der Ver* 
wundung an der Schulter und durch das nachfolgende Geständnis gelangt. 
Diese beiden Schlüssel sind die intuitiv gewonnenen Einsichten, 1. daß der 
Analytiker gegenüber den feindseligen Trieben des Patienten tolerant sein 
werde und 2. daß es notwendig seiy etwas von seinem gehässigen Wunsch, 
de J™ 1 y tiker zu besiegen, aufzugeben, wenn dieser ihm helfen soll. 

Wir haben die Tatsache bereits erwähnt, daß der mißlungene Versuch, sich 



Klinische Untersuchung übe» das Lernen im Verlaufe usw. 



125 



der Mutter zuzuwenden, den Patienten dazu trieb, sich völlig vom Vater* 
konflikt überrennen zu lassen. Diese enttäuschende Erfahrung allein hätte 
ihn natürlich ebensogut zur Flucht aus der Analyse bewegen können. 15 Wir 
sehen tatsächlich in jeder Neurose einen ständig sich wiederholenden Zyklus 
von Enttäuschungen, die zu nichts führen. Im aktuellen Fall jedoch war die 
Furcht des Patienten einigermaßen durch das Gefühl gemildert, der Analy* 
tiker ermutige ihn, seine feindseligen Regungen laut werden zu lassen. Das 
gibt dem Patienten den Mut, seine Erwartung, daß er nicht einmal durch 
offene Feindseligkeit gegen den Analytiker dessen freundschaftliches Inter* 
esse und väterliche Anspornung einbüßen werde, praktisch auf die Probe zu 
stellen. 

In den nächsten Stunden stellt er diese Hoffnung auch wirklich praktisch 
auf die Probe. Er nimmt die Verzweiflung auf sich, die ihm unabwendbar be* 
vorsteht, falls seine Hoffnung, die Analyse zu vereiteln, sich verwirklicht. 
Es ist bezeichnend, daß der Patient seinen Wunsch, die Analyse zu vereiteln, 
eingesehen hat, unmittelbar nachdem er vom Analytiker beruhigt worden 
war, er müsse die Hoffnung auf Hilfe trotz seinem verzweiflungsvollen 
Widerstand nicht aufgeben. 

Für den Patienten liegt der Wert dieser beruhigenden Erfahrung natürlich 
darin, daß sie die bereits latent vorhandene Hoffnung in ihm stärkt, er könne 
(im Sinne von Pawlow) differenzieren oder einen Unterschied machen 
zwischen der analytischen Situation und anderen Situationen, in denen er sich 
dazu getrieben fühlen könnte, seiner Wut gegen einen Vaterersatz in Wort 
oder Tat Ausdruck zu verleihen. Im Gegensatz zu anderen Vater*Sohn*Ver* 
hältnissen ist die Analyse eine therapeutische Beziehung, in welcher der ver* 
bale Ausdruck feindlicher Triebregungen toleriert, ja sogar gefördert wird. 
Zweifellos hatten die früheren Analysen des Patienten zu seiner Bereitschaft 
beigetragen, vom Analytiker Toleranz zu erwarten; aber diese Erfahrung 
muß bei jedem neuen Analytiker immer wieder aufs neue gemacht werden 
und oft genug auch bei jeder neuen Form, die die verbotenen Triebe an* 
nehmen. Es könnte vielleicht gerade dieser Analytiker in einem bestimmten 
Punkte nicht tolerant sein — und die Probe muß immer und immer wieder 
gemacht werden; aber jedesmal bedeutet sie einen weiteren Schritt im Lern.* 
prozeß, in der Erwerbung einer neuen Fähigkeit, einen Unterschied zu 
machen zwischen der analytischen Situation und anderen Situationen, mit 
welchen erstere identifiziert worden war. 

Wenn wir den Traum von der heißen Wand abermals prüfen, so sehen 



15) Solche Fluchtversuche sind in der Analyse des Patienten tatsächlich nichts Unge* 
wohnliches gewesen. Während seiner Behandlung bei Dr. X. flüchtete er einmal für einige 
Monate in ein entferntes Land, wozu er einen Teil jenes Geldes verwendete, daß er auf 
Grund des Giros seines Bruders erhalten hatte. Auch während seiner Analyse bei mir 
blieb der Patient nicht selten aus, wenn seine Angst zu groß wurde. 






wir, daß schon dieser Traum ein Versuch ist, von einer sehr alten unterscheid 
denden Einsicht ähnlicher Art Gebrauch zu machen. Der Patient hatte sich 
vor seinem Vater gefürchtet und sich ihm entfremdet gefühlt; aber seine 
Mutter ist nachsichtiger und er kann jetzt noch Geldgeschenke von ihr er* 
halten. Dieses Unterscheidungsvermögen ist im Patienten offenbar sehr aus* 
geprägt vorhanden, aber es führt ihn nur in einen anderen Zyklus, für den 
ihm die Einsicht fehlt. Die Zuwendung zur Mutter führt früher oder später 
zur Rivalität mit Vater und Brüdern, daher also zu dem alten Dilemma: 
Furcht vor dem Vater und Entfremdung von ihm, dessen Liebe er so intensiv 
wünscht. Wenn der Patient in der analytischen Aufgabe Fortschritte machen 
soll, muß er imstande sein, im Analytiker einen Vater anzuerkennen, vor 
dem er sich selbst wegen seiner rivalisierenden Triebe nicht fürchten muß. 
Die Vaterübertragung auf den Analytiker führt den Patienten in einen 
circulus vitiosus. Die Feindseligkeit gegen den Vater vertieft sein Gefühl 
der Entfremdung von ihm; und dieses macht das Bedürfnis nach der; Liebe 
des Vaters noch heftiger und verstärkt seine Wut über die Versagung dieses 
intensivierten Verlangens. In dem Traum von der heißen Wand versucht der 
Patient diesem circulus vitiosus zu entrinnen, indem er sich an jemanden 
wendet, der ihm Liebe schenkt und diese heftige Wut der Enttäuschung 
unnötig macht; aber sein Verlangen nach der Liebe der Mutter ist zu enge 
verflochten mit seinem Vaterkonflikt und führt ihn daher nur in einen an* 
deren circulus vitiosus. 

Dennoch besteht die Möglichkeit, daß ein Teil der Energie vom circulus 
vitiosus des Vaterkonflikts abgezogen wird, — wenn der Patient jetzt die 
Sicherhext zu gewinnen vermag, daß der Analytiker sich trotz seinem, der 
Rivalität entspringenden Trieb, ihn zu bedrohen, weiterhin freundschaftlich 
verhalten wird. Wenn der Patient vergewissert werden kann, daß ihm die 
freundliche Gesinnung des Analytikers auf jeden Fall erhalten bleibt, dann 
muß er sich in seinem Verlangen nach Liebe nicht mehr so enttäuscht fühlen; 
und das führt dazu, sowohl die Heftigkeit der feindseligen Gefühle, als auch 
sein verzweifeltes Verlangen nach Liebe zu mildern. Die so aus dem circulus 
vitiosus seiner Ambivalenz gegenüber dem Vater befreite Energie kann nun 
für die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Analytiker verwendet 
werden. 

In dem Traum von der Verwundung an der Schulter sehen wir die Ver* 
wirklichung dieser Vorwegnahmen. Wir haben auf die Ähnlichkeit zwischen 
diesem Traum und dem früheren von der heißen Wand bereits hingewiesen. 
Nun sehen wir, daß diese Ähnlichkeit auf einer grundlegenden Ähnlichkeit 
der Aufgaben beruht, welche die beiden Träume zu erfüllen streben. Beide 
versuchen, den frühkindlichen Vaterkonflikt in der Auffindung eines Vater* 
ersatzes zu lösen, der nachsichtiger und toleranter ist. Demgemäß finden wir 
in beiden Träumen bildhafte Darstellung von geheimnisvollen Kräften, die 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



127 



für das Unbewußte und für dessen verdrängten kindlichen, um die Ur* 
szene gruppierten Vaterkonflikt symbolisch sind. Wir sehen in beiden 
Träumen ferner den Versuch, die Intensität seines unbewußten Verlangens 
nach dem Vater dadurch abzuschwächen, daß er sich einem duldsameren 
und nachsichtigeren Ersatz im wirklichen Leben zuwendet. 

Der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Träumen ist ein 
Kennzeichen für den Fortschritt, den der Patient in dem Zeitraum, der zwi* 
sehen ihnen liegt, in der Analyse gemacht hat. In dem früheren Traum ver* 
sucht er einer Erforschung seines unbewußten Konflikts auszuweichen, in* 
dem er sich an die Mutter als Ersatz wendet und Geld von ihr bekommt. Im 
späteren Traum hat er einen ersten Schritt zur Lösung seines unbewußten 
Konflikts gemacht, indem er sich dem Analytiker zuwendet und ein Stück 
unwillkommene Einsicht akzeptiert, an Stelle der Kastration, die er vom 
Vater befürchtet. 

Die Annahme dieser Einsicht durch den Patienten ist in diesem Traum als 
eine Wunde an der Schulter dargestellt. Dies stimmt mit dem Opfer der Köpfe 
der toten Fische aus dem Traum, den er vor einer Woche hatte, überein und 
zeigt an, daß der Patient seinen Wunsch aufgegeben hat, mit dem Analytiker 
dadurch zu wetteifern, daß er die Richtigkeit der Deutungen desselben be* 
streitet. Der Patient ist imstande, diese Konzession zu machen, während die 
bloße Möglichkeit einer wirklichen Kastration ihn mit hilfloser Wut erfüllte. 
Der Grund dafür ist klar; das bloße Zugeben der Richtigkeit einer Deutung 
ist ein ungleich weniger masochistischer Weg zur Gewinnung der Liebe des 
Vaters als die wirkliche Kastration. 

Den Grund für die Abschwächung des Masochismus des Patienten haben 
wir bereits besprochen. Der Patient hat in der Zwischenzeit den Analytiker 
angegriffen und Ermutigung statt Tadel erfahren. Wie wir voraussahen, hat 
diese beruhigende Erfahrung es dem Patienten möglich gemacht, Energie 
von dem circulus vitiosus des Vaterkonflikts abzuziehen und auf diese Weise 
sowohl die Intensität seiner Feindseligkeit, als auch sein verzweifeltes Be* 
dürfnis nach Liebe abzuschwächen. Der Patient gesteht sich im Traum nicht 
nur die Verwundung an der Schulter zu, sondern spielt für die Kinder im 
Hof wieder die Rolle des Beschützers. Mit anderen Worten: wie wir es 
vorausgesehen hatten, ist der Patient jetzt bereit, die aus dem circulus vitiosus 
des Vaterkonflikts freigewordene Energie für die freundschaftliche Zu* 
sammenarbeit an der analytischen Aufgabe zu verwenden. 

e) Zusammenfassung und Schlußfolgerungen 

Das besprochene Material rollt viele interessante Probleme auf, die sich 
auf Typen der Traumgestaltung und ihrer Beziehung zur ökonomischen 
Verteilung der psychischen Energie erstrecken. Doch möchte ich die Be* 
sprechung dieser Themen einer späteren Arbeit vorbehalten, in welcher es 






128 Thomas M. French 



möglich sein wird, eine bedeutend größere Anzahl von Träumen zu ver* 
gleichen. 

Wir haben diese Untersuchung mit der Frage begonnen, inwieweit die 
psychoanalytische Behandlung als ein Lernprozeß angesehen werden kann, 
als ein Prozeß fortschreitender Anpassung an die Bedingungen der Außen* 
weit. Diese Frage erschöpfend zu behandeln, möchte ich erst dann versuchen, 
wenn wir unser Resume durch das Material des ganzen Falles vervollständigt 
haben werden. Immerhin geht aus unserer Analyse deutlich hervor, daß sich 
der Patient die ganzen drei Wochen hindurch mit einem einzigen Problem 
der äußeren Anpassung beschäftigt, nämlich die Furcht vor der analytischen 
Aufgabe zu überwinden und sich der analytischen Situation anzupassen. Wir 
sahen auch, daß ihm die Überwindung seiner Angst dadurch gelang, daß 
er gelernt hatte, aus dem Unterschied zwischen der verständnisvollen, tole* 
ranten Atmosphäre der Analyse und der unterdrückenden, bedrohlichen 
Aura, mit welcher der Patient die Erinnerung an seinen Vater umgeben hatte, 
Nutzen zu ziehen. Wie bei den meisten Lernprozessen hing daher für den 
Patienten die Lösung seines Problems davon ab, ob er die Fähigkeit erwarb, 
gemäß einer Einsicht in die Unterschiede zu handeln. Diese Einsicht machte 
eine weitere, fundamentalere Einstellung möglich: die Verringerung der 
Angst des Patienten als Resultat der Abschwächung seiner heftigen Ambi* 
valenz, die die Ursache seiner Angst war. 

Es wird nun von Interesse sein, die Faktoren zusammenzufassen, welche 
zur Lösung des Problems beigetragen haben dürften. 1. Vor allem setzte die 
Analyse dem Patienten ein erreichbares Ziel. Die Experimente Pawlows" 
und Köhlers 17 haben aufs schönste gezeigt, was wir im allgemeinen schon 
früher wußten: wenn eine Person oder ein Tier in eine höhere Lern* 
stufe gedrängt wird, die seine Fähigkeit übersteigt, wird es dazu neigen, seine 
Lernversuche durch Enttäuschungsreaktionen oder (wie Pawlow meint) 
durch stereotype Reaktionen zu ersetzen, die Pawlow selbst mit mensch* 
liehen Neurosen vergleicht. Neurosen stellen wahrscheinlich in jedem Falle 
eine dauernde Fixierungah Enttäuschungsreaktionen dieser Art dar, als Re* 
sultat traumatischer Situationen in der emotionellen Entwicklung, in welchen 
der Patient nicht fähig war, den von ihm verlangten Lernfortschritt zustande 
zu bringen. 

Eine solche Auffassung der Neurose als Produkt eines gestörten Lern* 
Prozesses legt auch das Prinzip nahe, auf das die Behandlung sich stützen 
muß. Da die Aufgabe, die das Leben dem Patienten stellt, zu groß ist, muß 
die Behandlung es irgendwie bewerkstelligen können, sie in viele kleine Teil* 

16) I. P. P a wl o w: Die höhere Nerventätigkeit (das Verhalten) von Tieren, G. Fischer, 
WzP WoIf S an S Köhler: Intelligenzprüfungen an Menschenaffen. J. Springer, Berlin 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



129 



aufgaben aufzulösen. Die Psychoanalyse sucht dies zu bewerkstelligen, in* 
dem sie vor allem eine Situation schafft, in welcher Triebe, die im realen 
Leben verboten sind, Verständnis und ein gewisses Maß von Ermutigung 
finden. So erleichtert die Analyse als solche den Lernprozeß, indem sie an 
Stelle des Zieles, das zu erreichen dem Patienten unmöglich war, nämlich 
Anpassung an die Probleme des realen Lebens, ein leichter erreichbares setzt, 
das der Anpassung an die analytische Situation. 

Wir sehen, daß in dieser speziellen drei Wochen umfassenden Periode 
der Analyse die Deutungen des Analytikers über den dynamischen Charakter 
des Konfliktes des Patienten einem solchen Zweck dienen. Sie bieten ihm 
ein noch spezifischeres und leichter zu erreichendes Ziel. Diese Periode von 
drei Wochen endet auf spezifische Art, indem der Patient die unbewußte 
Befriedigung darüber, daß er vom Analytiker „getroffen" worden sei, zugibt. 
Man beachte, daß die Richtigkeit der Deutungen einen wesentlichen Anteil 
an der Befriedigung und Befreiung des Patienten hat. Die Tatsache, daß der 
Patient zu fühlen beginnt, der Analytiker verstehe sein Fach, trägt wesentlich 
dazu bei, seine Angst vor der Erfüllung seines neidigen Wunsches nach 
Vereitelung der Analyse zu beheben. Die Richtigkeit der Deutungen erhöht 
also das Gefühl der Sicherheit und die passive Befriedigung des Patienten 
und fördert auf wirksame Art seinen Forschungstrieb, der als deutliche Unter* 
Strömung durch das ganze Material sichtbar wird. Unzutreffende Deutungen 
hätten dem Patienten keine dieser speziellen Befriedigungen gegeben, die 
offensichtlich so wichtig waren, um ihm die Sicherheit und Befriedigung zu 
geben, die er brauchte. 

Es ist wichtig, die Tatsache hervozuheben, daß die unbewußten Kräfte 
spontan dahin tendieren, sich auf solche Zwischenziele zu konzentrieren und 
so der Analyse in ihrem Bestreben zu helfen, den auf dem Lernprozeß lasten* 
den Druck zu verringern. Das beste Beispiel dafür ist der Traum von den 
Fischköpfen, in welchem ein analerotisches Spiel als vorläufiges Ziel vorge* 
schoben wird, um die Heftigkeit der Ambivalenz des Patienten in bezug auf 
den Analytiker ausreichend zu entspannen, und so den Fortschritt des Lern* 
Prozesses zu ermöglichen. 

Infolge dieser spontanen Tendenz, die Aufgabe der Lernfähigkeit anzu* 
passen, zeigt sich gewöhnlich schon im Material des Patienten ziemlich deute 
lieh der Schritt an, den er zu tun bereit ist, was dem Analytiker als deutlicher 
Indikator dienen kann, wie er seine Deutungen zu verteilen habe. Wenn 
wir auf den Traum von der heißen Wand zurückblicken, sehen wir, daß er 
sozusagen eine Vorankündigung des nächsten Schrittes auf dem Wege zur 
Anpassung ist, den der Patient in den kommenden drei Wochen einschlagen 
wird. In dem Traum versucht er, seinen Vaterkonflikt zu lösen, indem er 
zwischen einem strengen Vater und einer nachsichtigen Mutter unterscheidet. 
In den nächsten zehn Tagen versucht er, in der analytischen Situation auszu* 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/1 9 







probieren, ob der Analytiker nicht eher eine Mutter als ein Vater sein 
könnte. Später experimentiert er mit der Unterscheidung zwischen dem Vater, 
wie er ihn in Erinnerung hat, und dem Analytiker in der Rolle des Vaters. 

Der Fortschritt des Patienten in der Richtung dieses spezifischen Zieles 
der Anpassung an die Deutungen des Analytikers wird nunmehr durch zwei 
Umstände erleichtert. 

2. Der erste ist das Scheitern des vom Patienten unternommenen Ver* 
suchs, dem Problem der Anpassung an die Analyse auszuweichen, indem 
er zu seiner Mutter flüchtet. Soweit ich es in diesem speziellen Falle sehen 
kann, haben die Deutungen des Analytikers nichts dazu beigetragen. 13 Die 
Tatsache, daß die Flucht zur Mutter nur dazu diente, ihn wieder in den 
Vaterkonflikt zurückzutreiben, scheint in einem grundlegenden, der Neurose 
des Patienten innewohnenden Zyklus begründet zu sein und sie hätte sich 
mit oder ohne Analyse ereignet. 

3. Dagegen hat die Analyse durch die in der analytischen Situation an 
sich gelegene Förderung der unbewußten verbotenen Triebe abermals grund* 
legend mitgewirkt. Wir haben bereits ausführlich erörtert, wie diese Förde* 
rung den Patienten in seinen aggressiven Regungen mutiger machte und seine 
Angst verringerte, so daß es ihm möglich wurde, sich die Einsicht in den 
Unterschied zu erwerben, daß die analytische Situation tatsächlich etwas an* 
deres ist als seine Kindheitsbeziehung zum Vater. Diese beruhigende Er* 
fahrung war, wie wir gesehen haben, offensichtlich der wirksame Faktor, der 
zur Abschwächung der Ambivalenz des Patienten führte und es ihm auf 
diese Weise ermöglichte, eifrig an der analytischen Aufgabe mitzuarbeiten. 

All dies bezweckt, die Wichtigkeit der Realitätsprüfung in der Über* 
tragung zu unterstreichen. So auffällig die Manifestationen des Wieder* 
holungszwanges sind, ist die Übertragung dennoch nicht nur eine zwanghafte 
Wiederholung früherer Begebenheiten; sie ist auch ein experimenteller Ver* 
such, kindliche Vorbilder zu korrigieren. 

In dem von uns untersuchten Fall war der experimentelle Charakter der 

Übertragung besonders klar. Dieser Patient stellte den Analytiker ununter* 

brechen, in verschiedenen Rollen, gleichsam auf die Probe. Er begann damit, 

zu prüfen, wie sich der Analytiker etwa in einer Bruderrolle ausnehmen 

würde. Dies verschaffte dem Patienten in seinem Geltungswunsch zwar einen 

Gewinn, ließ aber sein Verlangen nach der Liebe eines strengen Vaters 

unbefriedigt. In den dem Traum von der heißen Wand vorausgehenden 

zehn Tagen war die Angst, welche eine Folge des masochistischen Verlangens 

nach einem Vater war, so stark, daß der Patient sich immer wieder darüber 

18) In anderen Fällen muß der Analytiker natürlich seine Deutungen speziell auf die 
Aufgabe richten, den Patienten aus seiner Abwehr zu treiben. Ein Beispiel hiefür war der 
Versuch des Patienten, aus der Analyse ein Spiel zu machen, eine Abwehrform, die er 
erst aufgab, als der Analytiker seinen Deutungen durch eine Periode des Schweigens mehr 
Nachdruck verlieh. 



Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlaufe usw. 



131 



beruhigen mußte, der Analytiker spiele nur mit ihm. Als der Analytiker sich 
schließlich entschloß, dem Spiel ein Ende zu setzen, versetzte ihn das Unbe* 
wußte des Patienten sofort in die Vaterolle. Die Identifizierung des Analy* 
tikers mit dem Zweitältesten Bruder kennzeichnete den Übergang. Dieser 
Bruder war auch einer, der damit begonnen hatte, ein Bruder zu: sein, und 
dann ein erfolgreicher Rivale wurde wie der Vater. Wie zu ersehen war, 
können die folgenden drei Wochen als Suche nach jemandem betrachtet 
werden, der weniger gefährlich wäre und doch sein Verlangen nach einem 
Vater befriedigen könnte. Am Ende dieser dreiwöchentlichen Periode scheint 
die Analyse für eine Zeit diesen Wünschen entgenzukommen. 

Es wäre theoretisch interessant zu untersuchen, ob sich nicht das relative 
Verhältnis von zwanghafter Wiederholung und experimenteller Realitäts* 
prüfung in den Übertragungserscheinungen im Zusammenhang mit der 
Heftigkeit und Intensität der Konflikte des Patienten zu ändern vermag. So* 
fern die Realitätsprüfung dem Einfluß von allzu heftigen Konflikten unter* 
worfen zu sein pflegt, 19 könnte man erwarten, daß das Element des Wieder* 
holungszwanges in Zeiten, da die affektiven Konflikte besonders heftig sind, 
verhältnismäßig stärker auftritt, während angenommen werden könnte, daß 
das Experimentieren in den Übertragungsreaktionen einen breiteren Raum 
einnimmt, wenn der Konflikt des Patienten weniger scharf ist. Ein Ver* 
gleich des Traumes von den Fischköpfen mit den beiden anderen Träumen 
scheint diese Annahme einigermaßen zu bekräftigen. Der Traum von den 
Fischköpfen ist ein Traum heftiger Enttäuschung. Die beiden anderen 
Träume fielen in einen Zeitpunkt, wo der Konflikt weniger heftig war. Im 
Sinne unserer Hypothese benützt sowohl der Traum von der heißen Wand, 
als auch jener von der Verwundung an der Schulter ziemlich spezifische Tat* 
sachen, die in der momentanen Situation des Patienten gegeben sind. Im 
Traum von der heißen Wand ist es das Geschenk von fünfzig Mark, das 
er von seiner Mutter bekommt, im Traum von der Schulterverwundung die 
richtige Deutung des Analytikers, die der Patient zur Befriedigung seiner 
emotionellen Bedürfnisse benützt. In beiden Träumen, die in Zeiten gerin* 
gerer Heftigkeit des Konflikts fallen, ist also das Experimentieren mit der 
Realität verhältnismäßig reger. Andererseits ist in dem Traum von den Fisch* 
köpfen die Hoffnung des Patienten, der Analytiker werde seine sadistischen 
Triebe beifällig aufnehmen, statt sie zu verurteilen, genau nach dem väter* 
liehen Vorbild zugeschnitten (der Beifall seitens des Vaters anläßlich der 
Grausamkeit des Patienten gegen die Katze) und ist nur eine recht entstellte 
Anspielung auf die Ermutigung der unbewußten Triebe des Patienten durch 
die Analyse. Überdies ist der manifeste Trauminhalt eine sehr durchsichtige 

19) Ich habe dies ziemlich ausführlich erörtert in meiner Arbeit „Interrelations between 
Psychoanalysis and the Experimental Work of Pavlov", American Journal of Psychiatry, 
XII, 1933. 




Symbolisierung der infantilen Form des Konfliktes des Patienten (Kastra* 
honswunsch, analer Angriff, anales Kind). In Übereinstimmung mit dem 
Zustande heftiger Enttäuschung des Patienten scheint daher das Element der 
zwanghaften Wiederholung des Kindheitskonfliktes relativ stärker aufzu* 
treten, während, wie wir gesehen haben, das realitätsprüfende Element eine 
größere Rolle zu spielen schien, wenn der Konflikt weniger heftig war. Wir 
haben die Absicht, diese Frage in späteren Arbeiten wieder aufzunehmen. 
Wir kommen nun wieder auf die Bedeutung des Einflusses quantitativer 
Faktoren auf den Lernprozeß zurück. Jeder Schritt im Lernen bedeutet 
Ersetzung einer alten Methode, sich Befriedigung zu verschaffen, durch 
eine neue. Der Ansporn, eine neue Methode zur Befriedigung zu suchen, 
muß aus der Einsicht in die Tatsache kommen, daß die alte Methode nicht 
mehr zweckentsprechend ist. Die Erkenntnis, daß eine alte Befriedigungsart 
unzureichend ist, führt nicht unmittelbar zur Erwerbung einer neuen, sondern 
leitet nur eine Periode des Experimentierens ein. Die ersten Experimente 
führen gewöhnlich zu keinem Erfolg. Daher pflegt die Zeit des Experiment 
tierens durch Penoden von Enttäuschung und Verzweiflung unterbrochen 
zu werden, was auf den Umstand zurückzuführen ist, daß der Experiment 
üerende seine alte Methode der Befriedigung aufgegeben und noch keine 
neue, die sie ersetzen soll, gefunden hat. Gerade in dieser Periode der Ent* 
tauschung und Verzweiflung ist der befreiende Einfluß der toleranten analy* 
tischen Atmosphäre von ausschlaggebender Bedeutung. An dem untersuchten 
Material konnten wir verfolgen, wie die Heftigkeit des Konfliktes des Pa* 
tienten an diesem kritischen Punkte durch die latente Zuversicht, der Ana* 
lytiker werde seine aggressiven Triebe eher freundlich als zürnend aufnehmen 
vermindert wird. Eben diese Abschwächung der Heftigkeit des Konfliktes 
macht es dem Patienten möglich, zu lernen, statt an seine Enttäuschung fixiert 
zu bleiben. 

Es ist daher, wie Alexander dies ausgedrückt hat, eine der wichtigsten 
Aufgaben des Analytikers, die Intensität der Übertragung auf einer gewissen 
„optimalen Höhe" zu halten. 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 1 

Von 

M. N. Searl 

London 

Der Titel schon läßt erkennen, in welcher Absicht sich dieser Aufsatz mit 
dem Gegenstand der Technik beschäftigt. Wenn wir nicht an den Prinzipien 
der Technik festhalten, opfern wir entweder ihre Elastizität der beengenden 
Starrheit von Regeln oder wir begeben uns außerhalb des Bereichs von Ge* 
setz und Ordnung und beschränken uns auf das Gebiet des variablen Nütz* 
lichkeitsprinzips. Die meisten Arbeiten über die Technik geben uns Gelegen* 
heit, in verschiedenen analytischen Situationen unseren Weg zu solchen 
Grundsätzen zu finden, oder sie führen eine beschränkte Zahl von Regeln 
an, die einer beschränkten Anzahl von typischen Situationen angepaßt sind. 
Von englischen Arbeiten brachte uns jene von James Strachey 2 der Er* 
wägung von Grundsätzen am nächsten, im Grunde hat aber nur Freud 
allein uns die Prinzipien der Technik gegeben. 

H. Kaisers Arbeit „Probleme der Technik" 3 hat uns erst kürzlich An« 
regung und Hilfe geboten. Diese Arbeit scheint mir das spröde Thema enfc* 
schlössen und vielversprechend anzugehen. Wenn ich auch bezüglich mancher 
Nebenlösungen anderer Ansicht bin, das Vertrauen in die Analyse des 
Widerstandes steht in völliger und mir willkommener Übereinstimmung mit 
meinen früheren Schlußfolgerungen und ist mit großer Klarheit dargelegt. 

Wie Kaiser ausführt, hat uns Freud, bis jetzt wenigstens, nicht viel 
mehr als eine klare Anweisung gegeben, daß der aussichtsreichste Weg, der 
einzuschlagen wäre, jener der Widerstandsanalyse ist. Kaiser, der in seiner 
Arbeit in manchen Punkten Re i c h folgt, ist der erste, der sich hauptsächlich 
und eingehend mit diesem Gegenstand beschäftigt, mag dieser auch in an* 
deren Aufsätzen zur Technik des öfteren mitgemeint oder gelegentlich sogar 
ausdrücklich behandelt worden sein. 1 

i) Aus dem Englischen übersetzt von Valerie Reich, Wien. 

2) James Strachey: Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psycho* 
analyse. Int. Ztschr. £. Psa., Bd. XXI, 1935. 

3) Hellmuth Kaiser: Probleme der Technik, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, S. 490; 
Auszug im Int. Journal of PsA., Bd. XVI, S. 368. 

4) Außer anderen speziell erwähnten Schriften möchte ich anführen: 

Michael Bälint: Charakteranalyse und Neubeginn, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, S. 55. 

Michael Bälint: Das Endziel der psychoanalytischen Behandlung, ibid., Bd. XXI, S. 36. 

Edward Glover: The Technique of Psycho* Analysis, Erg. Nr. 3 zum Int. Journal 
of PsaA. 

Melanie Klein: Psychoanalyse des Kindes, Int. Psa. Verl., Wien, 1934. 

H. Nunberg: Die synthetische Funktion des Ichs, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 
S. 301, 1930. 

Melitta Schmideberg: Reassurance as a Means of Analytic Technique, Int. Journal 
of PsA., Bd. XVI, S. 307. 



134 M. N. Searl 



Bevor wir irgendwelche Schlußfolgerungen über eine korrekte Technik 
zu ziehen versuchen, scheint es der Mühe wert zu sein, uns über folgende 
Punkte klar zu werden: 

1. Die Kriterien der korrekten Technik. Zu diesem Zweck müssen wir 
nicht nur fragen, was a) die objektiven, sondern auch was b) die au b j e k* 
tiven Kriterien sind. 

2. Die Frage nach dem Ziel. Was soll unsere Technik genau genommen 
bewirken: 

a) Wenn wir diese Frage in der Terminologie der Wiiderstandsana* 
lyse beantworten, welche Einstellung b) zum Patienten und c) zu seinem 
Material folgt daraus? 

3. Nach einigen Beispielen zur Frage a) was die Widerstandsana* 
lysenichtist, sollten wir wohl in der Lage sein, eine frühere — genauer 
formulierte — Frage besser zu beantworten, d. h. b) was die Wider* 
Standsanalyse ist, und schließlich auch zu fragen, c) ob sie das 
Ganze, oder nur einen Teil der Arbeit mit unseren Patienten ausmacht. 

Unsere erste Frage ist also: Welches sind a) die objektiven, b) die subjek* 
tiven Kriterien einer korrekten Technik? 

a) Objektive Kriterien: Bei jedem Versuch einer Beantwortung 
dieser Frage sollte man in bezug auf objektive Kriterien unterscheiden 1. zwi* 
sehen jenen, die bei einem allgemeinen Überblick über eine Analyse in Be* 
tracht kommen, und 2. jenen, die bei aktuellen und besonderen Details der 
analytischen Technik Anwendung finden. 

1. Das einzige befriedigende objektive Kriterium einer abgeschlossenen 
Analyse scheint mir die deutliche Besserung des Gesamtzustandes der Person* 
lichkeit zu sein und nicht die eines Teiles auf Kosten eines anderen: dies be* 
inhaltet die Fähigkeit, jene völlige Besserung — erprobt in selbständigem 
Standhalten gegenüber nachträglich begegnenden Schwierigkeiten — auf* 
recht zu erhalten oder rasch wieder herzustellen. Dabei muß vieles berück* 
sichtigt werden, z. B. die Schwere der früheren Erkrankung und nachträg* 
Iicher Milieuschwierigkeiten, bevor wir zufolge des nach*analytischen Be* 
findens und Verhaltens des Patienten eine wohlbegründete Entscheidung 
über die Richtigkeit der Technik überhaupt oder der im Laufe der speziellen 
Analyse angewendeten fällen. In mancher Hinsicht ist es noch weniger leicht, 
ein solches Kriterium während der Analyse — also bevor die durch sie 



Melitta Schmideberg: Zur Wirkungsweise der psychoanalytischen Therapie, Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, S. 46. 

Ella Freeman*Sharpe:The Technique of Psycho* Analysis, Int. Journal of PsA., 
Ed. XI, S. 3, 4, Bd. XII, S. 1. 

Helen Sheehan*Dare:On Making Contact with the Child Patient, ibid., Bd. XV, 
S. 435. 

Richard Sterba: Das Schicksal des Ichs im therapeutischen Verfahren, Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. XX, S. 65. 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



135 



verursachte Umwälzung sich „gelegt" hat — anzuwenden, obwohl wir da 
gerade die Vorteile näherer und längerer Beobachtungsmöglichkeit haben. 

2. Es ist auch schwer, für Einzelheiten der Technik einfache und über* 
zeugende objektive Kriterien zu finden. Eine rasche und oberflächliche 
Besserung steht oft in Widerstreit mit einer grundlegenden Änderung zum 
Besseren, und sowohl der Analytiker als auch der Patient müssen oft ohne 
objektive Bestätigung auskommen und auf das weiterreichende Realitäts* 
prinzip vertrauen, statt auf das raschere Lust*Unlust*Prinzip. Sogar auf die 
zwei allgemein anerkannten und oft wertvollen Anzeichen korrekter Technik, 
nämlich reichlicher gebrachtes Material und größere Entspannung, kann man 
nicht unter allen Umständen bauen: und in individueller Arbeit können wir 
erst recht nicht erwarten, daß dies so sein sollte. Allgemeine Anwendbarkeit 
würde selbstverständlich eine Sphäre bezeichnen, in welcher individuelle 
Variationen ausgeschlossen wären. Ich kenne Fälle, wo reichlicher erbrachtes 
Material hauptsächlich auf unbefriedigende Motive zurückzuführen war, ob* 
wohl man sagen muß, daß eine solche Art scheinbarer Besserung nie sehr 
lange anhält und einen nicht um vieles weiterbringt — genau so wie manche 
von den befriedigenderen Formen der Besserung an der Oberfläche bleiben. 
Zum Beispiel: Eine Patientin, der ich auf irgendeine Frage eine andere Antwort 
gab, als sie erwartet hatte, begann nach einer langen Periode hartnäckigen 
Schweigens, das nur durch gelegentliche Bemerkungen unterbrochen worden 
war, mit verhältnismäßiger Geläufigkeit und Lebhaftigkeit zu sprechen. Aber 
es wurde bald klar, daß die Patientin mich anspornen wollte, mich so zu 
benehmen, wie sie es sich im Augenblick wünschte, und ihr offenbar die 
Mühe zu ersparen, der eigentlichen Schwierigkeit entgegenzutreten, welche 
ihrem Fortschritt im Wege stand — der Gefahr der Unbefriedigtheit. Sie 
sagte im wesentlichen: „Schau, was ich tun will, um dir zu gefallen und dich 
zufriedenzustellen, wenn du deinerseits mich in meiner Weise und zwar so* 
fort befriedigst", d. h. „Ich will nichts von dem tun, was du von mir verlangst, 
außer du befriedigst mich rasch". Aber es war eine zweischneidige Sache, sich 
auf eine solche Methode zu verlassen, und so konnte sie nicht hoffen, daß ich 
wünschen würde, sie zufriedenzustellen, ohne daß sie es getan hätte, — und 
rückwirkend hatte das seine Schwierigkeiten. Ich brauchte einige Zeit, um zu 
erkennen, daß letzten Endes die Angst nicht kleiner sondern größer geworden 
war. Das spricht nicht gegen die Beantwortung von Fragen in der Analyse — 
dieser Punkt muß entsprechend den besonderen Situationen beurteilt werden. 
Möglicherweise wäre es bedeutungsloser gewesen, in welcher Weise auch 
immer ich diese eine Frage beantwortet hatte, wenn es mir nicht mißlungen 
wäre, frühere entsprechend zu behandeln. Ich möchte jetzt nur die Tatsache 
betonen, daß eine (scheinbare) Besserung — wie wir festgestellt haben — 
trügerisch sein kann. Eines der mannigfachen unbefriedigenden Motive für 
sichtliche Mehrproduktion von Material kann z. B. der Wunsch sein, die Auf* 



136 M. N. Searl 



merksamkeit abzulenken und einen Ersatz anzubieten. Auch das Gefühl, daß 
der Analytiker eine gewisse drohende Verantwortung vom Patienten weg 
und auf sich genommen hat, kann aus dem Beibringen wichtigen Materials 
ersichtlich werden. In diesem Fall geht dies mit einer ausgesprochenen Ent* 
Spannung einher. 

b) Wir sehen also, daß wir dann, wenn unsere unmittelbare Beurteilung 
der Richtigkeit der Technik von behaviouristischen Beobachtungen abhängt 
und sogar wenn wir die ganz offensichtliche gefühlsmäßige Einstellung des 
Patienten mit einbeziehen, irregeführt und für lange hingehalten werden 
können, da andere wesentliche objektive Kriterien nicht unmittelbar zu er* 
langen sind. Ich glaube, alle stimmen darin überein, daß wir aus unserer 
analytischen Erfahrung für diesen Zweck nur dann das Meiste herausholen 
können, wenn wir bereit sind, unser auf solchen Kriterien basierendes Urteil 
lange hinauszuschieben oder seinen provisorischen Charakter zu erkennen 
und eher eine Spannweite von Monaten als eine von Momenten zugrunde 
legen. Nichtsdestoweniger können wir die Fähigkeit entwickeln — und wir 
tun dies auch — , unmittelbar richtige Urteile zu fällen; und nicht nur das, 
etwas von dieser Fähigkeit muß von Anfang an dagewesen sein, sonst hätten 
wir uns in einem Zustand geistiger Verwirrung befunden, und dies nicht nur 
dann und wann, sondern immer, wenn die objektiven Daten über den see* 
lischen Zustand des Patienten uns im unklaren ließen. Die Fähigkeit der 
Intuition, abgesehen von — oder im Verein mit — einer bewußten Würdi* 
gung objektiver Angaben, zu Schlußfolgerungen zu gelangen, oder, in analy* 
tischer Terminologie, das freie Arbeiten des Unbewußten des Analytikers 
mit seinem bewußten Seelenleben einerseits und dieser beiden Schichten mit 
dem Bewußten und Unbewußten des Patienten andererseits, ist vielleicht 
bezüglich eines Themas, wie das in Rede stehende, in den Augen des ver* 
nünftigen und praktischen Menschen einigermaßen in Mißkredit gekommen. 
Diese Sachlage kann, glaube ich, überhaupt nicht völlig durch hohe Wertung 
des Bewußten im Vergleich zum Unbewußten und des Verstandesmäßigen 
begründet (oder erklärt) werden — welche mit dieser Wertung stehen oder 
fallen müssen; manche Analytiker stellen tatsächlich das Bewußtsein auf eine 
verhältnismäßig niedrige Stufe in der Reihenfolge der Bedeutung. Diese 
Geringschätzung resultiert eher aus einer häufigen Entstellung der Intuition 
durch gefühlsmäßige Störungen und hat, besonders bei Analytikern, seinen 
Grund darin, daß diese begreiflicherweise ihre Aufmerksamkeit auf den ver* 
drängten, angstbeladenen Teil des Unbewußten konzentrieren. Es scheint 
mir daher der Mühe wert zu sein, bei der Frage zu verweilen, wann wir 
unserer Intuition in bezug auf Richtigkeit oder Unrichtigkeit unserer Technik 
vertrauen können, oder, in anderen Worten: welches sind unsere Subjekt 
tiven Kriterien einer ri chtigenTechnik? Die erste und einleuch* 
tende Antwort ist hier wieder: große Erfahrung und häufige Bestätigung der 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



137 



Verläßlichkeit unserer diesbezüglichen Anschauungen. Aber auch dann 
müssen wir sicher sein, daß ein so zartes und leicht gestörtes Instrument, wie 
es die Intuition ist, betriebsfähig erhalten bleibt. Und ich glaube, dafür haben 
wir ein rascheres Bestimmungsmittel als das, die nachträgliche Bestätigung 
durch die Erfahrung abzuwarten. Wir können getrost Zutrauen zu uns haben, 
wenn wir finden, daß wir willens und leicht imstande sind, unsere Fehlen 
und deren Auswirkungen zu erkennen, entsprechendes Bedauern darüber 
empfinden und die Last auf uns nehmen, alles zu tun, was wir können, um 
den verursachten Schaden wiedergutzumachen. 

2. Damit unser intuitives Urteil mit zweckdienlicher Erkenntnis im Ein* 
klang sei, müssen wir versuchen, zu bestimmen, was richtige Technik er* 
reichen will. Ihr Ziel muß ausreichende Spannkraft haben, um unsere 
vorgefaßten Ideen^ unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, die eigene wie 
auch die des Patienten, aufzunehmen. 

Strebt also unsere Technik an, die Triebregungen des Patienten zu befreien? 
Ich weiß nicht, wie der erfahrenste Analytiker so völlige und genaue Kenntnis 
von der Seele des Patienten haben könnte, um imstande zu sein, gegen die 
Entscheidung des Patienten zu entscheiden, und zwar in einer Weise, um 
dessen Gesamtzustand zu bessern. Wenn es unser Ziel wäre, die Trieb* 
regungen zu befreien, müßten wir alle entgegenwirkenden Faktoren kennen, 
um sicher zu sein, daß wir ein vernünftiges Ziel hätten; und zur weitgehenden 
Annäherung an ein solches Wissen kommt es bei Beendigung und nicht zu 
Beginn der Analyse. Es ist auch klar, daß viele Patienten das Bedürfnis haben, 
eine unbedrohliche Beherrschung von Trieben zu erlangen, die anscheinend 
autonom sind, und in einem solchen Fall ist die Befreiung von Triebregungen 
selbstverständlich jenseits der Grenze dessen, was wir anstreben, außer — in 
Gegensatz zu dem, was gewöhnlich gesagt wird — wir verfolgen ausdrücklich 
den Zweck, die Patienten von dem Zwanghaften ihrer Triebe zu befreien. 5 

Kommt es der Wahrheit nicht näher, zu sagen, daß unsere Technik darauf 
ausgeht, dem Patienten zu zeigen, wer und wie er ist, zu enthüllen, was in 
der Tiefe seiner Seele verborgen liegt? Ich glaube ja, denn so ist dem Pa* 
üenten die Entscheidung überlassen, was er mit diesem größeren Sehver* 
mögen anfängt. 6 Und schließlich, was das Wichtigste ist, wir können niemals 
jemanden dazu bringen, aus ganzer Seele etwas gegen seinen Wunsch und 
Willen zu tun: irgend etwas in ihm wird immer ablehnend bleiben. Dies 
stimmt mit der Lehre überein, die uns die Analyse mit solcher Entschieden* 
heit eingeprägt hat, daß wir es uns grundsätzlich zur Aufgabe machen, dem 
Patienten die Entscheidung zu überlassen, ohne den vergeblichen Versuch 
zu unternehmen, für ihn zu entscheiden. 



5) Vgl. Wälder: Das Problem der Freiheit in der Analyse und das Problem der 
Keaütätsprüfung, Imago, Bd. XX, 1934, S. 467 ff. 

6) Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr., Bd. VII. 



138 



M. N. Searl 



Aber selbst diese Darlegung des Ziels, die Demaskierung des Seelischen, 
läßt, glaube ich, noch etwas zu wünschen übrig. Kommen wir der Wahrheit 
nicht noch näher, wenn wir sagen, daß wir anstreben, dem Patienten zu 
helfen, nicht einmal so sehr die Maske selbst als vielmehr die Kräfte zu 
verstehen, die sie erzeugen, — d. h. die Dynamik einer Situation zu ver* 
stehen, welche ihn hindert, so viel von sich selbst zu wissen, als er wissen 
müßte? 

a) Mit anderen Worten, das Ziel unserer Technik ist jene Analyse der 
Widerstände, die uns Freud empfohlen hat. 

„Endlich hat sich die konsequente heutige Technik herausgebildet, bei 
welcher der Arzt auf die Einstellung eines bestimmten Moments oder Pro* 
blems verzichtet, sich damit begnügt, die jeweilige psychische Oberfläche 
des Analysierten zu studieren und die Deutungskunst wesentlich dazu be* 
nützt, um die an dieser hervortretenden Widerstände zu erkennen und dem 
Kranken bewußt zu machen. Es stellt sich dann eine neue Art von Arbeits* 
teilung her: der Arzt deckt die dem Kranken unbekannten Widerstände auf; 
sind diese erst bewältigt, so erzählt der Kranke oft ohne alle Mühe die 
vergessenen Situationen und Zusammenhänge." 7 

Diese Methode von Freud steht in Gegensatz zu der Methode, „aus 
den freien Assoziationen des Patienten das zu erraten, woran er sich selbst 
nicht; mehr erinnern konnte". Wir können daher nicht bezweifeln, daß 
Freud die Widerstandsdeutung an die Stelle der Deutung eines fehlenden 
Inhalts setzen wollte. 8 

b) Die Analyse der Widerstände scheint mir also zu bedeuten, daß das 
Wissen vom „w a s" dem Verständnis des „w a r u m" oder „w a r u m n i c h t" 
förderlich ist; und strenges Festhalten an diesem vereinfachenden Prinzip 
kann nur nach und nach Klarheit und Ordnung in die verwirrende Vielfalt 
der Versuche bringen, mit dem Material des Patienten fertig zu werden, und 
kann uns schließlich eine solide Basis geben, von der wir ausgehen können. 
Unter den wichtigsten dieser Vorteile, mit denen wir längst vertraut sind, ist 
die dem Patienten gegebene Möglichkeit des „Durchlebens" anderer Er* 
fahrungen in einer weniger unklaren und massiven Form als im gewöhn* 
liehen Leben, damit der Analytiker durch sein Verständnis helfen kann, sie 
weiter zu erklären und in der Erinnerung zu lokalisieren. Man kann viel* 
leicht sagen: anstatt daß die vergangene Situation den Patienten beherrscht 



7) Freud: Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse (Erinnern, Wiederholen 
und Durcharbeiten), Ges. Sehr., Bd. VI, S. 109. ' 

8) Vgl. hiezu Alexander: Das Problem der psychoanalytischen Technik. Diese 
Ztschr., dieses Heft, S. 75; Fe ni ch e 1: Zur Theorie der psychoanalytischen Technik, Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935, S. 78; Reik: New Ways in Psycho* Analytical Techmque, 
Int. Journal of PsA., Bd. XIV, S. 321. 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



139 



und ihn ,lebt' 9 — kann der Patient auf diese Weise die Fähigkeit wieder* 
erlangen, seine Vergangenheit in dieser kontrollierbareren Form der Erinne* 
rung wiederzuerleben. Die Widerstandsanalyse befaßt sich nur mit dem 
Prozeß des Wiedererlebens, um zu helfen, ihm diese bessere Form zu geben. 
Zu wörtliches Festhalten an der „Unbeschriebenes Blatt'VHaltung des Ana* 
lytikers, sowie die Schwierigkeiten, das Beste dabei herauszuholen, haben 
vielleicht dazu beigetragen, sie in Mißkredit zu bringen. Aber insoweit wir 
an die Übertragungssituation und an ihren Wert als „Prozeß des Durch* 
lebens" glauben, der dem richtigen Auswählen der Erfahrungen, Phantasien 
und Affekte vorausgeht, ist es sicherlich von geringem Vorteil, diesen zweiten 
Teil vorwegzunehmen und dem Patienten z. B. zu beweisen, daß der Ana* 
lytiker eine ihm zugeschriebene schlechte Eigenschaft nicht hat — obwohl es 
noch schlimmer ist, ihm zu beweisen, daß er sie in beträchtlichem Ausmaß 
tatsächlich besitzt. Welche Vorteile auch in den Enthüllungen des Analy* 
tikers über seine Eigenschaften — mögen sie gut oder schlecht sein — dem 
Patienten gegenüber (auf andere Weise als durch Deutung) liegen mögen 10 
— es ergeben sich aus einer solchen Situation sicher ebensowohl Vor* als 
auch Nachteile — , so ist es doch offenbar nicht möglich, zu glauben, daß 
die „Übertragungssituation" und das „Wiedererleben" so klar unterschieden 
und dargestellt werden können, wie es der Fall ist, wenn man sich aus,* 
schließlich auf die psychoanalytische Technik verläßt. Das heißt, die Ana* 
lyse der Widerstände erleichtert es, Wiedererleben und Erleben zu unter* 
scheiden, und die Übertragungsmomente in der Situation zwischen Pa* 
tienten und Analytiker einerseits nicht zu übersehen, andererseits nicht auf 
jenen Teil der Beziehung auszudehnen, der das adäquate Ergebnis der 
aktuellen Situation und Gelegenheit ist. 

Andererseits ist die Analyse der Widerstände oder, um es noch anders 
und vielleicht klarer auszudrücken, die Analyse der einander widerstreitenden 
Vorgänge von viel weiterer und wirksamerer Spannweite als jedwede Ana* 
lyse statischer Inhalte. Die Antwort auf das „warum nicht" läßt sich immer 
auf viele „was" anwenden, d. h. in einer ganzen Reihe von Situationen, wäh* 
rend die Deutung, die nur den fehlenden Inhalt einsetzt, als solche auf 
nichts anderes als auf diesen Inhalt anwendbar ist, was immer die Erinne* 
rung des Patienten damit tut und welche Veränderungen auch eine solche 
Deutung zur Folge haben möge. Auf diese Weise können wir etwa dem Pa* 
tienten sagen „Dies ist der Grund, weshalb Sie mit dieser oder jener Sache 
nicht vorwärts kommen", oder „Aus diesem Grunde bereitet Ihnen die ge* 
gebene Situation Schwierigkeiten. Sie sind bestrebt, jedes Resultat der Dinge, 



9) Vgl. das Es in Groddecks Formulierung: Das Buch vom Es, Int. Psa. Verlag, 
Wien, 1920. 

10) Vgl. Alice Bälint: Handhabung der Übertragung auf Grund der Ferenczischen 
Versuche, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936, S. 49—54. 



' 



140 



M. N. Searl 



die Sie tun oder tun möchten, zu verhindern", oder „Sie versuchen, mit den 
schweren Aufregungen, die eine bestimmte Situation mit sich bringt, fertig 
zu werden, indem Sie sie mit vertauschten Rollen wiederholen. Und das 
läßt die ganze Situation unverändert bei ihren Schwierigkeiten und Auf* 
regungen wie sie war"; oder „Ihre Angst vor einem Gefühlsübermaß treibt 
Sie in das entgegengesetzte Extrem, nicht weil Sie letzteres wünschen, sondern 
weil Sie ersteres fürchten", oder „Sie befinden sich in einer Schwierigkeit, 
weil Sie bisher keine bessere Lösung gefunden haben als eine solche, die 
Ihnen unerträglich ist, und sind von dem Gefühl irregeleitet worden „alles 
muß besser sein als das"; oder „Ihre Angst vor Schuld hat Sie bisher daran 
gehindert, einen befriedigenden Ersatz für die Schuld zu finden" usw. Wir 
haben damit dem Patienten zu verstehen gegeben, daß wir seine Schwierig* 
keiten erkennen und daß wir imstande sind, ihm nicht nur den Grund dafür 
anzuführen, sondern auch für seine Unfähigkeit, sie zu überwinden; wir 
haben damit auch andeutungsweise unserem Glauben Ausdruck verliehen, 
daß es einen erfolgreicheren Weg gibt. Erst wenn er in dem Glauben an die 
Möglichkeit, daß es bessere, von ihm bisher unbeschrittene oder wieder ver* 
lassene Wege gibt, einen guten Grund gefunden hat, den Weg oder die 
Wege, die er bis dahin eingeschlagen hatte, zu verwerfen, kann er wünschen, 
solche bessere Wege zu finden oder bereit sein, der Schwierigkeiten, die 
sich dabei ergeben, Herr zu werden. Ferner war und ist die Dynamik der 
bestimmten Situation, mit welcher wir zu tun haben, auch in vielen 
anderen Situationen wirksam und wir beeinflussen in einer viele. In einem 
solchen Falle dient die positive Übertragung und das überaus wichtige Ele* 
ment der Abhängigkeit vom Analytiker dazu, ein zeitweiliges Vertrauen auf 
die Möglichkeit einer zweckmäßigeren und erfolgreicheren Art herzustellen, 
Schwierigkeiten zu begegnen. Dies ist nicht mehr notwendig, sobald ein 
solcher Weg gefunden wurde. Wenn wir hingegen einem Patienten sagen, 
„Sie denken so und so", „Sie haben diese bestimmte Phantasie" usw., so 
geben wir ihm damit in bezug auf seine Unfähigkeit, das aus eigenem zu 
erkennen, keinen Behelf an die Hand und erhalten ihn dadurch in einer mehr 
oder minder starken Abhängigkeit vom Analytiker, was derartige Erkennt* 
nisse anbelangt. Wenn wir hinzufügen „Das Wesen dieses Gedankens oder 
dieser Phantasie erklärt Ihre Schwierigkeiten, sie selbst zu erkennen", so 
haben wir dem Patienten doch nur zu einem erhöhten Verständnis für einen 
bestimmten Typus von Gedanken und Phantasien verhelfen und angedeutet 
„Man muß erst den Gedanken oder die Phantasie kennen, bevor man die 
Schwierigkeit, sie zu erkennen, verstehen kann." Wo der Widerstand nicht 
nur ganz an der Oberfläche war, ist die Dynamik der Unfähigkeit des Pa* 
tienten, seinen Weg selbst zu finden, verhältnismäßig unberührt geblieben 
und wird daher in einem gewissen Grad und in irgendeiner Form weiter 
wirksam sein, was für eine Veränderung immer die Deutung des fehlenden 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



141 



Inhalts mit sich gebracht haben möge. Ich erinnere mich, wie mir einmal ein 
Patient eine äußerst wichtige und aufschlußreiche frühe Erinnerung zu einem 
viel früheren Zeitpunkt, als ich dies erwartet haben konnte, brachte. Nach* 
-dem er einiges über seinen Mangel an zum Ausbruch drängenden, stür* 
mischen Gefühlen gesagt hatte, fragte ich „Wie verhält es sich mit Stürmen 
und Ausbrüchen anderer Art?" Diese Frage erbrachte Hinweise auf das gegen* 
wärtige und vergangenes stürmisches Wetter und es erwies sich auf ver* 
schiedene Art und Weise, daß der Patient der Größte oder der Kleinste sein 
wollte. Deshalb sagte ich, „Ich glaube, Ihre Schwierigkeiten in bezug auf 
innere Stürme liegen darin, daß Sie meinen, Sie müßten, wenn überhaupt) 
welche, so die heftigsten haben und sich in einem Wettstreit mit den gewak 
tigsten Gewitters! und anderen Stürmen befinden". Nach kurzem Schweigen 
— offenbar einem Schweigen nachdenklicher Zustimmung — erwiderte er 
„Warum sollen sie die heftigsten sein? Vielleicht weil sie gewaltiger sein 
müssen als alle, die sie hervorrufen könnten". „Vielleicht ist es so", ante 
wortete ich. „Zumindest haben Sie eine Erklärung für sich herausgefunden". 
Unmittelbar darauf und anscheinend ohne Zusammenhang brachte er die 
Erinnerung an ein Erlebnis aus seinem dritten Lebensjahr — die früher nur 
ganz verschwommen gewesen war — , welche in ihrer Mischung aus Tat* 
sächlichem und Phantasie (besonders die vermeintliche Drohung durch 
lauten Lärm) 11 eine wesentliche Änderung seines Lebens in materieller und 
geistiger Beziehung zur Folge hatte. Sie erwies sich als sehr bedeutungsvoll 
und aufschlußreich. Es bestand eine Art Rivalität mit dem Analytiker, die 
aber in der Stunde und in Kooperation mit der psychoanalytischen Arbeit 
befriedigenden Ausdruck fand. Der Inhalt kam auf klassische Weise nach 
der Widerstandslösung an den Tag, und zwar einige Zeit hindurch; dem Ana* 
lytiker oblag somit die Arbeit, die Wirkung erinnerter früherer Situationen 
auf spätere, einschließlich der gegenwärtigen, aufzudecken, so daß es mög* 
lieh war, eine erstaunliche Arbeitsleistung in kurzer Zeit zu vollbringen. 

Ein etwas ähnliches Beispiel in einem anderen Falle war der Eindruck weit* 
reichender Anwendbarkeit der Deutung des Gefühls, daß ein Fünkchen 
Böses die Kraft besitzt, viel Gutes zu verderben und seine Ablehnung herbei* 
zuführen — wobei der Patient Beobachtungen und Empfindungen über die 
Wirkung einer Made in Nahrungsmitteln und von Flecken in reiner Wäsche, 
Tischzeug usw. auf andere und psychische Situationen übertrug, wo ihre 
Stichhältigkeit zumindest weniger offensichtlich war. Es ist klar, daß die 
Analyse der Widerstände viel ergiebiger sein muß als jede Analyse des 
fehlenden Inhalts. 

Ein zweiter ausgesprochener Vorteil der Widerstandsanalyse ist, daß sie 
den Analytiker der schwierigen und unsicheren Aufgabe enthebt, zu „do* 



u) Ich möchte nebenbei bemerken, daß diese Phantasie in anderen Fassungen Realität 



war. 



142 M. N. Searl 



sieren", indem er das Ausmaß der zu erweckenden Angst bestimmt. 12 Das 
bleibt der eigenen geistigen Arbeit des Patienten überlassen, im Zusammen* 
hang mit Umständen, die außerhalb der eigentlichen Analyse liegen, und die 
Probe bezüglich des Ausmaßes von Angst, das er ertragen kann, ist — für* 
den erwachsenen Patienten — die Fülle angstbeladener Gedanken, die er in 
Worte zu kleiden imstande war. Eine richtige Deutung der Ursache, 
warum« nicht imstande war, mehr in Worten Ausdruck zu geben, überläßt 
die Entscheidung immer noch ihm selbst. Seine Gedanken oder Gefühle 
f ü r i h n in Worte zu kleiden, wäre eine Einmischung, nach Art der Tätigkeit 
eines geistigen Siebes, und würde einerseits den Analytiker eines verläßlichen 
Führers bezüglich der integrierenden Macht des Ichs berauben, den Patienten 
andererseits der besten Verteidigungsart, die er einer bestimmten Schwierig* 
keit anzupassen imstande war; sie sollte ihm daher belassen werden, solange 
er keine bessere Methode gefunden hat. Wenn man ihm das, was er nicht 
in Worte kleidete, sagt, so hat man — unabhängig davon, was daraus resul* 
tiert — die Fähigkeit des Patienten, sich in dem betreffenden Falle in Worten 
auszusprechen, nicht vergrößert, sondern ihm eher einen Ersatz für seine 
eigene Fähigkeit geboten. Man sagt ihm tatsächlich „Da sehen Sie, was Ihr 
Sieb zurückläßt, wie harmlos, ja wie nützlich ist dieses Stückchen Wissen, wie 
unnötig ein so strenges Sieben", und man kann dem Patienten durch solche 
Methoden wirklich viel helfen. Aber der Prozeß des ganz genauen Siebens 
seiner Gedanken kann — abgesehen von dessen Anwendung zur Angst* 
Vermeidung — für ihn unter anderen Bedingungen sehr nützlich sein und 
wir möchten nicht daran rütteln. Mit anderen Worten: man fördert lieber die 
Kraft vernünftiger Auswahl und Kontrolle als eine übermäßig strenge Zensur 
oder Mangel an Kontrolle zwischen bewußtem Gedanken und bewußter 
Rede, wie auch zwischen Bewußtem und Vorbewußtem und Vorbewußtem 
und Unbewußtem. Und der rascheste und sicherste Weg dazu ist, eher die 
guten Gründe — wenn auch irrig angewendete — für die frühere Art aufzu* 
zeigen als unlogische. 

c) Um unsere Prüfung der Analyse der Widerstände noch etwas weiter 
fortzuführen, können wir zweckmäßigerweise fragen, welche Ein stet» 
lung sie dem Patienten und seinem Material gegenüber 
z u r F o 1 g e h a t. Ein Teil der Antwort, die man auf eine solche Frage geben 
möchte, muß ja aus jedem Hinweis auf den Gegenstand hervorgehen, aber 

wir könn en wohl noch deutlicher sein. . 

12) Vgl. Freud: Selbstdarstellung, S. 55, Int. Psa. Verlag, Wien, 1936: Die Methode 
der freien Assoziation hat große Vorzüge vor der früheren, nicht nur den der Ersparung 
an Mühe. Sie setzt den Analysierten dem geringsten Maß von Zwang aus, verliert nie den 
Kontakt mit der realen Gegenwart, gewährt weitgehende Garantien dafür, dab man kein 
Moment in der Struktur der Neurose übersieht und nichts aus eigener Erwartung in sie 
hineinträgt. Man überläßt es bei ihr wesentlich dem Patienten, den Gang der Analyse una 
die Anordnung des Stoffes zu bestimmen, daher wird die systematische Bearbeitung der ein* 
zelnen Symptome und Komplexe unmöglich." 






nrsg 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



143 



Erstens finde ich, daß der Terminus technicus „Widerstand" etwas zu wün* 
sehen übrig läßt, obwohl er im großen ganzen vielleicht doch die beste und 
zweckmäßigste Abkürzung ist. Diese Bezeichnung unterstreicht mehr den 
negativen Kraftaufwand des Patienten als die Ursache. Der Erfolg der Ana* 
lyse hängt von der Zusammenarbeit mit jenem Teil des Geistes des Pa* 
tienten ab, der, wenn auch noch so erfolglos und irrig, doch eine bessere 
Lösung anstrebt. In diesem Sinne ist daher das, was wir Analyse der Wider* 
stände nennen, eine Analyse erfolgloser Bemühungen oder von widerstreb 
tenden und einander schädigenden Prozessen. Wenn unsere Tätigkeit als 
Analytiker sich auf das Ziel konzentriert, dem Patienten die volle Ver* 
■fügung über seine Fähigkeiten wiederzugeben, so ergeben sich für uns ständig 
Fragen wie „Warum kann er nicht . . .?" „Weshalb gibt es da eine Schwierig* 
keit?" Wir sind dann imstande, unsere Tätigkeit auf die Erklärung jener 
Schwierigkeiten einzuschränken, die wir jeweils sehen und in dem Maße als 
wir sie sehen. Dadurch erübrigt sich jegliche Stellungnahme des Analytikers 
für oder gegen eine Handlung, Empfindung, einen Gedanken, eine Ein* 
Stellung oder zur Frage, wieviel von einer gegebenen Situation vernünftig 
oder unvernünftig ist. Wenn es in Zusammenhang damit eine Schwierigkeit 
gibt, die der Patient nicht in einer Weise lösen kann, die ihn vernunftgemäß 
völlig befriedigt, so beweist diese Tatsache, daß zumindest zum Teil Auf* 
klärung nötig ist. Und hinsichtlich dieses Teils — und nur dieses Teils allein 
— soll oder kann der Analytiker etwas tun, gerade um dem Patienten zu 
helfen. Der Anlaß, etwas zu analysieren, ist nicht durch das gegeben, was 
vielleicht der Analytiker über einen bestimmten Gegenstand oder eine be* 
stimmte Situation denken mag, sondern durch die Angaben des Patienten, 
daß er darin etwas Unbefriedigendes sieht, ferner, daß er nicht imstande 
ist, die Situation ohne Hilfe des Analytikers günstiger zu gestalten. Be* 
züglich dieses letzteren Punktes erinnern wir uns, daß der Patient 
schon einige Fähigkeit, mit Schwierigkeiten fertig zu werden, besitzt 
und daß wir diese Fähigkeit steigern, nicht aber sie schwächen wollen durch 
überflüssige Versuche zu helfen oder aber durch ein Hinauszögern der Hilfe 
bis zum Augenblick der Entmutigung und Verzweiflung. Es ist ferner klar, 
daß man seine Hilfe nicht jemandem aufzwingen kann, der ausgesprochen oder 
unausgesprochen die Notwendigkeit einer Hilfe ablehnt, und zwar so nach* 
drücklich, daß er zeitweise seinen Wunsch darnach zum Schweigen bringt. 
Wir möchten auch nicht den Anspruch erheben, daß unsere Deutungen immer 
richtig sind und wirklich helfen. Ebenso kann der Patient das, was wir an 
wirklicher Hilfe bieten, ablehnen und statt dessen eine raschere und un* 
mittelbar bequeme Art der Hilfe verlangen, die indessen wenig dazu beitragen 
mag, die weiteren Schwierigkeiten zu vermindern. Vom Standpunkt der 
Fähigkeit, Schwierigkeiten zu ertragen und ihrer Herr zu werden, wird aber 
der seelische Apparat immer so viel in dieser Richtung tun, als er im ge* 



144 M. N. Scarl 



gebenen Zeitpunkt tun kann und zu tun wünscht. Daher verhilft ihm die 
Lösung der einen Schwierigkeit zur Freiheit, ihre Fähigkeit an einer anderen 
auszuwirken; es kann keinen Zweifel darüber geben, daß das Freisein von 
einer vorbewußten Schwierigkeit eine unbewußte Schwierigkeit dem Bewußt* 
sein um ebensoviel näherbringt. Kaiser sagt in der Tat: „Deute nur be* 
wüßtes Material. Versuche nicht, hinter die Widerstände und tiefer zu 
kommen. Ihre Tätigkeit bleibt dennoch bestehen und man kann niemals 
hoffen, das Material, gegen welches diese Tätigkeit gerichtet ist, zu er* 
schöpfen." Ich möchte hinzufügen, „Mache es sowohl dir als auch deinem 
Patienten klar, daß du selbst in bezug auf das bewußte Material nicht mehr 
zu tun vorgibst, als ihm bei seinen Schwierigkeiten zu helfen." 

Diese Erwägungen führen uns zu drei Punkten, welche unsere Einstellung 
zu dem Patienten und seinem Material beeinflussen. 1. Wir sollten weder 
durch Wort noch Tat Schwierigkeiten auf eine andere Weise als durch die 
Analyse und durch eine mit ihr übereinstimmende Einstellung zu vermeiden 
oder abzuschwächen suchen, falls der Patient überhaupt die Fähigkeit be* 
sitzt, ihnen Ausdrück zu verleihen, weil seine Schwierigkeiten und Wider* 
stände für uns der einzige Grund sind, ihm zu helfen und weil seine Er* 
kenntnis derselben uns die beste Gelegenheit dazu bietet. Sonst schränken 
wir sowohl für uns selbst als auch für den Patienten die Gelegenheiten ein, 
sie zu verstehen und gründlich zu behandeln. 2. Selbst eine ausgezeichnet ge* 
führte Analyse kann für einen Patienten keine bequeme Sache sein. Im 
Gegenteil, sie bietet ihm gerade Gelegenheit, seine seelische Stärke zu ent* 
wickeln und zwar dadurch, daß er sich jenen Härten seines Lebens, die für 
ihn bisher zu schwer waren, stellt und sie überwindet. Der Analytiker gibt 
ihm diese Möglichkeit durch hilfreiches Verstehen, das einige der früheren 
ungünstigen Faktoren mildert oder ihnen entgegenwirkt, es jedoch weder 
vermag, die Beschwerlichkeiten und Kämpfe so weit zu beseitigen, daß 
eine volle Erleichterung erreicht wird, noch den Patienten zu zwingen, 
sie auf sich zu nehmen. Es bedarf der Entschlußkraft des Patienten, seinerseits 
keinen unmittelbar bequemeren Weg zu versuchen, der sich letzten Endes 
als ebenso schwer oder als noch schwerer erweisen kann als jener, den man 
ausgeschlagen hat. Deshalb scheint es mir, daß wir dem Patienten keinen 
guten Dienst erweisen, wenn wir ihn in irgendeiner Weise ermutigen, einen 
leichten Weg zu erhoffen, der ihn aus seinen Leiden herausführt. Wir machen 
es ihm dadurch nur schwerer, den schwierigen Weg einzuschlagen und sich 
ihnen unmittelbar und entschlossen zu stellen. Anscheinende Gefälligkeit 
kann sich unter diesen Umständen als ihr Gegenteil erweisen. Aus diesen 
beiden Gründen, weil nämlich das Verbergen der Schwierigkeiten des Pa* 
tienten die Möglichkeit der Abhilfe verringert und ihn ermutigt, zu anderen 
Mitteln als den gründlicheren der Analyse mehr Zutrauen zu haben, sollten 
wir, meiner Meinung nach, die Frage der Beruhigung sehr vorsichtig erwägen. 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



145 



3. Es ist viel weniger notwendig, das Recht oder Unrecht für vermehrte 
Widerstände oder eine Vermehrung der Schwierigkeiten des Patienten zu 
untersuchen — was natürlich nicht dasselbe ist, als ihnen Gelegenheit zu 
geben, sie in Erscheinung treten zu lassen. Obgleich wir alle es hie und da 
unfreiwillig und unwissentlich tun, kann es niemand für richtig halten, die 
Schwierigkeiten zu vergrößern. Vom Standpunkt des Patienten erscheint es 
meist als ein schlimmerer Fehler, die Widerstände zu verstärken, als ihnen 
aus dem Wege zu gehen. Vom Standpunkt des Analytikers sind vermiedene 
oder bemäntelte Schwierigkeiten immer noch vorhanden und werden in einer 
anderen Form wieder auftauchen, obgleich mit einer verschärften Neigung 
zur Ausflucht, und können noch immer angegangen werden, während es 
ein noch offensichtlicherer Fehler ist, die Widerstände zu erhöhen; die 
schlechten Folgen dieses Fehlers treten rascher zutage. 

c) Es ist klar, daß wir bereit sein müssen, ein höheres Verständnis des 
vorbewußten Materials und der vorbewußten Vorgänge zu zeigen, wenn wir 
uns auf die direkte Analyse der bewußten und vorbewußten Schwierigkeiten 
beschränken. Mitunter ist es der beste Gebrauch, den wir vom Material des 
Patienten machen können, wenn seine Schwierigkeiten ihm nicht klar sind, 
daß wir ihm zeigen, wie er gerade das, was er bei sich entschuldigt oder ver* 
teidigt, an einem anderen verabscheut, bekämpft und fürchtet. Es mag sein, 
daß erst viel Arbeit zu leisten sein wird, um den Weg für das Ertragen des 
inneren Konflikts von seiten des Patienten freizumachen. In diesem Punkte 
ist, wie wir wissen, die Stellungnahme des Analytikers von größter Wichtig* 
keit und eine geduldige, verständnisvolle Aufmerksamkeit für den Konflikt 
des Patienten mit dem Analytiker statt mit sich selbst mag eine notwendige 
Vorbedingung sein. Die vom Analytiker erhaltene Hilfe und Aufklärung 
muß bis zu einem gewissen Grad verdächtig sein, wenn nicht oder solange 
nicht die Beziehung zum Analytiker, von dem sie kommt, geklärt ist. Und 
dies kann solange es dem Patienten eher ein Bedürfnis ist, mit dem Analye 
riker als mit sich zu kämpfen, offenbar nur sehr allmählich geschehen. 

In diesem Stadium ist es eine wesentliche Hilfe, wenn man zum Beispiel 
zeigen kann, daß ein zweifacher und komplementärer Vorgang am Werke 
ist, sowohl psychisch als physisch, dergestalt, daß der Patient, weil er einen 
Teil seines tatsächlichen psychischen Selbst, sein eigenes Problem, Affekt, 
Verantwortlichkeit etc., von sich zu trennen und auf eine andere Person 
zu projizieren versuchte, sich damit beschäftigt, die gefährdete Einheit seiner 
Persönlichkeit durch irgendeine Art geistiger oder physischer Fusionierung 
mit jener Person wiederherzustellen. Diese Art der Deutung kann schon zu 
einem ganz frühen Zeitpunkt der Analyse gegeben werden. Sie umfaßt offen* 
sichtlich sowohl die Kastrationsangst als auch zwangshafte Sexualbe* 
Ziehungen und kann die Notwendigkeit beider einigermaßen herabsetzen, 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XXIII/1 



10 



146 



M. N. Searl 



bevor der Patient imstande ist, sich dazu zu bringen, offen über das Thema 
zu reden. 

Ich glaube, daß man nur dann, wenn man auf jeden Versuch, sich direkt 
mit dem fehlenden Inhalt und mit wirklich unbewußtem Material zu be* 
fassen, verzichtet — oder wenigstens versucht, es zu tun — , sich der 
ausgedehnteren Möglichkeiten analytischer Arbeit, die im bewußten und vor* 
bewußten Material verborgen liegen, bewußt wird, — wie Umgruppierung 
und Umordnung desselben, die Lösung zwangshafter Bindungen, Auf* 
deckung verborgener Verkettungen, unvermuteter Zusammenhänge etc. Ich 
glaube, daß diese Arbeit, die Dinge dort einzuordnen, wo sie hingehören, 
Richtiges zusammenzufügen und Unrichtiges von einander zu trennen, erfolg* 
reicher geleistet werden kann, wenn der Analytiker seine Arbeit bei dem be* 
wenden läßt, was der Patient zugesteht — bei freiwillig gebrachtem Material. 
Es erübrigt sich wohl, zu sagen, daß man deshalb sein Wissen um das „wirk* 
lieh Unbewußte" nicht preisgibt, wenn man keinen Versuch macht, es direkt 
anzuwenden. Es handelt sich nur um die Frage, auf welchem Wege der 
Patient am besten zu einem solchen Wissen gelangt. Und man kann nicht 
erwarten, daß er die nötige Sicherheit und Zuversicht für eine so schwierige 
Arbeit erlangen kann, bevor er reichliche Beweise dafür hat, daß man die 
leichteren emotionellen Entstellungen und Hindernisse ruhig ins Auge fassen 
kann und ihnen nicht aus dem Wege gehen muß. Wir wissen, wie wichtig 
für diesen Erfolg der Beweis ist, daß der Analytiker auch den aggressiveren 
emotionellen Reaktionen zu begegnen weiß und daß sie daher nicht unba* 
dingt für alle schädlichen Wirkungen auf andere verantwortlich sind. 

Alexander 13 hat kürzlich dargetan, daß das, was er „die Logik der Ge* 
fühle" nennt, das Verständnis für die emotionellen Reaktionen, welche 
mit den ihnen entsprechendsten Situationen verknüpft sind, sehr er* 
leichtert; er zeigt aber auch in klarer Weise das Gefühl der Unvermeidlich* 
keit auf, das eine solche Logik begleitet; das heißt, daß es „nur natürlich" 
ist, in dieser oder jener Situation so oder so zu fühlen; „natürlich" müßte 
man dieses Gefühl haben, wenn sich jemand in dieser Weise jemandem 
gegenüber benimmt etc. Diese Annahme einer Unvermeidlichkeit emo* 
tioneller Folgen überträgt deutlich die volle Verantwortung nicht nur für 
die eigene Gefühlslage und eigene emotionelle Handlungen, sondern auch 
für jene der anderen in Frage stehenden Person oder Personen auf den* 
jenigen, der zu emotionellen Reaktionen anregt. Gerade dieses Gefühl einer 
zu schweren Verantwortlichkeit ist dazu angetan, die Menschen unfähig zu 
machen, selbst für ihre eigenen Stimmungen und Handlungen die Veranfc* 
wortung zu übernehmen; und ein großer Teil der Arbeit des Analytikers be* 
steht darin, dies zu beseitigen. Seine stille Aufnahmsfähigkeit für die Feind* 

13) Alexander: Die Logik der Gefühle und ihre dynamische Grundlage. Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. XXI, 1935. 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



147 



Seligkeit des Patienten ist schon etwas, aber nicht genug. Sie ist nur die gründe 
legende Vorbedingung zu einem Zeitpunkt, da jeder aktiven Antwort 
Wiedervergeltungscharakter zugeschrieben wird. Aber auch Stillschweigen 
kann etwas Bedrohendes sein; und weder Stillschweigen, noch bloßes Nicht* 
Vorhandensein offener Feindseligkeit von Seiten des Analytikers, nicht einmal 
offenkundige Freundlichkeit, welche zu Recht oder zu Unrecht als Reaktions* 
bildung aufgefaßt werden mag, kann die Angst vor der vollen Verantwortung 
für einen dem Analytiker zugefügten „unvermeidlichen" Schaden völlig be* 
seitigen. Nach dem Schweigen und in Verbindung damit vermag nur die 
andauernde und unverminderte Tätigkeit des Analytikers, seine Fähig* 
keit, ein freundlicher, verständnisvoller A n a 1 y t i k e r zu sein — der eigent* 
liehe Kernpunkt der analytischen Situation — , dem Patienten möglicherweise 
zu beweisen, daß er für einen das Leben des Analytikers treffenden 
Schaden nicht verantwortlich ist, d. h. für eine Beeinträchtigung seiner analy* 
tischen Fähigkeit, ohne die er kein Analytiker sein kann, was immer er auch 
sonst sein mag. Keinerlei nicht*analytische Handlung des Analytikers ver* 
mag je diese Hauptsituation, welche die lebendige Realität der Analyse ist, in 
richtige Bahnen zu lenken. 

Wenn dies aber richtig ist und weiterhin so bleibt, dann mag es sein, daß 
der Patient sich allmählich weniger davor fürchtet, die Verantwortung für 
die Wirkung seiner früheren Affekte und Handlungen zu tragen und daß er 
nicht mehr so sicher ist, er müsse, wenn er überhaupt eine Verantwortung 
trägt, auch diejenige auf sich nehmen, die tatsächlich anderen zukommt, 
nämlich jene für „unvermeidliche" Affekte und deren Wirkungen. Es ist 
daher klar, daß sowohl das Beispiel eines Analytikers, der mehr als seinen 
eigenen Anteil an Verantwortung auf sich nimmt, als auch jenes, der einen 
geringeren Anteil übernimmt, die Wirkung haben kann, den Patienten davon 
abzuschrecken, die ihm zukommende Bürde zu tragen, nicht mehr und nicht 
weniger. 

3. In Berücksichtigung der Haltung des Analytikers wollen wir, indem 
wir das Darstellungsmittel des Kontrastes gebrauchen, versuchen, um zu 
einem besseren Verständnis dessen zu kommen, was die Analyse der Wider* 
stände wirklich ist, einige der zahlreichen Beispiele dafür anführen, was sie 
nicht ist." 

Sie ist, meiner Ansicht nach, nicht eine Methode, die Widerstände 
des Patienten zu „brechen", zu „überwinden" oder zum „Schmelzen" 



14) Wir müssen jedoch daran denken, daß andere Wege nicht schlechter sind, als jene, 
die man bei einem Versuch, noch besseres zu finden, beschreitet. Leider sind wir oft genug 
in einer Situation, in der wir nicht imstande sind, den besten Weg zu finden und uns mit 
einem behelfen müssen, der nicht so gut ist. Die Frage ist nicht: das beste oder gar nichts. 
Wenn ich darum zur schärferen Kontrastbestimmung andere Wege erwähne, welche in 
verschiedenen Belangen nicht so gut sind, möchte ich nichts von dem Guten schmälern, 
das manche dieser Methoden tun können und getan haben. 

10* 






zu bringen, nicht einmal, um darzutun, wie „unvernünftig" sie sind, obgleich 
es wahr ist, daß die Erkenntnis des Patienten von ihrer Widersinnigkeit eine 
wesentliche Vorbedingung für den Wunsch nach etwas besserem ist. Die 
Widerstandsanalyse ist einfach eine Methode, die Widerstände zu begreifen. 
Wie bereits gesagt wurde, kann der Patient nur dann hoffen, sein vernünf* 
tigeres Wesen, sein Ich, mit Hilfe der Analyse zu stärken, wenn der Ana* 
lytiker ihm den Grund der Widerstände aufzeigen kann. 15 

Es handelt sich nicht um eine Methode der Verfolgung von Widerständen. 
Nur solange der Widerstand oder die Schwierigkeit gefühlt und gezeigt wer* 
den, sind sie der Analyse zugänglich. Geänderte Umstände können dazu bei* 
tragen, im gegebenen Moment eine ganz andere Art von Schwierigkeit in den 
Vordergrund zu bringen, und wir verfolgen dann jene nicht weiter, die vor* 
übergehend verschwunden ist. Es wird also hier kein so unverhältnismäßiges 
und ausschließliches Gewicht auf die Deutung der „Übertragung" _ gelegt, 
daß der Analytiker sich ständig fragen muß „Wo komme ich hier hinein?" 
Ich stimme mit jenen Analytikern überein, die meinen, daß Übertragungs* 
deutungen von kardinaler Bedeutung sind; die Widerstandsanalyse verfolgt 
aber nicht einen einzelnen spezifischen Widerstand oder Widerstandstypus; 
sie befaßt sich mit demjenigen, der unmittelbar zu oberst liegt, ob er nun 
von größerer oder geringerer Bedeutung ist und stützt sich immer auf Fragen, 
wie: „Worin besteht die eigentliche Schwierigkeit?" „Warum ist es dem 
Patienten nicht möglich, mehr von seinem Innenleben zu wissen und zu 
zeigen?" 

Sie ist nicht eine Methode, die darüber entscheidet, was der Patient denken, 
tun oder sagen sollte oder wie weit sich seine Gedanken und Handlungen 
dem Standard des Analytikers, dessen Ich, im moralischen und sexuellen 
Sinn, annähern sollten, um „normal" zu sein. 

Sie besagt nicht, daß der Analytiker die Fähigkeit oder Berechtigung für 
sich in Anspruch nimmt, über das Ganze eines gegebenen Verhaltens in 
diesen Ausdrücken zu urteilen, weil irgendein Teil einer solchen Hai* 
tung oder Situation eine Folge unbewußter Faktoren oder von ihnen beein* 
flußt ist oder mit den Bezeichnungen einer positiven oder negativen Über* 
tragung erklärt werden kann. Der Analytiker ist bescheidener und beschränkt 
seine Tätigkeit und die damit zusammenhängenden Urteile auf jenen Teil, 
der nachweislich irgendwie mangelhaft ist. Er braucht beispielsweise nicht 
zu sagen „Sie halten mich für grausam, weil Sie durch diese oder jene Situ* 
ation beeinflußt sind", sondern „Ihre Meinung, ich sei grausam und die 

15) Das erste Beispiel der Technik der Widerstandsanalyse, das Kaiser gibt, verfolgt, 
glaube ich, den Zweck, dem Patienten zu zeigen, wie unlogisch er ist, so daß sein späterer 
Zornausbruch dem Analytiker gegenüber zum Teil hierin seinen Grund hatte und wahr* 
scheinlich nicht der einfache Triebausdruck war, für den ihn Kaiser anscheinend ge* 
halten hat. 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



149 



Schwierigkeit, die sich für Sie daraus ergibt, sind teilweise durch eine andere 
Situation bestimmt". Das ist etwas anderes, als indirekt zu sagen „Ich bin 
nicht grausam und Sie haben unrecht, mich dafür zu halten". 

Die Widerstandsanalyse errichtet keinen theoretischen Rahmen, in den sie 
dann den Patienten zwängt. Die Theorie hat die Aufgabe, dem Analytiker 
an schwachen Punkten bei außerhalb der Analyse liegenden Gelegenheiten 
zu helfen und ist nur auf diese indirekte Weise von Nutzen für den Pa* 
tienten. Die Theorie ist das hypothetische Skelett, auf welchem wir die Reihe 
der Tatsachen und deren Zusammenhänge, die unser Verstand ansonsten 
nicht in geordnetem Gefüge halten könnte, zu sammeln versuchen. Wir wer« 
den aber auf diese Weise nie ein menschliches Wesen aufbauen, nicht einmal 
etwas, das nahe Ähnlichkeit mit dem lebendigen Ineinandergreifen lebendigen 
psychischen Gewebes hat. Wenn wir in den Stunden der analytischen Be* 
handlung, in denen wir in tatsächlichem Kontakt mit der Seele des indivi* 
duellen Patienten stehen und Gelegenheit haben, direkt von ihr zu lernen, 
Theorie im Kopfe haben, so tauschen wir Stützen der Schwäche gegen 
eventuelle Kräfte ein; es würde jene freie Arbeit unseres Unbewußten be* 
hindern, welche, wie wir wissen, unsere einzige Möglichkeit ist, die Tätigkeit 
des Unbewußten des Patienten zu verstehen. 

Wenn auch diese analytische Methode so auf analytischer Intuition be* 
ruht, so unterschätzt sie dennoch die Tätigkeit des Bewußten und des Er* 
kenntnisvermögens nicht, weder im Analytiker, noch im Patienten. Was den 
Analytiker betrifft, kann sich seine Intuition nur befriedigend auswirken in 
Zusammenarbeit mit dem Erkenntnisvermögen und es handelt sich hier nicht 
um eine Alternative zwischen den beiden Instanzen. Was den Patienten be* 
trifft, so ist die seinem bewußten und vorbewußten Material und der Arbeit 
in Verbindung mit seinem Verstand und nicht gegen diesen gewidmete Auf* 
merksamkeit ein weiterer Beweis, daß sein bewußter Geist und sein Er* 
kenntnisvermögen nicht unterschätzt werden. Nur auf diese Weise ist eine 
Analyse normaler Menschen möglich. Ich behalte mir vor, auf dieses Thema 
später zurückzukommen. 

Die Widerstandsanalyse ist, wie wir wissen, keine Analyse der Symptome. 
Die Analyse der Symptome beschränkt uns auf Endresultate, welche gleich« 
zeitig Schwierigkeiten verbergen und offensichtlich als unangreifbar zur 
Schau tragen. Sie ist nicht einmal eine Analyse von Zuständen und Posi* 
tionen, welche eigentlich eine Art allgemeines nicht lokalisiertes Symptom 
von weniger bestimmter Form darstellen, und nicht die Analyse von irgend 
etwas, das in allgemeinen Ausdrücken festgestellt werden kann und so das 
ausschließt, was das Individuelle des einzelnen Patienten ist. In der indivi* 
duellen Analyse ist das Individuelle von hauptsächlicher und nicht von zweit* 
rangiger Bedeutung. 

Schließlich verzichtet die Widerstandsanalyse auf Rekonstruktionen, so 



150 M. N. Searl 



richtig sie auch sind, da nicht das Ausmaß das Wichtige ist, bis zu welchem 
es uns gelingt, dem Patienten unser Wissen um seine Seele mitzuteilen, son* 
dem inwieweit wir dem Patienten den Weg dahin freimachen und ihm freien 
Zugang zu seinem Seelenleben verschaffen können. Aus dem gleichen Grunde 
springt sie auch nicht über Hindernisse hinweg (und läßt sie weiter am Wege 
liegen), sondern verknüpft sicher das Bewußte mit dem Vorbewußten und 
mit so viel vom Unbewußten, als zur Zeit vorbewußt werden kann. Ich habe 
schon früher die Gründe angegeben, aus denen ich glaube, daß dies sogar 
in bezug auf symbolische Deutung möglich ist. 16 

b) Was ist also die Widerstandsanalyse? Auf die Gefahr hin, uns zu 
wiederholen, wollen wir auf diese Frage zurückzukommen. Sie ist die Ana* 
lyse von einander widerstreitenden Vorgängen und Schwierigkeiten oder Un* 
fähigkeiten. Sie beruht auf Grundsätzen und individueller Arbeit mit dem 
einzelnen Patienten und nicht auf Theorien, Regeln, Plänen und Grund* 
sätzen, die über die eine analytische Regel oder Situation hinausgehen. Sie 
hilft dem Patienten, sich selbst zu helfen und sich daher den Schwierigkeiten 
zu stellen, statt ihnen aus dem Weg zu gehen. Auf die Grundsätze der Ana* 
lyse bauend, gibt sie ihrerseits dem Patienten die Möglichkeit, sein Ver* 
trauen in die analytische Arbeit zu setzen. Sie bedeutet eine einzige Einstel* 
lung zum Material des Patienten — diejenige der Erforschung, wieweit sie 
ein Verständnis seiner Unfähigkeit oder unzweckmäßig angewendeten Fähig* 
keit vermitteln kann. Sie gibt dem Bewußten volle Anerkennung und ver* 
achtet es nicht, weil „mehr daran" ist, als auf den ersten Blick der Fall zu 
sein scheint — d. h. sie gießt das Kind nicht mit dem Bade aus. Wir sind 
zum Beispiel dazu gelangt, den bewußten Wunsch des Patienten, gesund zu 
werden, mit Mißtrauen aufzunehmen, da dieser Wunsch gemischte Beweg* 
gründe enthält. Dabei ist jedoch in Betracht zu ziehen, daß sich diese ge* 
mischten Beweggründe weitgehend daraus ergeben, daß der Patient unserer 
Art, ihm bei der Befriedigung dieses Wunsches zu helfen, mißtraut und 
weil Schwierigkeiten auf dem neuen Weg ihn unsicher machen, ob dieser 
wirklich besser ist als die alten wohlvertrauten frühkindlichen Wege, selbst 
wenn diese nicht zu wirklicher Besserung geführt haben. Die Widerstands* 
analyse, wie ich sie verstehe, verwirft keinen Teil des Bewußtseins wegen 
semer gemischten Motive. Sie schätzt die Mitarbeit des Patienten und ohne 
die volle Verantwortung für Widerstand an Stelle von Mitarbeit zu über* 
nehmen, versucht sie immer, den Grund des Widerstandes aufzudecken, was 
für ein Grund es auch sein mag, einschließlich der Fehler, die der Analytiker 
selbst begeht. Sie gibt also Gründe und arbeitet nicht in einer der Vernunft 
des Patienten widerstrebenden Richtung. Wir geben ihm von allem Anfang 
an Gründe für das eine, was wir in der Analyse von ihm verlangen — eher 

16) A Note on Symbols and Early Intelkcfual Activity, Int. Journal of PsA., Bd. XIV, 
S. 291. 



J 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



151 



ihre Bedingung als ihre Regel — und erklären ihm: je mehr er uns über sich 
selbst sagen kann, über seine Gedanken und Gefühle, und je weniger er ver* 
wirft, desto bessere Möglichkeiten haben wir, ihm zu helfen. Der erwachsene 
Patient weiß dann, daß dies der ihm zukommende Anteil in der Technik 
der Analyse ist; während wir, selbst wenn wir es ihm noch nicht gesagt 
haben, ihm bald zeigen, daß wir ihm dabei helfen wollen, wo er sich nicht 
an diese Bedingung hält. Sowohl der Analytiker als auch nicht minder der 
Patient sollten versuchen, sich an diese erklärliche und letzterem erklärte 
Technik zu halten und keiner von ihnen sollte darüber hinausgehen. Wenn 
der Analytiker es nicht tut, wird es der Patient um so weniger tun. Der Ana* 
lytiker sowohl als auch der Patient lernt natürlich aus dem Handeln, der 
Haltung und dem Ausdruck des anderen; aber für die Zwecke des Analy* 
tikers ist und bleibt das so erworbene Wissen hinter dem, was in Worten 
ausgedrückt wurde, von zweitrangiger Bedeutung, so zwar, 1. daß seine Deu* 
tungen nur darauf basieren, was der Patient in Worten ausgedrückt hat, 
sich nur darauf beziehen und nur das erklären; und 2. daß wir uns häupt* 
sächlich mit dem beschäftigen sollen, was den Patienten hindert, mehr in 
Worte zu fassen. Wir nehmen dem Patienten die übernommene und ihm 
zukommende Verantwortung ab, wenn wir in irgendeiner Weise die Bedeu* 
tung von der einzigen, wenn auch schweren Technik, die die Analyse von 
ihm verlangt, wegverlegen; und wir ermutigen ihn, an Zauberei zu glauben, 
die an keine Bedingungen gebunden ist, wenn wir nicht unseren Glauben 
bekunden an die Bedingungen, unter denen die Analyse durchgeführt wer* 
den kann. Es ist ein Problem, und zwar ein wesentliches für den Analytiker, 
darin fest zu bleiben, ohne barsch und hart zu sein. 

Wie ich schon sagte, berauben wir uns weiters unseres untrüglichsten 
Führers in bezug auf die Abwehrstellung des Patienten, wenn wir unsere 
Deutung nicht auf das beschränken, was der Patient in Worte gefaßt hat. 
Ein sehr langes und hartnäckiges Schweigen, nachdem man alles getan hat, 
um frühere Fehler in der Technik wieder gutzumachen, fasse ich als ein 
Zeichen auf, daß die Abwehr des Patienten sich in einem zu riskanten und 
ausbruchsbereiten Stadium befindet, um analysiert zu werden. 17 Ich berühre 
diese Frage hauptsächlich, um zu zeigen, mit welcher Konsequenz ich ver* 
suchen würde, dem Grundsatz zu folgen, das als Richtlinie zu nehmen, was 
der Patient uns sagen kann und will. 

Ich schließe diesen Abschnitt, indem ich versuche, die Gegensätze zwischen 
der Analyse des „fehlenden Inhalts" und der Widerstandsanalyse kurz zu* 
sammenzufassen und zwar folgendermaßen: Die Analyse des fehlenden In* 
halts sagt eigentlich „Aus dem, was Sie sagen, können wir schließen, daß 
Sie diesem oder jenem Affekt, Gedanken, dieser oder jener Erinnerung, 



17) Wir haben mehr von zu schwacher als von zu starker Abwehr zu fürchten. 



152 M. N. Searl 



Phantasie Widerstand leisten; um zu wissen, warum Sie Widerstand leisten, 
müssen wir erst wissen, was es ist, dem Sie Widerstand entgegensetzen"; 
die Widerstandsanalyse hingegen besagt: „Aus dem, was wir schon wissen, 
können wir den Schluß ziehen, warum Sie Widerstand leisten", oder aus* 
führlicher, „Aus dem, was Sie sagen, können wir schließen, daß Sie diese 
oder jene Methode anwandten oder anwenden, um mit einer unangenehmen 
Situation fertig zu werden. Unter gewissen Umständen mag dies der beste 
Weg, den Sie finden konnten, gewesen sein, aber er brachte eine Veranden 
rung des wirklichen Tatsachenbestandes mit sich, um den emotionellen 
Schwierigkeiten Genüge zu tun, und wie immer er Ihnen auch geholfen haben 
mag, mußte ein Teil der tatsächlichen Schwierigkeit unerledigt bleiben. Das 
ist die Schwierigkeit, der Sie derzeit begegnen, sie verschärft jede andere 
Schwierigkeit, die sich für Sie aus dem Einhalten von Bedingungen der 
analytischen Behandlung ergeben mag." 

c) Indem wir uns an diese Formulierung der Grundzüge der Technik 
halten, ist unsere nächste Frage, „Macht dk Widerstandsanalyse das Ganze 
der Technik aus oder nur einen Teil derselben? Und wenn einen Teil, — 
wie groß ist dieser?" Wir können sofort sagen, daß sie sicherlich einen Teil 
darstellt und, zumindest in der Theorie, den Hauptteil in der Technik jedes 
Analytikers. Ich würde folgendermaßen auf diese Frage antworten: daß das 
Prinzip dem Ganzen unserer Technik zugrunde liegt und daß die Art seiner 
Anwendung, welche ich aufzuzeigen versucht habe, meiner Ansicht nach so 
ziemlich auf das Ganze angewendet werden sollte. Es ist wahr, ich habe mich 
einmal mit dem Plane getragen, einen ganzen Abschnitt über die „Vorberei* 
tung für die Analyse der Widerstände" zu schreiben, aber je genauer ich 
die Sache betrachtete, desto klarer wurde mir, daß der Ausgangspunkt der 
Widerstandsanalyse schon in den Beginn der Analyse fällt. So führt bereits 
die bloße Formulierung der Bedingungen, unter welchen die Analyse statt* 
finden kann, indem man den Patienten auffordert, freie Assoziationen zu 
bringen und seinen Gedanken und Gefühlen jeglicher Art in Worten freien 
Ausdruck zu geben, ihn einen Schritt über die gewohnten Widerstände gegen 
unzensuriertes Reden hinaus. Die Ermunterung, mehr zu sagen, Auffor* 
derungen, sich über spezielle Punkte ausführlicher zu äußern, das fragende 
„Ja?", all das sind nichts anderes als Versuche, dem Patienten zu helfen, seine 
Widerstände zu überwinden und sie sind daher ein integrierender Bestand* 
teil der Widerstandsanalyse. Sie sind Teile der Frage „Warum kann er 
nicht?" in dem Sinne, daß der Patient dadurch bewogen werden soll, zu 
versuchen, ob er kann und will oder nicht. 

Offenbar haben wir aßen Grund, die bewußten und verstandesmäßigen 
Widerstände nicht zu vernachlässigen. Erklärungen von bestimmten Teilen 
unserer Technik, falls sie bezweifelt werden, werden uns nicht vorwärts 
bringen, aber sie können dennoch verhindern, daß die bewußten Wider* 



Zur Problematik der technischen Prinzipien 



153 



stände sich gegen uns richten, ja, im Gegenteil, bewirken, daß sie sich auf 
unsere Seite schlagen. Wenn ich z. B. meine Gründe darlege, weshalb ich 
einen von mir verlangten Rat nicht gebe, würde ich dem Patienten sagen, 
daß dies möglicherweise seine unmittelbare Schwierigkeit leicht und rasch 
beheben würde, daß aber eine solche Lösung ihn in allen derartigen Situa* 
tionen von der Analyse abhängig ließe und daß er in Zukunft in bezug auf 
andere Situationen, die auftauchen könnten, wenn der Analytiker nicht ge* 
rade zur Hand ist, um nichts besser daran wäre; daß, wenn er den für den. 
Augenblick schwierigeren Weg einschlüge, zu sagen, was immer ihm in den 
Sinn kommt, die Möglichkeit bestünde, ihm in einer Weise zu helfen, die 
nicht auf eine einzelne Situation beschränkt, sondern dahin gerichtet wäre, 
ihm allmählich immer größere Unabhängigkeit zu geben. Ich glaube natür* 
lieh nicht, daß durch solche Erklärungen, solche Versuche, bewußte Wider* 
stände zu bekämpfen, etwas Grundlegendes erreicht wird. Ich bin jedoch 
überzeugt, daß ohne diese dieselben bewußten Widerstände sich als viel 
schwerer wiegendes Hindernis für uns erweisen würden. Man kann zumindest 
mit einer doppelten Belastung rechnen. Aus dem gleichen Grunde — immer 
vorausgesetzt, daß ich überzeugt bin, der bewußte Wunsch nach Aufklärung 
sei verhältnismäßig stark, wenn auch irgendwelche andere Motive mitsprechen 
mögen, — zögere ich jetzt nicht mehr, mich gelegentlich auf Diskussionen 
und Beweisführungen in psychologischen Fragen einzulassen, wobei ich aller* 
dings niemals den Bereich des Verständnisses der Psyche und psychischer 
Vorgänge überschreite und stets den Zusammenhang mit den aktuellen Pro* 
blemen des Patienten wahre. Man weicht also nicht immer und unter allen 
Umständen einer Art wohlwollenden Wortgefechtes aus, einem Wortge* 
fechte, in welchem der Analytiker der Stärkere sein soll, was offensichtlich 
von Vorteil für den Patienten ist, nur muß man wirklich bestrebt sein, dem 
Patienten damit zu helfen, und sich nicht nur darauf verlegen, der Sieger in 
diesem geistigen Kampfe zu sein, sonst ist es besser, überhaupt zu schweigen. 
Auf diese Weise, glaube ich, kann man die vernünftigen und normaleren 
Seelenbezirke des Patienten für sich statt gegen sich bekommen, was sicher 
der Fall wäre, wenn diese unverständigerweise unbeachtet und unbefriedigt 
belassen worden wären. 

Jene langwierige Arbeit, die ich früher erwähnte, nämlich das Sam* 
mein bewußten Materials, ist auch ein Teil — und zwar ein wichtiger — 
der Widerstandsanalyse, obwohl sie sich nur mit den leichteren vorbe* 
wußten Widerständen beschäftigt. Sie erklärt Schwierigkeiten, denen Dinge 
zugrunde liegen, die an sich wohl richtig, aber unrichtig placiert sind; sie 
verbindet bewußtes Material miteinander und erstreckt sich nicht auf die 
größeren Positionsverschiebungen, die mit dem schwierigeren Vorbewußten 
und Unbewußten zusammenhängen. Mit leichteren Widerständen kann man 
oft durch Fragen wie „Immer oder nur unter besonderen Umständen?" fertig 



154 



M. N. Searl 




werden, wenn der Patient ein Gesetz aufstellt oder ein abstraktes Beispiel von 
Ursache und Wirkung anführt, ohne die bestimmte Situation anzugeben 
die ihm in diesem Zusammenhang Schwierigkeiten bereitete. Dies kann un* 
mittelbarer helfen als die bloße Aufforderung, ein Beispiel zu bringen, weil 
es ihn direkt dazu führt, sich die möglichen Vorteile vorzustellen, die darin 
liegen, das Unangenehme auf sein eigentliches Bereich zu beschränken. 
Ebenso kann man öfters bezweifeln, ob dies oder jenes so unvermeidlich ist 
wie er angibt. Es gibt zahllose Wege, Widerstände zu behandeln und ans 
Licht zu bringen; alle diese Wege sind gangbar, wenn unsere Technik darauf 
hinzielt und es ist dabei äußerst wichtig, daß wir auf der Suche nach größeren 
Widerständen die geringeren nicht vernachlässigen. 

Ich habe im Voranstehenden ausführlich darauf hingewiesen, daß das Er* 
tragen von Konflikt und Angst, das Gefühl einer wirklichen Schwierigkeit 
die beste Gelegenheit für die Analyse bietet, mag es ein Ambivalenzkonflikt 
sein, ein Streit um Ideale, ein Konflikt des Über*Ichs mit dem Ich oder Es, 
oder irgendwelcher Gruppen und Verbindungen widerstreitender Kräfte. 
Man gräbt keinen Tunnel, um an die Angst oder deren im Unbewußten' 
ruhende Ursachen heranzukommen. Wie immer es um die Abwehrkraft be* 
stellt sein mag, die Seele ist kein Felsen und Durchbohrung ist riskant. Aber 
sowohl Angst als auch ihre Ursachen werden sicher an die Oberfläche 
kommen, wenn die leichteren vorbewußten Widerstände entsprechend be* 
wältigt wurden und ein gewisses Vertrauen in die zu erwartende Hilfe bereits 
vorhanden ist. Mit anderen Worten: das Unbewußte wird vorbewußt wer* 
den, bevor es bewußt wird. Manchmal allerdings sind offensichtlich Kon* 
flikt und Angst zu Beginn der Analyse da. In solchen Fällen kann nur die 
Ruhe des Analytikers und seine Fähigkeit, durch andere Mittel als die Ana* 
lyse des Symptoms die vernünftigeren Kräfte der Seele auf seine Seite zu 
bringen, eine Gelegenheit herbeiführen, welche es erlaubt, das aus dem Vor* 
bewußten zutage tretende Material geduldiger zu verarbeiten. 

Was die Katharsis im Gegensatz zu symptomatischen und zwangsläufigen 
Affekten betrifft, sollte die Widerstandsanalyse so viel — aber auch nur so 
viel — aufdecken, als den Patienten befähigt, die Qualität und Quantität 
seiner emotionellen Reaktionen zu erkennen, zu fühlen und als etwas Reales 
kennenzulernen und sie mit jenen Situationen in Verbindung zu bringen, in 
denen sie am zweckdienlichsten waren und daher am verständlichsten sind. 

Die auf den Konflikt bezogene Widerstandsanalyse bildet mit diesem Aus* 
maß von Katharsis, wie wir wissen, den Teil der Arbeit, der von der auf* 
fallendsten Wirkung ist, wenn auch die lange Vorbereitung darauf nicht 
weniger notwendig war. Wenn mitunter dem letzten Punkt eine Wirkung 
beigelegt wird, die ebensowohl den anderen Punkten zukommt, erhält er 
dadurch manchmal ein Lob, das er von Rechts wegen mit anderen Faktoren 
teilen müßte. 



"Zur Problematik der technischen Prinzipien 



Das Zuströmen von Material, das einer solcherart bewerkstelligten Lö* 
sung eines wichtigen Widerstandes folgt, erfordert eine ähnliche Arbeit wie 
die des wechselseitigen In*Beziehung=Setzens des gesammelten bewußten 
Materials, die sicherlich vorausgegangen ist. Was wir das „Durcharbeiten" 
nennen, scheint ein „Durchleben" in der Analyse sowohl nach als auch vor 
dem Auftauchen von Erinnerungen zu beinhalten, wie es in Zwangsfällen 
offensichdich ist; und dies spielt eine wichtige Rolle für das wirkliche Er* 
leben der Bedeutung und emotionellen Realität der Erinnerung. 

Ich finde nur in einem einzigen Situationstypus gar keinen Grund, izu 
bedauern, eher eine Deutung „fehlenden Inhalts" als der seelischen Haltung 
gegeben zu haben, und zwar dort, wo die Arbeit des Analysierens von 
Widerständen nicht so sehr einen leichten Widerstand als vielmehr die Form 
eines Widerstandes zurückgelassen hat. In solchen Augenblicken genügen 
ein paar Worte, um den verborgenen Inhalt ans Licht zu ziehen, mit dem 
lustvollen Affekt und dem Gefühl „Aber ja, natürlich!" 

Ich glaube daher, daß die Widerstandsanalyse tatsächlich die Gesamtheit 
unserer analytischen Arbeit bilden sollte und daß von ihrer weiteren Ente 
wicklung noch viel zu erhoffen ist, besonders dank der Elastizität und indi* 
viduellen Variationsmöglichkeit in der Anwendung, die eine Beobachtung 
solcher Grundsätze ermöglicht. 






REFERATE 



' i 



Aus der psychiatrisch=neurologischen Literatur 

MÜLLER, MAX (Münsingen bei Bern): Prognose und Therapie der Geisteskrankheiten. 

Thieme Verlag, Leipzig 1936. 

Mit diesem Buch beabsichtigt der Verfasser die Verbreitung einer größeren therapeu* 

tischen Hoffnungsfreudigkeit unter den Psychiatern und denen, die es werden wollen. Er 

will an die Stelle der Resignation „jenen Schwung und jenen Glauben an die Möglichkeiten 

ärztlicher Einflußnahme" setzen, „wie sie für jede erfolgreiche Tätigkeit in der gesamten 

Medizin unerläßlich sind". An erster Stelle werden die körperlichen Behandlungsmethoden, 

die Narkose* und die Reiztherapie geschildert, anschließend wird auf „individuelle" und 

„kollektive" Psychotherapie eingegangen. Die Psychoanalyse wird als einzige Vertreterin 

der aufdeckenden Psychotherapie und damit als kausale Therapie der Neurose bezeichnet, 

sie ist deshalb die Behandlungsmethode der Wahl. Unter „kollektiver Psychotherapie" 

wird die Arbeits* und Beschäftigungsbehandlung in den Anstalten zusammengefaßt. Be* 

zeichnend für die vorurteilslose Einstellung des Verfassers sind die therapeutischen Hin* 

weise auf die Behandlung der verschiedenen Geisteskrankheiten, z. B. ein Hinweis auf die 

Aussichten einer vorsichtigen, unterstützenden Psychotherapie der Schizophrenen. Die 

Prophylaxe der Geisteskrankheiten besteht im wesentlichen in eugenischen Maßnahmen. 

Die Prognose der individuellen Erkrankung ist abhängig von der konstitutionellen Eigen* 

art des Falles, aber auch von den psychischen Besonderheiten. In einigen Punkten, so bei 

der Schilderung der spezifischen Behandlung der luischen Erkrankungen und den Ent* 

ziehungskuren wäre eine bestimmtere Stellungsnahme und eine kurze Darlegung prak* 

tischer Einzelheiten wünschenswert. „, _ . t ,_ , .„ 

M. ürotjahn (Topeka, Kansas) 

PILCZ, ALEXANDER: Nervöse und psychische Störungen. Ein Leitfaden für Seelsorger 

und Katecheten. Mit einem Vorwort von Kardinal Erzbischof Dr. Theodor Innitzer. 

Herder, Freiburg im Breisgau, 1935, VIII und 46 S. 

Für Seelsorger und Katecheten soll dieser Leitfaden dienen und ihnen helfen, seelisch 1 

kranke Personen klarer zu erkennen und zu beurteilen. Manches, was als Charakter* 

Veränderung oder als Laster erscheint, ist eine beginnende Geistesstörung, von denen die 

wichtigsten Formen kurz geschildert werden. A , „ . . , ,_, , 

M. Grotjahn (Topeka, Kansas) 

Psychotherapeutische Praxis, Viertel Jahresschrift für praktische ärztliche Psychotherapie. 

Herausgeber Dr. W. Stekel, Wien, Schriftleitung Dr. Ernst Bien, Wien. Band 3, Heft I. 

Stekel führt mit einem Artikel „Zur Psychologie der Minderwertigkeitsgefühle". 
Wieder hat ihn nicht Freud, sondern seine langjährige Erfahrung belehrt, daß „als 
Wurzel des Minderwertigkeitsgefühles immer ein Schuldgefühl gefunden werden kann." 
(Die Neigung zur Entwendung geistiger Güter und Prioritäten scheint unter den Ver* 
wahrlosungserscheinungen Stekels an erster Stelle zu stehen.) Stekel findet, daß 
das Minderwertigkeitsgefühl „eine überaus wichtige Funktion hat, daß es gewissermaßen 
wie alle nervösen Symptome einen Heilungsversuch darstellt gegen Tendenzen, die für 
das Individuum den bürgerlichen Tod bedeuten würden." Das Minderwertigkeitsgefühl 
behütet das seelische Gleichgewicht gegen Mehrwertsgefühle, die zum Wahnsinn 
führen müßten. 

R. de. S a u s s u r e (Genf) findet in einem Artikel „Über Minderwertigkeitsgefühle" 
nicht nur die affektiven Wurzeln der Minderwertigkeitsgefühle beachtenswert, die er im 






Referate 



157 



Ödipuskomplex, im infantilen Eifersuchtskonflikt und in der Angst vor dem Liebesverlust 
gelegen sieht, sondern auch ein bestimmtes Ich*Verhalten des Kindes, das in seinem 
Denken an „absolute Urteile" gebunden ist und Relativität nicht kennt. Die Psycho* 
therapie müsse neben den affektiven Quellen auch das Ich*Verhalten des sich minder* 
wertig Fühlenden, das in diesen Punkten eben ein infantil fixiertes oder regrediertes sei 
berücksichtigen und beeinflussen. 

Ernst Gabriel (Wien) schreibt „Zur Psychotherapie der Suchten". Er rechnet zur 
Sucht nicht nur die Sucht nach Rauschgiften, sondern meint, daß es eine Tabak*, Kaffee* 
Tee*, Wander*, Vergnügungs*, Stehl*, Brandstiftungs*, Mord*, Spiel*, Sammelsucht sowie 
suchtartige Äußerung des Sexus und suchtartige Vereinsmeierei gibt, die nach seiner An* 
sieht alle innerlich zusammengehören. Für ihn haben also alle triebgemäßen Äußerungen 
den Charakter der Süchtigkeit. Ähnlich wenig differenziert ist seine Therapie. Eine Heilung 
der Sucht gebe es nicht, da sie tief in der Persönlichkeit verankert und ein Konstitutions* 
fehler sei. Der Rest der Therapie besteht in Ersetzung einer gefährlichen Sucht durch eine 
harmlose — statt Alkohol etwa Abstinenzvereinsmeierei — Willenserziehung, Arbeits* 
therapie, eventuell Ehetrennung, Beratung in beruflichen Sorgen. 

Kurt Boenheim (Berlin) schreibt über „Die Bewertung der Kinderlüge". Als Ur* 
Sachen findet er das Ausweichen vor der Notwendigkeit eines Triebverzichts, vor allem 
auch Angst des Kindes, Schamgefühl und Geltungsdrang. Auch das Verhalten 
der erwachsenen Umgebung sei von entscheidender Bedeutung; Verbote und Gebote als 
hauptsächlichste Erziehungsmittel, Inquirieren, schlechtes Beispiel der Eltern und Erzieher 
geben einen guten Nährboden für die Neigung zur Lüge ab. Die Beurteilung der Di* 
gnität des Lügens hänge davon ab, ob das Lügen ein isoliertes Symptom sei, das aus ge* 
wissen, an sich normalen Eigenschaften oder durch bestimmte Umweltseinflüsse verstand* 
lieh sei; in diesem Falle sei die Aussicht für eine Behandlung günstig. „Je mehr die Lüge 
Teilsymptom weitreichender charakterlicher Abweichungen von der Norm ist, umso un* 
sicherer ist die Vorhersage. Oftmals kann erst eine längere Beobachtungs* und Behand* 
lungszeit Klarheit schaffen." R. Sterba (Wien) 



ROTHSCHILD, F. S.: Symbolik des Hirnbaues. Erscheinungswissenschaftliche Unter* 
suchungen über den Bau und die Funktionen des Zentralnervensystems der Wirbel* 
tiere und des Menschen. Karger, Berlin 1935, VI und 357 S. 

Die Bedeutung des Buches liegt darin, daß der Verfasser die Lehre von Klag es auf 
die Hirnanatomie anzuwenden trachtet. Wir finden daher als Grundlage die K 1 a g e s sehe 
Einteilung in Leib, Seele und Geist. Es ist bekannt, daß Klag es den Geist als Widert« 
sacher der Seele ansieht. Der Geist ist lebensstörend. Geistige Akte sind zeitlich unausge* 
dehnt, während das Erleben zeitlich stetig ist. Nach R. spiegelt der Bau des Zentralnerven>* 
Systems im ganzen wie im einzelnen die von den betreffenden Zentren vermittelten Körper* 
erlebnisse wider. Das Zentralnervensystem ist ein naturgewachsenes Symbol des Erlebens. 
Die Nervenzelle ist im vielzelligen Organismus der Vertreter der Einheitlichkeit des Er* 
lebens. Die Gliederung der Ganglienzelle in Dendriten, Zelleib und Neuriten muß mit dem 
Mysterium von Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt verglichen werden. Die soma* 
tisch motorischen Wurzelfassern verlassen das Rückenmark in der Ventralrichtung. Der 
Sinn dieser Erscheinung ist: „Die elementare triebhafte Spannung, aus der die animalen 
Bewegungen hervorgehen, ist von der Bauchseite her auf die Umwelt gerichtet." Ähnliche 
Deutungen werden für alle anatomischen Strukturen gegeben. Die Struktur der Klein* 
hirnrinde ist ein Sinnbild eines „indirekten" Empfindungsvorgangs. Der Verfasser geht 
mit seinen Erklärungen sehr ins Detail: „Dem Empfindungsvorgang im strengen Sinn, 
dem Erlebnis der Widerstandsnatur der körperlichen Wirklichkeit, gehören die Parallel* 



158 Referate 



fasern zu, der Zugkraft der Bilder entsprechen die Kletterfasern." Es ist nicht möglich, 
den weit gespannten Ausführungen des Verfassers im einzelnen zu folgen; vermerkt sei 
lediglich, daß nach ihm Bewußtseins* und Willensvermögen auf einem eigentümlichen 
innerlichen Spannungs* und Einstellungsablauf in den statischen und kinetischen Zentren 
der Haut von Oblongata, Brücke und Mittelhirn beruhen. Der Verfasser benützt sorg* 
fältig die wichtigen neueren Errungenschaften der Hirnphysiologie. Er fügt seine Deu* 
rungen mit jener Diktatorengeste hinzu, die dem Schüler von Klag es und der Ersehet» 
cnungswissenschafter gemäß ist. Da er lediglich „schaut" und nicht genötigt ist, den Regeln 
empirischer Forschung zu folgen, ist es nicht möglich, ihn zu widerlegen. Psychoanalyse 
will und kann nicht von der Erfahrung abgehen. Sie glaubt, daß regelmäßige Folge die 
Erwartung rechtfertigt, daß das erste Glied der Reihe vom nächsten gefolgt sein wird, und 
ist bereit, die Folge nicht mehr als regelmäßig anzusehen, wenn diese Erwartung ent* 
täuscht wird. Dies ist empirische Forschung und nach Ansicht des Ref. die einzige, die 
auf den Namen Forschung Anspruch machen kann. Wir verhalten uns wie die Hunde 
P a w 1 o w s. Wir handeln (sezernieren Speichel) auf das Signal hin, wenn das Signal 
bisher vom elektrischen Schock (oder dem Futter) gefolgt war. Wir betrachten das Signal 
nicht mehr als Signal, wenn wir zu oft enttäuscht wurden. Der Referent glaubt nicht an 
unkontrollierte Erscheinungswissenschaft, ist nicht der Ansicht, daß die Philosophie von 
K 1 a g e s irgendwie näher an die Tatsachen heranführt, und sieht in dem im übrigen sorg« 
fältigen Buch von R. lediglich einen neuen Beweis für die Unfruchtbarkeit der „Erschein 
nungswissenschaft". P. Schilder (New York) 

SCHULTZ, I. H. : Neurose, Lebensnot, ärztliche Pflicht. Klinische Vorlesungen über 
Psychotherapie für Ärzte und Studierende. Thieme Verlag, Leipzig 1936. 

Die Neurosen sind der Grund so schwerer Lebensnot, daß ihre Behandlung zu einer 
ärztlichen Pflicht geworden ist. Das Neurosenproblem muß von einem „ganzheitlichen, 
universell*biologischen, das Seelische als biologische Höchstfunktion einschließenden" 
Standpunkt aus betrachtet werden. Psychotherapie bleibt an ihre biologischen Grundlagen 
gebunden, sie ist eine ärztliche Arbeit und mehr als das, eine ärztliche Pflicht. 
Die vorliegende Arbeit, zusammengestellt aus Aufsätzen, die bereits in der Deutschen 
Med. Wochenschrift erschienen sind, sollen einerseits das grundlegende empirische Mate* 
rial der Neurosenlehre vermitteln, anderseits zur allgemeinen Psychologisierung ärztlicher 
Tätigkeit beitragen. Eine Neurose ist eine Funktionsstörung im gesamten lebendigen Orga* 
»ismus. Ihre Erkenntnis und Behandlung ist gebunden an die Kenntnis von den see* 
lischen Lebens Vorgängen und ihren Gesetzen. Überall wo lebendige Funktion am Werke 
ist, muß auch eine Bedingtheit durch den psychischen Faktor angenommen werden. Ent* 
scheidend ist immer die Frage, ob die Funktion oder der Bestand des Organismus gefährdet 
ist. Psychotherapie ist Krankenbehandlung durch seelische Beeinflussung. Die Einteilung 
der Neurosen „nach dem psychologischen Hauptquellgebiet in Fremd*, Rand*, Schicht* 
und Kernneurosen" erlaubt eine „organismische" Erfassung des Patienten und eine zweck* 
mäßige Behandlung. Psychoanalyse und Individualpsychologie werden als „spezielle 
Systeme der Neurosenlehre" sehr kurz abgehandelt. Sechs grundlegende Probleme werden 
aufgezählt, deren Lösung der Neurotiker auf falsche, nämlich neurotische Weise ver* 
sucht: die physische Euphorie mit dem Ziel der Gesundheit, störungsfreie Betätigung in 
Leistung und Genuß mit dem Ziel des Glücks, Gemeinschaftsentscheidung mit dem Ziel 
der Sicherung, Todessicherheit mit dem Ziel der Weltanschauung, Erkenntnis, Bewertung 
und Entscheidung des eigenen Ichs durch Selbständigkeit und Freiheit, lebendiges oder 
geistiges Produktivsein durch Selbstverwirklichung. In bewährtem Eklektizismus werden 
zum Schluß alle psychotherapeutischen Möglichkeiten nebeneinander gestellt. 

M. G r o t j a h n (Topeka, Kansas) 



Referate 



159 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

BÄLINT, MICHAEL: A Contribution on Fetishism. Int. Journal of PsA., XIV, 4. 

Der Fetisch bedeutet zwar immer, wie Freud gezeigt hat, den „Penis der Frau". Es 
gibt aber auch andere Bedeutungen, die typisch scheinen. Männliche Fetischisten pflegen 
als Fetisch Hohlkörper zu wählen, in die sie Körperteile oder Penissymbole einführen 
wollen: der Fetisch stellt also auch die Vagina (der Mutter) dar. Ferner ist bei Fetischisten 
der Drang, das Liebesobjekt allein besitzen zu wollen, besonders stark entwickelt; der 
Fetisch ist meist ein an sich wertloses Objekt, das erst durch die fetischistische Ein* 
Schätzung ungeheuer erhoben wird; oft ist sein Geruch die Hauptsache; lauter Eigen» 
schatten, die auf eine anale (Fäzes) Bedeutung des typischen Fetisch hindeuten. Wahr* 
scheinlich stammt diese aus einer Zeit, da Genitalien und Leibesinhalt noch verdichtet 
waren, und in der die von Melanie Klein hervorgehobenen „Attacken auf den Mutter* 
leibsinhalt" phantasiert wurden, wobei dieser vom mütterlichen Genitale noch nicht 
differenziert war. Kleptomanie und Transvestitismus sind mit dem Fetischismus verwandt. 

O. Fenichel (Prag) 

CHRISTOFFEL, H.: Exhibitionism and Exhibitionists. Int. Journal of PsA., XVII/3. 

Der Autor versucht, eine ausführliche Psychologie des männlichen Exhibitionismus, 
insbesondere seiner prägenitalen Unterbauung zu geben. Ihm ist das exhibitionistische 
Verhalten nicht identisch mit dem Exhibitionismus als Partialtrieb der Sexualität, sondern 
eine allgemeine Verhaltungsweise, zusammenhängend mit dem „Mitteilungsdrang", zwar 
sexuell, aber nicht nur vom Eros, sondern auch vom Todestrieb gespeist. Der Exhibitionist 
brauche zwar ein Objekt, es sei ihm aber die Hauptsache, was er selbst dabei erlebt, das 
narzißtisch*passive Element überwiege; es fehle an Oblativität, es überwiege Kaptativität. 
Libidinöse frühinfantile Formen des Exhibitionismus müsse man von den von ihm unter* 
suchten, die im Erwachsenenalter auftreten und mit Aggression, Schuldgefühlen und Angst 
durchsetzt sind, unterscheiden, diese könne man „Exhibitionismus sollicitus", jene „Ex* 
hibitionismus sollicitans" nennen. Jeder Exhibitionist sei auch Voyeur, diese Schaulust 
habe regelmäßig eine orale Basis, die zugrundeliegende Angst sei die Angst vor dem Ge* 
fressenwerden. Das „Wegbleiben" der Kinder, mit dem sie Wartung und Aufmerksamkeit 
erpressen, die sie lebensnotwendig brauchen, sei ein Vorläufer des Exhibitionismus. Ferner 
auch das Stottern; in der Anamnese der Exhibitionisten lasse sich oft Stottern nachweisen, 
man denke an Demosthenes. Man könne die Exhibitionismen in einer Reihe ordnen, die 
von rein neurotischen zu rein perversen Formen gehe. Die exhibitionistischen Erschei* 
nungen könnten von explosiven Durchbrüchen über subchronische Formen bis zu Cha* 
rakterhaltungen, bezw. Volksgebräuchen, exhibitionistischen Maskeraden, Modevor* 
Schriften u. dgl. gehen. Beim Stotterer sei nicht der Exhibitionismus, sondern nur das Ver* 
gnügen daran gehemmt. Wie beim Stotterer, so sei auch beim Exhibitionisten nicht nur 
der Trieb prägenital, sondern auch das triebverbietende Über*Ich archaisch. Die gesteigerte 
Analität des Stotterers bringt dann den Autor zum Problem der analen Exhibition. Er 
stimmt in diesem Zusammenhang der Depressionstheorie von B e r g 1 e r und E i d e 1* 
b e r g zu, und macht auf die Oxfordgruppe mit ihrem anal gefärbten Massenexhibitionismus 
aufmerksam. Man müsse aber nicht nur bei analem, sondern auch bei männlich*genitalem 
Exhibitionismus die prägenitalen Elemente, die dabei beteiligt sind, sehr hoch einschätzen. 
Exhibitionisten seien immer genital gehemmt und haben hinter manifester Passivität einen 
aktiven Oralsadismus verborgen. Die gesteigerte Oralität der Exhibitionisten sei übrigens 
auch schon präanalytischen Autoren aufgefallen. Ihre Angst sei der Angst der Klaustro* 
phobie verwandt. Oft seien sie besonders schamvoll gegenüber Angehörigen des eigenen 
Geschlechtes und besonders intolerant gegenüber anderen Exhibitionisten. Es seien meist 



160 



Referate 



Personen mit einem sehr starken unbefriedigten Ehrgeiz. Als Kinder waren sie meist 
nicht mehr exhibitionistisch als normal, als Perversion breche der Exhibitionismus erst 
nach der Pubertät aus, und zwar sei er, da die Patienten vorher dem anderen Geschlecht 
gegenüber relativ ungehemmt waren, ein regressives postpuberiles Phänomen; die Hyper* 
trophie des Partialtriebes Exhibitionismus sei sekundär. Der exhibitionistische Akt sei 
Ansturm und Hemmung des Ansturms zugleich. Das Vorgehen des Exhibitionisten habe 
mehr Ähnlichkeit mit dem saugenwollenden Säugling als mit dem den Sexualverkehr an* 
strebenden Mann; allerdings sei die orale Sehnsucht durch die auch vorhandene, nur ge* 
hemmte phallische Sexualität modifiziert. Daß die Patienten oft mehr apotropäische Be* 
ruhigung suchen als direkte Lust, ist für den Autor ein Beweis für die Beteiligung des 
Todestriebes. Als Motiv für die relative Regression zur Oralität seien oft Menstruations* 
erfahrungen aufzudecken. Häufig sei die Oralität an sich gar nicht so besonders intensiv, 
sondern sie sei bloß als Faktor der Ich*Entwicklung nicht genügend benutzt; die orale 
Versagung erfolgte nicht so sehr primär durch die Mutter, als vielmehr später und intellek* 
tuell durch den Vater. O. Fenichel (Prag) 

FAIRBAIRN, W. R. D.: The Effect of the King's Death upon Patients under Analysis. 
Int. Journal of PsA, XVII ß. 

Verschiedene Patienten zogen das Ereignis des Königstodes in Zusammenhänge ihrer 
Triebkonflikte hinein. In allen besprochenen Fällen waren diese Triebkonflikte oral* 
sadistischer Natur und ihre Deutung durch den Autor erfolgte entsprechend den An* 
nahmen von Melanie Klein über die um äußere und einverleibte (gute und böse) Objekte 
ständig tobenden Zerstörungs* und Wiedergutmachungstendenzen. Dem ersten Patienten, 
der auf die Nachricht von der Verschlimmerung im Befinden des Königs mit Angstan* 
fällen reagiert hatte, bedeutete das Ereignis in oberflächlicher Schicht eine Befriedigung 
seiner Ödipuswünsche, in tiefer eine Mobilisierung oralsadistischer Konflikte um das intro* 
jizierte Objekt. Für den zweiten Patienten war es die Erfüllung (oraler und urethraler) 
sadistischer Wünsche gegen den Vater, deretwegen er dann Vergeltungsängste vor In* 
trojekten und magische Versuche zur Widergutmachung entwickelte. Einer dritten psychose* 
nahen Patientin, die auf äußere Anlässe mit Depressionen zu reagieren pflegte, wurde 
auch der Tod des Königs zu einem solchen Anlaß. Die Introjektion war hier nach An* 
sieht des Autors weniger Vollzug eines sadistischen Zerstörungsaktes, auch nicht so sehr 
Versuch zur Rettung eines Objektes vor der Zerstörung, als vielmehr ein nach vollzogener 
Zerstörung ins Werk gesetzter Mechanismus zur Ableitung mobilisierter Sadismusquanti* 
täten. O. F e n i c h e 1 (Prag) 

GROSS, ALFRED: The Psychic Effects of Toxic and Toxoid Substances. Int. Journal of 
PsA., XVI, 4. 

Gross geht davon aus, daß die Erforschung der psychischen Wirkungsweise toxischer 
und — wie er es mit Recht nennt — toxoider Substanzen bisher zu einseitig vom Stande 
punkt der Sucht aus vor sich gegangen sei, die ja nur eine von vielen solcher Wirkungsweisen 
ist. Die Wirkungen sind äußerst verschieden und unübersichtlich, abhängig von den 
Mannigfaltigkeiten der Substanzen, der Dosierung, der psychischen Strukturen, auf die 
die Substanzen einwirken, der Verschiedenheiten der Reaktionsweisen einzelner psychischer 
Strukturen und der Applizierungsarten. Das Gemeinsame ist immer: daß ein psychischer 
Prozeß entweder in Gang gesetzt oder aufgehalten, beschleunigt oder gehemmt wird. Dieser 
„primäre toxische Prozeß" ist dem Lustprinzip gegenüber an sich neutral, so wie Sonnen* 
strahlen oder andere äußere Einflüsse auch nicht an sich lust* oder unlustvoll sind. Die 
Analytiker, die sich mit der Ätiologie des vom Lustprinzip selbstverständlich abhängigen 
Wunsches nach Einverleibung beschäftigten, übersahen, daß diese Ätiologie nicht mehr 






Referate 



161 



paßt für die Frage nach dem primären Prozeß bei der toxischen Einflußnahme. Die 
Eigenheiten dieses „primären Prozesses" konnten deshalb leicht übersehen werden, weil 
dxeser zwischen zw« andere auffallendere Prozesse eingeschaltet ist, nämlich dem Wunsch 
nach Einverleibung und der Beurteilung der Giftwirkung. Er selbst aber bringe nicht an 
sich Lust und vermeide nicht Unlust sondern bringe nur eine energetische Veränderung 
im psychischen Haushalt mit sich, indem gebundene Energie frei, freie gebunden oder ge* 
bundene an eine andere Stelle verschoben wird. Die Quantität dieser beeinflußten psycL 
sehen Energien ist nicht proportional der Quantität der mit der toxischen Substanz neu 
eingeführten Energien, da diese durch Mobilisierung anderer schon vorher bereiter Energie, 
quanten wirkt. 6 

Gegen diese Überlegungen melden sich zwei Einwände, deren einen nun Gross selbst 
diskutiert: Energieverschiebungen innerhalb des psychischen Apparates leitet jede andere 
äußere Einflußnahme auf ihn ebenfalls ein; das ist nichts Spezifisches für toxische Sub* 
stanzen. Gross meint, die sei zwar richtig, aber kein Einwand, denn eben diese Eigen* 
schaft, die nicht spezifisch ist, sei bei der Giftwirkung bisher überall zu wenig beachtet 
worden, sonst hätte man sich über die große Variationsbreite der Reaktionen auf gleiche 
Giftsubstanzen und *mengen nicht so gewundert und hätte die Fragen nach der 
Motivation der Giftzufuhr und die nach Giftwirkung nicht so durcheinander ge* 
worfen. Der zweite Einwand, der keine Beachtung findet, würde die Probleme 
der Beziehungen von „energetischer Umsetzung im psychischen Apparat" und „Entstehung 
von Lust und Unlust" überhaupt aufwerfen. Wir meinen ja, daß es eben bestimmte Energie* 
ablaufe (Entspannungen) sind, die subjektiv als Lust, andere (Spannungserhöhungen), die 
subjektiv als Unlust erlebt werden. Deshalb ist es nicht ganz klar, was Gross eigene 
lieh meint, wenn er sagt, die primäre Giftwirkung hätte „nichts" mit dem Lustprinzip „zu 
tun". Hat die Sonnenstrahlwirkung auf die Psyche, die Gross mit Recht zum Vergleich 
heranzieht^ denn „nichts mit dem Lustprinzip zu tun", oder ist es nicht vielmehr so, daß 
ihr Einfluß, je nach den Umständen, immer als Lust oder Unlust erlebt wird, was dann 
entscheidend dafür ist, ob und wie in Zukunft Sonnenbestrahlung aufgesucht oder ver* 
mieden wird? 

Gross erörtert sodann noch einige praktische Fragen. Aus der Erkenntnis, daß die 
Giftzufuhr nur schon bereithegende psychische Energiemengen mobilisiert, ergibt sich, daß 
bloße Entziehung ohne Behandlung des Einverleibungswunsches keine Therapie der Sucht 
ist. Bei der Erörterung des Problems, warum beim Süchtigen so bald der gewünschte Effekt 
trotz Steigerung der Dosis sich nicht mehr einstellt und die „pharmakotoxische Impotenz" 
(Rado) eintritt, hätte Rados Arbeit mehr herangezogen werden können; die Erklärung 
von Gross, die aufgestaute Energie wäre durch die künstliche pharmakotoxisch bedingte 
Abfuhr rasch aufgebraucht, so daß weitere Giftzufuhren nichts mehr abführen und des* 
halb keinen Effekt haben können, scheint insuffizient. (Warum bestünde dann überhaupt 
so intensive Abfuhrsehnsucht, — da doch bekanntlich etwa beim Sexualtrieb nach er* 
folgten Abfuhr im Orgasmus die Erregbarkeit passager schwindet?) 

O. Fenichel (Prag) 

ISAACS, SUSAN: „Bad Habits". Int. Journal of PsA., XVI, 4. 

„Schlechte Gewohnheiten" nennt I s a a c s wiederholte Aktionen, die von Kindern ohne 
äußere Anregung entweder am eigenen Körper oder mit bestimmten äußeren Objekten vor* 
genommen werden. Lutschen und genitale Masturbation sind die häufigsten; es gibt aber 
auch zahlreiche andere, für die uns eindrucksvolle klinische Beispiele gegeben werden. Wir 
pflegen sonst solche Erscheinungen in erster Linie als autoerotische Handlungen anzu* 
sehen, d. h. als Gewohnheiten, die um des direkten erogenen Lustgewinns willen ausge* 
führt werden, wobei allerdings selbstverständlich ist, daß die Frage, warum gerade die 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXHI/1 11 



eine Betätigung beibehalten wird, entweder durch besondere Befriedigungen, die an dieser 
Zone gewonnen wurden, oder durch Angst, die durch Rückgreifen auf diese Zone wider* 
legt in Schach gehalten oder vermieden werden soll, oder durch Versagungen in den 
Obj'ektbeziehungen, die zur Fortsetzung der Autoerotik zwingen, oder durch Kombinat 
tionen dieser Umstände analytisch beantwortet werden muß. Miß I s a a c s aber scheint 
die primäre Autoerotik nicht hoch einzuschätzen, dagegen die archaischen Objektphantasien 
und vor allem das Bestreben zur Meisterung der archaischen Angst für den wichtigsten 
Faktor zu halten. Wir wollen diese Momente gewiß weder leugnen noch unterschätzen. Für 
manche Fälle weist Isaacs sie eindeutig nach (Körperteile repräsentieren introjizierte Ob* 
jekte). Gelten sie aber auch immer für die genitale Onanie, die ja doch meist die einzige Art 
und Weise ist, in der Kindern unseres Kulturkreises Reizung und Befriedigung der erogenen 
Zone des Genitales möglich ist, gelten sie auch für die ersten sechs Lebensmonate, in denen, 
wie Isaacs hervorhebt, die typischen „schlechten Gewohnheiten" schon vorkommen? — 
Als Einteilungsprinzip der schlechten Gewohnheiten schlägt Isaacs den relativen Grad 
des in der Gewohnheit zum Ausdruck kommenden Sadismus vor. Das „Schaukeln" mit 
dem Kopf oder dem ganzen Körper hält I s a a c s f ür eine Identifizierung mit den Eltern, 
die das Kind im (prägenital perzipierten) Koitus gesehen hat. 

O. Fenichel (Prag) 

LEVY, DAVID M.: A Note on Pecking in Chickens. Psa. Quarterly, IV, 4. 

Küchlein, die in Hühnerfarmen in Drahtnetzen aufgezogen werden, wo ihnen das Futter 
nur im Trog gereicht wird, so daß sie keine Gelegenheit haben, Körner vom Boden aufzu* 
picken, pflegen sich gegenseitig die Federn auszupicken. Levy erklärt dies als eine artifi* 
zielle Trennung des PicMnstinkts von der Nahrungsaufnahme, und meint, daß auch bei 
Kindern in analoger Weise Mangel an Sauggelegenheit orakerotische Spannungen er* 
zeugt, indem der Saugtrieb, der bei der Nahrungsaufnahme nicht genügend befriedigt 
wird, nunmehr vom Nahrungstrieb gesondert auftritt. O. Fenichel (Prag) 

MENNINGER, KARL: Unconscious Values in Certain Consistent Mispronounciations. 

Psa., Quarterly, IV, 4. 

Gewohnheitsmäßige und gelegentliche Falschbetonungen eines Wortes können ebenso 
wie ein Versprechen vom Unbewußten her determiniert sein. Die Analyse des Umstandes, 
daß eine Patientin das Wörtchen „soon" wie „son" aussprach, erleichterte dem Autor, 
wie er eindrucksvoll schildert, d,as Verständnis der Struktur des ganzen Falles. 

O. Fenichel (Prag) 

SCHMIDEBERG, MELLITA: „Bad Habits" in Childhood. Their Importance in Deve» 

lopment. Int. Journal of PsA., XVI, 4. 

Schmideberg hat über „schlechte Gewohnheiten" die gleiche theoretische Auffas* 
sung wie Miß Isaacs 1 und bringt sie in ihrer mehr theoretisch orientierten Arbeit noch 
deutlicher zum Ausdruck. Auch hier fällt die relative Geringschätzung der primären ero* 
genen Lust am meisten auf. Manche der für gewisse Gewohnheiten als typisch angegebenen 
archaischen Objektphantasien und längste erscheinen beachtenswert: Ankleiden kann für 
Kinder mit gefürchteten Introjektionsphantasien (Kleid = einzuverleibendes Objekt) ver* 
bunden sein, Entkleiden mit Phantasien von Beraubungen, die den eigenen Körper be* 
drohen, Einschlaf* und Klosettgewohnheiten können einer Angst vor im Bett und bei 
der Defäkation drohenden äußeren Attacken (Projektionen eigener Aggression) ent* 
stammen; Türzuschlagen und anderes Lärmmachen kann Ersatz für ursprüngliches Schreien 



i) Vgl. das Referat auf S. 161 f dieser Nummer der Zeitschrift. 



Referate 



163 



(Angst) oder Urinieren sein; andere schlechte Gewohnheiten haben schon ganz denselben 
Charakter wie Perversionen bei Erwachsenen, d. h. vereinen eine magische Angstleugnung 
mit erogenem Lustgewinn; im Nägelbeißen sind Es* und Übersieh* Ansprüche besonders 
deutlich gleichzeitig ausgedrückt; eigene Körperteile können „böse" oder „gute" introjizierte 
Objekte repräsentieren, die gegeneinander kämpfen, zerstört oder wiederhergestellt werden 
sollen. Daß auch Masturbation und (beim Erwachsenen) Sexualverkehr der Erledigung 
prägenitaler und narzißtischer Bedürfnisse aller Art dienen können, ist sicher. (Sie 
sind dann oft in charakteristischer Weise gestört, so wie auch sonst Funktionen, in denen, 
andere unbewußte Konflikte durch Verschiebung ihren Ausdruck finden, gestört sind). 
Eine solche Mitverwendung ist aber denn doch neben dem eigentlichen Ziel der sexuellen 
Befriedigung ungebührlich in den Vordergrund geschoben, wenn Schmideberg 
schreibt: „Normales sexuelles Vorgehen scheint ein spezifisches Heilmittel für psychotische 
Angst beim Normalen zu sein". O. Fenichel (Prag) 

WILSON, GEORG W.: The Analysis of a Transitory Conversion Symptom Simulating 
Pertussis. Int. Journal of PsA., XVI, 4. 

Ein im wesentlichen psychogen bedingter Husten eines Patienten mit Nachtwandeln, 
Angst und Impotenz erwies sich als außerordentlich überdeterminiert und als verdichteter 
Ausdruck für alle in der Neurose wichtigen Triebe und Triebabwehren. Ausgelöst war 
er durch den Ratschlag des Analytikers, der Patient möge einen Urlaub nicht mit seiner 
Mutter verbringen. Dies veranlaßte den Patienten einerseits, seine rezeptive Sehnsucht 
nach der Mutter unbewußt zu steigern (Kranksein), anderseits sich feindselig mit dem 
Analytiker, der gerade hustete, zu identifizieren. In tiefer Schicht fanden im Symptom eine 
Zurückweisung der Männlichkeit und eine Identifizierung mit der Mutter, sowie ver* 
schiedene prägenitale Triebwünsche Ausdruck. O. Fenichel (Prag) 



11* 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



I. Bericht über den XIV. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß 

Der XIV. Internationale Psychoanalytische Kongreß fand in der Zeit zwischen dem 
2. und 8. August 1936 in Marienbad unter dem Vorsitz von Dr. Emest Jones statt. An* 
wesend waren 198 Personen, 111 Mitglieder und 87 Gäste. Die lokalen Vorbereitungen 
für den Kongreß wurden durch ein Komitee aus Mitgliedern der Wiener Psychoanaly* 
tischen Vereinigung und der ihr angegliederten tschechoslowakischen Gruppe durchgeführt. 

Eröffnung des Kongresses 

Der Präsident Dr. Ernest Jones eröffnet den Kongreß Montag, den 3. August, 9 Uhr 
vormittag, mit folgender Ansprache: 

Wir sind heute im Begriffe, ein neuartiges Wagnis auf uns zu nehmen. Es ist das erste* 
mal, daß die Internationale Psychoanalytische Vereinigung ihr Treffen in einem Lande ver* 
anstaltet, in dem sich weder ein psychoanalytisches Institut noch eine eigene Zweigvereini* 
gung befinden. Wir begeben uns auf nahezu unerforschten Boden, wenn auch auf einen, der 
fruchtbar zu werden verspricht. Ich sage „nahezu unerforscht", da wir ja hier vor einigen 
Jahren in wenigen vereinzelten Analytikern bereits Vorläufer hatten. Der erste, der sich 
meines Wissens in Prag niederließ, war der verstorbene Dr. O s s i p o w, der Rußland 
nach der Revolution verlassen hatte und hier von 1923 bis zu seinem vor wenigen Jahren 
erfolgten Tod seine Praxis ausübte. Der erste tschechische Arzt, der — seit 1928 — die 
Psychoanalyse betreibt, war Dr. W i n d h o 1 z. Dann wurde vor etwa drei Jahren unter 
der Leitung von Frau D e r i, die mittlerweile im Vorjahr nach Amerika übersiedelte, eine 
Arbeitsgemeinschaft gegründet, die wir der Wiener Zweigvereinigung anschlössen. Sie wurde 
kürzlich verstärkt durch den Beitritt eines unserer wertvollsten Mitglieder — ich meine 
Dr. F e n i c h e 1. 

Der Grund, weshalb ich der Psychoanalyse in der Tschechoslowakei eine aussichtsreiche 
Zukunft zu prophezeien wage, ist ein sehr einfacher. Er hegt darin, daß die Tschecho* 
Slowakei einer der wenigen Staaten in Europa ist, in denen die notwendigsten Voraus* 
Setzungen für den wissenschaftlichen Fortschritt nach wie vor gegeben sind. Ich meine 
damit natürlich eine soziale Ordnung, die unter ihren Attributen auch das unschätzbare 
der unbehinderten Denkfreiheit führt. An die zu neuem Leben erwachten Überliefe* 
rungen des 14. und 15. Jahrhunderts anknüpfend, steht die Tschechoslowakei gleich einer 
Insel der Freiheit inmitten von Ländern, deren Bürger der Zensur und den Weisungen un* 
umschränkter Machthaber unterworfen sind. Eine neue Wissenschaft wie die Psychoana* 
lyse bedarf mehr als irgendeine andere dieser wesentlichen Bedingung der Freiheit, um 



Korrespondenzblatt 



165 



wachsen und gedeihen zu können. Die Interessen der Psychoanalyse in Osteuropa sind 
daher eng mit dem Bestand des freien Staates der Tschechoslowakei und der weisen Tok* 
ranz, die von seinem gegenwärtigen Regime geübt wird, verknüpft. 

Wir haben aber auch einen noch persönlicheren Grund, den tschechoslowakischen Staat 
mit Liebe zu betrachten. Es war eine kleine Stadt Mährens, Freiberg, in der der Begründer 
der Psychoanalyse das Licht der Welt erblickte. Die ersten Eindrücke, die er dort empfing, 
müssen mit entscheidend dafür gewesen sein, seinen Geist zu seiner späteren schöpferischen 
Höhe hin zu entwickeln. In einem wahrhaft psychoanalytischen Sinne mag es deshalb 
richtig sein, zu sagen, daß die Psychoanalyse in Mähren geboren wurde. Zu jener Zeit 
war Mähren nicht das mächtige Reich von einst, aus dem sich das noch mächtigere Böhi* 
mische Reich des Mittelalters entwickelte, sondern bloß eine Provinz Österreichs. Seither 
nahm es seinen Platz an der Seite seiner Schwesterländer Böhmen und Slowakei ein, aber 
die rassischen und nationalen Beweggründe, die zur Trennung von Österreich führten, 
ließen doch viele der kulturellen Bande zwischen den beiden Ländern bestehen. Wenn wir 
heute hierher kommen, um diesem Land Gaben der Erkenntnis zu vermitteln, so festigen 
wir nicht nur diese Bande, sondern bringen auch die Gaben zurück, die ursprünglich aus 
diesem Boden erwachsen sind. 

Seit dem letzten Kongreß sind einige wichtige Ereignisse eingetreten, die die psychoana* 
lytische Bewegung zutiefst berührt haben. Unter ihnen möchte ich eines der bedauere 
lichsten und eines der erfreulichsten erwähnen. Die wohlbekannten Schwierigkeiten, mit 
denen die Analytiker in Deutschland zu kämpfen haben, haben sich eher vermehrt als 
vermindert, obwohl man andererseits vielleicht sagen darf, daß heute in gewisser Hin* 
sieht weniger Grund zur Besorgnis besteht als vor zwei Jahren. Ihre Zusammenarbeit 
wurde auf politische Weisung hin eingeschränkt, indem ihnen die Kollegen, mit denen 
sie zu wissenschaftlichen Zwecken verkehren dürfen, vorgeschrieben wurden. Zu Weih* 
nachten vorigen Jahres fanden es die jüdischen Mitglieder der Deutschen Gesellschaft 
für notwendig, ihre Mitgliedschaft zurückzulegen. Von dem mir durch den Luzerner 
Kongreß verliehenen Privileg Gebrauch machend, habe ich allen jenen, die darum er* 
suchten, die direkte Mitgliedschaft bei der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 
zuerkannt. Die Emigration aus Deutschland nahm natürlich ihren Fortgang, doch gelang 
es uns trotz der relativ großen Zahl der Betroffenen, für die überwiegende Mehrzahl der 
Ausgewanderten entsprechende Arbeitsgelegenheiten zu schaffen. Der gleiche Eingriff hat 
auch die Tätigkeit des Verlages ernstlich beeinträchtigt und rief die bedenklichste Krise in 
der an Zwischenfällen ohnedies reichen Verlagsgeschichte hervor. Eine unverzügliche 
und konsequente Aktion unsererseits — vor allem von Seiten Dr. Martin Freuds — 
hat den Schlag pariert und die letzten diesbezüglichen Nachrichten lauten weit günstiger, 
als es noch vor wenigen Wochen den Anschein hatte. Es ist nicht das erstemal, daß die 
Situation des Verlages uns zu tiefer Besorgnis Anlaß bot. An anderer Stelle werden Ihnen 
Vorschläge zur Wiederbelebung der internationalen Verwendbarkeit dieser lebenswich* 
tigen Institution unterbreitet werden, denen, wie ich glaube, Ihre freudige Unterstützung 
sicher sein wird. 

Ich wende mich nun einem erfreulicheren Bild zu. In diesem Jahre feierte unser vae 
ehrter Lehrer, Professor Freud, seinen achtzigsten Geburtstag. Um es genauer zu sagen: 
die übrige Welt feierte ihn. Weder die Autorität Prof. Freuds noch die Rücksicht auf 
seine zurückgezogene Natur, konnte der Flut von Gratulationen und Glückwunschadressen 
Einhalt gebieten, die aus aller Welt — aus Amerika, aus Indien und von den fernsten 
Antipoden — einliefen. Es ist für uns eine Quelle tiefster Freude, den Jubilar in voller 
Aktivität an den Fortschritten des von ihm vor vielen Jahren so mutig begonnienen 
Werkes teilhaben zu sehen. Der 5. Mai, der Vorabend seines Geburtstages, war ein günstig 
gewählter Augenblick für ein wichtiges Ereignis. An jenem Tage hatte ich die Ehre, diei 



neuen Räume zu eröffnen, in denen die Wiener Vereinigung, das Wiener Ambulatorium 
und — ich darf wohl sagen, vor allem — der Internationale Verlag harmonisch mit* 
einander hausen. Daß diese Institutionen endlich ein dauerndes Heim gefunden haben 
und daß die Wiener Vereinigung, die Mutter aller psychoanalytischen Gesellschaften, 
nach nahezu dreißig Jahren des Wanderns an ihre Geburtsstätte, in die weltberühmte Berg* 
gasse zurückgekehrt ist, ist nicht nur ein Anlaß zur Gratulation, sondern einer zur Be* 
geisterung für die ganze psychoanalytische Bewegung. Aus vollem Herzen rufen wir: Die 
Wiener Vereinigung — sie lebe hoch! 

Ich kann ferner die Tatsache verzeichnen, daß die langwierigen und schmerzlichen 
Geburtswehen der American Federation of Psychoanalytical Societies in erfolgreichen 
Bemühungen ihren Ausklang fanden. In der Geschäftssitzung werden wir Sie bitten, dem 
Sprößling Ihre Genehmigung zu erteilen, und werden ihm alle ein langes und tatenreiches 
Leben wünschen. 

Es ist nun meine angenehme Pflicht, Sie auf dem XIV Kongreß der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung willkommen zu heißen und Sie einzuladen, die Annehm* 
lichkeiten zu genießen, für die das lokale Empfangskomitee in so großzügiger Weise 
gesorgt hat. 



Erste wissenschaftliche Sitzung 

Montag, den 3. August, 9 Uhr 
Vorsitzender: Dr. Max Eitingon, Jerusalem 

1) Paul Federn: Die „leitungslose" Funktion des Gehirns. Eine Frage 
der Psychologie an die Hirnphysiologie. 

Die psychoanalytische Psychologie ist bereits soweit vorgeschritten und hat sich so sehr 
von der früheren Psychologie entfernt, daß sie genötigt ist, die bisherigen Annahmen über 
die Funktionsart des Gehirns daraufhin zu prüfen, ob sie auch die prinzipiell von der 
Psychoanalyse erschlossenen psychischen Leistungen erklären können. 

Die in dieser Richtung gemachten Versuche, etwa für die Verdrängung, die Projektion, 
den Zwang das Substrat organischen Geschehens zu finden, führen nicht zum Ziele, be* 
vor die Hauptfrage beantwortet ist, nämlich die nach dem Zusammenhang der psychischen 
Determiniertheit der Assoziationen mit dem Bestehen von bestimmten Leitungsbahnen 
und speziellen Zentren. Die Pawlowsche Lehre vom bedingten Reflexe wurde von 
Ischlondsky mit den psychoanalytischen Ergebnissen in Einklang gebracht; von der 
andern, vitalistischen, Seite her hat M o n a k o w seine Theorie zu diesen Problemen auf* 
gestellt. Ich bin nun von mehreren Forschungsgebieten zur Aufstellung einer Vorfrage ge* 
kommen, deren Beantwortung erst die der erwähnten Haupt* und Nebenfragen ermöglicht, 
weil sie alle Erklärungen im Sinne einer bloßen Reflexpsychologie ausschließt. Zwei meiner 
Ausgangsgebiete sind allgemein psychologisch, sie umfassen das Entstehen richtiger Wahr* 
nehmungen und die Ergebnisse der Gestaltpsychologie. Unseren Kongreß interessiert vor* 
wiegend die psychoanalytische Begründung. Sie liegt in der Fortsetzung meiner Erkenntnis, 
daß dem Ich eine einheitliche, simultane Besetzung zugrundeliegt; hingegen ist der Vorgang 
bei dem jeweiligen Eintreten wechselnder Bewußtseinsinhalte in die Ichgrenze prinzipiell 
ein anderer, dem auch biologisch ein anderes Geschehen parallel gehen muß. Der zweite 
Ausgangspunkt waren Überlegungen über das gleichzeitige Wirken von primären Pro* 
zessen beim Traume, der Fehlleistung, der Symbolik und wohl determinierter sekundärer 
Assoziationsprozesse. Ich kam mit großer Wahrscheinlichkeit zur Annahme, daß die Denk* 
arbtit nur zum Teile vorbereitete Leitungsbahnen benützt. Zum andern Teile erfolgt die 
richtige und d le fehlerhafte Auswahl der psychischen Inhalte durch leitungslos erfol* 









Korrespondenzblatt 



167 



gcnden „Aufruf" des jeweilig in determinierter Weise darauf eingestellten Engrammes, be* 
ziehungsweise durch leitungslos zustandegebrachte Bildung einer neuen oder geänderten 
Engrammgruppe. 

2)GustavBychowski: Analytische Behandlung bei Hypoglykaemie. 

Die vom Verfasser bei der Behandlung von Schizophrenien mit Insulin nach Sakel 
gemachten Erfahrungen haben zur Erhellung der komplizierten Schichtung paranoider 
Wahnsysteme viel beigetragen. Darüber hinaus haben sie gezeigt, daß diese Struktur nur 
allmählich und schrittweise zerstört werden kann. Es erhob sich da die Frage, warum die 
Hypoglykaemie mit Fortschritten in der Übertragung und Verminderung des Widerstandes, 
der vorher der Heilung Trotz bot, einhergeht. 

Nach Freud ist die Verleugnung der Realität der charakteristische Mechanismus bei 
Psychosen. Um ihn außer Kraft zu setzen, ist es erforderlich, jene psychische Instanz zu 
schwächen, die ursprünglich die Verleugnung hervorbrachte und sie seither mit solcher 
Zähigkeit verteidigt hat. Diese Instanz ist das Ich — natürlich eine spezifische Ich*Form, 
die im Dienste der Es*Tendenzen eine Wandlung erfahren hat — , ein infantiles Ich, das 
sich von der Realität abgewendet hat. Bei der Hypoglykaemie, die die Funktion ganzer 
Partien des Zentralnervensystems außer Kraft setzt, wird das Ich schwach und äußeren 
Einflüssen zugänglich. Dieses pathologisch Veränderte psychotische Ich muß nach näherer 
Prüfung ( als ein Pseudo*Über*Ich bezeichnet werden. 

Es ist nun der Versuch gemacht worden, eine Korrektur der psychischen Prozesse unter 
Hypoglykaemie zustandezubringen. Dies muß sehr vorsichtig und schrittweise in dem Zeit» 
räum ausgeführt werden, ehe das Bewußtsein erloschen ist, oder knapp nach dem Auf* 
wachen des Patienten, wenn er es wiedergewonnen hat. Die Ich*Widerstände sind äußerst 
vorsichtig anzugehen, nur ein kleiner Teil der pathologischen Mechanismen darf jeweils 
aufgedeckt werden und zugleich ist die Aussöhnung mit der Realität anzustreben. 

Das Ich ist geschwächt und gleichsam seiner Waffen beraubt durch die fortwährende 
Wiederkehr des hypoglykaemischen Zustands. Der Psychotherapeut versucht, es durch ein 
neues Ich zu ersetzen, das mit der Realität vertraut ist und sich nicht mehr von ihr ab* 
wendet. Wir müssen diesem Ich gangbare Wege zur Befriedigung weisen, die es für den 
Verlust des infantilen Größenwahns entschädigen können. Der Patient muß von allen, 
mit denen er in Berührung kommt, mit äußerster Vorsicht behandelt werden, da sein Ich 
in dem künstlich hervorgerufenen Zustand der Schwäche und Plastizität im höchsten Maße 
verletzbar ist. 



3) Imre Hermann: Zur Triebbesetzung von Ich und Über»Ich (Rolle 
des Anklammerungss und Suchtriebes). 

Überblick über zwei Partialtriebe : den Anklammerungstrieb und seinen Triebgegen* 
satz, den Trieb des „Auf*Suche*gehens". — Aggression als Verstärkung, zärtliche Liebe als 
Milderung der Anklammerung. — Angst als Wiederkehr des Anklammerungstriebes. — 
Signal nach außen und nach innen (Ich*Kind, Es*Mutter). — Suchtrieb des Ichs in primi* 
tiven Bw*Systemen (Geruchs* und Tastorientierung). — Gefühl des Verfolgtwerdens als 
Projektion des eigenen Suchens. — Zum Aufbau des Über*Ichs (Fernsein der Idealperson : 
strenges Festhalten an Prinzipien). — Übersieh als „festhaltendes" Organ wird regressiv 
vom Anklammerungstrieb besetzt (hiervon die Aggression). — Ich*Ideal hält an einem 
unerreichbaren Ziel des Suchtriebes fest. — Lostrennungsfunktionen des Ichs bei An* 
klammerungen seitens anderer Systeme. 






168 Korrespondenzblati 



4)ErnstKris: Bemerkungen über das Lachen. Ein Beitrag zur Psychoa 
logie der Mimik. 

I. Die Mimik als Ich*Funktion. Die kindliche Mimik und die Mimik der 
Erwachsenen. — Der gelungene mimische Ausdruck als Integration mimischer Einzel* 
impulse; die mimische Entgleisung als Versagen der Integration. — Die Mimik im Ich« 
Zerfall. 

II. Das Lachen und die Mimik. Ältere und neuere Anschauungen über das 
Lachen. — Das Lachen als automatischer Ablauf. — Das psychogene Zwangslachen. — 
Die rituelle Bedeutung des Lachens (Le rire sardonique nach S. Rein ach). — Lachen 
und Lächeln. — Das Lachen und die steuernde Funktion des Ichs. 

III. Ich und Es im Kampf um die mimische Leistung. Die Deutbarkeit 
des mimischen Ausdrucks und ihre Bedingungen. Der zeitliche Ablauf mimischer Vorgänge 
und das Ich. 

5) Edith Jacobsohn: Über die ÜberrfchsBildung bei der Frau. 

(Gelesen von Dr. Fenichel.) 

Zweite wissenschaftliche Sitzung 

Montag, den 3. August, 15.30 Uhr 
Vorsitzender: Dr. C. P. O b e r n d o r f , New York 

1) Lillian Rotter s Kertesz: Dynamik der Pubertät. 

Die Pubertät ist derjenige Zeitraum im Leben des Menschen, in dem sich die Ab* 
lösung des Kindes von den Eltern vollziehen soll, somit ist die Pubertät eigentlich eine 
Ablösungszeit. 

Das Kind ist in einer Konfliktsituation: der anwachsende Sexualtrieb drängt hinaus, 
nach Freiheit, Erwachsenheit, Selbständigkeit; seine relative Hilfslosigkeit dagegen klam* 
mert sich an die Mutter, Familie, ans Nest. 

Der chaotische Wirrwarr von Gegensätzen im Bilde der Pubertät läßt sich ungezwungen 
ordnen, wenn wir den Ablösungskonflikt in den Mittelpunkt unserer Beobachtung stellen, 
und alle Gegensätze lassen sich auf die beiden gegensätzlichen Wünsche — ich will groß 
sein — ich will klein bleiben — zurückführen. 

Je stärker die Mutterbindung des Kleinkindes, umso schwerer die Ablösung: 1. enfc* 
weder gar keine oder sehr verspätete Pubertät, als Folge: brave, infantile, pseudodebile 
Kinder; — 2. Pseudo*Pubertät, Nachahmung der übrigen Pubertierenden, außer Haus 
groß, zuhause klein, — zumeist überkompensierende Charaktere, als Fassade, darunter 
schwer infantiler Kern; — 3. sehr stürmische Pubertät, beide Wünsche (weglaufen — da* 
bleiben) stark: große Aggressivität, Wildheit, ev. Kriminalität, gleichzeitig oder perio* 
disch abwechselnd mit Regression auf die anale und orale Stufe, welche eben Durchbrüche 
des Kindheitswunsches darstellen. Dieser Kampf kann sich durchs ganze Leben fortsetzen; 
aus dieser Gruppe stammen die ewigen Pubertätler, Revolutionäre, Umstürzler; — 4. nor* 
maier Verlauf: Regression und Entwicklung periodisch abwechselnd, und zwar mit immer 
schwächeren Regressionen und immer größeren Fortschritten zur vollkommenen Ablösung. 

Es scheint, daß eine regelrechte Trauerarbeit um die Kindheit geleistet werden muß, 
ehe die Ablösung gelingen kann. 



Korrespondenzblatt 



169 



2) J. L a c a n: Le Stade du Miroir. 

Leitsätze nicht eingelangt. 



3) Edoardo Weiss: Zur Frühdiagnose von Psychosen bei Analy« 
sanden. 

Die Diagnose einer latenten Psychose kann bei einem Analysanden auf Grund von 
Anzeichen, Einstellungen und psychischen Abläufen gestellt werden, noch bevor Symptome 
auftauchen, die dem Psychiater als typisch für die Psychose bekannt sind. Die Wichtigkeit 
der Frühdiagnose einer latenten Psychose geht schon aus dem Umstände hervor, daß 
Psychotiker anders als Neurotiker behandelt werden müssen. Praktisch kommen vor allem 
die Paranoia und die Schizophrenie in Betracht. 

Das klinische Bild einer Neurose kann mitunter eine Psychose verdecken: da stellt die 
Neurose entweder eine manifeste Fassade oder einen Überbau der Psychose dar (sicher gibt 
es auch Mischfälle: echte neurotische Symptome bei Psychotikern und psychotische Züge 
bei Neurotikern). Zahlreiche Erfahrungen, daß mit fortschreitender Aufdeckungsarbeit die 
in solcher Weise abgebaute manifeste Neurose von einer Psychose ersetzt wird, ließen den 
A. erkennen, daß eine Psychose einem der Verdrängung analogen Prozesse unterworfen 
sein kann, wobei eben die „abgewehrte Psychose" durch ein neurotisches Zustandsbild 
ersetzt iwird. 

Bei gleichzeitigem Vorhandensein von neurotischen Erscheinungen bemächtigt sich dieser 
Symptome stets jene sekundäre Bearbeitung, die wir bei Wahnbildungen am Werke sehen, 
so wie sie sonst Momente der Außenwelt verwertet. 



4) Eduard Hitschmann: Klinische Traumstudien. 

Bedeutung der Traumdeutung. Rückständige Anerkennung der psychoanalytischen 
Traumwissenschaft; deren Ursachen. Traumbeobachtungen vom klinisch^medizinischen 
Standpunkt. Träume „von unten" (Freu d), auch „durchschaubare" (Freu d), als Be* 
weise für die Pathogenese und Diagnose bestimmter Krankheitsbilder. Traumserien. Statin 
tisch=quantitative Registrierungen von wiederkehrenden Träumen. Hungerträume bei rezep* 
tiven psychischen Tendenzen (Alexander). 

Beweisführung für die psychoanalytische Neurosenlehre aus den Träumen. Gesetzmäßig* 
keit als Grundlage der Wissenschaft. 

5) Zsigmond Pfeifer: Versuch zur Erklärung des musikalischen Ges 

nusses. 

Anknüpfend an bereits Mitgeteiltes (Musikpsychologische Probleme, Imago, Bd. IX, 
1923) wird an musikästhetischem und klinischem Material zu beweisen versucht, daß — 
entsprechend den biologischen Vorbedingungen — Musik nicht einfach einer Teiler* 
scheinung des genitalen Triebes mit direkter Verwendung im sexuellen Leben im Sinne 
Darwins, sondern einem Verweilen auf der Stufe des Narzißmus auf dem Weg zu 
genitaksexueller Objektliebe gleichzusetzen ist. Dementsprechend dominieren im musika* 
lischen Ausdruck und in dessen Elementen 1. die Funktionalität: reine funktionale, 
Symbolik, autosymbolische Erscheinungen gegenüber der Objektsymbolik anderer Künste 
— Musik als autoplastische Kunst gegenüber der anderen alloplastischen — 2. im Ton, 
in der Harmonie etc. das Hüten der narzißtischen Einheitlichkeit gegen den Zug in dar 
Richtung der Objektfindung (Versuche der Annäherung an den objektiven Ausdruck, 



170 



Korrespondenzblatt 



z. B. in der modernen Musik), der nie aufgegeben, jedoch nie erreicht werden kann (vgl. 
Störungselemente, Dynamik, Dissonanzen, thematische Arbeit etc.). 

Kurze zusammenfassende Betrachtung über die psychologische und biologische Rolle 
der Künste und des Künstlers. 

6) Ludwig Jekels: Mitkid und Liebe. 

Leitsätze nicht eingelangt. 

Dritte wissenschaftliche Sitzung 

Dienstag, den 4. August, 9 Uhr 
Vorsitzender: Dr. Ernest Jones 
Es wurde ein Symposion abgehalten über 

The Theory of Therapcutic Results 

Vortragende: 

Dr. Eduard B e r g 1 e r (Wien) ; 
Dr. Edward Bibring (Wien); 
Dr. Hermann N u n b e r g (New York) ; 
Mr. James Strachey (London); 
Dr. Otto Fenichel (Prag);. 
Dr. Edward G 1 o v e r (London). 

An der Diskussion beteiligten sich: Dr. Helene Deutsch, Dr. P e r 1 s und Dr. Hanns 
Sachs. 

Es erwiderten: Dr. Berg ler, Dr. Bibring und Dr. Nunberg. 



J 



Vierte wissenschaftliche Sitzung 

Dienstag, den 4. August, 15,30 Uhr 

Vorsitzende: Frl. Anna Freud, Wien 
l)GezaR6heim: The Garden of Eden or the Psychology of Mankind. 



The Hebrew myth symbolises the tragedy of growing up. The ontogenetic theory of 
cultural types and retardations as the key to human nature. The super*ego. Human beings 
cling to their absent mothers. Retardation as the origin of introjection. 

II. 

The clutching reflex. Separation from the mother relatively premature. Retardation and 
regression. "Grooming" of apes and monkeys. Introjection and self^clutching. The birth* 
shock and retardation. From the mother to mother^substitutes. 

III. 

Rite de Passage. Change involves ritual. Modified environment made bearable by 
libidinisation. The Hebrew Passover as a typical rite de passag e. Covenant rites. 
Religion as a covenant; the covenant as a mutual mother^child Situation. Rites of contact, 
forcpleasure and the mother»child Situation. Society based on clutching. Increasing infan* 



Korrespondenzblatt 



171 



tilisation from primitive to civilised man. The mother as the primal introject. Animal 
societies based on the id and the ego, human societies on the id, the ego an the super* 
ego. Mortuary rites. Eating the dead and oral introjection. Projection and ghosts. 
Hallucinatory correction of reality in mourning rites and other world beliefs. "Clutching" 
in periodical sacrifices (rite d'aggregation). 

IV. 
Human society based on the mother*child Situation. How do we grow up? The 
problem of realiry. Adaptation of non^retarded animals. Animals of prey are retarded. 
Adaptation of primates to reality. Growing up in a matrilinear society. The importance 
of being beloved. The significance of food*distribution and of trade expeditions. The 
explanation of narcissistic or "retributive" capitalism in Melanesia. From passive to active 
;object=4ove. Our growing up a compromise between reality and the infantile Situation. 

V. 
The riddle of the sphinx is the primal scene. Anxiety and retardation. A libidinal 
impulsc without gratification is typically infantile ; lack of gratif ication increases pari 
p a s s u with civilisation. The Oedipus complex explained by retardation. Retardation as a 
deviation from the biological aim. The myth of the Garden of Eden relates the tragedy of 
a retarded species. 

2) Marie Bonaparte: Vues paleobiologiques et biopsychiques. 

Les racines paleobiologiques du complexe de castration chez l'homme et du complexe 
de Perforation chez la femme, Les origines de l'angoisse en general, en tant que reaction 
primitive de la cellule aux menaces reelles de la part du monde exterieur. 

3) C. D. Daly: The Influence of Pregnancy and Parturition in the Pass« 
ing of the Phases of the Oedipus Complex. 

The role played by male reactions to female sexuality in the passing of the positive and 
negative phases of the Oedipus complex. From the interruption which takes place in the 
development of the sexual life of human beings Freud has inferred that something of 
importance must have oecurred for the destiny of mankind which this interruption has left 
behind as an historical preeipitate and which plays a leading role in the aetiology of the 
neuroses. It is hypothesized that not only do the secrets, of what this breack in instinet 
was, lie hidden behind the Taboos in which these ego defence reactions became 
automatic, but that phases of repression of a similar nature take place in ontogenesis and 
play a somewhat similar röle in the repression of incest arid homosexuality as they did 
in the past; they contain the reasons for the passing of the positive and negative phases 
of the Oedipus complex. 



4) A. A. Brill: Psychic Suicide in Primitive and Civilised Races. 

Leitsätze nicht eingelangt. 

5) Robert P. Knight: The Dynamics and Treatment of Chronic 
Alcohol Addiction. 

1. In a large percentage of the cases studied one parent, usually the mother, had been 
overindulgent and overprotective toward the patient, while the father had been unaffect* 



172 



Korrespondenzblatt 



ionate and inconsistently severe and indulgent. This parental background seemed to be 
intimately related to the development of the patient's passivity and tendency to satisfy 
oral cravings through pacifying himself with alcohol. 

2. A valuable prognostic appraisal of each case can be made by estimating the psycho* 
sexual maturity, especially the presence or absence o£ character traits of retention and 
mastery derived from the second anal stage. The term "essential" or "true" alcoholic was 
applied to those cases in which only oral character traits — passivity, demanding, depen* 
dence — were present, especially when there was evidence of emphasis on the warm glow 
in the stomach, erotization of eating and so on. The term "reactive" or "regressive" alco* 
holic was applied to those cases where oral traits were less prominent and where there 
was evidence of anal character derivatives. Further, precipitating factors played a large part 
in cases of the second group. 

3. In the psychoanalvtic treatment it was found to be valuable to adopt a mildly indul* 
gent, friendly attitude, with no criticism of or an attempt to stop the drinking, thus 
meeting the patient at his own psychological level and gratifying his need within the 
limits of legitimate analytic affection. 



Fünfte wissenschaftliche Sitzung 

Donnerstag, den 6. August, 9 Uhr 

Vorsitzender: Dr. Istvän Hollös, Budapest 
1) Otto Fenichel: Zur Ökonomik der Pseudologia phantastica. 

Nicht nur bei Psychosen gibt es Versuche, unangenehme Wahrheiten zu leugnen 
(„Skotomisation"). Man kann äußere Wahrnehmungen, die verpönte Triebregungen re* 
präsentieren, wie Vorstellungen eines Triebzieles „verdrängen" oder verfälschen. Der Nor* 
male kann das freilich nur in beschränktem Maße. Der Hunger nach einem „Deck* 
erlebnis" bei einem Kind, bei dem eine anstößige Wahrnehmung und eine Verdrängung** 
neigung im Konflikt liegen, ist charakteristisch, eine geeignete Deckvorstellung ermöglicht 
den Sieg der Verdrängung. Ein anderes Resultat des gleichen Konfliktes sind manche 
Zwangszweifel an eigenen Wahrnehmungen. Bei der Deckvorstellung gilt die Formel: 
„Nicht jenes ist wahr, sondern dieses"; bei manchen zur Bewältigung von übermächtigen 
Eindrücken dienenden Phantasien und Spielen lautet eine entsprechende Formel: „Wie 
dieses nur Phantasie ist, so war auch jenes nicht wahr". Absurde Phantasien verspotten 
nicht nur unglaubwürdige Behauptungen anderer, sondern wollen auch unglaubwürdige 
eigene Wahrnehmungen widerlegen. Introvertierte Menschen, die nur in der Phantasie 
leben, sind Menschen mit Angst vor realer Triebbetätigung; sie suchen sekundär wieder 
Kontakt mit realen Objekten, entweder in der Kunst — indem sie Objekte mit ihren 
Phantasieprodukten real beeinflussen, — oder in „gemeinsamen Tagträumen" — indem sie 
sich mit einem ebenso Gehemmten zu einem Sexualersatz zusammentun — oder endlich in 
der Pseudologie, dem Ausgeben ihrer Phantasien als real. 

Darin liegt nicht nur Rache für unwahre Auskünfte, sondern die Tendenz „Wenn es 
möglich ist, andere durch Lügen zu beeinflussen wie durch Wahrheiten, so ist es auch 
möglich, daß meine Erinnerungen nur Lüge sind". 

Helene D e u t s c h hat den Inhalt der Pseudologien als Deckerinnerungen für Wahres 
nachgewiesen. Ihr Fund ist dahin zu ergänzen, daß es sich nicht nur um entstellten 
Durchbruch von verdrängten Erinnerungen handelt, sondern auch um eine ökonomische 
Maßnahme zur weiteren Aufrechterhaltung der Verdrängungen. 

Eine Krankengeschichte belegt diese Zusammenhänge in allen Einzelheiten. Wie die 



Korrespondenzblatt 



173 



Pseudologie der hysterische Typus der pathologischen Lüge ist, so gibt es auch einen 
zwangsneurotischen Typus: Kleine Korrekturen an der Wirklichkeit, die diese so verändern 
daß sie in ein System paßt. 

2) Helene Deutsch: Über bestimmte Widerstandsformen. 

Aus einer größeren Arbeit über Widerstände werden einige Widerstandstypen heraus- 
gegriffen und besprochen. 

I. Intellektuelle Widerstände vom zwangsneurotischen Verhalten bis zu den nur in 
der Analyse mobilisierten Abwehrreaktionen dieser Art. Das Phänomen des Vergessens 
der analytischen Vorgänge auch bei erfolgreich beendeten Analysen. 

II. Die Tendenz, durch reale Übersetzungen das Psychische zu entwerten. 

III. Die Intuitiven. 

3) Mar jorie Brierley: Affects in Theory and Practice. 

Freud, from the first, described mind as an apparatus for the regulation of psychic 
tension, but it is clear that he originally conceived this tension as feeling*tension rather 
than instincMension. In his writings conflict makes its appearance as conflict between 
emotionally charged ideas and, only later, does it emerge as conflict between impulses. 
These early ideo*motor hypotheses represent the theoretical explanation of the dynamics 
of 'eure by catharsis'. With the development of metapsychology this language of ideas and 
feelings has given place to a language of impulses, distriburion of energies between psychic 
Systems and interrelations between these. Affect*charges of ideas, for example, have become 
object*cathexes — but are these two expressions synonymous? The 'economic' view*point 
is reflected in modern aecounts of the process of eure. Although, in practice, the clinical 
importance of affects is seldom underestimated, surprisingly little attention has been paid 
to the general theory of affects as distinet from the special problems of anxiety, until the 
last year or two. The present paper is an attempt to formulate more clearly some of the 
fundamental problems of affect and to estimate how far it is possible, to*day, to answer; 
such questions as: What are affects? How are they related to instinets and to ego*systems ? 
What is known of their genesis and modus operandi? How are affects modified? What 
is their role in development? How are they concerned in internal and external adaptation? 
How do they influence ego*organisation and differentiation and the development of rea* 
lity*sense? The answers to such questions would also explain the vital role of affects in 
the process of analysis. 



Zur Affefctlehre. (Affektziele, Affektzonen, 



4) Karl Landauer: 
Affektobjekte.) 

Die Affektivität des Erwachsenen ist nur als Endausgang langer Stammes* und einzeln 
geschichtlicher Entwicklung verständlich. Ihren Mittelpunkt bilden die frühkindlichen 
Affektanfälle, nach Freud ererbte hysterische Anfälle, d. h. Kompromisse widerstreiten* 
der Strebungen. 

Vor allem enthalten sie als affeeta in verschiedenen Mischungen die Primitivreaktionen 
wie Einstülpung, Ausstülpung und Steife. Als Reaktionen auf Reize von innen her (Triebe 
bezw. Übersieh) können sie die Triebziele in dies Kompromiß aufnehmen. So ist der 
Ekel in seinen Zielen Ausstülpung und oralerotische Einverleibung, die Scham Schau*, 
Zeigelust, Narzißmus und Einstülpung. 

Neben den Affektzielen müssen wir Affektzonen und Affektobjekte unterscheiden. 



174 Korrespondenzblatt 



Die Primitivreaktionen setzen undifferenziert den ganzen Menschen in Tätigkeit. Da die 
Affekte Primitivreaktionen enthalten, klingt in ihnen immer die Allheit der Person an. 
Die Affekte integrieren. Eine leitende Affektzone tritt erst entsprechend der Libidoent* 
Wicklung hervor. Es gibt eine Periodik der dominierenden Affekte, z. B. eine Trotz* und 
eine Angstperiode. Während bei den einzelnen Trieben aber nur eine erogene Zone vor* 
handen ist, besitzen alle Affekte von Anfang an mindestens eine sensorische und eine 
motorische Affektzone. Bei den Affekten kommt es sehr leicht zur Verschiebung von 
einer Affektzone auf eine andere. Die erogene Bedeutung einer bestimmten Zone 
determiniert den Affekt, z. B. Analerotik den Trotz, Oralerotik den Hohn. 

Die Beziehungen zu den Affektobjekten ist anfangs völlig locker. Je fester einzelne 
libidinöse Strebungen sich an bestimmte Objekte fixieren, umso mehr bilden sich libidini* 
sierte Endzustände der Affekte, die Leidenschaften, aus. Ein wesentliches Affektobjekt 
ist das eigene Ich. 

5) Nicola Perotti: Zur Psychologie des Künstlers. 

Die Formel, daß jeder Künstler ein Narzißt sei, muß unserer Ansicht nach vertieft 
werden. 

Im Gegensatze zu dieser Aufstellung erscheint uns der Künstler als ein Individuum, 
das aus seinem Ich heraustreten kann, um sich mit der äußeren Realität zu identifizieren 
und so eine große Menge von Libido an das Objekt heranzubringen. Ohne diese Fähig* 
keit, die Welt und die Menschen dieser Welt zu lieben, gibt es auch keine Fähigkeit, 
Kunstwerke zu schaffen. Große Künstler wie Dante, Goethe, Shakespeare, Beethoven 
erscheinen uns nicht als Narzißten, wohl aber als Menschen voll von Liebe für die Welt, 
als ob ihr Ich die ganze Menschheit in sich aufgenommen hätte. 

Der Künstler ist sicher auch ein Narzißt, dies aber hauptsächlich in bezug auf seine 
eigene Schöpfung, so wie die Mutter ihren Narzißmus auf den Sohn konzentriert hat. 

Der Narzißmus des Künstlers hat sich auf dem Wege von Identifizierungen und 
Objektintrojektionen zuerst auf das Ideal, dann auf das Kunstwerk verschoben. Daher 
ist für den wahren Künstler eine zweifache Fähigkeit unerläßlich: einerseits, die Libido zu 
'extravertieren und die Objekte zu introjizieren, andererseits, die Idealimagines in konkreter 
Form zu objektivieren. Beim Künstler muß eine Art „Ichpassage" der Außenwelt zustande 
kommen. 

In dieser besondern Fähigkeit, die entsexualisierte Objektlibido in zentripetaler und 
zentrifugaler Richtung verwenden zu können, besteht eines der bedeutendsten Kennzeichen 
der Psychologie des Künstlers. 

(Gelesen von Dr. Weiss) 

6)LudwigEidelberg: Theorie und Klinik der Pseudoideniif izierung. 

Der Name Pseudoidentifizierung wird für einen Vorgang vorgeschlagen, 
der folgendermaßen aussieht: die Patienten weichen jeder Meinungsverschiedenheit mit 
der Außenwelt aus, indem sie ihr sofort ähnlich werden. Sie verzichten darauf, eine eigene 
Meinung zu haben und akzeptieren bereitwilligst die des jeweiligen Gegenüber. Diese 
Patienten bezeichnen ihr Verhalten selbst als charakterlos, sind aber auf diese Charakter* 
losigkeit stolz. Da die Meinungen der anderen nur zum Schein angenommen wurden, und 
diese Annahme nur während der Anwesenheit der anderen anhält, halten sich die Pa* 
tienten für unangreifbar und unabhängig. Im Widerspruch damit zeigt aber 
■die analytische Untersuchung, daß diese Patienten eine Reihe von Konflikten haben. 

Die metapsychologische Formulierung lautet: Ein unbewußter und bewußtseinsun* 



r 



Korrespondenzblatt 175 



fähiger Es* Abkömmling wird auf ein entsprechendes Objekt projiziert und dort als zum Ob* 
jekt gehörig wahrgenommen. Nachdem dieser Vorgang geglückt ist und dadurch der 
Wunsch des Subjektes zum Wunsch des Objektes gemacht wurde, wird dieser Wunsch vom 
Subjekt angenommen. Diese Annahme ist nach Ansicht des Subjektes eine scheinbare 
und oberflächliche, sie dient zur Täuschung des Objektes durchGleichwerdungmitihm.ua 
die Objekte der Außenwelt nicht gleich sind und außerdem die Eigenschaften, die die 
Patienten annehmen, gar nicht die wirklichen Eigenschaften der Objekte sind, ist die Zahl 
der äußeren Konflikte groß. Was die Patienten durch diesen Mechanismus ersparen, ist 
nicht der äußere, sondern der innere Konflikt. Anstatt die Abkömmlinge des Es 
durch den bewußten Anteil des Ich zu überprüfen und dadurch ihre Befriedigung, Subli* 
mierung oder Verurteilung einzuleiten, werden diese Abkömmlinge auf die Objekte der 
Außenwelt projiziert. 

Abgrenzung der Pseudoidentifizierung gegenüber der hysterischen Identifizierung. 

Freud unterscheidet drei Arten von Identifizierungen: Die primäre, die totale und die 
partielle. Neben dieser Einteilung scheint eine zweite Betrachtungsweise angezeigt, die die 
Identifizierungen, bei denen das Subjekt die Züge des Objektes annimmt, von jenen unter* 
scheidet, in denen das Subjekt das Objekt nach seinem Bild zu formen versucht. Die 
erste nennen wir die au t o p las tis che, die zweite die allo p las tis ch e Identi* 
f izierung. 

Sechste wissenschaftliche Sitzung 

Donnerstag, den 6. August, 15.30 Uhr 

Vorsitzender: Dr. S. J. R. d e M o n c h y, Rotterdam 

1) Ernest Jones: Love and Morality. Sotne Character Types. 

Substitution of moral attitude for love. Importanoe of anal factors in this. Subsequent 
relation to super*ego. Resulting character types. 

2) Rene Spitz: Repetition, Rythme, Ennui. Mecanismes de Defense et 
leurs Effets. 

L'enfant en bas äge a la passion insatiable des repetitions de toutes especes;. La peur 
de l'inconnu explique cette passion. L'adulte au contraire rejette la monotonie de la reperfc 
tion, ne la Supporte pas. L'enfant s'ecarte de la repetition vers la sixieme annee. 

L'adulte tolere la repetition dans l'etat d'ebriete et dans l'art. Ce qui permet la repetition 
dans l'etat d'ebriete, c'est l'affaiblissement de la censure psychique, tandis que dans l'art 
c'est la valeur du produit artistique. 

La repetition qui commence avec la succion du doigt du nourrisson se continue ä travers 
les phases pregenitales jusqu'ä la masturbation phallique et sera repudiee avec les fantasmes 
de celle*ci pendant la liquidation du complexe d'Oedipe. 

Le caractere du Surmoi determine si la repudiation des fantasmes aura lieu selon le 
mode obsessionnel qui erige la defense dans la sphere de la pensee ou selon le mode 
hysterique qui erige la defense dans la sphere somatique. Etant donne sa fonction dans les 
deux domaines, la repetition sera repudiee et dans le domaine somatique et dans le do* 
maine psychique. 

Le chemin de la regression pathoilogique corrobore notre hypothese sur la repetition: 
en commencant ave les repetitions moderees de l'hysterie qui ne regresse que superficielle* 
ment, l'activite iterative se multiplie le long du chemin de la regression jusquaux repeti* 



176 Korrespondenzblatt 



tions continues du schizophrene, dont la regression est entre toutes la plus profonde. Le 
nourrisson et l'animal sans Surmoi, sur le meme plan psychique que le schizophrene, 
repetent comme lui. 

La rep&ition artistique est la fagade formelle cachant les tendances archaiques, destruo* 
tives et chaotiques. 

3) Ola Raknes: Religion und psychische Struktur. 

Von der Grundtatsache aller Religion, dem religiösen Dualismus, der Zweiteilung aller 
Dinge in heilige und prosane, ausgehend, sich auf ein reichliches ethnologisches, histo* 
risches und religionspsychologisches Material stützend, hat Ref. in einer früheren Unter«» 
suchung den Nachweis erbracht, daß alles, was an der Religion spezifisch religiös ist, aus 
gewissen charakteristischen Erlebnissen zu erklären ist. Die verschiedenen Seiten dieser 
Erlebnisse erklären jede ein Stück des religiösen Handelns und Verhaltens. Es sind die 
Erlebnisse, die allgemein als mystisch oder ekstatisch bezeichnet werden. 

Ref. weist nun nach, daß bei allen solchen ekstatischen Erlebnissen verschiedene psychi«= 
sehe Instanzen sich im Bewußtsein — zwar in einem unklaren, „mystischen" Zustand — 
begegnen und beeinflussen oder teilweise sich ausgleichen, was auch mit den Ergebnissen, 
zu denen Helene Deutsch in ihrem Kongreßvortrag in Innsbruck 1927 kam, völlig 
übereinstimmt. Folglich hat das ekstatische Erlebnis — und dann auch das religiöse Erlebnis 
und die Religion selbst — zur Voraussetzung eine bestimmte psychische Struktur mit 
bestimmten seelischen Instanzen, die in bestimmten Relationen zu einander stehen. 

Aus der analytischen Klinik wissen wir, wie die seelische Struktur entsteht: aus dem 
Zusammenprallen von angeborenen und sich entwickelnden Triebimpulsen einerseits und 
Außenweltseindrücken, vor allem Erziehungsmaßnahmen andererseits. Wir wissen auch, 
wie sich die psychische Struktur durch Behebung der Verdrängungen weitgehend verändert, 
— „wo Es war, soll Ich werden" (Freud). Das legt uns die Fragen nahe: Könnte man 
durch eine neue Erziehung erzielen, daß die Menschen eine psychische Struktur bekämen, 
die Religion im historischen Sinne dieses Wortes unmöglich machte? und: Wäre eine 
derartige (Struktur wünschenswert? 

4) Philip R. Lehr man: Some Unconscious Factors in Homicide. 

Leitzätze nicht eingelangt. 

5) Thomas M. French: RealitysTesting in Dreams. 

It is a familiär fact that a dream will often antieipate a conflictesolution that is realizi' 1 
in real life only after a considerable subsequent period of time and analysis. In some caf ^s 
at leasf one can demonstrate that these antieipatory conflictesolutions are based upon a 
successful discrimination between infantile patterns and actual situations. In other words, 
these dreams achieve a bit of reality^testing of which the dreamer is as yet incapable in 
waking life. In view of our habitual assumption that one is better able to test reality when 
one is awake, this fact seems paradoxical. This paper is an attempt to find an economic 
explanation of this seeming paradox. 






6) F. Perls: Zur Theorie der oralen Widerstände. 

Leitsätze nicht eingelangt. 



Korrespondenzblatt 



177 



Siebente wissenschaftliche Sitzung 

Freitag, den 7. August, 9 Uhr 

Vorsitzender: Dr. Philipp Sarasin, Basel 

1) Jeanne Lamplsde Groot: Masochismus und Narzißmus. 

In meiner in der Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII, 1936, H. 2, erschienenen Arbeit „Hern* 
iming und Narzißmus" machte ich in einer Fußnote auf den ätiologischen Zusammenhang 
von masochistischen Masturbationsphantasien und narzißtischen Kränkungen aufmerksam. 
In weiterer Vertiefung dieses Zusammenhanges am klinischen Material möchte ich einige 
Bedingungen zur Entstehung masochistischen Verhaltens beschreiben. 

Angst, Schuldgefühle, Selbstquälesei scheinen in manchen Fällen leichter tragbar zu 
sein als das Eingeständnis einer Unzulänglichkeit der eigenen Person. Die Phantasie „man 
hat mir den Penis genommen als Strafe für die Masturbation" wird vom Ich des kleinen 
Mädchens leichter ertragen, als die Vorstellung „ich habe nie einen Penis gehabt und 
werde nie einen bekommen". Masochistische Schlagephantasien werden eher vom Ich 
akzeptiert als die Vorstellung „ich werde nicht geliebt". 

Versuch einer Erklärung, weshalb masochistisches Verhalten eine Sicherung gegen die 
durch narzißtische Kränkung entstandene Störung des Triebgleichgewichtes werden kann. 



2) Michael Bälint: 
Genitalität.) 



Eros und Aphrodite. (Zur Sonderstellung der 



Die sexuelle Trieblehre vor Freud. Die „Drei Abhandlungen". Die Verleugnung der 
infantilen Sexualität ist überdeterminiert. Vorlust und Endlust. Angst und Orgasmus. Alle 
sexuellen Funktionen sind dem ursprünglich geschlechtslosen Soma aufgezwungen. Kind« 
heit, Pubertät, Erwachsensein und Alter als Phasen der Genitalität. Extragenitale Erotik 
dauert zeitlebens, ist oft geschlechtslos. Die Genitalität entsteht und vergeht, ihre Vorbei 
dingung ist die Bisexualität. 

Der Schlußakt einer jeden Perversion. Warum ist die Genitalität keine Perversion ? Nur 
die Genitalität besitzt ein eigenes Exekutivorgan. 

Die zwei Arten der libidinösen Erregungen. Spiel und Ernst in der Psychosexualität. 
Das erste genitakorgastische Erlebnis. Genitalität und Individualität. 

Ist die Leidenschaftlichkeit primär? Erotik, Orgasmus und Liebe. Männlich und weib* 
lieh. Eros und Aphrodite. 



3)GreteBibringsLehner: Eine Funktion des Masochismus. 

An klinischen Beispielen wird nachgewiesen, daß die masochistische Phantasie zur Ab* 
wehr aktueller Triebregungen verschiedener Genese verwendet wird. Z. B. Masochismus 
als Tarnung und Mittel zur Durchsetzung sadistischer Tendenzen. 

Diskussion der Voraussetzungen, die die masochistische Phantasie dazu geeignet er* 
scheinen läßt. 

Die Rolle des Schuldgefühles. 

Der Appell an das Mitleid. 

Die magische Beeinflussung durch das Leid. 

Beziehung dieser Auffassung zu einigen allgemeinen Fragen des Masochismusproblemes 
und der Perversionen. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/1 



12 



178 Korrespondenzblait 



4) M. LevysSuhl: Biologische Gedanken über Inzestscheu und über 
narzißtische und Objektlibido. 

I. Inzestscheu und Inzucht. 

Wie die Angst des Menschenkinds, wenn es durch den Geburtskanal gerrieben wird, 
abgesehen von ihrem psychologischen Inhalt einem vitalen biologischen 
Zweck dient, so substituieren wir auch der Inzestscheu, unbeschadet ihres tiefen psycholo* 
gischen Sinns eine bestimmte biologische Bedeutung: Die Vertreibung der jungen 
Stiere wie die totemistischen und ödipalen Inzestschranken haben den Erfolg einer weit* 
gehenden E x o g a m i e, geben Anlaß und Möglichkeit zu unabsehbaren Variationen von 
Keimvermischung und Neuschöpfungen. Es wird damit der Inzucht, die ja der 
biologische Effekt des Inzests ist, prinzipiell entgegengewirkt. 

II. Die Inzestverhütung in der Planzenwelt. 

Soweit hier geschlechtliche Fortpflanzung — Vereinigung sog. männlicher und weib* 
licher Zellen — herrscht, ist die Möglichkeit der Inzucht theoretisch sehr groß. 
Pr aktis ch sind von der Natur raffinierte technische Einrichtungen und „intelligente" 
Anpassungen an Insekten und Wind getroffen, um Selbstbestäubung zu ver* 
hindern und umgekehrt die e x o g a m e Zeugung mit ungezählten fremden Zellen der 
Art zu fördern. 

III. Heteroplastische und auto plastische Fortpflanzung. 

Wir erblicken hierin den Ausdruck eines allgemeinen Naturstrebens, das P r i n z i p 
der heteroplastischen Zeugung, dessen Sinn nur die oben gezeigten unauf* 
hörlichen schöpferisch enMischungsversuche sein können, von deren Phan« 
tasie die untergegangene Flora und Fauna paläontologische Zeugnisse hinterließ. Der 
heteroplastischen Zeugung steht die ältere, primitivere endogameoder autopla* 
s t i s c h e gegenüber. Sie erfolgt durch Halbierung oder mehrfältige Aufteilung (Tod) des 
Individuums oder Ausstoßung von Keimzellen (Parthenogenese). 

IV. Regressionserscheinungen. 

In bekannten Experimenten an niedrigen Tieren (Seesterne Loebs) und in der Natur 
— z. B. bei Bienen — sehen wir, daß die normale heteroplastische Zeugung bei bestimmten 
Veränderungen der Umweltlebensbedingungen preisgegeben wird. 

5) Fanny HannsKende: Ein Versuch der Zeitersparung in der 
psychoanalytischen Therapie. 

Die Vortragende berichtet über zwei geheilte Fälle der Budapester Poliklinik (1. Melan* 
cholie mit 3, bezw. 2 Behandlungsstunden wöchentlich. 2. Zwangsneurotischer Charakter 
mit Angstzuständen, in einer Behandlungsstunde wöchentlich) mit Berücksichtigung der 
Parallelen und der Differenzen zur allgemein üblichen psychoanalytischen Therapie. 

6) Laszlo Revesz: Der analytische Trancezustand. 

Der während der Analyse sich entwickelnde tiefe Trancezustand in der analytischen Si* 
tuation. — Bedingungen, Natur desselben. 

Das im spontanen Trancezustand hervorgebrachte Material. — Wertung desselben. 

Die Ichregressionen während des Zustandes. 

Vorzeitige Identifizierungen und vorzeitige genitale Objektrelationen. — Fixierung des 
primitiven Ichs. 

Technik zur Ausnutzung des Materials. 

Therapeutische Möglichkeiten. — Theoretische Erläuterung derselben. 



Korrespondenzblatt 179 



7) Emilio Servadio: Identifizierungsprozesse und Konversionsers 
scheinungen bei einer mediumistischen Hellseherin. 

Ref. hat an einer Reihe von Sitzungen mit einem weiblichen Medium teilgenommen, 
bei dem er sporadische Fähigkeiten paranormalen Erkennens feststellen konnte. Jedoch in 
der größten Anzahl der Fälle sind die Probleme, die dieses Medium bieten, nicht para* 
psychologischer, sondern psychologischer und psychopathologischer Natur. Da es dem 
Ref. nicht möglich war, das oben erwähnte Medium einer regelrechten Analyse zu unter* 
ziehen, konnte er nur folgende Punkte näher studieren: 

a) Einige typische Prozesse der mediumistischen Trance. 

b) Die Zustände des Ichs während der Trance, ~V 

c) Den Mechanismus, nach dem das Medium sich jeweilig mit dieser oder jener „Trance* 
Persönlichkeit" identifiziert, die tatsächlich oder (wahrscheinlich) imaginär existiert hat. 

d) Die provisorischen Bildungen des einen oder anderen parasitären Über*Ichs. 

e) Den durch die Trance begünstigten Ausdruck von unbewußten und gewöhnlich 
verdrängten Regungen, die meist ichfremd und einer Trancepersönlichkeit zugehörig ge* 
fühlt werden. 

f) Die Konversionserscheinungen, in denen sich einige der angeführten Regungen 
äußern. 

Auch ohne zu Schlußfolgerungen allgemeiner Natur zu gelangen, glaubt Ref. doch, 
daß derartige Betrachtungen zur Vertiefung der weiten und komplizierten parapsycho* 
logischen Phänomenologie durch psychoanalytische Kriterien sehr nützlich sein können. 

Achte wissenschaftliche Sitzung 

Freitag, den 7. August, 15.30 Uhr 

Vorsitzender: Dr. Thomas M. French, Chicago 
1) Otto Sperling: Appersonierung und Exzentrierung. 

Es wird vorgeschlagen, eine Reihe von psychischen Vorgängen, die bisher als Identifi* 
zierungen aufgefaßt wurden, von diesem Begriffe abzutrennen und als Appersonierungen 
zu bezeichnen, nämlich jene, bei denen etwas, das der Außenwelt angehört, der eigenen 
Person zugerechnet wird. Das Ichgefühl erstreckt sich auch auf den appersonierten Gegen* 
stand (das Appersonat) und Reize, die diesen treffen, werden so empfunden, als würden 
sie die eigene Person treffen. Ein Schizophrener z. B. klagt, als ihm das Hemd zerrissen 
wurde: „Ich bin zerrissen worden". 

Appersoniert werden nicht nur Kleider, Schmuck, Tiere, die Wohnung und Besitz über* 
haupt, sondern auch die Personen der Umgebung, Gott und die ganze Welt. „Was Ihr dem 
geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan" Bei der Appersonierung ver* 
größert das Ich seinen Umfang, bleibt aber in seinem Wesen und Charakter unvert« 
ändert. Bei der Identifizierung hingegen tritt ein Persönlichkeitswandel ein, während der 
Ichumfang in den realen Grenzen bleibt. Die Appersonierung geht auf den Kinderwunsch 
zurück, groß zu sein, steht aber außerdem im Dienste sehr verschiedener Es* und Uber*Ich* 
Ansprüche. Sie spielt eine Rolle in der Motivation des endehnten Schuldgefühls, der nar* 
zißtischen Liebeswahl, des Nationalgefühls, des Mitleids, der mystischen Ekstase, des 
ozeanischen und des Naturgefühls. Bei Psychosen werden Appersonierungen für wahr 
gehalten, bei Gesunden werden sie korrigiert, beeinflussen aber die Verteilung der narziß* 
tischen Libido. Eines der Appersonate kann mit soviel narzißtischer Libido besetzt werden, 
daß sich das Ichzentrum von der Person auf das Appersonat verschiebt. (Exzentrierung.) 

12* 



180 Korrespondenzblatt 



Von der Objektliebe unterscheiden sich solche Beziehungen durch schlechtere Realitäts* 
erfassung, bezw. durch Verständnislosigkeit für das Seelenleben des Appersonats. Bei* 
spiele aus der Psychologie der Eltern, Sammler und Forscher. 

2) Otto Isakower: Depersonalisation infolge Wiederauftretens eines 
frühen Ichstadiums. 

Es werden Störungen des Ichgefühls beschrieben, die mit gewissen halluzinatorischen 
und anderen Begleiterscheinungen und besonders einer Veränderung des Erlebens der 
Außenwelt einhergehen. 

Nach Aufzeigung der Zusammenhänge mit der Psychologie der Depersonalisation, des 
Weltuntergangserlebnisses und der Beziehungen zur Konversion, Projektion und Intro* 
jektion wird schließlich versucht, die beschriebenen Phänomene auf ein sehr frühes Ich* 
Stadium zurückzuführen und dieses näher zu erfassen. 

3) M. Katan: Die Übereinstimmungen zwischen den schizophrenen und 
den melancholischen Wahnmechanismen. 

Die enge Beziehung zwischen der vorpsychotischen und der psychotischen Phase zeigt 
sich daran, daß in dem schizophrenen Wahn derselbe Konflikt die Hauptrolle spielt wie 
in der vorspychotischen Phase. In der letzteren konnte das Ich die Gefahr, weiche an 
diesen Konflikt gebunden war, nicht mehr bewältigen und das wurde zum Anlaß, daß die 
Beziehungen zur Realität aufgegeben wurden. 

Die Gefahrsituation wird jetzt auf „wahnhafte" Weise bewältigt. 

Im Restitutionsversuch wird die schon verlassene Vorstellung der Gefahr wieder besetzt, 
aber wie uns aus der Freud sehen Arbeit bekannt ist, wird das nur der Fall sein mit der 
Wort* und nicht mehr mit der SacWVorstellung. Die gewöhnlichen Abwehrformen können 
jetzt nicht mehr angewendet werden. Im stark destruierten Ich tritt selbst eine Restitution 
ein, aber stets der Wiederherstellung der alten Abwehr, kommt die Projektion an deren 
Stelle. Die Funktion der Projektion ist selbst als ein Restitutionsversuch zu betrachten. 

So gesehen zerfällt die Projektion in zwei Formen: 

Die eine Form ist die neurotische, darin tritt die Projektion neben den anderen schon 
'bekannten Abwehrformen auf. Sie ist „nur" eine Regression im Ich. 

Die psychotische ist dann nicht nur aus der Regression zu erklären; der Restitutions* 
versuch benützt sie, um eine neue Verbindung mit der wahnhaften Außenwelt herzustellen. 

Den Wahn möchte ich definieren: „Ein Versuch, die vorpsychotische Gefahr, die zum 
Anlaß wurde, die Beziehungen zur Außenwelt aufzugeben, jetzt von neuem zu bewältigen." 

Wenn dieser Definition eine allgemeine Gültigkeit zukommt, so soll man sie auch auf 
den melancholischen Mechanismus anwenden können. 

Meiner Meinung nach überlagern einander in der Melancholie zwei Mechanismen: ein 
neurotischer, der der bis jetzt beschriebene und der suizidgefährlichere ist; der andere ist 
der psychotische Mechanismus. 

Die Gefahrsituation wird durch die Aufrichtung des anderen Objektes im Übersieh 
wiederhergestellt und tritt durch die Spannung zwischen Übersieh und Ich zutage. 
Im Ich wird jetzt zur Abwehr der Suizidgefahr ebenso das fremde Objekt errichtet. Und 
das Ich kann jetzt dem Übersieh vorhalten: „Du brauchst mich nicht zu hassen, das 
Objekt ist nicht tot, denn ich bin es." 

4) JohnRickman: The Need for God — a Study of Quaker Belief s. 

The Quakers have no priests, ritual or creed; their central religious belief is that God 



Korrespondenzblatt 



181 



-in the rather impersonal form of the 'Inner Light' - dwells perpetually in everybody; 
War (or any murder) is an attack on 'the God within' and the Civil Oath binds the 
Godsworn ^ y L aS mu , C ^ as the P erson s ™. therefore war and the oath are proscribed; 
the Quaker habit of We is ascetic. The sect began by the aggregation of individuals who 
had not found satisfaction elsewhere, and has been thus recruited for 250 years. These 
reatures are not easily explained or ccordinated by theories of the Primal Father (Freud) 
or the mfluence of the mother's activity on the child's conception of the primal scene 
(R oh e im - F e r e n c z i) but are clarified by more recent work on the child's early object 
relationships (Klein). 

'The W Lighf Mts the believer out of WIiness and i ovelessness> ^ ^ d ^ 
tion, and offers him 'complete fulfilment' of life; it is a deference against inner desola* 
üon and a source of power in restitutive activity (cf. Quaker Relief work) Their avoid* 
ance of aggression is enjoined lest the 'good objedt('the indwelling God') be injured and 
their joy at the perception of God's living presence within is a reassurance that the God 
is not moribund or lead. The death of the God thus plays a part in Quakerism too but 
as an organ or substance rather than as a Father figure. The nature of their worshi't* (a 
silent 'waiting for the stirring of the God within) reveals the dread of activity (lest in the 
unconscious phantasy the God should be injured) and the joy at any sign of God's living 
presence discloses the reassurance feit that the unconscious hostile wishes have not been 
ommipotent and the introjected good object has not been destroyed by the subject's own 
sadism. 

The restitutive tendency — making good what has been destroyed in the (unconscious) 
phantasy in the phase of maximal sadism — finds expression in endogamy, i. e. to 
give back to the mother what she has been deprived of in phantasy — the father's penis 
or semen which has been stolen from him and incorporated within th'e seif. Indeed the 
incestuous impulse generally may derive much of its strength from this compulsively 
restitutive motive; the impulses towards ex* and end*ogamy can be thus related to the 
oedipus complex according to the degree of Organisation of the object (whole object 
in the former, part*object in the latter) and the degree to which restitution influences the 
recovery from the despair evoked by the early sadistic phantasies. 

Almost all sects have periodic festivals and rites, the Quakers 'make of every meal a sacra* 
ment'; there are no Holy Days for all must be holy. The indwelling God is always ' aVait* 
able and there is no need for the interposition of priest or ritual, but only an opening 
of the heart, to make Divine Power available for renewal of strength and redemption from 
sin. This perpetual and complete dependance on God is related to the despair due to 
impulses of destruction directed against the good object and the need for never resting 
vigilence against them. The only joy which can be experienced in these circumstances is 
that a good thing is being saved from destruction rather than p 1 eas ure in the object 
itself. 



Geschäftliche Sitzung 

Mittwoch, den 5. August 1936, 9 Uhr 

Vorsitzender: Dr. Ernest Jones 

Anwesende Vorstandsmitglieder: Dr. Ei ti ng o n, An n a Fr e u d, Dr. Glover, 
Dr. O b e r n d o r f, Dr. van O p h u i j s e n, Dr. S a r a s i n. 

I. Bericht des Zentralvorstandes 

Dr. Ernest Jones verliest folgenden Bericht: 

„Die verflossenen zwei Jahre waren für uns gewiß in mancher Hinsicht beunruhigend. 



Andererseits zeigten sich begrüßenswerte Anzeichen einer größeren Einigkeit und eines 
tieferen Wunsches nach Zusammenarbeit, als dies zur Zeit des Luzerner Kongresses der 
Fall gewesen war. Wenn ich mir die Annahme erlauben dürfte, daß dieser Erfolg ein 
wenig dem dringenden Appell zuzuschreiben ist, den ich gelegentlich jenes Kongresses an 
Sie gerichtet habe, so würde mich dies mit tiefer Freude und Dankbarkeit erfüllen. Die 
Vereinigung ist weiter gewachsen und es wird Sie interessieren, zu hören, daß wir heute 
um etwa 100 Mitglieder mehr zählen als zur Zeit des Luzerner Kongresses. 

Ich möchte nun unsere verschiedenen Zweigvereinigungen in alphabetischer Reihen* 
folge besprechen. In Amerika hat sich die Situation wesentlich geklärt. Das mit der For* 
mulierung der neuen Statuten der American Federation of Psycho*Analytical Societies 
befaßte Subkomitee hat zähe und erfolgreiche Arbeit geleistet. Es wurden mir drei Ente 
würfe vorgelegt, und die Anregungen, die ich in dieser Sache zu geben mich gedrängt 
fühlte, wurden in liebenswürdigster Weise akzeptiert. Der abschließende Entwurf der 
neuen Verfassung wurde auf einer gemeinsamen Tagung der vier gründenden Gesell* 
Schäften in Boston am 28. Dezember 1935 angenommen und erhielt auch Genehmigung 
unseres Zentralvorstandes. Ich werde Ihnen hier dieses Statut zur endgültigen Ratifizier 
rung unterbreiten. Unsere amerikanischen Kollegen wählten Dr. Oberndorf zum Fräsi* 
denten des Verbandes und Dr. Brill zum Ehrenpräsidenten. Wir schlagen vor, diese 
beiden Herren, dem von den Amerikanern angedeuteten Wunsch entsprechend, zu Mit* 
gliedern des Zentralvorstandes zu wählen. Eine eigene Sektion für Psychoanalyse hat sich 
in der American Psychiatric Association gebildet. Ich möchte an dieser Stelle daran er* 
innern, daß Professor Freud kürzlich zum Ehrenmitglied der American Psychiatric 
Association und der New York Neurological Society ernannt wurde. 

Die Bostoner Gesellschaft ist in erfreulichem Fortschritt begriffen und empfing eine 
Verstärkung durch den Beitritt von Dr. Helene Deutsch. Auch die Gruppe in Chicago 
erhielt einen Zuwachs in der Person Prof. S 1 i g h t s aus Montreal — des einzigen kanadi* 
sehen Psychoanalytikers. Eine Eigenheit dieser Gesellschaft ist die Reiselust ihrer weit ver* 
streuten Mitglieder; einzelne von ihnen — darunter der letzte Vorsitzende — reisten an 
die tausend Meilen zu den alle vierzehn Tage stattfindenden Zusammenkünften. Die Be* 
dingungen der Mitgliedschaft sind in Chicago besonders streng, so daß die Zahl den 
ordentlichen Mitglieder nur langsam wächst. Die wichtigste Nachricht aus New York war 
der Rücktritt Dr. Brills vom Amte des Präsidenten. Er hat so lange Jahre hindurch 
dieses schwierige Amt erfolgreich bekleidet, daß diese Veränderung für das Leben der 
New Yorker Gruppe von einschneidender Bedeutung ist, und ich bin sicher, den Wünschen 
dieser Versammlung zu entsprechen, wenn ich sage, daß die ganze psychoanalytische 
Welt Herrn Dr. B r i 1 1 dankbar ist für die unvergeßbare Hingabe, die er in ihrem Dienst 
bewiesen hat. Sein Nachfolger wurde Dr. L e w i n und wir dürfen die New Yorker Ver* 
einigung zu dieser ausgezeichneten Wahl sicherlich beglückwünschen. In den letzten Jahren 
wurde die Gruppe, wie Sie wissen, durch den Beitritt einiger namhafter europäischer Ana* 
lytiker verstärkt, darunter Drs.Horney, Nunberg, Rado und W i 1 1 e 1 s. Ihr letzter 
Zuwachs war keine geringere Persönlichkeit als Dr. vanOphuijsen, dem wir für 
seine neue Laufbahn allen Erfolg wünschen. Wir hatten gehofft, ihn als Mitglied der 
Britischen Vereinigung gewinnen zu können, als er sich nach Johannesburg wandte; idoch 
kam dies nicht zustande. Die Gruppe Washington*Baltimore erwies sich besonders in der 
Ausbildung der Kandidaten als rührig und arbeitet zu diesem Behufe mit der Washington 
School of Psychiatry zusammen. Die Einzelheiten dieses Abkommens betreffen eher die 
I. U. K. als diese Versammlung; wir wollen nur dem neuen Unternehmen allen Erfolg 
wünschen. Dr. Frieda Fromm*R eichmann hat sich der Vereinigung angeschlossen 
und ich freue mich, feststellen zu können, daß die verwirrenden Übereinstimmungen in 
den Mitgliederlisten der New Yorker und der Washingtoner Vereinigung damit behoben 






Korrespondenzblatt 



183 



sind. In Los Angeles bildete sich unter der Leitung Dr. Simmeis eine kleine Gruppe 
und wir hoffen, daß sie den Ansatz zur Entwicklung einer neuen Vereinigung an der 
pazifischen Küste bilden wird. Das Interesse für die Psychoanalyse ist in Amerika in 
rapidem Ansteigen begriffen und wir dürfen binnen sehr kurzem die Bildung von 
Gruppen in Cleveland, Detroit und Philadelphia erwarten. 

Die Britische Vereinigung hat hauptsächlich über den Fortschritt ihrer Wissenschaft. 
Lehen Arbeit zu berichten. Das interessanteste Ereignis war die Inangriffnahme der Aus* 
tauschvorlesungen zwischen London und Wien. Bisher haben drei dieser Vorträge stattge* 
funden. Ich hielt den ersten, mein Besuch wurde durch den Dr. Wälders erwidert und 
dieser durch einen von Mrs. Ri viere. Wir hegen die begründete Hoffnung, daß dieses 
System, konsequent durchgeführt, sich als von sehr beträchtlichem Wert erweisen wird für 
die Vergleichung und Verarbeitung der Forschungsergebnisse dieser beiden wichtigen 
Zentren und für die Schaffung einer zwangslosen Gelegenheit zur Diskussion etwa diver* 
gierender Schlußfolgerungen. Von der Leitung der Londoner Psychoanalytischen Klinik bin 
ich nach zehnjähriger Arbeit in dieser Funktion zurückgetreten, abgelöst von Dr. G 1 o v e r, 
dessen frühere Stellung eines stellvertretenden Direktors nunmehr Dr. S t o d d a r t bekleidet*. 
Die Einwanderung aus Deutschland nahm ihren Fortgang und wir haben nunmehr etwa 15 
bis 16 Analytiker aus diesem Lande bei uns aufgenommen. Einige von ihnen übersiedelten 
aus London in die größeren Provinzstädte Englands und werden zweifellos den Kern von 
Arbeitsgemeinschaften bilden. Die kleine Gruppe in Johannesburg gedeiht, wenn auch 
ihre Weiterentwicklung durch die schwere Erkrankung ihres Präsidenten Dr. Wulf Sachs 
gehemmt wurde. Anläßlich seines achtzigsten Geburtstages wurde Professor Freud zum 
Ehrenmitglied der Royal Society of Mediane, zum Ehrenmitglied der Royal Medico* 
Psychological Association und vor allem zum auswärtigen Mitglied der Royal Society 
selbst gewählt; die letztere Auszeichnung ist vielleicht die am lebhaftesten begehrte in der 
Welt der Wissenschaft überhaupt und ich glaube nicht, daß vorher irgend jemand, daheim 
oder im Ausland, für eine psychologische Leistung zum Mitgliede der Royal Society 
ernannt worden ist, obwohl drei Psychologen die Ehrung für ihre Arbeit auf verwandten 
Gebieten erhalten haben. Der erste Zweig der Psychologie, der von der Royal Society 
als wahrhaft wissenschaftlich anerkannt worden ist, ist somit die Psychoanalyse — ein Er* 
eignis, das für uns alle von höchstem Interesse ist. 

Die dänisch*norwegische Vereinigung macht gute Fortschritte, obwohl sie den Austritt 
ihres Sekretärs Dr. F e n i c h e 1 registrieren mußte, der vor einem Jahr nach Prag über? 
siedelte. Die Gesellschaft hat nun zehn Mitglieder. Die holländischen Vereinigungen 
arbeiteten gleichmäßig befriedigend und boten mehrfach Anzeichen eines engeren Zu* 
sammenwirkens. Ein Sonderausschuß, bestehend aus Drs. Katan, Versteeg und 
Westierman*Holstijn prüft derzeit die Frage, ob die Zeit zur Wiedervereinigung 
der beiden Gesellschaften reif ist; wir wollen alle hoffen, daß sich dieses Vorhaben bald 
als durchführbar erweisen wird. Das Komitee hat bis jetzt keinen endgültigen Bericht aus* 
gegeben. : 

Über die finnisch*schwedische Gruppe ist wenig zu berichten; wir bedauern, daß 
Frau Dr. T a m m auf dem Kongreß nicht anwesend ist. 

Die Arbeit in der französischen Vereinigung und ihrem Psychoanalytischen Institut 
schreitet unermüdlich fort. Der Präsident Dr. Pichon hat ein interessantes Buch über 
die Kindheitsentwicklung veröffentlicht, und die „Fünf Vorlesungen" sowie die „Neue 
folge der Vorlesungen" erschienen in französischer Übersetzung. Zu Ostern dieses Jahres 
wurde in Nyon die zehnte Jahresversammlung der französischen Psychoanalytiker abge* 
halten, bei der eine interessante Diskussion über die Beziehungen zwischen Neurose und 
Familie stattfand; Referenten waren Dr. Laforgue und Dr. Leuba. Unter den drei 
Psychiatern, die von der französischen Regierung zum Studium psychoanalytischer Pro* 



184 



Korrespondenzblatt 



bleme in der Gefängnisarbeit berufen wurden, befindet sich auch ein Mitglied der Franzö* 
sischen Psychoanalytischen Vereinigung, Dr. Schiff. 

Die Schwierigkeiten der Deutschen Gesellschaft dauern, wie es ja zu erwarten war, an, 
wenn sie auch jetzt wenigstens etwas genauer definierbar wurden. Ich hatte Gelegenheit, 
mit den leitenden Herren der Gesellschaft in ständiger Fühlung zu bleiben, und habe 
ihnen zwei Besuche abgestattet, um mit ihnen die laufenden Probleme zu besprechen. Es 
sind heuer zwei Ereignisse eingetreten, deren Notwendigkeit wir tief beklagen. Im Januar 
war die Situation so, daß für alle jüdischen Mitglieder die Notwendigkeit bestand, ihre 
Mitgliedschaft bei der Gesellschaft niederzulegen. Dies war das erstemal — und wir alle 
hoffen inständig, es möge das letztemal sein — , daß von solcher Willkür veranlaßte Ere 
wägungen sich in die wissenschaftliche Sphäre der Psychoanalyse Eingang verschafften. 
Im Vormonat wurde verfügt, daß die Deutsche Gesellschaft als Sektion dem „Deutschen 
Institut für Seelenkunde und Psychotherapie" angegliedert werde. Sie behält damit neben 
anderen Richtungen der Psychotherapie ihre Selbständigkeit hinsichtlich der Wissenschaft* 
liehen Arbeit und der Lehrtätigkeit und wir hoffen, daß dies auch künftighin der Fall 
sein wird. 

In Ungarn sind — abgesehen von der gewohnten eifrigen Arbeit der Vereinigung — 
drei Punkte von besonderem Interesse, darunter vor allem die Ausbreitung der Analyse 
von Budapest auf andere Städte. In einer von diesen, Bekes Csaba, ist das analytische 
Interesse so lebendig, daß eine zwanglose Gruppe, die mit der Hauptvereinigung in Ven» 
bindung steht, gegründet wurde. Der zweite Punkt wäre die rege Arbeitsentfaltung in der 
Richtung der Kinderanalyse und der analytischen Pädagogik. Drittens können wir fest* 
stellen, daß die Ungarländische Vereinigung in zielbewußter und erfolgreicher Weise be* 
strebt ist, aus ihrer verhältnismäßigen Isolierung herauszutreten, indem sie durch Aus* 
tauschvorträge und auf verschiedenen anderen Wegen mit den Analytikern anderer Länder 
Kontakt zu gewinnen sucht. Natürlich bezieht sich dies vor allem auf die Wiener Ver* 
einigung, und die regelmäßige Verbindung zwischen Budapest und Wien scheint derzeit 
enger zu sein als jemals zuvor. 

Die indischen und japanischen Gesellschaften haben wenig zu berichten. Zur Feier 
des achtzigsten Geburtstages Prof. Freuds wurde in Kalkutta eine außerordentliche 
Sitzung veranstaltet. 

Die Italienische Vereinigung erfuhr einen ernstlichen Rückschlag durch die politische 
Unterdrückung ihres offiziellen Organs, der „Rivista Italiana die Psicoanalisi". Prof. L e v i* 
B i a n c h i n i, mit dem ich mich vorige Woche traf, versicherte mir jedoch, daß in seiner 
„Rivista di Psichiatria" reichlich Gelegenheit zur Publikation besteht. Anderseits hat 
die Italienische Vereinigung andauernde Fortschritte zu verzeichnen und hat einen for* 
mellen Antrag auf Zulassung zur Internationalen Vereinigung gestellt. Der Zentralvor* 
stand ist der Ansicht, daß diesem Ansuchen nunmehr Rechnung getragen werden sollte. 

Palästina sendet uns einen erfreulichen Bericht. Die Zahl der Mitglieder ist von 6 auf 
11 gestiegen und auch das analytische Interesse wächst im Lande zusehends. Wie zu er» 
warten, wurde Prof. Freuds achtzigster Geburtstag in vielfacher Weise — durch Fest* 
reden, Radiovorträge und Presseartikel — gefeiert. Die Rassenkonflikte haben seit März 
jede Zusammenkunft der Vereinigung unmöglich gemacht, es besteht aber die Hoffnung, 
daß im Herbst die gemeinsame Arbeit wieder aufgenommen werden kann. 

Aus Rußland liegen wieder keine direkten Nachrichten vor, aber die in diesem Lande 
beginnende Toleranz der Wissenschaft gegenüber gestattet zu hoffen, daß auch dort die 
psychoanalytische Arbeit wieder aufgenommen werden wird. Diese Hoffnung festigte auch 
ein kürzlich erfolgter Besuch Dr. Lehrmans, New York, bei Frau Vera Schmidt in 
Moskau, von der wir erfuhren, daß dort, obwohl die analytische Praxis nur in sehr wenigen 



Korrespondenzblatt 



185 



Fällen ausgeübt wird, trotzdem eine Gruppe von 15 Personen regelmäßig zur Diskussion 
analytischer Fragen zusammentrifft. 

In der Schweiz gibt es wenig Neues. Versammlungen fanden monatlich einmal an ver* 
schiedenen Orten des Landes statt. Dr. M e n g, der nun in Basel seinen ständigen Wohn* 
sitz hat, ist besonders auf dem Gebiet der psychoanalytischen Pädagogik tätig und hielt an 
der Universität Zürich einen Vortragskurs. Dr. Oberholzer hat mir soeben eine Be* 
werbüng der Schweizerischen Gesellschaft für ärztliche Psychoanalyse um die Mitglied* 
schaft bei der Internationalen Vereinigung übermittelt. Der Zentralvorstand ist jedoch der 
Ansicht, daß es besser ist, sich am Kongreß nicht mit dieser Angelegenheit zu befassen 
und hat mich beauftragt, die direkte Verbindung zwischen den beiden Gruppen der 
Schweiz in die Wege zu leiten. Wie ich angedeutet habe, bestand bisher keine Gelegenheit 
zur Untersuchung der augenblicklichen Lage; ich hoffe, dies im nächsten Monat in der 
Schweiz selbst besorgen zu können. ^- 

Zuletzt kommen wir zu der ältesten aller unserer Vereinigungen, der Wiener Psycho* 
analytischen Vereinigung. Das hervorstechendste Ereignis war sicherlich die Einrichtung 
der neuen und besonders adaptierten Räume in der berühmten Berggasse, die zu eröffnen 
ich gelegentlich des achtzigsten Geburtstages Prof. Freuds die Ehre hatte. Wenigstens 
gibt es nun einen würdigen Mittelpunkt für die Arbeit der Vereinigung, des Ambula* 
toriums, des Lehrinstitutes und — last not hast — des Verlages. Über den Verlag habe 
ich im Augenblick nichts zu sagen, da er an einem anderen Punkt der Tagesordnung auf* 
scheint. Eine hervorragende und sehr zweckdienliche Entwicklung nahm Wien in seiner 
Funktion als „Zentralstelle" zur Aufrechterhaltung des ständigen Kontaktes mit anderen 
Vereinigungen. Natürlich war dieser Kontakt am lebhaftesten mit der Wiener Tochter* 
gruppe in Prag. Es wurden von Mitgliedern der Wiener Vereinigung in Prag nicht weniger 
als 16 Vorträge, von Prager Mitgliedern in Wien drei Vorträge gehalten. Ich möchte 
hier daran erinnern, daß kürzlich eine tschechische Übersetzung der „Vorlesungen" er* 
schienen ist. Zwei Mitglieder der holländischen Vereinigung hielten Vorträge in Wien, 
zwei der Wiener Vereinigung in Holland. Vom Austausch zwischen London und Wien 
habe ich bereits früher gesprochen. Auch zwischen Budapest und Wien fand ein solcher 
Austausch statt und nicht weniger als zehn ungarische Kinderanalytiker besuchen regel* 
mäßig das Wiener Kinderseminar. Diese Tätigkeit erreichte ihren Höhepunkt in der Vier* 
ländertagung in Wien im Juni 1935, bei der es zu einer fruchtbaren Aussprache zwischen 
Analytikern aus Budapest, Prag, Rom und Wien kam. Einen schweren Verlust erlitt die 
Wiener Vereinigung durch die Auswanderung von Dr. Helene Deutsch, der Leiterin 
des Lehrinstitutes. 

Zur Zulassung in die Internationale Vereinigung habe ich nur eine psychoanalytische 
Gesellschaft, die italienische, vorzuschlagen, jedoch bestehen ermutigende Ansätze zu 
neuen und gesunden Entwicklungen, die mit der Zeit sicherlich zur Bildung neuer Ver* 
einigungen führen werden. Auf dem vorigen Kongreß befaßten wir uns mit der Aus* 
breirung des Interesses für die Psychoanalyse im Norden Europas. Heute habe ich über 
eine ähnliche Ausbreitung nach Osten zu berichten. Den überrachenden Fortschritt in 
der Tschechoslowakei haben wir bereits festgestellt und wir dürfen hoffen, daß der An* 
sporn, den unser Besuch hierzulande geben wird, bald ein Zulassungsgesuch für eine 
hiesige Zweigvereinigung zeitigen wird. Wir erhielten auf diesem Kongreß Zeugnis von 
der interessanten Arbeit, die in Warschau geleistet wird, und Dr. Bychowski infor* 
miert mich darüber, daß es dort bereits eine zwangslose Arbeitsgemeinschaft von fünf 
Mitgliedern gibt, die hoffentlich bald einer unserer Zweigvereinigungen angegliedert werden 
wird. In Jugoslavien ist einer unserer Kollegen, Dr. S u g a r, der bisher seine Praxis in 
Subotica ausübte, im Begriff, nach Belgrad zu übersiedeln, wo er eine Lehrstelle errichten 
will. Er erzählt mir von vorliegenden Übersetzungen ins Serbische sowie ins Bulgarische. 



186 Korrespondenzblatt 



Auch Rumänien hat einen Analytiker in der Person Dr. W i n n i k s, der den in einem 
neuen Lande, wo man den Unterschied zwischen der Psychoanalyse und anderen Formen 
der Psychotherapie noch nicht kennt, üblichen Schwierigkeiten begegnet. Frau Weigert* 
-Vowinckel fungiert in Ankara als Lehrzentrum und hat es verstanden, bei vielen 
türkischen Ärzten das Interesse für die Psychoanalyse zu wecken. Sodann höre ich, daß in 
Belgien und Griechenland aktive sogenannte psychoanalytische Gesellschaften bestehen, 
obwohl es meines Wissens in diesen Ländern keine anerkannten Analytiker gibt; die 
griechische Organisation scheint besonders kühn in ihrer Propaganda zu sein. 

Ich kann mich an die Zeit erinnern, da der Tod eines Analytikers ein seltenes und 
unerwartetes Ereignis war. Heute ist unsere Mitgliederzahl so groß, daß wir mit einer 
regelrechten Liste der Sterbefälle rechnen müssen. Sie ist diesmal nicht so umfangreich wie 
das letztemal, aber sie ist doch lang genug. Bald nach dem Luzerner Kongreß traf uns die 
traurige Nachricht vom Hinscheiden des vorbereitenden Sekretärs jenes Kongresses, 
Dr. Hans Behn*Eschenburg. Er war ein hoffnungsvoller Analytiker und ein 
liebenswerter Mensch, den wir sehr vermissen. 

Die übrigen Verluste betreffen die englisch sprechenden Länder. Der erste unter ihnen 
war der Tod Dr. M. D. E d e r s, eines der frühesten Mitglieder und ersten Sekretärs (der 
britischen Vereinigung. Der Abgang dieser beliebten und geachteten Persönlichkeit hinter* 
läßt eine Lücke in unserer Vereinigung und das Gefühl der Dankbarkeit für seine stets 
aktive Hilfsbereitschaft hat in vielen von uns den Wunsch geweckt, sein Andenken in 
sichtbarer Weise zu verewigen. Ich wurde ersucht, den Vorschlag mit verschiedenem 
Führern des Zionismus zu besprechen, einer Bewegung, der sich Dr. E d e r mit großem 
Eifer widmete; es wurde beschlossen einen Fond zur Schaffung einer psychologischen 
Bibliothek an der Hebräischen Universität in Jerusalem ins Leben zu rufen, die seinen 
Namen tragen soll. Als einer der Gründer und Leiter dieser Universität hätte Dr. E d e b 
ein solches Unternehmen zweifellos mit Genugtuung begrüßt und ich glaube des Erfolges 
sicher zu sein, wenn ich im kommenden Herbst einen diesbezüglichen Aufruf erscheinen 
lasse. 

Die New Yorker Vereinigung verlor drei Mitglieder. Dr. H. W. F r i n k, ein gründendes 
Mitglied der Gesellschaft, war zu seiner Zeit einer der hervorragendsten Analytiker, 
Amerikas; sein Werk „Morbid Fears and Compulsions" bleibt eines der wichtigsten in 
der englischen psychoanalytischen Literatur. Dr. William Spring war eines der ausge* 
zeichnetsten unter den jüngeren Mitgliedern. Dr. Josef Asch lieferte auf seinem Spezial* 
gebiet als Urologe eine Anzahl nützlicher Beiträge zur Psychoanalyse. 

Boston erlitt einen schweren Verlust in der Person Dr. William Hermanns, eines 
außergewöhnlichen Menschen und Mitbegründers seiner Vereinigung. 

Ich möchte Sie bitten, sich zum Zeichen der Verehrung für die Kollegen, deren Veif 
lust wir betrauern, von Ihren Plätzen zu erheben". 

Dr. Jones verliest sodann das folgende Telegramm Prof. Freuds, das als Antwort 
auf ein an ihn gesandtes Begrüßungsschreiben des Kongresses eintraf: „Danke, daß Sie 
meiner gedacht haben. Grüße an Freunde und Mitarbeiter. Im Alter derselbe Freud." 
Das Telegramm wird mit Beifall begrüßt. 

Es wird beschlossen, auf die Verlesung des Wortlautes der letzten Geschäftssitzung zu 
verzichten, da der Text bereits in den offiziellen Organen in Druck erschienen ist. Der 
Vorsitzende stellt fest, daß der Einspruch Dr. F e d e r n s leider in diesem Text ausgelassen 
worden ist. Er lautete : 

„1. Der Präsident Dr. E i t i n g o n veranlaßte, daß sicherlich wichtige Punkte zur Ab* 
Stimmung gelangten, die nicht auf der Tagesordnung standen. Er wurde dazu bestimmt 
durch den Einfluß des Sekretärs Dr. Rado, der die Berichte vorlegte und die Anträge 
bekanntgab. 



- 



Korrespondenzblatt 187 



2. Die I. U. K. verfügte, obwohl sie ein Ausschuß der I. P. V. ist, willkürlich und aus 
eigener Machtvollkommenheit Änderungen in ihrer Organisation, ihrer Zusammensetzung 
und ihrem Arbeitsziel. Die I. U. K. ist nur berechtigt, Resolutionen zu fassen, die dem 
Kongreß oder den Vereinigungen vorgelegt wurden." 

Nach dieser Richtigstellung wird der letzte Kongreßbericht von der Versammlung ge* 
nehmigt. 

Die Versammlung beschließt per acchmationem die Aufnahme der Italienischen Psycho* 
analytischen Vereinigung in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung. 

Ein Gesuch um Zulassung zur I. P. V. liegt von der Schweizerischen Gesellschaft ;für 
ärztliche Psychoanalyse vor. Der Präsident wird beauftragt, die lokalen Verhältnisse und 
die Möglichkeit einer Verbindung zwischen den beiden Schweizerischen Gesellschaften zu 
prüfen. 

Über die Frage der Genehmigung der Statuten der neuen American Psychoanaljytic 
Association entwickelt sich eine längere Debatte, die der Präsident mit folgenden Bemer* 
kungen einleitet: 

„Wenn ich Sie bitte, die Statuten der neuen American Psychoanalytic Association ;zu 
ratifizieren, möchte ich im Interesse der Klarheit betonen, 

1. daß die American Association nicht länger eine Zweigvereinigung der Internationalen 
Vereinigung sein will, obwohl sie keine anderen Mitglieder aufnehmen wird als Mit* 
glieder der sie konstituierenden Zweiggesellschaften; diese Zweiggesellschaften behalten 
natürlich der I. P. V. gegenüber die gleiche Stellung wie vorher, identisch mit jener der 
britischen, französischen oder anderen Vereinigungen; 

2. daß eine Hauptfunktion der neuen Association die Überprüfung neuer Gesellschaften 
in den Vereinigten Staaten ist; keine neue Gesellschaft erhält die Qualifikation zur Auf* 
nähme weder in die American Association noch in die Internationale Vereinigung, ehe die 
Empfehlung der ersteren von der letzteren zur Kenntnis genommen wurde; 

3. daß es ihre weitere wichtige Aufgabe ist, der I. U. K. bei der Herstellung eines 
allgemeinen Kontaktes unter den verschiedenen Lehrausschüssen und Instituten an die 
Hand zu gehen. Ähnlich der I. U. K. kommt ihr jedoch dabei eine lediglich beratende 
Rolle zu. 

An der Diskussion beteiligen sich folgende Mitglieder: Anna Freud, Drs. van 
Ophuijsen, Nunberg, Federn, Brill, Bälint, Hanns Sachs, Raknes, 
Locwenstein, Oberndorf, French und B i b r i n g. 

Die dem Kongreß vorliegenden Staruten der American Psychoanalytic Association wer* 
den genehmigt und ratifiziert. 

Schließlich wird mit allen gegen drei Stimmen folgende Resolution gefaßt: 

„Gegen jeden Kongreßbeschluß, der speziell Amerika betrifft, kann bei der nächsten 
Sitzung der American Psychoanalytic Association ein Veto eingelegt werden." 



II. Bericht des Zentralkassenwarts 

Der Zentralkassenwart erstattet den Kassenbericht. Er stellt fest, daß die Eingänge der 
I. P. V. während der Berichtsperiode Frs. 6.596,42, die Ausgaben Frs. 6.219,56 betrugen.. 
Einschließlich eines Restsaldos vom 15. Oktober 1934 im Betrage von Frs. 2.832,64 belief sich 
das der I. P. V. zur Verfügung stehende Guthaben am 30. Juli 1936 auf Frs. 3.209,50. Auf 
Vorschlag des Kassenwarts wird beschlossen, die Verzinsung des Darlehens an den Verlag 
von 7 °/o auf 3 1 / 2 °/o herabzusetzen. Es wird bestimmt, daß die Jahresbeiträge in der gleichen 
Höhe wie bisher zu entrichten sind, sowie daß jede Zweigvereinigung für die Bezahlung 
aller Beiträge, die die ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder schulden, dem Zentral* 



188 



Korrespondenzblatt 



kassenwart selbst verantwortlich ist; diese direkte Zahlung darf nicht später als bis zum 
1. Juli jedes Jahres erfolgen. 

Der Bericht des Zentralkassenwarts wird mit Beifall zur Kenntnis genommen; die Ver* 
Sammlung dankt Dr. S a r a s i n für seine Bemühungen. 

III. Bericht des Präsidenten der I. U. K. 

Dr. Eitingon schlägt gewisse Änderungen in den Statuten der I. U. K. vor (vgl. 
Abschnitt VI), die einstimmig angenommen werden. 

Dr. Eitingon gibt bekannt, daß während der Berichtsperiode Dr. Rado seine Stelle 
als Sekretär der I. U. K. niedergelegt hat. Ein von Dr. Rado gestellter Antrag, (die 
I. U. K. solle aller ordentlichen Befugnisse entkleidet werden und in Hinkunft einen 
Unterausschuß des Kongresses ohne satzungsmäßige Machtvollkommenheit bilden, dem 
nur die Aufgabe obliegt, Fragen der Lehrtätigkeit zu diskutieren, wird einstimmig abgelehnt. 

IV. Verlagskomitee 

Über Aufforderung des Präsidenten legt Dr. Martin Freud folgenden Verlagsbericht 
vor: 

Die auf dem Wiesbadener Kongreß eingeleitete Aktion zur Entschuldung des Ver* 
lages war zur Zeit des Luzerner Kongresses bereits beendet. Über die seitens der einzelnen 
Gruppen eingezahlten Beträge und über die Verwendung dieser Beträge zur Deckung der 
Verlagsschulden habe ich dem Luzerner Kongreß unter Kontrolle von Herrn Dr. Sa* 
r a s i n ausführlich Bericht erstattet. 

Nachträglich, d. i. nach dem 30. Juni 1934, sind noch Spenden für den Verlagsfonds 
eingelaufen, u. zw. insbesondere von der Londoner und von der Wiener Gruppe. Ferner 
hat Frau Dr. J a c k s o n in den vergangenen Jahren durch erhebliche Beiträge das sich aus 
dem Betriebe ergebende Defizit gedeckt und dem Verlag hiedurch ein Weiterarbeiten 
ermöglicht. Schließlich wurden dem Verlag auch für besondere Zwecke Gelder gespendet, 
so zur Herstellung von Büchern (Dr. Sachs, „Zur Menschenkenntnis", Dr. Sterba, 
„Handwörterbuch der Psychoanalyse") und schließlich sind zur Deckung des durch die 
Beschlagnahme in Deutschland entstandenen Schadens von der Frau Prinzessin Marie 
Bonaparte und von Herrn Dr. Brill (im Wege meines Vaters) namhafte Beträge 
aufgebracht worden. 

Untenstehend ein Verzeichnis der gespendeten Beträge in der Zeit vom 30. Juni 1934 
bis zum 31. Juli 1936. Die gespendeten Beträge sind, soweit sie für bestimmte Zwecke 
erlegt wurden! diesen Zwecken zugeführt worden, alle übrigen Spenden wurden zur 
Deckung des Verlagsdefizits herangezogen. Schulden bestehen derzeit nicht. 



A) Beiträge zur Deckung des Defizits: 



10. 
16. 
30. 
31. 
15. 
15. 
12. 
18. 



10. August 1934 von der Wiener Gruppe . 

31. August 1934 von der Wiener Gruppe . 
Oktober 1934 von der Englischen Gruppe 
Oktober 1934 von der Wiener Gruppe . 
Oktober 1934 von der Englischen Gruppe . 
Dezember 1934 von der Englischen Gruppe . 
Februar 1935 Spende von Fr. Dr. Jackson 
Mai 1935 von der Englischen Gruppe . 
Oktober 1935 Spende von Dr. Sachs 
Dezember 1935 Spende von Fr. Dr. Jackson 



30.— 
325.— 
316.10 
650.— 
792.— 
366.83 

10.520.— 

112.— 

49.51 

10.637.67 



S 23.799.11 



Korrespondenzblatt joq 

B) Beiträge für besondere Zwecke: 
30. Oktober 1935 Spende von Herrn Dr. Sachs 
(Herstellungskosten für das Buch „Menschenkenntnis") . . . S 1500.— 

6. März 1936 Beitrag der I. P. V. für das „Handwörterbuch der 
Psychoanalyse" 1749 28 

18. März 1936 Spende von Fr. Dr. Jackson für den gleichen Zweck " 1300 

~ S 4.549.28 

C) Beiträge zur Deckung des durch die Beschlagnahme 
entstandenen Schadens: 

7. April 1936 Spende der Frau Prinzessin Marie Bonaparte . . S 2000. — 
6. Juli 1936 zur Verfügung gestellt von Prof. Freud, aus einer 

ihm anläßlich des 80. Geburtstages von Herrn Dr. A. A. 

Brill übergebenen Spende u ■ . . . . „ 5290.— 

< S 7290 — 

Gesamtsumme S 35.638.39 

Tendenz der geschäftlichen Entwicklung: 

Die in Wiesbaden beschlossene Sanierung des Verlages ging davon aus, daß die äußeren 
geschäftlichen Verhältnisse für den Verlag ungefähr gleich bleiben würden. Diese Erwar* 
tung ist leider nicht eingetroffen. Im Jahre 1933, in welchem Jahre sich die Veränderung 
in der Struktur der deutschen Kulturgemeinschaft noch nicht so nachdrücklich auswirkte, 
ist es mir tatsächlich gelungen, ohne Defizit durchzukommen. Schon im Jahre 1934 war 

dies nicht mehr möglich; in diesem Jahr betrugen die Ausgaben S 148.000. — 

und die Einnahmen „ 129,000, — 

es ergab sich demnach für das Jahr 1934 ein Defizit von rund . . . S 19.000 — 

Im Jahre 1935 gelang es mir, die Ausgaben auf S 129.000 — 

zu ermäßigen, gleichzeitig gingen aber auch die Einnahmen auf „ 106.000. — 

zurück, so daß das Jahr 1935 mit einem Defizit von rund S 23.000.— 

schloß. > 

Es ist natürlich verfrüht, eine Prognose für das geschäftliche Ergebnis des Jahres 1936 
zu stellen. Dieses Jahr brachte mit der Beschlagnahme der Buchbestände in Deutschland, 
welche Beschlagnahme rund vier Monate andauerte, und schließlich mit dem Verbot des 
Überweisungsverkehres in der monatlichen 10*Mark*Grenze dem Verlag besonders harte 
geschäftliche Schläge. Der Verlag wird fast alle deutschen Abonnenten verlieren und wird 
BücheV nur mehr in ganz vereinzelten Fällen nach Deutschland liefern. 

Seinerzeit war der Verlag mit 75 o/o seines Absatzes auf Deutschland angewiesen. Wenn 
dies heute noch der Fall wäre, so bliebe natürlich nichts anderes übrig, als die Verlags-* 
geschäfte schleunigst zu liquidieren. Ich konnte jedoch auf Grund eingehender statistischer 
Prüfung herausfinden, daß im Jänner des Jahres 1936 nur mehr ein Viertel unseres Ab* 
satzes an Büchern und Zeitschriften nach Deutschland ging, so daß damit zu rechnen ist, 
daß die zu erwartenden weiteren Verluste des Absatzes an Büchern und Zeitschriften ein 
Viertel des bisherigen Umsatzes nicht überschreiten werden. 

In den außerdeutschen Ländern hat sich unser Absatz in den letzten Jahren nicht ver* 
schlechtert, sondern eher ein wenig gebessert. Wenn die Absatzziffer für das Jahr 1936 
nicht ganz wesentlich unter dem Betrag von S 100.000. — zurückbleibt, sehe ich auch für 
kommende Zeiten die Möglichkeit, mit einem verhältnismäßig geringen Zuschuß, etwa 
2000.— bis 3000.— Dollar jährlich, die Verlagsgeschäfte im bisherigen Umfange weiter* 
führen zu können. 



Die wichtigsten vom Verlag seit dem Luzerner Kongreß publizierten Werke sind: 
• Sigm. Freud: Selbstdarstellung. Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage. 

Bergler: Napoleon, Talleyrand, Stendhal, Grabbe. 

Lowtzky: Sören Kierkegaard. 

Sachs: Zur Menschenkenntnis. 

Groddeck: Das Buch vom Es. Dritte Auflage. 

Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. 

Sterba: Handwörterbuch der Psychoanalyse. 

Almanach der Psychoanalyse 1935. 

Almanach der Psychoanalyse 1936. 

Ferner erschien in der Berichtsperiode eine große Anzahl fremdsprachiger Über,» 
Setzungen von Verlagswerken, hauptsächlich solcher von Prof. Freud. 

Am 24. März 1936 erhielten wir von unserem Leipziger Kommissionär, der Firma 
F. Volckmar, die Nachricht, daß eine große Anzahl unserer Verlagswerke polizeilich ein* 
gezogen und sichergestellt worden sei. Wenige Tage später teilte uns der Kommissionär 
gelegentlich eines Überlandsgespräches mit, daß das ganze Lager beschlagnahmt und der 
Verkauf unserer Bücher in Deutschland verboten worden sei. 

Ich habe von der Sachlage die Mitglieder des Verlagskomitees verständigt und die ein* 
zelnen Gruppenvorstände gebeten, im Wege ihrer diplomatischen Vertretungen zugunsten 
des Bücherlagers zu intervenieren. Es hieß damals, daß die Absicht bestünde, das ganze 
Lager zu vernichten und die Zeitungen brachten auch - fälschlicherweise — Nachrichten 
daß dies bereits geschehen sei. Tatsächlich haben England, Frankreich und die Ver* 
einigten Staaten von Amerika diplomatisch interveniert, ferner hat sich die österreichische 
Regierung ins Mittel gelegt. Schließlich wurden am 8. Juli alle beschlagnahmten Buch* 
bestände freigegeben, wahrscheinlich infolge des zwischen Deutschland und Österreich 
damals eben hergestellten politischen und wirtschaftlichen Friedens. Unmittelbar nach der 
Freigabe habe ich die wertvollsten Buchbestände aus Deutschland herausgezogen. 
Dr. Jones unterbreitet so dann der Versammlung folgenden Vorschlag: 

Gründung einer Internationalen Zentralstelle für psychoana* 

Iytische Bibliographie. 

Es liegt eine Anregung vor, im Zusammenhang mit dem Verlag eine Internationale 
Zentralstelle für psychoanalytische Bibliographie zu schaffen. Nach der Meinung Dr. Jones' 
würde sich ein solches Institut für die wissenschaftliche Arbeit der Mitglieder der I. P. V. 
als außerordentlich wertvoll erweisen. Es ist daran gedacht, nicht nur Mitgliedern der 
I. P. V, sondern auch Nichtmitgliedern Informationen über psychoanalytische Literatur 
zu erteilen. Bisher hat der Verlag häufig solche Auskünfte spesenfrei vermittelt. In Hin* 
kunft soll nun eine Vergütung berechnet werden, die zu dem Umfang der Fragen und 
zu der Schwierigkeit ihrer Beantwortung in einem angemessenen Verhältnis steht. Der 
Aufbau einer solchen Zentralstelle kostet Geld und es ist nicht anzunehmen, daß sofort 
nach der Festsetzung eines Honorars für erteilte Auskünfte ausreichende Beträge eingehen 
werden. Es wird deshalb daran gedacht, daß die einzelnen Vereinigungen der I. P. V. die 
Zentralstelle durch Beiträge unterstützen, und es besteht die Anregung, daß jedes Mitglied 
sich zu einem Beitrag von Dollar 5.- pro Jahr verpflichten möge. Dr. Jones bittet die 
Anwesenden, sich zu dem Projekt zu äußern und die Versammlung über die voraussieht* 
ücne Haltung der verschiedenen Gruppen zu informieren. 

Bei der Besprechung dieses Vorschlages betont AnnaFreud die Tatsache, daß 
es tur eine mit der I. P. V. so eng verbundene Institution, wie es der Verlag ist, einen 
unwürdigen Zustand bedeutet, auf gelegenthche Beiträge und den guten WiUen Ein* 
seiner angewiesen zu sein. Es sei daher eine Sache von größter Wichtigkeit, wenn die 






Korrespondenzblatt 191 



finanzielle Basis des Verlags durch die Schaffung dieser neuen Institution sicherer gestaltet 
werde, einer Institution, deren die I. P. V. selbst dringend bedarf. 

Bezüglich der Stellungnahme der einzelnen Vereinigungen äußern sich im günstigen 
Sinne Drs. B r i 1 1 und Oberndorf als Vertreter der New Yorker Gruppe und er* 
klären sich beide bereit, im Namen ihrer Vereinigung einen Beitrag von Dollar 5.— püo 
Mitglied zu garantieren oder, wenn nötig, diese Beiträge selbst zu bezahlen. Prinzessin 
Marie Bonaparte gibt die gleiche Erklärung im Namen der französchen Gruppe. 
Dr. d e M o n c h y begrüßt im eigenen Namen die Idee der Zentralstelle, bemerkt jedoch, 
daß er hinsichtlich der Beiträge für seine Gruppe keine bindende Erklärung abgeben könne. 
Weitere Zusicherungen geben Dr. P fei f er für die Ungarländische Vereinigung, Dr. Bi* 
bring für die Wiener Vereinigung und Frau Dr. Deutsch für die Bostoner Vereinte 
gung. Dr. Meng begrüßt gleichfalls den Vorschlag und gibt seiner Überzeugung Aus* 
druck, daß die Zentralstelle wertvolle Arbeit leisten würde. Dr. French versichert namens 
seiner Vereinigung, das Projekt zu unterstützen. 

V. Zeitschriftenkomitee 

Die Versammlung beschließt, das Zeitschriftenkomitee, bestehend aus Drs. Sarasin, 
Laforgue, Jones und Frl. Anna Freud zu bitten, seine Tätigkeit fortzusetzen. 
Ferner wird beschlossen, Dr. Feigenbaum zu ersuchen, als Nachfolger Dr. L e w i n s 
an dem Komitee mitzuarbeiten. Der Antrag wird angenommen. 

Zur Verringerung der Ausgaben wird beschlossen, das Korrespondenzblatt künftig nur 
einmal jährlich in den drei offiziellen Zeitschriften erscheinen zu lassen; es soll aus drei 
Teilen bestehen, und zwar jeweils den Berichten der Zweigvereinigungen, der Kliniken und 
der Lehrinstitute, die abwechselnd im Januar, April und Juli zu veröffentlichen sind. 
Eine vollständige Mitgliederliste soll im Oktober jedes zweiten Jahres erscheinen. Im da* 
zwischenliegenden Oktober sollen nur die erfolgten Adreßänderungen und Veränderungen 
des Mitgliederstandes angezeigt werden. 

VI. Allgemeines 

Änderung der Statuten der I. U. K. 

Die Statuten, welche den Aufbau und die Tätigkeit der I. U. K. regeln, werden wie 
folgt abgeändert: 

§ 8:|,Die I. U. K. ist das Zentralorgan der I. P. V. für die Organisierung und Über* 
*wachung der psychoanalytischen Ausbildung und für die Verwaltung aller mit der 
psychoanalytischen Ausbildung zusammenhängenden Geschäftssachen der I. P. V. 
Sie hat die Entwicklung der didaktischen Grundsätze und Probleme in den einzelnen 
Gruppen aufmerksam zu verfolgen, den Austausch der Meinungen und Erfahrungen 
und damit eine ständige Diskussion der Aufgaben zu pflegen und auf diese Weise 
den Kontakt zwischen den einzelnen Lehrausschüssen aufrecht zu erhalten und auf 
eine einheitliche Meinungsbildung hinzuarbeiten." 

„Die I. U. K. besteht aus ihrem Vorstand (Council), den Lehrausschüssen der 
Zweigvereinigungen, den Vertretern der anerkannten Lehrinstitute und Lehrstellen. 
Der Vorstand der I. U. K. setzt sich aus einem Vorsitzenden, einem Stellvertreter 
und einem Sekretär zusammen; außerdem gehören der jeweilige Präsident der 
I. P. V. und ein offizieller Vertreter der American Association dem Vorstand 
der I. U. K. als Vorstandsmitglieder an. Der Vorstand der I. U. K. wird von der 
Generalversammlung des Kongresses gewählt und zwar für die Zeit bis zur nächsten 
ordentlichen Generalversammlung. Der Lehrausschuß eines jeden anerkannten Lehr* 
institutes kann höchstens aus sieben Mitgliedern, der Lehrausschuß einer jeden an* 



192 Korrespondenzblatt 






erkannten Lehrstelle aus höchstens drei Mitgliedern bestehen. Es ist erwünscht, daß 
jeder Lehrausschuß einen Vorsitzenden und einen Sekretär einsetzt." 

„Die I. U. K. regelt selbständig ihre Geschäftsordnung. Sie tagt mindestens jedes 
zweite Jahr in Form der auf den Kongressen stattfindenden Plenarversammlung der 
I. U. K. Die Plenarversammlung setzt sich aus allen Mitgliedern aller Lehrausschüsse 
bezw. den Vertretern der Lehrinstitute und Lehrstellen sowie dem Vorstand zu* 
sammen und bildet die eigentliche beschlußfassende Körperschaft. Jeder vertretene 
Lehrausschuß besitzt — unabhängig von der Zahl seiner anwesenden Mitglieder — 
drei Stimmen; jede vertretene Lehrstelle eine Stimme. Wenn die Vertreter 
eines Institutes oder einer Lehrstelle in einer bestimmten Angelegenheit mit der 
Votumabstimmung nicht einverstanden sind, dann haben sie mit Einverständnis der 
Leitung das Recht, eine Rückfrage bei ihrem Lehrausschuß zu verlangen. In einem 
solchen Fall haben die Institute das Resultat der internen Abstimmung innerhalb 
von zwölf Wochen der Leitung der I. U. K. zu übermitteln, worauf diese auf Grund 
der einfachen Majorität die Entscheidung trifft. Diese unterliegt selbstverständlich 
der Ratifizierung durch die nächstfolgende Plenarversammlung." 

„Alle Entscheidungen, für die die I. U. K. zuständig ist, werden für die Zeit bis 
zum nächsten Kongreß vom Vorstand der I. U. K., endgültig vom Plenum der 
I. U. K. getroffen, dem das Recht der Ratifizierung der vom Vorstand getroffenen 
Maßnahmen vorbehalten bleibt." 

„Der Regelung des Verkehrs zwischen der Leitung der I. U. K. und den ihr ange* 
hörenden Lehrausschüssen bezw. Lehrstellen dient eine Zwischenkörperschaft, die 
aus den jeweiligen Leitern der Lehrausschüsse und der anerkannten Lehrinstitute 
sowie den Inhabern der anerkannten Lehrstellen besteht. Der Verkehr der Leitung 
der I. U. K. mit den einzelnen Ausschüssen usw., erfolgt über diese Körperschaft; 
die Mitglieder dieser Zwischenkörperschaft übernehmen die Verpflichtung, die Lehr* 
ausschüsse über die Mitteilungen der I. U. K. zu informieren, andererseits alle Ant* 
worten, Beschlüsse, Anträge und Anregungen der Ausschüsse an die Leitung der 
I. U. K. weiterzugeben." 
§ 10 : „Der allgemeine Teil des Korrespondenzblattes wird vom Zentralsekretär, der Unter* 
richtsteil vom Sekretär der I. U. K. redigiert. Die Sekretäre der Zweigvereinigungen 
bezw. die Sekretäre der Lehrausschüsse haben dem Zentralsekretär bezw. dem Sekretär 
der I. U. K. in regelmäßigen Abständen Berichte einzusenden. Diese regelmäßig am 
Ende eines Arbeitsabschnittes zu erstattenden Berichte erfolgen unabhängig von den 
im § 8 getroffenen Bestimmungen über die Tätigkeit der Zwischenkörperschaft. 

Es findet eine Diskussion über die Ratsamkeit einer Abänderung der die Doppelmit* 
gliedschaft betreffenden Stelle in den Statuten statt; die Änderung wird genehmigt. Ferner 
wird beschlossen, das System der direkten Mitgliedschaft ehemaliger deutscher Mitglieder 
laut Beschluß des letzten Kongresses beizubehalten; solche direkte Mitglieder sind daran zu 
erinnern, daß sie ihre Jahresbeiträge jeweils vor dem 1. Juli direkt an den Zentralkassen* 
wart zu entrichten haben. 

Schließlich wird der Zentralvorstand ermächtigt, wie beim letzten Kongreß in eigener 
Verantwortlichkeit die wissenschaftlichen Vorträge für den nächsten Kongreß zu arran* 
gieren; verschiedene Themata werden vorgeschlagen und vorgemerkt. 

VII. Wahl des Zentralvorstandes 

Dr. Jones übergibt den Vorsitz an Dr. J e k e 1 s als Altersvorsitzenden. Dem schei* 
denden Zentralvorstand wird die Entlastung erteilt und der Dank für alle seine Mühe zum 
Ausdruck gebracht. 

Der neue Zentralvorstand wird in folgender Zusammensetzung gewählt : 

Dr. Ernest Jones als Zentralpräsident; 

Dr. Edward G 1 o v e r als Zentralsekräter; 



- 



Korrespondenzblatt 193 



Dr. Philipp Sarasin als Zentralkassenwart; 

Prinzessin Marie Bonaparte, Dr. A. A. Brill, Dr. Max Eitingon, Anna 
Freu d,*Dr. C. P. O b e r n d o r f als Vizepräsidenten. 

Da die American Association sowohl einen Präsidenten als auch einen Ehrenpräsidenten 
gewählt hat, wird beschlossen, beide in ähnlicher Weise anzuerkennen; der Zentralvor* 
stand wird aufgefordert, die notwendige Statutenänderung zu formulieren und dem 
nächsten Kongreß zur Genehmigung vorzulegen. Der Zentralvorstand empfiehlt den fol* 
genden Zusatz zu § 7 der Statuten: 

„Bei Vorliegen außergewöhnlicher Umstände hat der Kongreß das Recht, einen Vize* 
Präsidenten honoris causa (Beirat) zu wählen". 

VIII. Wahl des Vorstandes der I. U. K. 

In den Vorstand der I. U. K. werden gewählt : 

Dr. Max E i t i n g o n als Präsident; 

Frl. Anna Freud als Vizepräsident; 

Dr. Edward B i b r i n g als Sekretär. 

Ferner gehören dem Vorstand an: Dr. Ernest Jones als Präsident der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung und ein Funktionär der American Psychoanalytic Asso* 
ciation, der von dieser selbst zu nominieren ist. 

Einladungen zur Abhaltung des nächsten Kongresses in ihren Ländern werden im 
Namen der Britischen und der Französischen Vereinigung überreicht; die Entscheidung 
über den Ort des Kongresses 1938 wird jedoch im Hinblick auf die Unsicherheit der 
politischen Situation dem Zentralvorstand überlassen. 



Plenarversatnmlung 
der Internationalen Unterrichtskommission 

Die Sitzung der I. U. K. fand am 2. August 1936 um 3 Uhr nachmittags statt. Den 
Vorsitz führte Dr. Max Eitingon. 

1. Dr. Eitingon eröffnet die Sitzung mit einer Ansprache, die im Anschluß an 
«fiesen Bericht vollständig abgedruckt wird. Nach einem kurzen historischen Überblick 
über die bisherige Entwicklung der I. U. K. zeigt Eitingon ihre gegenwärtigen Probleme 
und die Aufgaben der nächsten Zukunft, um dann die in den Rundschreiben bereits mite 
geteilten Vorschläge zur Reformierung der I. U. K. eingehend zu begründen. 

2. Mit Rücksicht auf die Dringlichkeit dieser Reformen und die Notwendigkeit, sie aus* 
führlich zu diskutieren, stellt der Vorsitzende den Antrag, die Geschäftsordnung im Gegen* 
satz zur bisherigen Übung abzuändern, die Tätigkeitsberichte der einzelnen Lehrinstitutionen 
zunächst zurückzustellen und die Reformvorschläge sogleich in Behandlung zu nehmen. 

3. Nach Annahme dieses Antrages verliest Dr. Eitingon die neuformulierten Para* 
graphen der Statuten (vgl. S. 191), die der Regelung der Tätigkeit der I. U. K. gewidmet sind. 
Im Anschluß daran bringt der Vorsitzende einen von Dr. Sandor R a d o, New York, for* 
mulierten Antrag zur Verlesung, der ebenfalls die künftige Gestaltung der I. U. K. zum 
Inhalt hat und der, wie aus den Begleitworten hervorzugehen scheint, im Namen des Lehr* 
Instituts der New Yorker Vereinigung gestellt wird. Diese Vorschläge werden im eng* 
lischen Original und in deutscher Übersetzung verlesen und lauten in der deutschen Fassung: 

„Wir sind gegen eine Internationale Unterrichtskommission in ihrer jetzigen Form und 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/1 13 



194 Korrespondenzblatt 



gegen jede Reorganisation, die die I. U. K. als legislative oder administrative Körper* 
schaft bestehen laßt. Wir machen statt dessen den folgenden Vorschlag: an Stelle der 
I. U. K. tritt eine völlig unverbindliche Internationale Unterrichts*Sitzung (conference), 
die auf jedem Kongreß tagt und an der die verschiedenen Lehr* und Kontrollanalytiker 
und die Funktionäre der Institute und Vereinigungen teilnehmen können. Den Vorsitz 
bei dieser Sitzung führt der Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, 
Schriftführer ist der Generalsekretär; das heißt die Internationale Unterrichtssitzung hat 
keinen eigenen Funktionär. Es gibt keine Abstimmungen, keine Vertretungen der Aus* 
schüsse, überhaupt nichts derartiges mehr." 

4. Da der von R a d o formulierte Antrag auf eine grundsätzliche Änderung der I. U.,K. 
abzielt, dem von der Leitung ausgearbeiteten, nur auf gewisse Umänderungen abgestimmten 
Reformvorschlag gegenüber also der weitergehende ist, schlägt der Vorsitzende geschäfts* 
ordnungsmäßig vor, zunächst über den von R a d o formulierten Vorschlag die Diskussion 
zu eröffnen. Dieser Vorschlag wird von der Versammlung einstimmig angenommen. 

An der sich nun entwickelnden lebhaften Aussprache nehmen der Reihe nach (einige 
mehrfach) teil: Jones, Hanns Sachs, Helene Deutsch, Eitingon, French, 
Anna Freud, Brill, Federn, Jekels. 

Auf eine von Jones gestellte Frage ergibt die Diskussion zunächst, daß mit Aus* 
nähme der New Yorker Vertreter die Delegierten der übrigen amerikanischen Lehrinstitute 
von diesem Vorschlag keinerlei Kenntnis haben. Alle genannten Vertreter betonen über* 
einstimmend, diese Vorschläge hier zum erstenmal zu hören. Der zweite Teil der Diskus* 
sion war demnach der Frage gewidmet, ob mit diesem Antrag ein offizieller Vorschlag 
des Lehrinstituts der New Yorker Vereinigung gegeben sei, oder ob es sich hiebei um die 
persönliche Meinungsäußerung des Autors dieses Antrages handle. Auf Grund der Aus* 
künfte der Delegierten des New Yorker Institutes wird festgestellt, daß es sich nur um eine 
private Meinungsäußerung Rados bezw. um einen von ihm allein vertretenen Antrag 
handeln könne, da eine offizielle Antragstellung des New Yorker Institutes über den 
Vorsitzenden des Lehrausschusses, nicht aber über den Leiter des Institutes zu gehen hätte. 
Außerdem wird von den Vertretern der New Yorker Vereinigung mitgeteilt, daß die in 
Rede stehenden Vorschläge der Meinung der New Yorker Vereinigung nicht entsprächen. 

Im weiteren Verlauf der Diskussion, in der verschiedene Redner der Verwunderung 
Ausdruck geben, daß diese Vorschläge, die praktisch die Aufhebung der Existenz der 
I. U. K. bezwecken, gerade von einer Seite kommen, die noch auf dem Luzerner Kongreß, 
also vor zwei Jahren, für eine so straffe zentrale Organisation und Befehlsgewalt der 
I.-U. K. eintrat, daß sie auf den Widerstand der Leitung der I. U. K. stieß, — wird 
schließlich der Antrag gestellt, die Angelegenheit vor die I. P. V. zu bringen. Der Vor* 
sitzende stellt demgegenüber fest, daß diese Angelegenheit zur Kompetenz des Plenums 
der I. U. K. gehöre und hier erledigt werden müsse, und bringt den Antrag Radoi zur 
Abstimmung, der einstimmig abgelehnt wird. 

5. Dr. Eitingon eröffnet nun die Diskussion über den im Rundbrief mitgeteilten Vor* 
schlag der I. U. K.*Leitung über die Abänderung jener Paragraphen in den Statuten, die 
der Unterrichtstätigkeit gewidmet sind. Es handelt sich um die Paragraphen 8 und 10. 

Diese Vorschläge beabsichtigen, wie E. Bi bring einleitend bemerkt, keine strenge 
Reglementierung, sondern suchen gerade die Luzerner Erfahrungen zu vermeiden. Es 
handle sich darum, einen allgemeinen Rahmen zu schaffen, der für alle Unterrichtenden 
gemeinsam sei. Die Gefahr des gegenwärtigen Zustandes bestehe darin, daß die Institute 
sich ohne Kontakt miteinander und daher vielleicht in verschiedene einseitige Richtungen 
auseinander entwickeln. Um dieser niemandem erwünschten drohenden Isolierung auf 
natürliche Art zu begegnen, gelte es, die Entwicklungsprozesse miteinander in Berührung 



r 



Korrespondenzblatt 195 



zu bringen und zu erhalten. Dieser Aufgabe hätte sich die I. U. K. zu unterziehen. Da* 
durch solle vor allem der Schaden des voneinander nicht Wissens behoben und vermieden 
werden, düß etwa schon anderwärts erledigte Versuche wiederholt, unnütze Experimente 
veranstaltet werden, die an den einzelnen Stellen gemachten Erfahrungen für die übrigen 
unverwertbar, weil anonym, bleiben usw. Wenn die Institute alle Erfahrungen aus* 
tauschen und ihre Probleme gemeinsam diskutieren, werden Einseitigkeiten der Entwick* 
lung verhindert und eine mehr oder weniger einheitliche Meinungsbildung vorbereitet. 
Allerdings sei dabei eine Voraussetzung gegeben: die Überzeugung, daß das sachlich 
Richtige sich von selbst durchsetzen werde. Das sei nur möglich, wenn die autonome 
Sphäre der Wissenschaften sich^von allen heteronomen Einflüssen frei halte. 

Die nun folgende Diskussion, an der sich Prinzessin Marie Bonaparte, Eitingon, 
E. Bibring, Federn, Anna Freud, French, Glover, Oberndorf, Jones, 
Löwen stein, R. Wälder, Raknes beteiligen, wird in der Form abgeführt, daß 
die einzelnen Abschnitte der zu ändernden Paragraphen in deutscher und englischer Fas* 
sung verlesen und einzeln diskutiert werden, wobei E. Bibring jedesmal die neuen 
Formulierungen und Zusätze hervorhebt und kommentiert. 

Eine Meinungsverschiedenheit ergab sich nur bei jenem Abschnitt, der die neueinge* 
führte Votum*Abstimmung zum Inhalt hat. Die bisherige Art der Abstimmung war von 
der zufälligen Zusammensetzung der Plenarversammlung abhängig, war also nicht geeignet, 
die wirkliche Meinung der Mehrheit widerzuspiegeln. Auf eine Anregung van O p h u i j* 
s e n s wurde daher von der Leitung ein Vorschlag ausgearbeitet, der jedem Lehrausschuß 
unabhängig von der Zahl seiner zufällig anwesenden Mitglieder eine bestimmte Stimmen* 
zahl zuweist (Votum* Abstimmung). Nachdem Jones, French, Ober nd o r f (und 
Löwenstein gewisse Bedenken vorgebracht hatten, wird auf Antrag von Fr e n c h 
die Abänderung aufgenommen, daß grundsätzlich die Votum*Abstimmung angenommen 
wird, daß aber die Vertreter eines Institutes oder einer Lehrstelle, wenn sie in einer be* 
stimmten Angelegenheit mit der Votum*Abstimmung nicht einverstanden sind, im Ein* 
vernehmen mit der Leitung der I. U. K. das Recht erhalten, eine Rückfrage bei ihrem 
Lehrausschuß zu verlangen; doch muß in einem solchen Fall der betreffende Lehraus* 
schuß seine Stellungnahme innerhalb von zwölf Wochen (vom Tage der Plenarversamm* 
lung an gerechnet) der Leitung der I. U. K. mitteilen. Mit dieser Abänderung wird dieser 
Abschnitt ebenso wie alle übrigen Absätze der Paragraphen 8 und 10 einstimmig ange* 
nommen. 

6. Der Vorsitzende bringt nun die eingelaufenen Neuanmeldungen, bezw. Ansuchen vor. 
Die von den einzelnen Instituten neubestimmten Lehranalytiker (einige infolge Über* 
Siedlung neu bestimmt) werden zur Kenntnis genommen: 

Dr. Helene Deutsch, Erik Homburger für Boston; 

Dr. Fanny Hann*Kende für Budapest; 

Dr. Therese B e n e d e k, Dr. Karl A. Menninger für Chicago; 

Susan I s a a c s, Dr. Melitta Schmideberg, Miss Sheehan*Dare für London; 

Dr. Lotte Liebeck*Kirschner für Oslo; 

Dr. Max Eitingon, Dr. M. Wulff für Palästina; 

Dr. Choichiro Hayasaka, Dr. Heisaku Kosawa für Sendai; 

Berta Bornstein, Steff Bornstein, Dr. Otto F e n i c h e 1, Dr. Annie Reich, 
Dr. Jenny W ä 1 d e r für W i e n. 

Ferner wird die Lehrermächtigung außerhalb der Institute und Lehrstellen an folgende 
Mitglieder persönlich und direkt erteilt: 

a. Georg Gero, Kopenhagen; 

b. Salomea Kempner, Berlin; 

c. Yrjö Kulovesi, Tampere, Finnland; ' 

13* 



196 Korrespondenzblatt 



d. Ola Raknes, Oslo; 

e. Harald Schjelderup, Oslo; 

f. Nikolaus Sugar, Subotica; 

g. Alfhild lamm, Stockholm. 

Schließlich wird beschlossen, die Befugnisse einer Lehrstelle folgenden Mitgliedern zuzu* 
sprechen : 

a. Otto Fenichel, Prag; 

b. Ludwig Jekels, Stockholm; 

c. Edoardo Weiss, Rom. 

Die Vorschläge, Frau Dr. Happel in Detroit die Lehrermächtigung zu erteilen und für 
Dr. E. S i m m e 1 in Los Angeles eine Lehrstelle zu errichten, werden auf einen Antrag 
Oberndorfs der American Association ^ur Regelung überlassen. 

7. Es folgen die Berichte der einzelnen Institute über die abgelaufene Unterrichtsperiode;. 
Es berichten für : 

Boston, Helene Deutsch und Hanns Sachs; 
Budapest, I. Hermann; 
Chicago, Th. F r e n c h ; 
Holland, M. K a t a n; 
London, E. G 1 o v e r; 
New York, C. P. O b e r n d o r f ; 
Oslo, O. Raknes; 
Palästina, M. Eitingon; 
Paris, Marie Bonaparte; 
Prag, O. Fenichel; 
Schweiz, Ph. S a r a s i n; 
Stockholm, L. Jekels; 
Wien, Anna Freud. 

Von dem Lehrinstitut der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft liegt ein aus« 
führlicher schriftlicher Tätigkeitsbericht vor. 

8. Der Vorsitzende erinnert an die Notwendigkeit, die Neuwahlen für die General« 
Versammlung vorzubereiten. Federn stellt den Antrag, für die kommende Tätigkeits« 
periode Eitingon zum Präsidenten, Anna Freud zur Vizepräsidentin, E. Bibring 
zum Sekretär vorzuschlagen. Ferner sollen dem Vorstand der I. U. K. ex offficio ange» 
hören: der Präsident der I. P. V. und der offizielle Vertreter der American Association. 
Nach einstimmiger AnnahmeP"tlieses Wahlvorschlages wird auf Antrag Federns dem 
abtretenden Ausschuß das Vertrauen — per acclamationem — ausgesprochen. 

Eröffnungsansprache des Vorsitzenden Dr. Eitingon 

Liebe Kollegen, 

wenn ich in einem Kreise so erfahrener Lehrer der Analyse einen Bericht über die gegen* 
wärtige Situation unserer Unterrichtsveranstaltungen geben soll, so ist es in einem Moment, 
wo wir mit den gröbsten Organisationsfragen wahrscheinlich fertig sind, wohl angezeigt, 
einen historischen Rückblick zu tun. 

Die Psychoanalyse ist jetzt ungefähr 50 Jahre alt, falls wir die erste wissenschaftliche 
Begegnung Freuds mit Joseph B r e u e r als ihr Geburtsdatum ansetzen. Seit wann aber 
lehrt man Psychoanalyse ? Freud selbst gibt uns eine sehr genaue Antwort darauf. In 
„Zur Geschichte der Psychoanalytischen Bewegung" sagt Freud (und Sie kennen alle diese 
Stelle): „Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte um mich in der aus* 
gesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu erlernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein 
Kollege, welcher die gute Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren hatte, 



Korrespondenzblatt 197 



gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden in meiner Wohnung zu* 
sammen, diskutierte nach gewissen Regeln, suchte sich in dem befremdlich neuen For* 
schungsgebiete zu orientieren und das Interesse anderer dafür zu gewinnen." Also 13 Jahre 
oder 15 war die Psychoanalyse alt, als Freud sie zu lehren begann. Bis dahin haltte er 
einsam und mit unerhörtester Intensität die Grundlagen geschaffen, die er nun auch schon 
weitergeben konnte. Sie sehen also ungefähr, wie man damals Analyse gelehrt und ge< 
lernt hat. Ich weiß nicht, ob jemand in unserem Kreise diesen genannten Wiener Jahren, 
schon angehört hatte. Aber ich kann Ihnen als letzter Augenzeuge (unter uns) der Züricher 
Situation von zwei bis drei Jahren später berichten, wie man es damals gemacht hat. Es 
ist mit einer Variation eines Wortes von Friedrich Seume am besten zu charakterisieren 
„Was man nicht erlesen hat, das hat man — erdiskutiert." Man hat die damals vorgelegene 
psychoanalytische Literatur intensiv gelesen, das Gelesene eifrigst miteinander besprochen, 
einander die Träume gedeutet, unter vier Augen oder unter mehr. Sehr intensive und 
fruchtbare Diskussionen waren es. Sie sehen also die Vorläufer unserer jetzigen Seminare. 

Keinem ist aber damals eingefallen, daß bei diesem Lernen und Lehren jene beiden 
praktischen, so unerhört wichtigen Prozeduren fehlten, ohne die wir uns jetzt seit langem 
ein Lehren der Analyse nicht denken können. Und so konnte es passieren, daß in einem; 
der nächsten Jahre, im Januar 1907, ein damals junger Mediziner zu Freud mit der 
Frage kam, ob er nun, nachdem er alles von ihm Geschriebene und einige wenige damals 
schon vorhandene Arbeiten von Anhängern Freuds gelesen habe, auch zu analysieren 
verstehe. Gewiß hatte man dann auch sehr bald selbst analysiert, ohne allerdings, wie wir 
jetzt sagen müssen, es ordentlich gelernt zu haben. Und so ging es weiter, auch nachdem 
1908 die erste Zusammenkunft der Psychoanalytiker in Salzburg stattgefunden hatte, die 
verschiedenen Ortsgruppen gegründet wurden, die Internationale Psychoanalytische Ver* 
einigung geschaffen war, wir auch schon Zeitschriften hatten und sogar die beiden großen 
Abfallsbewegungen. Wohl hatten verschiedene der späteren Mitglieder, wie jener Wiener 
Kollege, von dem Freud spricht, „die gute Wirkung der analytischen Therapie an sich 
selbst erfahren" und kamen so zur Ausübung der Analyse, aber daß man aus didaktischen 
Gründen sich analysieren lassen sollte, war keinem eigentlich eingefallen, mit ganz ver* 
einzelten Ausnahmen, die wir unschwer namhaft machen könnten. So ging es bis zum 
Krieg und auch weiter, und Sie wissen, daß auf einer zwanglosen Diskussion auf dem 
psychoanalytischen Kongreß in Budapest 1918, die unter dem Eindruck von Freuds 
Vortrag „Über die Wege der psychoanalytischen Therapie" stand, der Kollege N u n b e r g 
es war, der es aussprach, daß keiner mehr Psychoanalyse lernen könne, der nicht selbst 
eine Analyse durchgemacht hat. Kaum hatten wir das gehört, so wußten wir, daß etwas 
außerordentlich Wichtiges damit ausgesprochen worden war, das sofort zur allgemein 
gültigen Forderung und sehr bald auch zur Wirklichkeit werden sollte. 

Nur die Wege dieser Verwirklichung waren noch nicht geschaffen und mit den Grün.* 
düngen unserer Institute, Berlin und Wien, erschlossen sich auch diese. Die Lehrana* 
1 y s e war bereits selbstverständlich, und sehr bald schufen wir in Berlin, Referent mit 
Hilfe von Dr. Ernst Simmel, das, was wir „Einführung in die psychoanalytische 
Therapie" nannten, einen zeitlich nicht terminierten praktischen Kurs für die nach der 
Lehranalyse selbst praktisch zu arbeiten Beginnenden, die Kontrollanalyse eben. 
Auf dem Homburger Kongreß rief ich dann, im Auftrag der Zentralleitung, wie die 
meisten von Ihnen wissen, eine Konferenz der für den Unterricht sich besonders intern 
essierenden Mitglieder aller Ortsgruppen zusammen; etwa 40 Menschen waren, wenn ich 
nicht irre, auf dieser Konferenz. Wir diskutierten damals den ganzen Verlauf der anaty* 
tischen Ausbildung und verweilten besonders bei der Kontrollanalyse, deren Wichtigkeit 
wir unterstrichen, und die auch sofort allgemein angenommen wurde. Überhaupt ist die 
ganze Entwicklung unseres Unterrichts eine so organische, daß jeder neue Schritt gleichsam 



198 Korrespondenzblatt 



wie ein Ei des Columbus aufkam und dann auch sofort immer wieder Wirklichkeit wurde. 
Vier Thesen haben wir damals in Homburg jener Konferenz vorgelegt, die auch als ganze 
mit Beifall aufgenommen wurden: 

„1. Die Ausbildung zur Psychoanalyse sollte nicht mehr der Privatinitiative Einzelner 
überlassen bleiben. 

2. Der Ausbildungsweg eines Kandidaten muß getragen werden von den kollektiven 
Bemühungen und der kollektiven Verantwortung, zumindest der analytischen Gruppe 
des Landes, in welchem der Kandidat wohnt. Zu diesem Zwecke sollten in den ein* 
zelnen Ländern entsprechende Institutionen ins Leben gerufen werden; die Rieht* 
linien dieser Institutionen sollen, mutatis mutandis, gleich gerichtet und möglichst 
auch gleich geartet sein, weshalb es uns auch am zweckmäßigsten erscheint, daß die 
„Internationale Psychoanalytische Vereinigung" von ihrer ganzen Autorität 
getragene Ausbildungsrichtlinien festsetzt. 

3. Die Lehranalyse ist wohl das wichtigste Stück der Ausbildung, fällt aber nicht mehr 
mit dem ganzen Ausbildungsweg zusammen. Unbedingt notwendige Ergänzungs* 
stücke sind zu verlangen und zu ermöglichen, vor allem das Arbeiten unter Koiv 
trolle. 

4. Aus den obigen drei Thesen für die Ausbildung möchten wir für die Zukunft das 
Postulat ableiten, daß von den psychoanalytische Therapie treiben wollenden Kandi* 
daten in der Regel nur solche Mitglieder der „I. P. V." werden können, die den 
ganzen Ausbildungsweg absolviert haben." 

Das war in Homburg 1925, und das ist auch die Geburtsstunde der Internationalen, 
Unterrichtskommission, die bis zum nächsten, dem Innsbrucker Kongreß, sich die Untert» 
richtsausschüsse zu schaffen hatte. Somit war der Unterricht zentralisiert in den Händen 
der Exekutive und wieder konnte man sich kaum denken, wie das vorher der Initiative 
einzelner hatte überlassen sein können. Die nächsten Kongresse hatten aus den Richtlinien 
der führenden Gruppen Gesamtrichtlinien der Internationalen Psychoanalytischen Vereini* 
gung zu schaffen, und hier war man auf eine große Schwierigkeit gestoßen, die gar nicht 
eigentlich auf der Linie der Schaffung eines gemeinsamen hohen Standards des Unter* 
richts und damit auch der Gruppe lag, sondern auf eine sehr wichtige, sozusagen bewe* 
gungspolitische Frage, auf die sogenannte Laienanalyse. Es ist merkwürdig, wie rasch man 
auch über sogenannte schwierige Fragen hinauswächst, an denen wichtige Bewegungen 
scheitern zu müssen schienen. 

Soweit das Wesentliche unserer Entwicklung. 

Kollege Jones hat am 5. Mai in Wien mit sehr viel Sympathie für die Bemühungen 
der I. U. K., und speziell für ihren Leiter, es tief beklagt, daß die I. U,'K. so viel Energie 
für die sehr schwierigen Probleme der Organisation aufzuwenden hatte, daß sich wenig 
Gelegenheit geboten habe für die eigentliche Arbeit. Gewiß, auch gerade wir bedauerten, 
tief, daß wir auf solche Schwierigkeiten stießen bei den Gleichstellungsversuchen der Maß* 
Stäbe in den verschiedenen Ländern. Aber vielleicht haben wir nicht genügend gemerkt, 
daß uns da eigentlich schon sehr viel gelungen ist. Und der Vorstand der I. U, K. hat sehr 
lebhaft und deutlich gefühlt, was die eigentliche Aufgabe der I. U. K. ist: die eingehendsten 
und detailliertesten Diskussionen der Lehrtechnik. Er sieht keinen Anlaß, an der Berechti* 
gung der I. U. K. zu zweifeln, sie etwa gar für erledigt zu halten, und es fällt ihm bei 
dieser Gelegenheit ein Passus aus einem der neuen Bücher des Grafen Hermann K e y s e r* 
ling ein, der gerade über die Psychoanalyse handelt: „Es ist lächerlich, die Psychoanalyse 
als .erledigt' zu bezeichnen, weil nicht alle Lehren ihrer Pioniere haltbar sind; sie ist nur 
.erledigt', insofern ihre Grunderkenntnisse zu so selbstverständlichen Voraussetzungen 
aller historisch bestimmenden Menschen geworden sind, daß kein ernsthaft Denkender sich 
mehr vorstellen kann, wie es ohne sie mit seinem Erleben bestellt wäre," 



Korrespondenzblatt 199 



4 Und noch hat der Unterrichtsausschuß sehr viel zu tun. 
Das Gewicht der I. P. V. ist zweifellos parallel dem Niveau ihrer Mitglieder und für 
diese ist auch die Art und die Zukunft unserer Bildungsanstalten sehr wesentlich mit ver* 
antwortlich. Damit ist sicher auch Kollege Reik einverstanden, dessen so feinsinnigen 
„Überraschten Psychologen" wir für eine der ganz wichtigen neuesten kontrapunktlichen 
Ergänzungen zu unseren Lehrbemühungen halten. 

Es ist wirklich erstaunlich, wie wir vom Vorstand der I. U. K., der doch nur sozusagen 
der Seismograph der psychoanalytischen Entwicklung ist und ihr systematischer Bewußt* 
macher in der Erziehung und Ausbildung der Psychoanalytiker, in den Verdacht kommen 
konnten, nur strenge Gesetze erlassen und die analytische Welt regieren zu wollen Nein 
das wollen wir bestimmt nicht, nicht einmal von dem dem Referenten nun wieder so be* 
nachbarten Berge Sinai. Nur glauben wir nicht, daß es irgendwie erwünscht sein könnte, 
die Entwicklung in den einzelnen Ländern unabhängig voneinander, ohne Kontakt mit* 
einander und ohne Rücksicht aufeinander sich in allzu divergenten Richtungen entwickeln 
zu lassen. Die I. U. K. soll der Rahmen der Entwicklung sein. Von Anfang an war sie 
nicht anders gedacht, indem sich ein möglichst breiter Kontakt zwischen unseren Instituten, 
die nähere Verständigung über den Unterricht, der Austausch der Erfahrungen abspielen 
soll. Und wenn die I. U. K. gut funktioniert, wird sie auch die nötige innere Autoritär 
haben, weil dann die Gruppen Wert darauf legen werden, mit ihr übereinzustimmen, ihr 
zu folgen. 

Dazu muß sich aber die I. U. K. sehr weitgehend reorganisieren, und wir werden Ihnen 
später einen solchen Plan vorlegen. 

Jetzt aber möchte ich Ihnen einige Anregungen unterbreiten, von denen besonders eine 
mir inhaltlich von ganz derselben Art zu sein scheint, wie es seinerzeit die Lehr* und die 
Kontrollanalyse waren, nämlich besonders zeitgemäß füif das gegenwärtige Stadium der 
Entwicklung der Psychoanalyse und ihres Unterrichts. 

Zahlreiche Anregungen sind uns zugegangen. Sie haben im vierten Rundbrief die Vor* 

schlage gelesen. , 

1. Ernest Jones regte an, den Vorschlag zu machen, daß sich im Einverständnis und 

im Kontakt mit der I. U. K. Lehranalytiker zum Austausch ihrer Lehrerfahrungen jn 

kleinen privaten Zusammenkünften treffen; die besprochenen Themen, die Diskus* 

sionsbemerkungen und die event. Resultate wären der I. U. K. mitzuteilen. 

Die Funktion dieser Kommissionen würde demnach sein, auf Grund des Austausches 
der Lehrerfahrungen zur Klärung der Probleme beizutragen und die gewonnenen 
Anregungen an die I. U. K. und über diese an die einzelnen Institute weiterzugeben. 

Die Organisation dieser kleinen Zusammenkünfte wäre etwa so vorzunehmen, daß 
lose Kommissionen, etwa verschiedener benachbarter Länder, sich nach ihrem eigenen 
Belieben treffen können und zwar nicht allein bezüglich Zeit und Ort, sondern auch' 
bezüglich der Häufigkeit der Zusammenkünfte. 

Auch bezüglich der Zusammensetzung sollten diese Kommissionen selbständig sein; 
sie müßten nicht auf die Ausschuß* oder Institutsleiter beschränkt sein, sondern diese 
könnten vielleicht nur den Kern der betreffenden Kommissionen bilden und etwa 
das Recht haben, andere am Unterricht interessierten Mitglieder, welcher Gruppe 
immer, heranzuziehen oder zu kooptieren. 

Die nächsten Aufgaben der Kommissionen wären etwa: eingehende und detaillierte 
Erörterungen über die Lehrtechnik wie z. B. die Technik der Analysenkontrolle, die 
Möglichkeiten und Grenzen derselben. Oder: über die Technik der Leitung von 
Seminaren, welche Ziele sollten sich die Seminare setzen, in welcher Art sollten sie 
geleitet werden, sollten alle Kandidaten zur Diskussion herangezogen werden, oder 
sollten nur Fragen gestellt werden, die der Leiter zu beantworten hätte usw. usw. 



200 Korrespondenzblatt 



2. Zur Unterstützung der Arbeiten der unter 1) vorgeschlagenen Kommissionen wäre es 
vielleicht empfehlenswert, daß in den einzelnen Instituten die Fragen der Lehrtechnik 
vordiskutiert werden; in der Art etwa, daß im nächsten Arbeits jähr die Fragen der 
Technik der Analysenkontrolle, der Leitung der Seminare, der geeigneten Methode, 
alle Kandidaten zur Mitarbeit heranzuziehen, besprochen werden. Es würde auch vor* 
geschlagen, die geeignetsten Mittel zu ventilieren, jeden störenden Ehrgeiz bei Refe* 
raten und Diskussionen zu beseitigen, doch scheint mir selbst letzteres eher in das 
Gebiet der individuellen Analyse zu fallen. 

3. Als geeignetes Mittel, die Kandidaten in unbefangener Weise zur Mitarbeit heran* 
zuziehen und zugleich als geeignetes Mittel, sich über den Grad ihres Wissens zu 
orientieren, hätten sich die von Anna Freud im Wiener Lehrinstitut eingeführten 
sogenannten Kolloquien erwiesen. Die Kolloquien besteben in regelmäßigen, auf eine 
Stunde wöchentlich beschränkten Zusammenkünften von höchstens 5—6 Kandidaten 
unter der Leitung eines hierzu bestimmten Lehranalytikers. Die Zusammenkünfte 
finden analog den Kontrollstunden in der Wohnung des Analytikers statt. Die 
Themen der einzelnen Sitzungen sind nicht festgelegt. Es werden auch keinerlei Refe* 
renten bestimmt. Es ist nur ein allgemeiner Rahmen für die zu behandelnden Pro* 
bleme gegeben, also etwa Probleme der Übertragung oder Probleme der Traumdeu* 
tung usw. Die Methode dieser Kolloquien besteht darin, daß von den Kandidaten 
Fragen gestellt werden, die in freier Diskussion unter der dirigierenden Aufsicht des 
Leiters besprochen werden. Gelegentlich fanden diese Diskussionen auf Grund be* 
stimmter, von den Kandidaten herangezogener Arbeiten zu dem betreffenden Problem* 
gebiet statt. Die bisherigen Erfahrungen lehrten, daß die Zusammenarbeit der Kandi* 
daten untereinander und mit dem Leiter eine überaus unbefangene und intime war 
und alle Beteiligten sehr befriedigte. 

Wenn ich mir, diesen Vorschlag weitergebend, eine Bemerkung gleich hier erlauben 
darf, so wird es sehr wesentlich sein, gerade für diese intimen Veranstaltungen beson* 
ders geeignete Leiter zu finden. 

Und jetzt komme ich zu dem vorhin angedeuteten sehr wichtigen Vorschlag, der unsere 
größte Aufmerksamkeit verdient. 

Ebenfalls auf Grund einer Anregung von J o n e s — in Oxford 1929 schon, nach einer 
Ansprache Ferenczis über das „Ende der Analysen", unterhielt man sich sehr ernst 
und angeregt über dieses Thema — wäre die Frage ernstlich zu stellen, ob es nicht irgend* 
wie möglich wäre, die immer häufiger werdenden freiwilligen Nachanalysen aus* 
übender Analytiker in den Ausbildungsplan mitaufzunehmen. 

Sollhe Organisierung der Nachanalysen könnte unter Umständen — brauchte es aber 
durchaus nicht — zu einer veränderten Stellungnahme zur ersten Lehranalyse führen. 
Bekanntlich gibt es Lehrinstitute, die eine sehr lange und gründliche Lehranalyse fordern, 
und wir meinen, daß nach all den wenig günstigen Erfahrungen mit zu kurzen Lelnv 
analysen unserer Anfänge man mit dieser Forderung eigentlich gar nicht wreit genug gehen 
könne. Es fragt sich nun, ob die Aufnahme der Nachanalyse in den Ausbildungsplan eine 
Verkürzung der Lehranalyse zur Folge haben muß oder nicht. 

Die Gefahr, die mit einer solchen Auffassung verknüpft wäre, ist die, daß die erste 
Lehranalyse allzu leicht genommen werden könnte, da man dann leicht in Versuchung 
kommen könnte, das Schwergewicht auf die Nachanalyse zu legen, diese für die eigentliche 
Analyse zu halten und die Lehranalyse für eine Art von Voranalyse. 

Wir selbst glauben, daß all die Gefahren gar nicht wirklich werden müssen; schaffen 
und verlangen wir Fortbildungsmöglichkeiten, so darf doch die Ausbildung nicht darunter 
leiden. Je gründlicher und besser die Ausbildung, umso besser wird der Analytiker dann 
auch die Fortbildung nützen können. 



Es ist uns ganz klar, daß die Frage der Nachanalysen sich sehr viel schwerer in unseren 
Ausbildungsplan einfügen lassen wird, als die beiden anderen praktischen Etappen. Man 
wird dabei auf sehr viele verschiedene Verhältnisse und Umstände Rücksicht nehmen 
müssen. Wir möchten Sie nun bitten, dieses allmählich sehr dringende Problem gut übet« 
legen zu wollen. , 

Im Zusammenhang mit dem soeben behandelten Problem wäre es sehr empfehlenswert, 
den Begriff des Analysiertseins, der sich mit einer gewissen Starre und großer narziß* 
tischer Tenazität bereits eingebürgert hat, möglichst wieder aufzulockern. Die Absolvierung 
der Lehranalyse dürfte in keiner Weise die Bedeutung des Fertiganalysiertseins haben, son* 
dem höchstens nur die, daß der Analysand nun geeignet sei, die Praxis selbst zu be* 
ginnen. Wenn etwa die Formel der Entlassung aus der Lehranalyse den Sinn hätte: „der 
Kandidat hat praktisch die Fähigkeit, den analytischen Beruf auszuüben, erlangt", so 
stünde sie ja damit außerhalb unserer regulären Ausbildungsveranstaltungen in der An» 
nähme, daß die Lehranalyse deren einziges Mittel sei. In Wirklichkeit hat der Kandidat 
nach der Lehranalyse im besten Fall nur genügende Fähigkeit erworben, sich im Raum 
seines und auch eventuell des anderen Unbewußten freier zu benehmen. Er hat sozusagen 
gehen gelernt. Nun heißt es noch, sich adäquat bewegen zu können auf dem seelischen 
Boden des anderen, des Patienten. So ist er am Schluß der Lehranalyse geeignet, die ana* 
lytische Praxis selbst aufzunehmen, aber nicht allein, sondern — eben unter Kontrolle. 

Wir müssen immer mehr dafür sorgen, daß klar ist, daß die Lehranalyse einen see*» 
l'ischen Entwicklungsprozeß nur einleitet, der praktisch vielleicht ein endloser ist, und der 
durch später eingeschaltete Nachanalysen in seinem Verlauf unterstützt werden kann und 
muß. Eine solche Auffassung wird es gewiß verhindern helfen, daß selbst unter Analy* 
tikern die sogenannte Nachanalyse einen ominösen Charakter hat. Fortbildungswille und 
Notwendigkeit sind gewiß keine Schande und wenigstens in der Analyse sollten Professoren 
die Fortbildung nicht nur geben, sondern auch nehmen dürfen. 

Jones drückte ferner die Ansicht der angelsächsischen Kollegen aus, daß man an 
unseren großen kontinentalen Instituten zuviel Kurse halte und höre. Ich muß aus meinen 
Berliner Erfahrungen und bei der Beobachtung des Wiener Institutes sagen, daß es sich 
uns eigentlich sehr bewährt hat. Ich komme nun zu unseren Vorschlägen der Reorgani« 
sation der I. U. K. 

Der Mißerfolg, das NichtZustandekommen der für den Sommer vorigen Jahres geplant 
gewesenen Sitzung der I. U. K. hat gezeigt, daß die Organisation der I. U. K. irgendwie 
nicht gut funktioniert. Es schien eine ausgesprochene Unlust in der I. U. K. zu herrschen. 
Um diese zu beheben, haben Besprechungen von Anna Freud und mir einen Reorgani* 
sationsplan zu entwerfen gesucht, der Ihnen im zweiten Rundbrief bekanntgegeben wurde. 
Ich wiederhole sie: 

1. Zum Vorsitzenden und zum Stellvertreter, die gegenwärtig zusammen mit dem Sekretär 
die Leitung der I. U. K. bilden, käme als ständiges Vorstandsmitglied noch der je* 
weilige Präsident der I. P. V. Das sichert bei allen notwendigen Entscheidungen die 
(reibungslose) Zusammenarbeit mit der I. P. V. 

2. Der Sekretär müßte seinen Wohnsitz entweder mit dem Vorsitzenden oder mit dem 
Stellvertreter gemeinsam haben. Das sichert das Funktionieren der Leitung. (Durch 
die vorläufige Betrauung des Herrn Dr. E. B i b r i n g, Wien, mit der Führung der Ge* 
Schäfte eines Sekretärs ist die zweite Hälfte dieser Bedingungen erfüllt. Die Wahl 
eines Sekretärs mit dem gleichen Wohnorte wie der Präsident der I. U. K. ist derzeit 
aus verschiedenen Gründen nicht möglich). 

3. Um den Kontakt zwischen Leitung und Plenarversammlung lebhafter zu gestalten, 
empfiehlt es sich, zwischen beide eine Zwischenkörperschaft zu legen, die den engeren 
Kreis der Interessierten umfaßt, und zwar: alle jeweiligen Leiter aller offiziell aner« 



202 Korrespondenzblatt 




kannten Lehrinstitute, bezw. alle Inhaber von Lehrstellen. Amerika wäre dabei durch 
die drei Leiter seiner drei großen Institute vertreten, Berlin, Budapest, Jerusalem, 
London, Paris, Wien durch je einen Leiter, die Schweiz, Indien, Japan ebenfalls 
durch je einen Leiter. ,^r 

Mit diesem 12 Personen umfassenden Kreis könnte ein engerer Gedankenaustausch 
über die Fragen der Ausbildung gepflogen werden. Dieser Meinungsaustausch ist so 
zu denken, daß die Leitung Mitteilungen oder eigene Anregungen über die Probleme 
des Unterrichtes in einem Rundbriefverkehr an die Leitungen der Institute weitergibt, 
von diesen wieder Berichte und Stellungnahme empfängt, die dann wieder an alle 
Institute weitergegeben werden. Die Leiter der Institute hätten diese Mitteilungen 
ihren Ausschüssen vorzulegen und die Stellungnahme mit diesen zu beraten. Auf 
diese Weise wäre auch eine Vorbereitung der Diskussionen auf den Plenarversamm* 
lungen möglich. 

Die Verkleinerung des Apparates und die klare Verteilung der Funktionen, die diese 
Zwischenkörperschaft bedeutet, sind in hohem Maße geeignet, das Funktionieren der 
I. U. K. zu sichern. 

4. Die Plenarversammlung bleibt in ihrer Struktur und Funktion unverändert. Sie setzt 
sich wie bisher aus allen Mitgliedern aller Lehrausschüsse zusammen, tagt auf jedem 
Kongreß und bleibt nach wie vor die eigentliche beschlußfassende Körperschaft. 

5. Ihre Beschlüsse faßt die I. U. K. am besten im Einvernehmen mit der I. P. V. Diese 
ist die eigentliche und erste Autorität unserer Gesamtorganisation und daher die 
eigentliche Exekutive. 

Tatsächlich sind die I. U. K.* Angelegenheiten, besonders wo es sich um gesetzliche 
Regelungen handelt, von den Angelegenheiten der I. P. V. nicht zu trennen. Jede ernst* 
hafte Entscheidung der I. K. U. etwa darüber, ob eine Gruppe ein Institut errichten 
kann oder nicht, ob man ihr die Lehrtätigkeit entziehen soll oder nicht, wird durch 
die Folgen, die sich daraus ergeben, zu einer Sache der I. P. V. 

6. Mit dieser Änderung in der Funktion der I. U. K. könnte eine Änderung in den Be* 
richten der I. U. K. im Korrespondenzblatt verbunden werden. Neben die bisherigen 
Berichte über Kursverzeichnisse, Vorlesungstätigkeit usw., die dann etwa nur auf eine 
einmal in jedem Jahr erfolgende Veröffentlichung beschränkt werden könnten, wür* 
den Berichte über Neueinführung, Veränderungen usw., über die Resultate der im 
Rundbriefverkehr abgehaltenen Diskussionen, oder auch nur über aufgetauchte Fragen 
etc. einen breiteren Raum erhalten. Es würde also eine Art Rubrik „psychoanalytischer 
Unterricht" nach Art etwa der Rubrik „psychoanalytische Bewegung" eingeführt 
werden. 

Die Vorteile einer so aufgebauten Organisation sind deutlich und bedürfen keiner be* 
sonderen Hervorhebung. Sie ist auf dem Interesse und dem Verantwortungsgefühl der 
Lehrausschüsse und der Institutsleiter aufgebaut. Die Identifizierung mit unserer gemein* 
samen Sache ist zweifellos groß genug, um ein rasches, lebhaftes und freundschaftliches 
Funktionieren der so aufgebauten I. U. K. zu sichern. 

Das Wesentliche an diesem Reorganisationsplan scheint uns die Schaffung jener Zwi* 
schenkörperschaft, die zwischen dem Vorstand und dem Plenum stehend, zugleich gerade 
so groß -4^t, daß sie die Arbeit mannigfaltiger gestalten kann, ohne sie zu hindern. Die 
Einwendungen und Abänderungsvorschläge zu dem eben erwähnten Reorganisationsplan 
der I. U. K. sind Ihnen im dritten und vierten Rundbriefe zusammenfassend berichtet wor* 
den. Der Vorschlag vanOphuijsens, daß den Lehrausschüssen bezüglich Lehrstellen 
eine bestimmte Stimmenzahl unabhängig von der Zahl der bei der Plenarversammlung 
anwesenden Mitglieder zugewiesen werde, ist von uns in der Form näher konkretisiert 



Korrespondenzblati 203 



werden, daß den Lehrausschüssen je zwei oder drei Stimmen, den Lehrstellen je eine 
Stimme zugesprochen wurde. 

Kollege Alexander schlug in Berücksichtigung der amerikanischen Verhältnisse vor, 
daß außer den Leitern der großen amerikanischen Institute auch die Vorsitzenden der 
dortigen Unterrichtsausschüsse der von uns jetzt neu zu schaffenden Zwischenkörper* 
schaft der I. U. K. angehören sollten, da in Amerika Institutsleiter und Leiter der Untere 
richtsausschüsse aus bewegungspolitischen Gründen nicht identisch seien. Die Steige* 
rang jener Körperschaft um weitere drei oder vier Personen würde unserer Ansicht nach 
schließlich nicht von prinzipieller Bedeutung sein. 

(Nun verliest E i t i n g o n die bisherigen Fassungen der §§ 8 und 10 und stellt ihnen die 
vorgesehenen neuen Fassungen gegenüber). 

Wir werden nach der Diskussion über die vorgeschlagenen Paragraphen im Punkt 4 
der Tagesordnung abzustimmen haben, und ich hoffe, daß wir damit ein glücklicheres 
. Instrument geschaffen haben werden zur Bewältigung der großen Aufgaben, die vor uns 
stehen. 



IL Berichte der Zweigvereinigungen 

British Psycho*Analytical Society 

Januar— Juli 1936 

15. Januar. Geschäftliche Sitzung. Dr. Pryns Hopkins wird zum außerordentlichen 
Mitglied gewählt und wird von der Leitung der Klinik zum „Honorary Almoner" ernannt. 

8. Juli. Jahresversammlung. 1. Die Berichte der Sekretäre, des Kassenwarts und des 
Bibliothekars werden der Versammlung vorgelegt und genehmigt. 2. Wahl des Vorstandes : 
Dr. Ernest Jones, Präsident; Dr. Glover, wissenschaftlicher Sekretär; Dr. Payne, 
geschäftlicher Sekretär; Dr. Bryan, Kassenwart. Vorstandsmitglieder : Dr. Brierley, 
Dr. John Rickman, Dr. Adrian Stephen. Unterrichtsausschuß : Dr. Glover, Dr. 
Jones, Mrs. Klein, Dr. Payne, Dr. Rickman, Miss Sharpe. Bibliothekar: Miss 
Low; Bibliotheksunterausschuß : Dr. Br ier ley, T>r. Matthew, Mr. Strachey. 3. 
Die außerordentlichen Mitglieder werden wiedergewählt. 4. Mrs. Rosenfeld und Dr. 
T h o r n e r werden zu außerordentlichen Mitgliedern gewählt. 5. a) Zu ordentlichen Mit* 
gliedern werden gewählt: Dr. Carroll, Dr. Winnicott, b) Dr. Gross, welcher 
von der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft übernommen wird. 

6. Mitgliederzahl 41 

außerordentliche Mitglieder .... 27 

Ehrenmitglieder 2 

zusammen 70 

7. Dr. Jones berichtet von dem Vorschlag, eine psychoanalytische Bibliothek an der 
Hebräischen Universität in Jerusalem zum Andenken an den verstorbenen Dr. David 
E d e r zu errichten. Ein Ausschuß, bestehend aus Dr. W e i ß m a n n, Prof. Freud, Prof. 
Einstein und Dr. Jones, ist bestellt worden. Es wird beschlossen, daß eine Photo* 
graphie von Dr. E d e r mit einer Widmungstafel im Institut angebracht wird. Es wird 
ferner beschlossen, eine Photographie des verstorbenen Dr. James Glover anzubringen. 
8. Dr. J o n e s bringt zur Kenntnis, daß Professor Freud zum Mitglied der Royal Society 
und der Royal Society of Mediane gewählt wurde, und daß an ihn entsprechende Glück* 



wünsche gesandt wurden. 9. Die Resolution vom 20. Februar 1924 betreffend Briefe an 
die Presse über psychoanalytische Themen wurde abgeändert in: „Wiewohl es keine Vor* 
schrift der Gesellschaft gibt, die den Mitgliedern und außerordentlichen Mitgliedern ver* 
bietet, an die Presse Briefe, die sich auf die Psychoanalyse beziehen, zu senden, so findet 
es doch die Mehrzahl der anwesenden Mitglieder für sehr unratsam, daß ein ordentliches 
oder außerordentliches Mitglied einen solchen Brief schreibt, ohne vorher die Zustimmung 
des Präsidenten, des Sekretärs oder eines der drei anderen Vorstandsmitglieder erhalten 
211 haben/ ' S. M. Payne 

Sekretär 

Dansk*Norsk Psykoanalytisk Forening 

August 1935— Juni 1936 

19. August. Dr. Trygve Braatöy: Die Pawlowschen Versuche mit bedingten 
Reflexen im Lichte der psychoanalytischen Theorie. 

23. August. Kasuistischer Abend. Ref. Dr. Käthe Misch (a. G.). 

12. September. Dr. J. Landmark: Bemerkungen über bedingte Reflexe und Ge< 
Stalttheorie. 

19. S e p t e m b e r. Geschäftssitzung zur Neuwahl des Vorstandes, anläßlich der bevor» 
stehenden Abreise von Dr. Fenichel und Dr. Landmark aus Oslo. Zum Vorsitzenden 
wurde Prof. Dr. Schjelderup wiedergewählt, neue Vorstandsmitglieder wurden 
Dr. Nie. Hoel und Dr. Raknes. Alle Wahlen waren einstimmig. 

14. Oktober. Dr. Nie. Hoel: Probleme aus den Kinderanalysen. 
4. N o v e m b e r. Kasuistischer Abend. Ref. Dr. Raknes. 

28. November. I. Geschäftssitzung. 1. Auf Anfrage des Zentralvorstandes wurde 
geantwortet, daß die Gruppe England als Sitz des nächsten Kongresses vorziehen würde. 
2. Prau Dr. med. Lotte Liebe ck*Kirs chn er aus Berlin wurde in die Vereinigung 
aufgenommen. IL Vortrag von Dr. Lotte Lieb eck: Die Technik der Charakteranalyse 

31. J a n u a r. Dr. Felix Schottländer: „Das Unbehagen in der Familie", vorge* 
lesen von Dr. Lotte Liebeck. 

28. Februar. I. Kasuistik. Ref. Dr. Nie. Hoel. IL Geschäftssitzung. 

20. M ä r z. Referatenabend über die letzten Arbeiten von S. Ferenczi zur psychoanaly* 
tischen Technik. Ref. Frau Christensen. 

15. Mai. Kasuistischer Abend. Ref. Dr. Raknes. 

17. Juni. Geschäftssitzung. 1. Mitteilung von Dr. Feni che 1, daß er in die Wiener 
Gruppe übertreten ist. 2. Diskussion über die Möglichkeit und die Zweckmäßigkeit einer 
offiziellen Autorisation ausübender Psychoanalytiker; der Vorstand wurde beauftragt, sich 
mit den Behörden und den Organisationen der Ärzteschaft in Verbindung zu setzen.' 



Indian Psycho^Analytical Society 

31. Januar 1936. Vierzehnte Jahresversammlung. Der Präsident bringt einen Brief 
von Lt. Col. Daly zur Verlesung, der seine Abreise von Indien mitteilt. Der Jahre* 
bencht wird zur Kenntnis genommen. Wahl des Vorstandes: Dr. G. Bosa, Präsident- 
Lt. Col. Berkeley*Hill und Mr. P. Maiti, Vorstandsmitglieder; Dr. M. N. Bo* 
neni, Sekretär; Dr. C. S. Mitra, Bibliothekar; Mr. M. N. Sa m a n ta, Bibliothekar* 
Stellvertreter; Mr. S. K. Böse, Sekretärstellvertreter; Dr. S. C. Laha, stellvertreten, 
der Geschäftsführer. Zu außerordentlichen Mitgliedern werden gewählt: Bernard 

£*r l Z W v ^, R - L & A - Bengal Club > Calcutta >- Ca P* ain P - K- Sengupta, M. Sc. 
(Cal), M. B., Ch. B. (Edin), L. M. (Dub.), I. M. S.; Dr. Abhay Kumar Sarkar, M. B., 



Korrespöndenzblatt 205 



D. P. H., Health Officer, Faridpur; Durgadas Agawala, B. A., P*l/1/1 Chittaranjan 
Avenue, Calcutta. M. N. Banerji 

Sekretär 

Chewra Psychoanalytith b'Erez4srael 

Januar — März 1936 

18. Januar. Sitzung in Jerusalem. 1. Geschäftliches: Dr. Erwin Hirsch, Jerusalem, 
wird als außerordentliches Mitglied aufgenommen. 2. Dr. Eitingon: Bericht über die 
Lage in einigen Zweigvereinigungen. 3. Dr. B a r a g : „Zur Psychoanalyse der Prostitution". 
Diskussion: Obernik*Reiner, Dreyfuß, Schalit, Hirsch, Eitingon. 

22. Februar. Sitzung in Tel* Aviv. 1. Geschäftliches: Besprechung über die 
Gestaltung der Freud*Feier hier im Lande. Es wurde ein Komitee bestehend aus : 
K. Bluhm, Eitingon, Pappenheim, Wulff, Schalit und Herrn Arnold Zweig gewählt. Unter 
anderem soll eine Festrede an der Universität Jerusalem gehalten werden und die Büste 
Prof. Freuds in einem noch später zu bestimmenden Raum der Universität Jerusalem auf* 
gestellt werden. 2. Dr. Kilian Bluhm: Das jüdische Ritual in der psychoanalytischen 
Literatur. Diskussion: Wulff, Goldschein, Hirsch, Eitingon. 

6. März. Geschäfts*Sitzung in Tel* Aviv: 1. Wiederwahl des alten Vorstandes: Dr. M. 
Eitingon, Vorsitzender; Dr. I. Schalit, Sekretär und Kassier. 2. Ferner wird Dr. G. 
B a r a g als außerordentliches Mitglied aufgenommen. 3. Es werden auch weitere Einzel* 
heiten der Durchführung der Freud*Feier im Lande besprochen. 

21. März. Sitzung in Jerusalem: 1. Dr. Feigenbaum (a. G.): Zum Gegensinn der 
Urworte im Hebräischen. 2. Frau Peller*Roubiczek: Zur Entstehung der Sprache. 

Dr. I. Schalit 

Sekretär 

Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

IL Quartal 1936. 

1. Mai. Kasuistische Mitteilungen. 1. Dr. Pfeifer: a) Affektverdrängung in statu 
nascendi. b) Den Liebesaffekt vertretende andere Affekte, c) Rückverlegung einer Ödipus* 
phantasie in das Moment der eigenen Zeugung. 2. Alice B ä 1 i n t : Änderungen im Zu* 
stände eines paranoiden Falles während der Behandlung. 

15. Mai. Frau Dr. F. K.*H a n n : Referat über „Das Ich und die Abwehrmechanismen" 
von Anna Freud. ' 

23. Mai. Ferenczi* Gedenksitzung. Dr. H o 1 1 6 s eröffnet die Sitzung. Den Vor* 
trag hält Dr. M. Bälint: Eros und Aphrodite. Bälint behauptete die besondere Natur 
der genitalsexuellen Lust und wies auf die tiefgreifenden Unterschiede zwischen ihr und 
den anderen Lustarten. 

30. M a i. Dr. R. Wälder (als Gast) : Neue Strömungen in der Psychoanalyse. — 
Ober die Bedeutung der speziellen Abwehrformen des Ichs, mit besonderer Berücksich* 
tigung der neueren Forschungsrichtungen und Ergebnisse der Wiener Gruppe. 

19. J u n i. Diskussion über M. B ä 1 i n t s Vortrag „Eros und Aphrodite". 

Dr. S.Pfeifer 

Sekretär 

Societe Psychanalityque de Paris 

Januar— Juni 1936 

18. Januar. Vorsitz: Mme. Marie Bonaparte. Wissenschaftliche 



206 Korrespondenzblatt 



Sitzung: Dr. R. Spitz nimmt, als Antwort auf den Vortrag von Dr. Leba, die 
Diskussion über die Triebe wieder auf in einem Vortrag: „Instincts, pulsions, appetitiöns". 
Diskussion: MM. Leuba, Loewenstein, Bernfeld (a. G.), Mme. Marie Bonaparte, MM. Chen* 
trier, Frois*Wittmann, Laforgue, Spitz. 

20. Februar. Vorsitz: Mme. Marie Bonaparte. Geschäftliche Sitzung: 
Mme. E. Lowtzky wird als ordentliches Mitglied, Frau Dr. Breuer und Herr Dr. 
Lagache werden als außerordentliche Mitglieder aufgenommen. — Dr. Cenac legt 
seine Ansichten über die Organisation der Gratisanalysen dar. Er würde es für zweck* 
mäßig halten, die für eine Analyse geeigneten Kranken einer Institution zuzuführen, die 
dem Psychoanalytischen Institut anzugliedern wäre. Die Hauptaufgabe dieser Institution 
wäre die Zentralisation der Zuweisung der Patienten und ihre Auslese entsprechend den 
Spezialgebieten der behandelnden Ärzte. Dr. C e n a c und Dr. L e u b a werden einstimmig 
mit der Einrichtung einer solchen Zentralstelle beauftragt. Die anwesenden Mitglieder be* 
schließen ebenfalls einstimmig, daß alle der Societe psychanalytique de Paris angehörigen 
Psychoanalytiker täglich eine Stunde einer Gratisanalyse zur Verfügung stellen. 

Wissenschaftliche Sitzung: Vortrag Dr. Loewenstein über einige 
Fragen aus einer im Gange befindlichen Analyse (HomosexualitäMmpotenz). Diskussion: 
Mm. Cenac, Laforgue, Schiff, Lacan, Hoesli, Frois*Wittmann, Mmes. Morgenstern und 
Codet, MM. Leuba, Odier und Loewenstein. 

21. März. Vorsitz: Dr. Pichon. Geschäftliche Sitzung: Dr. Cenac be* 
richtet über die Organisierung der Zentralstelle für Gratisanalysen. Sein Bericht wird mit 
starkem Beifall aufgenommen. — Mme. Marie Bonaparte wird gebeten, den Festvor» 
trag anläßlich der offiziellen Feier des 80. Geburtstages Prof. Freuds an der Sorbonne 
zu übernehmen. Dr. B o r e 1 wird Prof. Claude ersuchen, den Ehrenvorsitz bei dieser 
Kundgebung zu übernehmen. 

Wissenschaftliche Sitzung: Dr. Odier: „De quelques relations entre la 
pensee enfantine et la pensee nevropathique". Diskussion: MM. Lacan, Loewensetein, 
Laforgue, Frois*Witrmann, Mmes. Marie Bonaparte und Morgenstern. 

28. April. Vorsitz: Dr. Pichon. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und gedenkt 
der Mlle. Laure Morgenstern, der Tochter unserer Kollegin Mme. Morgenstern, die 
so schwer in ihrer Liebe getroffen wurde. 

Dr. Pichon leitet mit einem geistvollen Vortrag eine Debatte über „le symbolisme" 

ein. Diskussion: MM. Cenac, Leuba, Loewenstein, Laforgue, Lacan, Mme. Marie Bonaparte. 

19. Mai. Vorsitz: Mme. Marie B onap arte. Dr. Laforgue: „La relativite de la 

conscience". In der durch die vorgeschrittene Zeit verkürzten Diskussion sprechen MM. 

Loewenstein, Lacan und Laforgue. 

16. J u n i. Mitteilung Dr.Lacans über das von ihm so benannte „Le Stade du miroir". 
Zu ordentlichen Mitgliedern wurden gewählt: Mme. L o w t z k y, 13 Square Henry Pate 
Paris XVI ; Dr. Rene Spitz. 

Zu außerordentlichen Mitgliedern wurden gewählt: Dr. Elasa Breuer, 5 rue Brown* 
Sequard, Paris XV; Dr. Lagache, 2 rue Georges de Porto*Riche, Paris XIV. 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

Jahresbericht 1936 

18. Januar (Zürich). Jahresversammlung. Wissenschaftliche 
Mtzung: Dr. med. Boss: Eros und Todestrieb bei einer schizophrenen Katastrophe; 
Oeschäf tssitzung: 



Korrespondenzblatt 207 



Jahresbericht des Präsidenten: 

Mitgliederstand : ordentliche Mitglieder = 24 

außerordentliche Mitglieder = 1 

Ehrenmitglieder = 2 



27 Mitglieder 
Es fanden im Berichtsjahr statt 

10 wissenschaftliche Sitzungen 
4 geschäftliche Sitzungen. 
Die Vereinssitzungen waren durchschnittlich von 10 Mitgliedern und von 2 — 11 Gästen 
besucht. 
Wahlen: 

Der alte Vorstand wird einstimmig wiedergewählt. 
Als Rechnungsrevisoren werden gewählt: Boss und Steiner. 
15. Februar (Zürich). Dr. Bally: Körpergeschehen und Todestrieb. 
21. März (Zürich). Dr. Christoffel: Exhibitionismus und Exhibitionisten. 

26. April (Basel). Freud*Feier: Verlesen der Glückwunschadresse. — Verlesen 
folgender Publikationen zur Feier von Freuds 80. Geburtstag: 1. Schweiz, medizinische 
Wochenschrift, 2. Christoffel, 3. Meng. 

Dr. Grab er (Stuttgart): Zweierlei Mechanismen der Identifizierung. 

Dir. Kielholz: Analytische Beiträge zur Kirchengeschichte des Urchristentums. 

23. Mai (Bern). Dr. Kr on f e Id (a. G.): Über Angst. 

27. Juni (Zürich). Diskussion zur Arbeit von K i e 1 h o 1 z „Psychoanalytische Bei* 
träge zur Kirchengeschichte des Urchristentums". 

Korreferat: Pfr. Dr. Pf ist er. 

10. Oktober (Zürich). Dir. Kielholz: 1. Psa. Glossen zu den Kindheitslegenden 
Jesu. 2. Eine römische Spielmünze aus Vindonissa. 

7. November (Basel). Diskussion zur Arbeit Dr. G r a b e r (Stuttgart) „Über 
zweierlei Mechanismen der Identifizierung". 

Korreferat: Dr. Christoffel. Hans Zulliger 

Schriftführer 

SvensksFinska Psykoanalytiska Föreningen 

Januar— März 1936 

21. Januar. Vereinssitzung. Vereinsangelegenheiten. Törngren: Die Rolle des 
aktuellen Konfliktes bei der Neurosenbildung. 
17. Februar. Kontrollseminar. 
20. Februar. Kontrollseminar. 

24. Februar. Kontrollseminar. 

27. Februar. Vereinssitzung. Vereinsangelegenheiten. Sandströtp- Beiträge zur 
Traumsymbolik. A. Nathorst (als Gast) : Die psa. Unterrichtstätigkeit in Wien. 

2. März. Kontrollseminar. 

5. März. Kontrollseminar. 

9. März. Kontrollseminar. 

19. Mär z. Vereinssitzung. Vereinsangelegenheiten. 

23. März. Kontrollseminar. 

26. März. Vereinssitzung. Vereinsangelegenheiten. Tamm: Ein Fall weiblicher Homo* 
Sexualität. 

30. Mär z. Kontrollseminar. 

Alfhild Tamm 



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ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 

PÄDAGOGIK 

Herausgegeben von 
AUGUST AICHHORN, PAUL FEDERN, ANNA FREUD, 
HEINRICH MENG, ERNST SCHNEIDER, HANS ZULLIGER 

Redigiert von WILHELM HOFFER 

Jährlich 6 Hefte im Umfang von je ca. 72 Seiten 

Gesamtumfang etwa 430 Seiten 

Einzelheft RM 2 — Jahresabonnement RM 10 — 

Einbanddecken zu jedem Jahrgang in Halbleder RM 3.20 




• 


EINIGE SONDERHEFTE: 






Editha Sterba: Schule und Erziehungs* 
beratung 


Alice Bälint: Die Psychoanalyse des 
Kinderzimmers 






August A i c h h o r n : Zur Technik der 
Erziehungsberatung 

Psychoanalyse und Pubertät 


Marie Bonaparte: Die infantile Se= 
xualität und die Neurosen der Er* 
wachsenen 






Über Hochstapler und Verwahrloste 


Strafen 






Jenny Wald er: Analyse eines Falles 
von Pavor nocturnus 

Das Kleinkind 


Menstruation 

Richard Sterba: Einführung in die 
psychoanalytische Libidolehre 






Die Angst des Kindes 


Intellektuelle Hemmungen 






Heilpädagogik 


Selbstmord 






MontessorisPädagogik 


Aus der Kindheit eines Proletarier« 






Editha Sterba: Ein abnormes Kind 
Erziehungsberatung 


mädchens 
Nacktheit 






Herta Fuchs: Psychoanalytische Heil* 
Pädagogik im Kindergarten 


Stottern 
Onanie 






Spielen und Spiele 


Sexuelle Aufklärung 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 







4 












THE 

PSYCHOANALYTIC 

QUARTERLY 

Fifth year of publication 

THE QUARTERLY 
is devoted to original contributions 




THE 

INTERNATIONAL 

JOURNAL OF 

PSYCHO-ANALYSIS 






in the field of theoretical, clinical and 




Directed by 




applied psychoanalysis, and is 




SIGM. FREUD 






published four times a year. 










The Editorial Board of the QUAR- 










TERLY consists of the Editors: Drs. 




Edited by 






Dorian Feigenb aum, Bertram D.Lewin 










and Gregory Zilboorg. Associate Edi- 




ERNEST JONES 






tors: Drs. Henry Alden Bunker, Jr., 










Raymond Gosselin and Lawrence S. 








5 


Kubie. 








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CONTENTS FOR OCTOBER 1936: 
In Memoriam : Frankwood E. W i 1 1 i a m s . — Richard 
M. Brickner and Lawrence S. K u b i e : A Minia- 
tare Psychotic Storm Produced by a Superego 
Conflict over Simple Posthypnotic Suggestion. — 
Karl A. Menninger: Psychological Factors in 
Urological Disease. — George E.Daniels: Ana- 
lysis of a Case of Neurosis with Diabetes Mellitus. 
Franz Alexander: Addenda to »The Medical 
Value of Psychoanalysis«. — Editha Sterba: An 
Abnormal Child. — In Memoriam: Horace West- 
lake Frink. — Book Reviews. — Current Psy- 
choanalytic Literature. — Notes. 

Editorial Communications should be 

sentto the Editor-in-Chief: Dr. Dorian 

Feigenbaum, 88 J Park Avenue, New 

York, N. Y. 

Foreign subscription price is $ J.So. 

A limited number of back copies are 

available; volumes in original binding 

% 6.50. 

Business correspondence should be sent 
to: 

THE PSYCHOANALYTIC 
QUARTERLY PRESS 

372-374 BROADWAY, ALBANY, 
NEW YORK 




This Journal is issued quarterly. 
Besides Original Papers, Abstracts 
and Reviews, it contains the 
Bulletin of the International 
Psycho - Analytical Association, 
of which it is the Official Organ. 

Editorial Communications should be 

sent to Dr. Ernest Jones, 8i Harley 

Street, London, W. i. 

The Annual Subscription is 50s per 
volume of four parts. 

The Journal is obtainable by sub- 
scription only, the parts not being 
sold separately. 

Business correspondence should be 
addressed to the publishers, Balliere, 
Tindall & Cox, 8 Henrietta Street, 
Covent Garden, London, "W. C. 2., 
who can also supply back volumes. 






•. 







Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXIII, Heft 



(Ausgegeben Ende März 1957) 



INHALTSVERZEICHNIS 



Sigm. Freud: 



Lou Andreas-Salom^ 







SYMPOSION ÜBER DIE THEORIE DER THERAPEUTISCHEN RESULTATE 

Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 
Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung . 
Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 
Die Grundlagen der therapeutischen ^Resultate . . 
Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung . 

. - Beiträge zur Theorie der Therapie 

Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 



Edmund Bergler: 
Edward Bibring: 
Otto Fenichel: 
Edward Glover: 
Rene Laforgue: 
Hermann Nunberg 
James Strachey: 



Seite 

5 



6 
18 

37 
42 
50 
60 
68 



Franz Alexander: 
Th. M. French: 

M. N. Searl: 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 75 

Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlauf einer 

psychoanalytischen Behandlung 96 

Zur Problematik der technischen Prinzipien 153 



REFERATE 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Müller: Prognose und Therapie der Geisteskrankheiten (Grotjahn) 156. — Pilcz: Nervbse und 
psychische Störungen {Grotjahn) 156. ■ — Psychotherapeutische Praxis (R. Sterba) 156. — Rothschild 1 
Symbolik des Hirnbaues (Schilder) 157. — Schultz: Neurose, Lebensnot, ärztliche Pflicht (Grotjahn) 158. 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

M. Balint: A Contribution on Fetishism {Fenichel) 159. — Christoffel: Exhibitionism and Exhi- 
bitionists {Fenichel) 159. — Fairbairn: The Effect of the King's Death upon Patients under Analysis 
(Fenichel) 160. — Gross: The Psychic effects of Toxic and Toxoid Substances (Fenichel) 160. — 
Isaacs: Bad Habit (Fenichel) 161. — Levy: A Note on Pecking in Chickens (Fenichel) 162. — 
Menninger: Unconscious Values in Certain Consistent Mispronunciations (Fenichel) 162. — Schmide- 
berg: „Bad Habits" in Childhood (Fenichel) 162. — Wilson: The Analysis of a Transitory Conver- 
sion Symptom Simulating Pertussis (Fenichel) 163. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

I. Bericht über den XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß. — II. Berichte der Zweig- 
vereinigungen. 



Preis des Heftes Mark 7:50. Jahresabonnement Mark 28.— 
Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (1936), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen: in Leinen Mark 2.50, in Halbleder Mark g. — 



Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges m. b. H., Wien IX ., Berggasse 7 
Herausgeber: Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien - Verantwortlich für die Redaktion: Dr Edward Bibring, Wien V II, Siebensterngasse 31 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, GroBe Sperlgasse +0 



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XXIII. Band 



1937 



Heft 1 



Internationale ^eitschriit 
iür Psychoanalyse 



Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



Herausgegeben von 

Sigm» Freud 

Unter Mitwirkung von 

M. Eitingon J. E. G. van Emden Thomas M. French 



Felix Boehm 

Berlin 

Lewis B. Hill 

Baltimore 
Kiyoyasu Marui 

Sendai 



G. Böse 

Kalkutta 

S. Hollös 

Budapest 

F. P. Muller 

Leiden 



Jerusalem 

Ernest Jones 

London 

M. W. Peck 

Boston 



Harald Schjelderup 

Oslo 



Alfhild Tamm 

Stockholm 



Haag 

J. W. Kannabich 

Moskau 

Edouard Pichon 

Paris 

Edoardo Weiss 

Rom 



Chicago 

Bertram D. Lew in 

New York 

Philipp Sarasin 

Basel 

Y. K. Yabe 

Tokio 



redigiert von 
Edward Bibring Heinz Hartmann 



Wien 



Wien 



Sigm. Freud | Lou AndreassSalome | 

# 

SYMPOSION ÜBER DIE THEORIE DER THERAPEUTISCHEN RESULTATE 

Edmund Bergler Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 

Edward Bibring Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung 

Otto Fenichel Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 

Edward Glover Die Grundlagen der therapeutischen Resultate 

Rene Laforgue Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung 

Hermann Nunberg Beiträge zur Theorie der Therapie 

James Strachey Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 

« 

Franz Alexander Das Problem der psychoanalytischen Technik 

Th. M. French Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlauf einer psycho« 

analytischen Behandlung 
M. N. Searl 2ur Problematik der technischen Prinzipien 

Referate 



Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXIII, Heft 



(Ausgegeben Ende März 1957) 



INHALTSVERZEICHNIS 



Sigm. Freud: 



Lou Andreas-Salome 



SYMPOSION ÜBER DIE THEORIE DER THERAPEUTISCHEN RESULTATE 



Edmund Bergler: 
Edward Eibring: 
Otto Fenichel: 
Edward Glover: ' 
Rene Laforgue: 
Hermann Nunberg: 
James Strachey: 

Franz Alexander: 
Th. M. French: 

M. N. Searl: 



Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 
Versuch einer allgemeinen Theorie der Heilung . 
Die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 
Die Grundlagen der therapeutischen ^Resultate ■ ■ 
Der Heilungsfaktor der analytischen Behandlung . 

Beiträge zur Theorie der Therapie 

Zur Theorie der therapeutischen Resultate der Psychoanalyse 



Seite 
5 



6 
18 

37 
42 

50 
60 
68 



Das Problem der psychoanalytischen Technik 75 

Klinische Untersuchung über das Lernen im Verlauf einer 

psychoanalytischen Behandlung .... 96 

Zur Problematik der technischen Prinzipien 153 



REFERATE 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Müller: Prognose und Therapie der Geisteskrankheiten (Grotjahn) 156. — Pilcz: Nervöse und 
psychische Störungen (Grotjahn) 156. — Psychotherapeutische Praxis (R. Sterba) 156. — Rothschild: 
Symbolik des Hirnbaues (Schilder) 157. — Schultz: Neurose, Lebensnot, ärztliche Pflicht (Grotjahn) 158. 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

M. Balint: A Contribution on Fetishism (Fenichel) 159. — Christoffel: Exhibitionism and Exhi- 
bitionists (Fenichel) 159. — Fairbairn: The Effect of the King's Death upon Patients under Analysis 
(Fenichel) 160. — Gross: The Psychic effects of Toxic and Toxoid Substances (Fenichel) 160. — 
Isaacs: Bad Habit (Fenichel) 161. — Levy: A Note on Pecking in Ghickens (Fenichel) 162. — 
Menninger: Unconscious Values in Certain Consistent Mispronunciations (Fenichel) 162. — Schmide- 
berg: „Bad Habits" in Childhood (Fenichel) 162. — Wilson: The Analysis of a Transitory Conver- 
sion Symptom Simulating Pertussis (Fenichel) 165. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

I. Bericht über den XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß. — II. Berichte der Zweig- 
vereinigungen. 




Preis des Heftes Mark 7.50. Jahresabonnement Mark 28.— 
Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (1956), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen: in Leinen Mark 2.50, in Halbleder Mark 5. — 



Herau s ^W? e p^ m n r =? d V S rIe Sf r = Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien IX, Berggasse 7 
Herausgeber . Prof. Dr. Slgm. Freud, Wien - Verantwortlich für die Redaktion : Dr. Edward Bibring, Wien V II, Siebensterngasse 31 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria